Die Documenta 13 in Kassel 2012 – Ein Rundgang: Zweiter Teil

Archäologie: Mythen, Erinnerungen

Auf der Documenta 13 in Kassel gehört der von Adrián Villar Rojas eingerichtete Skulpturenpark zu den Höhepunkten. Außerdem lehren zwei Kanadier hören und sehen, verfilmen zwei Südkoreaner ihre Dystopie, sind zwei sehr gegensätzliche Schreine der Erinnerung zu besuchen, kann man die plastische Kunst Maria Martins entdecken und gibt es nur wenig bemerkenswerte Malerei, aber Charlotte Salomons Gesamtkunstwerk „Leben? oder Theater?“ Der zweite Teil eines Rundgangs in drei Teilen.

Documenta Eintrittskarte. Foto: jvf.

Etwas abseits der Hauptspielstätten bestückt der junge argentinische Bildhauer Adrián Villar Rojas (*1980) die Weinterrassen westlich der Karlsaue — und jenseits der fürchterlichen Verkehrsschneise Frankfurter Straße — mit einem fulminanten Skulpturenpark: Return the World (2012, ungebrannter Ton, unbestimmbare Maße). Steigt man die Terrassen hinauf, sieht man zunächst nur architektonische Strukturen, die auf die Stützkonstruktionen des Weinbergs anspielen. Weiter oben aber eröffnet sich eine ganze Enzyklopädie der mythologischen Möglichkeiten, aus grauem, rissigem Ton geformt. Ein, weiß nicht, vielleicht zehn Meter langer Knochen, auf dem eine Frau sitzt, ein Ferkel säugt. Ein Säugling liegt derweil nahebei in einer Eierschale. Ein Bengel in, was weiß ich, Judge Dredd Kampfmontur ruht sich auf einer Liege und einer Leiche aus, ist vielleicht auch selber tot. Ein Denker sitzt in der Luft. Ganz oben und unter den Trägern einer Straße oder einer Aussichtsplattform sind – aus dem gleichem Material – Kirchenglocken repliziert und führen hin zu einem Häufchen aus sieben wie absichtslos beiseite geräumten Grabsteinen, dahinter ein kleines Boot auf dem Trockenen, ein Jüngling zeigt darin stehend seinen Schwanz, ein junge Schöne wendet sich ab. Einer fiktiven Archäologie bediene sich Villar Rojas, um die Möglichkeiten alternativer Welten zu erkunden, belehrt der documenta-Guide. Fabian Fröhlich hat gute Fotos. Weinbergterrassen, 179.

Die Archäologie der Kunst und der Geräusche

Ihre Erzählung von der Archäologie in postapokalyptischer Zeit breiten die südkoreanischen Künstler Moon Kyungwon und Jeon Joonho (*1969) auf zwei Screens in der documenta-Halle aus: El fin del mundo (2012, Videoinstallation, 13 min.). Im späten 21. Jahrhundert, die Erde ist ganz von Meeren überzogen, eine Nachfahrin der wenigen Überlebenden einer Sintflut arbeitet als Archäologin bei TEMPUS, einem jener Konzerne, die als einzige Ordnungsmacht auf der Welt übrig geblieben sind. Sie sichtet Artefakte aus der Zeit vor der Katastrophe, die Überreste einer Kunstinstallation. Der zweite Screen zeigt synchron die Welt des Künstlers vor der Sintflut. Die dystopische Vision von MOON&JEON lebt von ihren sehr suggestiven, symbolisch aufgeladenen, ruhigen Bildern, die mitunter am Rande des Kitsches entlang schrammen. Nebenan simulieren Objekte und Schautafeln einen musealen Rückblick auf die unmittelbar postapokalyptische Zeit. documenta-Halle, 119.

Das kanadische Team Janet Cardiff und George Bures Miller (*1957/1960) beschallt eine Lichtung in den Wäldern der Karlsaue mit for a thousand years (2012, Audioinstallation, 28 min.). Dreißig Lautsprecher machen Stürme, legen Bäume um, ebenso wie Menschen auf der Suche nach Brennholz, vertrauliche Gespräche, Gelächter, durchziehende Reiter und Wagen, ein Hinterhalt, Schüsse, Bomben fallen. Am Ende steht Arvo Pärts Vertonung des Canticus Nunc dimittis: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden“. Miller hat einen Ausschnitt auf Youtube veröffentlicht, der allerdings die Intensität des Hörerlebnisses nur sehr unvollkommen wieder geben kann. Eine zweite Arbeit von Cardiff & Miller auf der Documenta, Alter Bahnhof Videowalk, experimentiert mit Mitteln der augmented reality: Beim „Offenen Kanal“ nahe des Haupteinganges kann man sich einen Ipod leihen für einen Rundgang durch den Bahnhof, der fiktionale und historische Ebenen dem konkreten Itinerar überlagert. Ein Bericht der 3sat Kulturzeit vermittelt einen guten Eindruck. Karlsaue, 37 und Hauptbahnhof, 37.

Die Archäologie der Erinnerung

Zwei — an der Oberfläche — ganz gegensätzliche Wege, verdinglichte Erinnerung zu inszenieren, wählen der japanische Collagenkünstler Ohtake und das Berliner Team Epaminonda & Cramer.

