Die Theatersaison 2014 / 2015 im Rechtsrheinischen

Die Merkliste (2)

In Düsseldorf stirbt die Hoffnung zuletzt, das Schauspiel Essen erzählt vom Krieg, das Theater Oberhausen empfiehlt festes Schuhwerk und das Schauspiel Wuppertal lustwandelt fortan im Garten der Engel. Eine Vorschau auf die Theatersession 2014 / 2015 in der rechtsrheinischen Rheinprovinz.

Schauspielhaus Düsseldorf. Foto: jvf

Ich mag nicht mehr spotten über Düsseldorf – und das heißt was. Viel zu bitter war es, in den letzten Jahren den Niedergang der Schaubühne in der rheinisch-westfälischen Landeshauptstadt mitzuerleben.

Immer noch bedauerlich der Weggang von Amélie Niermeyer, hoffnungsreich die Intendanz von Staffan Valdemar Holm, um so trauriger sein frühzeitiger Rücktritt, die öffentlichkeitswirksam verpatzte – oder, mag sein, absichtsvoll verfummelte – Findung eines Nachfolgers, das wundersame Zwischenspiel mit einem Interimschef, der nach kurzer Zeit wieder rausgeschmissen wird, die weitgehende Auflösung des künstlerischen Personals, die grundlegende Entfremdung des Publikums, die zu desaströsen Auslastungszahlen führt (wobei ich in diesem Fall eher auf Seiten der Publikumsbeschimpfung als auf Seiten der Theaterkritik stehe). Und jetzt?

Als Interimshoffnungsträger ist jetzt für zwei Jahre Altintendant Günther Beelitz eingesprungen. Beelitz war bereits 1976 bis 1986 Chef im Haus am Gustaf-Gründgens-Platz – in besseren Zeiten.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus

Das Programm für die neue Spielzeit (unter dem Label „Alles bleibt neu“) könnte für das ungeheuer seltsame Düsseldorfer Publikum passen, wer weiß, viele Klassiker, Klassiker der Moderne auch, etwas Gegenwart: u.a. Shakespeare (Sommernachtstraum und Sturm), Goethe (Iphigenie auf Tauris), Schiller (Wallenstein), Ibsen (Baumeister Solness), Hauptmann (Ratten), Toller, Camus, Tabori, Kipphardt, Rinke. Eröffnet wird die Session am 19. September im Kleinen Haus mit Ernst Tollers Kriegsheimkehrerstück Hinkemann (1923). Auf die Merkliste kommt zudem Albert Camus‚ 1949 uraufgeführte Terrorismusstudie Die Gerechten (P: Großes Haus, 18. Oktober 2014). Im November greift der Chef selbst ins Geschehen ein und inszeniert das Beziehungstrauerarbeitsdrama Gift. Eine Ehegeschichte der niederländischen Autorin Lot Vekemans, 2009 in Gent uraufgeführt (P: Kleines Haus, 15. November 2014).

Anfang 2015 folgen dann George Taboris Bilbelshowkomödie Die Goldberg-Variationen (P: Großes Haus, 24. Januar 2015) und die Uraufführung eines neuen Stücks von Anne Lepper, La Chemise Lacoste, in Sachen Klassenschranken und Aufsteigertum im Tennisclubmilieu – wenn das in Düsseldorf mal gut geht (UA: Kleines Haus, 6. Februar 2014). Der geschätzte Dušan David Pařízek übernimmt im Frühjahr die Regie von Ibsens Baumeister Solness (P: Großes Haus, 25. April 2015).

Die Deutsche Oper am Rhein

Die Deutsche Oper am Rhein eröffnet mit der Übernahme einer Inszenierung von der Komischen Oper in Berlin: Mozarts Zauberflöte in der wirklich spannenden Einrichtung von Barrie Kosky und der britischen Theatergruppe „1927“, die das Personal mit einem faszinierenden, trickfilmanimierten Bühnenbild spielen lässt. Musikverständige sagen mir, sanglich sei die rheinische Fassung nicht der Bringer, das ist egal in diesem Fall. In der letzten Session war das Ding bereits in Duisburg zu sehen (Ü: Düsseldorf, 13. September 2014). Auf die Merkliste nehme ich weiter Prokofjews Oper um Liebes- und Religionswahn Der feurige Engel von 1927 (P: Düsseldorf, 13. Juni 2015).

