Die Documenta 13 in Kassel 2012 – Ein Rundgang: Erster Teil

Wider die Zeit

Für einhundert Tage, vom 9. Juni bis 16. September 2012, zeigt die Documenta in Kassel Werke von rund 200 Künstlern der Gegenwart. Der Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev ist mit der dreizehnten Auflage dieser alle fünf Jahre in der nordhessischen Provinz eingerichteten Weltkunstschau eine ganz großartige, streitbare und bewegende Ausstellung gelungen. Ein Rundgang in drei Teilen.

Documenta Hinweisschild vor dem Fridericianum, Kassel, mit Passanten. Foto: jvf.

Rund 200 Künstler also stellen ihre Arbeiten aus, knapp Zweidrittel Männer, ein gutes Drittel Frauen, zähle ich anhand des Katalogs, bekannte Namen aus der Gegenwartskunst darunter (William Kentridge, Lawrence Weiner, Rosemarie Trockel, Tacita Dean – abgesehen von Kentridge allerdings nicht mit besonders starken Arbeiten), viele Unbekannte, einige alte Meister sind beigefügt (Man Ray, Salvador Dali, Giorgio Morandi). Auffällige geographische Schwerpunkte dabei: der nahe und ferne Osten (Libanon, Ägypten, Afghanistan, Thailand, Kambodscha), Italien und Australien auch, die mögen durch die Vorlieben der künstlerischen Leiterin bedingt sein, die als ausgewiesene Expertin für die italienische arte povera gilt und 2008 die Biennale in Sydney kuratiert hat.

Die US-Amerikanerin Christov-Bakargiev, im Dezember 2008 zur künstlerischen Leiterin der Documenta 13 berufen, hatte sich im Vorfeld der Ausstellung zunächst sehr zurückhaltend gezeigt mit Äußerungen zur Konzeption der Schau, ein Konzept gebe es nicht. Ein Leitmotiv sei „Zusammenbruch und Wiederaufbau“, das trifft aber nur einen Teil der ausgestellten Kunst. Zur Eröffnung hieß es, die Documenta zeige die Kunst und ihre Produzenten in vier Hauptzuständen: 1. Im Belagerungszustand, 2. Auf dem Rückzug, 3. Im Zustand der Hoffnung, 4. Auf der Bühne; sie werde zudem „von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben“, die „Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen“ teile und respektiere.

In Verteidigung des Logozentrismus

Als alter Logozentriker sortiere ich diese begriffliche Mobilmachung erstmal beiseite. Vielleicht sind Labels wie Offenheit, Großzügigkeit, Durchlässigkeit besser geeignet, diese Documenta zu beschreiben.

Das kann man zunächst beziehen auf das Materialobjekt der Ausstellung: sie umfasst nicht nur Malerei, Bildhauerei, AV-Kunst, Installations-, Aktions- und Konzeptkunst, sondern etwa auch quantenphysikalische Versuchsanordnungen, historische Dokumentationen und — manchmal eher fragwürdig — instant-therapeutische Experimente sowie gartenbauliche Kurzzeitoffensiven.

Das kann man aber auch auf die räumliche Anlage dieser Documenta beziehen. In der Rotunde des Fridericianums — das Erdgeschoss ist ansonsten weitgehend leer gefegt durch Ryan Ganders erkältungstreibender Windinstallation The Invisible Pull — sind in einer Art motivischen und thematischen Engführung zentrale Aspekte der Documenta 13 aufgerissen: The Brain nennt Christov-Bakargiev diesen Raum. Von hier aus spinnt sich ein Netz von motivischen Bezügen, thematischen Verschränkungen und Widersprüchen über die mehr als dreißig Standorte im Kasseler Stadtraum: Von den Hauptausstellungsorten — dem Fridericianum, der documenta-Halle, der Neuen Galerie, der großflächig bespielten Karlsaue, dem Hauptbahnhof — zu Standorten wie dem Bunker unter dem Weinberg, dem Tresorraum des ehemaligen Finanzamtes, einer ehemaligen Bäckerei, Kaufhäusern, Kinos u.v.m. Und schließlich greift die Documenta 13 auf internationale Standorte aus: Außenstellen sind oder werden in Kabul, Alexandria und Kairo sowie im kanadischen Banff eingerichtet.