Shinro Ohtake (*1955 in Tokio) stellt seine schreiend kirmesbunte Hütte Mon cheri: A Self-Portrait as a Scrapped Shed (Installation, 2012) in die Karlsaue. Darin steht ein vielleicht zwei Meter hoher Aktenordner als Sammelalbum aufgeschlagen, Ausschnitte aus Zeitschriften, Alltagsobjekte, über ein Jahr in Japan und Kassel gesammelt, ein Telefon, eine E-Gitarre, Überreste von Fahrrädern und Krempel liegt anbei, Bewegungsmelder starten eine Sound-, Video- und Lichtshow. In den umstehenden Bäumen sind Fischernetze und Boote verteilt. Ohtake betreibt schon seit Mitte der siebziger Jahre seine Archäologie des Alltags und klebt seine Fundstücke seither in Hunderte Scrapbooks ein. Der HR hat einen ttt-Beitrag zu Ohtakes Hütte. Karlsaue, 127.

Kirmesbuntheit jedenfalls kann man Haris Epaminonda und Daniel Gustav Cramer (*1980 in Nicosia / *1975 in Neuss) nicht zum Vorwurf machen. Eine etwas spröde Eleganz und eine sehr anmutige Melancholie eignet ihrer Bespielung des ehemaligen Verwaltungsgebäudes am Nordflügel des Hauptbahnhofs: The End of Summer (Installation, 2012). Da ist zum Beispiel der nur durch weiße Schiebewände strukturierte Raum, dem eine kaum handgroße schwarze Vase eingefügt ist. An den Wänden schwarzweiße Naturaufnahmen aus Büchern oder Zeitschriften, auf den Fluren liegen Bücher aus, ein Datum ist dem Cover aufgeprägt, der 13.9.2009 oder der 20.3.2010 etwa, die Seiten sind leer oder schwarz oder weiß mit einem schwarzen Punkt versehen. Die meisten Besucher reagieren mit Unverständnis auf die Leerstellen und die Deutungsräume, die diese Installation freiräumt. Dass im Dachstuhl des Gebäudes große, schwarze Metallkugeln in die Ecke gerollt sind, leuchtet mir aber unmittelbar ein. Der HR hat ein 360°-Panorama, leider nur vom Dachstuhl. Hauptbahnof, Nordflügel, 55.

Die Archäologie der Formen

Ein sehr eindrucksvoller Rückgriff auf skulpturale Formen des Surrealismus ist in der Neuen Galerie (oder im 360°-Panorama des HR) zu sehen: Acht faszinierende Bronzearbeiten der brasilianischen Bildhauerin Maria Martins (1894-1973) aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Neue Galerie, 110.

Als Seelenverwandte der Martins möchte ich mir das paraguayische Mutter-Tochter-Gespann Juana Marta Rodas und Julia Isidrez (*1926 / *1967) denken. Die Keramikerinnen zeigen in der Rotunde des Fridericianums zwei ihrer fantastisch-skurrilen Figuren: Ohne Titel (2011, Keramik, 28x28x33 cm) und Ohne Titel (2011, Keramik, 40x26x35 cm). Universes in Universe hat ein Bild. Fridericianum, 151.

Und die Malerei?

Die Malerei – wenn man es zurückhaltend formulieren will – ist etwas randständig auf der documenta 13. Zur Not kann man Llyn Foulkes (*1934 Yakima WA) zwei dioramenartige Flachreliefs hinzuzählen. The Lost Frontier (1997-2005, Verschiedene Materialien, 221x243x20 cm) und The Awakening (1994-2012) sind sehr intensive, dystopische Visionen des american dream und des zweisamen Alterns. Daneben steht Foulkes‘ feuerwehrrotes Musikfliwatüüt The Machine, das Trommeln, ein Xylophon, Hupen und Kuhglocken kombiniert. In der Eröffnungswoche gab Foulkes einige kleine, swingende Kammerkonzerte mit der Maschine. Der HR hat ein Interview, eine Kurzkritik und ein 360°-Panorama, Fabian Fröhlich hübsche Bilder. Fridericianum, 63.

Eher von Liebhaberwert sind die futuristischen und konstruktivistischen Malereien des Computerpioniers Konrad Zuse (1910-1995). Sie sind in der Orangerie ausgestellt, zusammen mit einer seiner Z11, die zur ständigen Sammlung des dort beheimateten Astronomisch-Physikalischen Kabinetts gehört. Orangerie, 193.

Sehr bewegend sind die Gouachen aus Leben? oder Theater? Ein Singspiel (1940-1942, Gouache, 33×25 cm) von Charlotte Salomon (1917-1943). Salomon, 1917 in Berlin geboren, flieht vor den Nazis 1939 nach Frankreich, wird nach der Besetzung verraten, deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet. Da war sie 26 Jahre alt. Ihre 769 Zeichnungen umfassende, autobiographische graphic novel verbindet expressionistische Bildsprache, Strukturen eines Bühnenstücks, Mittel eines Szenenbuchs, musikalische Anweisungen zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk ganz eigener Art und zu einem Dokument der künstlerischen Selbstbehauptung unter den Bedingungen des faschistischen Terrors. Das ganze Werk ist auf den Seiten des Amsterdamer Jüdischen Historischen Museums online zugänglich. Fridericianum, 156.