Die „Sturm-Frauen“ – Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Frauen im Sturm

Noch bis 7. Februar 2016 zeigt die Frankfurter Schirn in einer sehr spannenden Ausstellung unter dem Label „Sturm-Frauen“ rund 280 Arbeiten von Künstlerinnen der Avantgarde aus dem frühen 20. Jhd.

Titelblatt Der Sturm, Juli 1916 mit Holzschnitt von Jacoba van Heemskerck. Lizenz: PD-ArtTitelblatt Der Sturm, Juli 1916 mit Holzschnitt von Jacoba van Heemskerck. Lizenz: PD-Art.Es war eine der wichtigsten Plattformen für die künstlerische Avantgarde im Deutsch­land der 1910er und 1920er Jahre: das STURM-Netzwerk. Den Anfang machte der Musiker und Kulturjournalist Herwarth Walden im Frühjahr 1910 mit der Gründung der „Wochenschrift für Kultur und die Künste“, Der Sturm, die bis 1932 erscheinen sollte. Der Name soll auf Else Lasker-Schüler zurück gehen, die zu jener Zeit noch mit Walden verheiratet war.

Zwei Jahre später gründete Walden (1878 – 1941, geb. Georg Lewin) die Sturm-Galerie, in der expressionistische, kubistische, futuristische und konstrukti­vistische Kunst ausgestellt wurde. Im September 1921 gab es bereits die 100. Ausstellung der Galerie zu feiern. Daneben entstanden zwischen 1916 und 1918 die Sturm-Schule, die Sturm-Kunstbuch­handlung, der Sturm-Klub und die, allerdings sehr kurzlebige Sturm-Bühne.

Kandinsky, Marc, Jawlensky, Campendonk, Kokoschka, Klee, Feininger, Chagall, Delaunay, Archipenko, Schwitters waren nur einige der wichtigsten Künstler, die durch das Netzwerk gefördert wurden. Aber Walden und sein Sturm waren auch gegenüber Künstlerinnen bemerkenswert vorurteilsfrei, zumal gemessen an den zeit­genös­sischen Standards: bis zur Revolution 1918 blieb Frauen das Studium etwa an der Berliner Kunsthochschule verwehrt.

Sturm-Frauen, Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt 2015 © Foto: Norbert MiguletzSturm-Frauen, Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt 2015 © Foto: Norbert Miguletz

Von den über 30 Künstlerinnen, die in den Ausstellungen der Sturm-Galerie oder mit Drucken im Sturm vertreten waren, werden in der Winter-Ausstellung der Frank­furter Schirn jetzt 18 Frauen mit einer Werkauswahl vorgestellt, jeweils in einem eigenen Kompartiment mit zweidrei Handvoll Arbeiten.

Einige dieser Künstlerinnen gehören heute zum Kanon der klassischen Moderne: Sonia Delaunay, Gabriele Münter, Alexandra Exter, Marianne von Werefkin oder Natalja Gontscha­rowa etwa. Andere sind weitgehend vergessen: Jacoba van Heemskerck, Maria Uhden oder Lavinia Schulz zum Beispiel.

Die Malerei der Sturm-Künstlerinnen

Natalja Sergejewna Gontscharowa, Gartenarbeit, 1908, Öl auf Leinwand, 102.9 x 123.2 cm, Foto © Tate, London 2015, VG Bild-Kunst, Bonn 2015Natalja Sergejewna Gontscharowa, Gartenarbeit, 1908, Öl auf Leinwand, 102.9 x 123.2 cm, Foto © Tate, London 2015, VG Bild-Kunst, Bonn 2015.

Zu den wichtigsten Malerinnen, die im Sturm-Kreis unterwegs waren, gehörte die russische Avantgardekünstlerin Natalja Gontscharowa (1881-1962). Bereits in der ersten Sturm-Ausstellung 1912 waren Arbeiten von ihr zu sehen, zusammen mit Werken von Gabriele Münter (1877-1962).

Sonia Delaunays (1885-1979) farbexperimentelle Malereien und Objekte wurden erstmals 1913 in einer Sturm-Ausstellung gezeigt und wie die meisten Sachen der Sturm-Künstlerinnen und Künstler von der Kritik mit Hohn und Spott aufgenommen, bloße kunstgewerbliche Spielereien seien die Arbeiten der Delaunay.

Marianne von Werefkin, Stadt in Litauen, 1913/14, Tempera auf Karton, 56,5 x 71,5 cm, Fondazione Marianne Werefkin, Museo Comunale d'Arte Moderna, AsconaMarianne von Werefkin, Stadt in Litauen, 1913/14, Tempera auf Karton, 56,5 x 71,5 cm, Fondazione Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona.