In Zeitnot

Selbst wenn sich der Besucher auf Kassel beschränkt, macht doch die räumliche Großzügigkeit und die überwältigende Qualität eines Großteils der gezeigten Kunst ein Problem. Ich weiß, dass das schwer vorstellbar ist, mehr als einen Tag in der „hässlichsten Stadt westlich Sibiriens“ zu verbringen — so lese ich, hat der Kunsthistoriker Benjamin Buchloh Kassel etwas zu Unrecht genannt, mir fallen da einige Konkurrenten ein. Aber, will man alles in Ruhe sehen, was die Documenta zu bieten hat, können es gerne drei volle Tage sein — und auch das reicht nur, wenn man sehr gut zu Fuß ist und keinen Wert auf Pausen beim Kunstgucken oder zum Essen legt.

Das für 24 Euro erhältliche Begleitbuch ist nur bedingt eine Hilfe, um Menschen in Zeitnot eine Auswahl vorab zu ermöglichen. Es enthält zwar Lagepläne und Kurzbeschreibungen, aber die Abbildungen und einige Erläuterungen sind doch etwas zu zeitig vor Fertigstellung der Ausstellung zusammengeheftet worden und sind in Teilen durchaus irreführend. Auch die kostenlos erhältliche App (dMAPS) gibt räumliche Orientierung, geizt aber sehr umfassend mit Informationen zu den einzelnen Exponaten. Eine gute Quelle für Vorabinformationen, inkl. Abbildungen und 360°-Panoramen, bieten die Kollegen vom Hessischen Rundfunk in ihrem Online-Special, das allerdings (Stand 1. Juli) noch etwas lückenhaft ist. Vielleicht helfen ja auch folgende Hinweise auf herausragende Werke.

Wider den Terror der Zeit

Wenn es so etwas wie einen Goldenen Löwen bei der documenta gäbe, dann stünde er wohl William Kentridge zu, vielleicht geteilt mit Villar Rojas, aber dazu später mehr. William Kentridge also (*1955 in Johannesburg), bespielt mit seiner Multimediainstallation The Refusal of Time (2012, Videoinstallation 24. min.) eine der Lagerhallen im Nordflügel des alten Kasseler Hauptbahnhofs. In Zusammenarbeit u.a. mit dem Wissenschaftshistoriker und Physiker Peter L. Galison, dem Komponisten Philip Miller, der Tänzerin Dada Masilo und der Regisseurin Catherine Meyburgh erzählt Kentridge eine kurze, sehr sinnliche Geschichte der Zeit. Im leicht dezentrierten Zentrum des Raumes lebt eine Art hölzerne Herz-Lungen-Maschine („Der Elefant“ heißt das Dingens) und gibt einen der Ursprünge der gemessenen Zeit an. An den Wänden ringsum Projektionen von Episoden aus der Geschichte der Zeit, ihrer Synchronisierung und Relativierung. Den Schluss- und Höhepunkt macht ein anarchisches Défilé einer Blechblaskombo. Die ZDF Mediathek hat einen Bericht zu Kentridge und seiner Installation, auf Youtube gibt es einen kurzen Ausschnitt. Hauptbahnhof, 93.

Anri Sala (*1974 in Tirana, lebt in Berlin) nimmt sich derweil ein mittlerweile schon anachronistisch gewordenes Chronometer, eine Analoguhr mit römischen Ziffern, und macht einen Neuvorschlag zur Perspektivierung der Zeit: Clocked Perspective (2012, Bemaltes Aluminium und Uhrgehäuse aus glasfaserverstärktem Kunststoff, metallenes Uhrwerk, stählerne Stütze, 660x280x30 cm). Das Zifferblatt seiner, am Ende des Hirschgrabens in der Karlsaue aufgestellten, Uhr erscheint in starker perspektivischer Verkürzung, das Uhrwerk gleicht das aus. Vom ersten Stock der Orangerie am nordöstlichen Ende der Karlsaue aus kann man sich der, für Menschen aus dem Analogzeitalter etwas schwindelerregenden Verschiebung eines zentralen Bezugssystems auch mittels Fernrohr annähern. Karlsaue / Orangerie, 155.