Theater und Philharmonie Essen

Für die Saisoneröffnung am 19. September im Essener Grillo-Theater nimmt sich Volker Lösch der Odysee an und macht aus Homers Heldenepos einen Kommentar zu den Irrfahrten und Ausgrenzungen in der Gegenwart mit Essenbezug. Mit mehr Überzeugung nehme ich aber Moritz Peters‘ und Carola Hannusch‘ Versuch auf die Merkliste, anhand von Ernst Tollers Autobiographie und Berichten von Afghanistan-Heimkehrern vom Krieg zu erzählen: Eine Jugend in Deutschland. Krieg und Heimkehr 1914/2014 (UA: Grillo, 18. Oktober 2014).

Im Februar inszeniert Martin Schulze Wajdi Mouawads Familien- und Kriegsdrama Verbrennungen (P: Grillo, 28. Februar 2015). Im Sommer steht dann die Uraufführung von Henriette Dushes Stück über die Aus- und Einreise einer Familie aus der DDR und in die BRD auf der Agenda. Das Fünffrauendrama hat 2014 den Preis der Essener Autorentage eingesammelt und einen hübschen Titel: Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke (UA: Casa, 14. Juni 2015).

Das Aalto-Musiktheater bringt heuer fünf Neuproduktionen auf die Bühne (Mozart, Puccini, Strauss, Dvořák, Ligeti). Auf die Merkliste schafft es György Ligetis schräge Weltuntergangsfarce aus dem Breughelland, Le Grand Macabre, uraufgeführt 1978 in Stockholm (P: 14. Februar 2015).

Die Wuppertaler Bühnen

Das Schauspiel Wuppertal bezieht Ende September 2014 seine neue Spielstätte, das Theater am Engelsgarten. Die für 1,5 Mio. Spendeneuros zur Studiobühne umgebaute Lagerhalle nahe beim Opernhaus hat Platz für 160 Zuschauer. Die erste Spielzeit mit neuer Intendantin, Susanne Abbrederis, wird mit einer szenischen Einrichtung von Franz Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin eröffnet (P: 28. September 2014). Auf die Merkliste nehme ich aber ein Experiment, das außerhalb des neuen Hauses spielt. Ein „theatraler Audiowalk“ durch Wuppertal soll mit Else Lasker-Schülers expressionistischem Drama von 1909, Die Wupper, sowie Experten des Alltags und der Stadtgeschichte ins Innere der Stadt führen (P: 28. März 2015).

Die Oper der Stadt Wuppertal beschränkt sich fortan auf die Grundversorgung (Tosca, Don Giovanni, Parsifal, Salome und eine szenische Aufführung der Johannes-Passion).

Das Theater Oberhausen

In Oberhausen empfiehlt man festes Schuhwerk für den Spielzeitauftakt: Eine sechsstündige Reise durch die postdemokratische Zukunft der Ruhrstadt im Jahr 2044, wenn ich recht verstehe, entlang der Motive eines Romans von Jörg Albrecht, der im August 2014 erscheinen wird („Anarchie in Ruhrstadt“). Der dystopische Trip beginnt im Mülheimer Ringlokschuppen und endet als „Kampf in der Donnerkuppel“ im Theater Oberhausen. Für einen Imbiss sei derweil gesorgt, lese ich: 54. Stadt (UA: 12. September 2014).

Auf die Oberhausener Merkliste kommen außerdem Die Schutzbefohlenen: Intendant Peter Carp höchstselbst unternimmt es, Elfriede Jelineks jüngste Textmasse in Sachen Flüchtlingselend (UA Mai 2014 in Mannheim) zur rheinischen Erstaufführung zu bringen (P: 27. März 2015).

Merkliste Düsseldorf, Essen, Oberhausen, Wuppertal 2014/15

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