Die eindrucksvollste Auswahl in der jetzigen Frankfurter Ausstellung konnte aber für Marianne von Werefkin (1860-1938) zusammen­geliehen werden, vornehmlich aus dem Städtischen Museum der Modernen Kunst in Ascona, wo die Werefkin seit 1918 lebte und 1938 starb. Aus Ascona sind u.a. die wunderbaren Im Café (1909), Stadt in Litauen (1913/14) und Der Lumpensammler (1917) in der Schirn zu Gast.

Druckgrafiken im Sturm

Seit 1911 prägten expressionistische Druckgrafiken das Erscheinungs­bild des Sturm, zumal auf den Titelblättern der Zeitschrift. Häufiger als von jeder anderen Künstlerin oder jedem anderen Künstler druckte Walden Holzschnitte von Jacoba van Heemskerck (1876-1923) ab.

Jacoba van Heemskerck, Segelschiffe, 1915. Quelle: Der Sturm, 5. Jg., Nr. 23/24 (1914/15), S. 155. Lizenz: PD-ArtJacoba van Heemskerck, Segelschiffe, 1915. Quelle: Der Sturm, 5. Jg., Nr. 23/24 (1914/15), S. 155. Lizenz: PD-Art.

Die niederländische Malerin und Grafikerin gehörte seit 1913 zum engsten Kreis des Sturms und gründete sogar eine holländische Sektion der Sturm-Schule. In Frankfurt werden neben Holzschnitten Heemskercks auch Entwürfe für Glasfenster und Beispiele ihrer Malerei gezeigt.

Maria Uhden, Vier Akte. Holzschnitt, 1915. Quelle: Der Sturm, 6. Jg., Nr. 15/16 (1915/16), S. 91. Lizenz: PD-Art.Maria Uhden, Vier Akte. Holzschnitt, 1915. Quelle: Der Sturm, 6. Jg. (1915/16), Nr. 15/16, S. 91. Lizenz: PD-Art.Maria Uhdens (1892−1918) Druckgrafiken erschienen ab November 1915 im Sturm, und im Dezember des gleichen Jahres waren in der Sturm-Galerie erstmals Arbeiten von ihr in einer Ausstellung zu sehen, vermutlich hatte ihre Schulfreundin Hannah Höch den Kontakt zu Walden vermittelt. Die Schirn zeigt eine Auswahl sehr beeindruckender Holzschnitte, aber auch Malerei, die deutlich macht, dass Uhdens Vorbild Chagall, dessen Kunst sie in der Sturm-Galerie kennen lernte, übermächtig war. Zeit sich von diesem Vorbild zu lösen, sollte ihr nicht bleiben: Maria Uhden starb mit nur 26 Jahren am Wochenbettfieber. Walden widmete ihr einen sehr bewegten Nachruf im Sturm:

Eine Gerte ist gebrochen. Wind fegt kalt über die Erde. Ein Mann weint, ein Kind schreit, ein Elternpaar trauert. Wind fegt kalt über die Erde, Die Brust der Erde wird aufgeschnitten, Gras und Blumen bluten im Geröll, ein Herz wird versenkt. Die Erde vernarbt, junge Blumen schüchtern hervor. Wind fegt kalt über die Erde.

Beiden, Uhden wie Heemskerck, veranstaltete die Sturm-Galerie 1919 bzw. 1923 große Gedächtnisausstellungen.

Der STURM auf der Bühne

Das Interesse Herwarth Waldens und des STURM erstreckte sich auch auf die darstellende Kunst. Zu den Schülerinnen der 1916 eingerichteten Sturm-Schule für „Unterricht in der expressionistischen Kunst der Bühne, der Schauspielerei, der Vortragskunst, der Malerei, der Dichtung, der Musik“ gehörte Lavinia Schulz (1896–1924).

Lavinia Schulz, Bibo / Springvieh, ca. 1924. Lizenz: PD-Art. Foto: jvfLavinia Schulz, Bibo / Springvieh, ca. 1924. Lizenz: PD-Art. Foto: jvf

Die Schauspielerin, Tänzerin, Choreographin und Kostümbildnerin Schulz übernahm 1918 die Titelrolle in August Stramms Kurzdrama Sancta Susanna, der ersten und einzigen Aufführung an der Berliner Sturm-Bühne und ein mächtiger Skandal: Die Schulz trat nackt auf. Einiges Aufsehen erregten später auch ihre Hamburger Tanz­performances in skurrilen Ganzkörpermasken, zusammen mit ihrem Tanzpartner und Ehemann Walter Holdt.

Was dahinter steckt, dass sie im Sommer 1924 zuerst ihren Mann und dann sich selbst erschoss, erklärt die Ausstellung nicht, zeigt aber neben Entwürfen und choreographischen Skizzen von Lavinia Schulz vor allem neun der von ihr entworfenen Masken – das spektakulärste Ensemble der Ausstellung (allerdings sind das Reprodukionen, die Originale sind im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe verblieben).

Alexandra Exter, Kostümentwurf für Marsbewohnerin in Aélita, 1924, Aquarell und Gouache auf Papier, 53 x 36 cm, Sammlung Nina und Nikita Lobanov-Rostovsky, Spende des Gemeinnützigen Fonds „Konstantinovsky“, 2013 © St Petersburg State Museum of Theatre and MusicAlexandra Exter, Kostümentwurf für Marsbewohnerin in Aélita, 1924, Aquarell und Gouache auf Papier, 53 x 36 cm, Sammlung Nina und Nikita Lobanov-Rostovsky, Spende des Gemeinnützigen Fonds „Konstantinovsky“, 2013 © St Petersburg State Museum of Theatre and Music.Der Nachwelt weitaus bekannter als Lavinia Schulz ist die russisch-ukrainische Künst­lerin Alexandra Exter (1882–1949), die als Vermittlerin zwischen der west- und osteuropäischen Avantgarde eine Schlüssel­rolle für die kubofuturistische Kunst des vorrevolutionären Russlands spielte. Nach einem früheren, am Weltkrieg gescheiterten Versuch, organisierte Walden 1927 eine Einzelausstellung des Sturms mit Arbeiten von Exter.

Die Frankfurter Schau zeigt Bühnenbild- und Kostümentwürfe, eine Auswahl von wunderhübschen Marionetten, die Exter für ein nicht-realisiertes Filmprojekt entworfen hat, sowie Ausschnitte aus dem Stummfilm Aelita (RUS, 1924, R: Jakow A. Prota­sanow) mit Kostümen der Künstlerin. Aelita gibt es auch im Internet Archive (für die atemberaubende Ausstattung Exters springen auf 00:43:40).

„Sturm-Frauen“

Sicher, es gäbe das ein oder andere zu mäkeln an dieser Ausstellung. Man kann sicher streiten über die Auswahl der Künstlerinnen, um die sich die Frankfurter Schau kümmert. Ich verstehe nicht recht, warum Marcelle Cahn (1895-1981) als „Sturm-Frau“ präsentiert wird, obwohl nie Arbeiten von ihr in der Sturm-Galerie ausgestellt und in der Zeitschrift genau ein Bildchen von ihr abgedruckt wurde – und das erst 1930. Und es ist bedauerlich, dass andere nur in kurzen biographischen Abrissen an einer Erklärwand präsent sind, darunter Elisabeth Epstein, die schon bei den ersten Sturm-Ausstellungen mit dabei war.

Und nicht immer konnten fürs Werk der einzelnen Künstlerinnen besonders charakteristische oder für die Sturm-Geschichte relevante Bilder geliehen werden. Die schwer zu bespielende, schmale und lang gestreckte Galerie in der Schirn wird zudem zwar mit sehr hübsch gestalteten, halbrunden Stellwänden in Kompartimente für die einzelnen Künstlerinnen geteilt, das macht den Raum allerdings stellenweise sehr eng.

Marcelle Cahn, Frau und Segel, um 1926/27, Öl auf Leinwand 66 x 50 cm, Musée d'Art Moderne et Contemporain de Strasbourg (MAMCS), © Foto Musées de Strasbourg, A. PlissonMarcelle Cahn, Frau und Segel, um 1926/27, Öl auf Leinwand 66 x 50 cm, Musée d’Art Moderne et Contemporain de Strasbourg (MAMCS), © Foto Musées de Strasbourg, A. Plisson.Gleichviel, gegenüber den Vorzügen der Schau fallen diese Mäkeleien kaum ins Gewicht: „Sturm-Frauen“ öffnet einen spannenden Einblick in die Avantgarde von Künstlerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts und macht Wiederentdeckungen möglich von völlig zu Unrecht vergessenen Malerinnen, Kostümbildnerinnen und Grafikerinnen.

Der im Wienand Verlag erschienene Katalog kostet an der Museumskasse sehr preiswerte 34 Euro, ist 400 Seiten stark, enthält taugliche Abbildungen sowie, neben einem einleitenden Essay der Kuratorin, kurze Einführungen unterschiedlicher Qualität in das jeweilige Werk der ausgestellten Künstlerinnen, keine Erläuterungen zu den einzelnen Arbeiten oder Provenienzangaben und leider auch keine anständige Bibliographie.

Sturm-Frauen. Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910–1932. K: Ingrid Pfeiffer. Frankfurt: Schirn Kunsthalle, 30. Oktober 2015 – 7. Februar 2016.