Skulpturen in Köln – Ein Rundgang durch die Altstadt-Nord (I)

Von Rita McBride bis Gerhard Marcks

Der 6,5 km lange Spaziergang führt zu 21 Kunstwerken aus der Zeit nach 1945. Der 1. Teil – vom Hauptbahnhof zur Hohen Straße – erkundet Arbeiten von Rita McBride, Dani Karavan, Lawrence Weiner, Heinz Mack, Ewald Mataré und Gerhard Marcks.

Skulpturen in Köln - Der 1. Teil des Rundgangs. Rechte Kartographie: © OpenStreetMap-Mitwirkende / CC BY-SA 2.0 / ODbL 1.0
Skulpturen in Köln - Der 1. Teil des Rundgangs. Rechte Kartographie: © OpenStreetMap-Mitwirkende / CC BY-SA 2.0 / ODbL 1.0.

Denkmäler, Kunst am Bau, Environments, postsymbolistische, postmoderne und kinetische Skulpturen, Konzeptkunst, Graffiti: Die Kunst im öffentlichen Raum der Kölner Altstadt-Nord ist vielgestaltig und spannend.

Der vorgeschlagene Weg führt zu 21 ausgewählten Werken und konzentriert sich auf die Kunst nach 1945. Anfang und Ende des Spaziergangs ist der Kölner Hauptbahnhof.

Der Rundgang ist 6,5 km lang, das sind bei gemütlichem Schlendern kaum mehr als 2 oder 2½ Stunden reine Gehzeit. Auch wenn man sich ausreichend Zeit mit der Kunst einräumt, ist das also sehr gut an einem Vor- oder Nachmittag zu schaffen.

Allerdings führt der Weg auch an den wichtigsten Museen in der Altstadt vorbei: Dem Museum Ludwig, dem Römisch-Germanischen-Museum, dem Wallraf-Richartz-Museum, dem Kolumba Museum, dem Käthe Kollwitz Museum, dem Rautenstrauch-Joest-Museum, dem NS-Dokumentations­zentrum im EL-DE-Haus und dem Kölner Stadtmuseum. Es gibt also genug Gelegenheit, den Spaziergang auf mehrere Tage auszudehnen.

Rita McBride, Obelisk des Tutanchamun

Am Breslauer Platz, auf der Nordseite des Kölner Haupt­bahnhofs (Ausgang in Richtung der steigenden Gleisnummern), ist seit Sommer 2017 auf einer kleinen Kreis­verkehrs­insel eine der jüngsten Großplastiken Kölns aufgestellt.

McBride, Obelisk des Tutanchamun. Foto: jvf

Rita McBrides Obelisk des Tutanchamun (2017) ist aus Kohlestofffasern und Epoxidharz gewickelt und ruht auf vier eiförmigen Stahlkugeln. Mit Sockel ist das Ding insgesamt 9,6 Meter hoch. Man kann es als ziemlich witzig-ironischen Kommentar zu Stadtbild und Architektur auf der Rückseite des Haupt­bahnhofs nehmen.

Die Künstlerin schrieb in ihrem Konzeptvorschlag für den Sparda-Kunstpreis NRW, dessen Preissumme von 100.000 Euro die Realisierung und Schenkung des Obelisken an die Stadt ermöglicht hat:

Der Karbon-Obelisk, den ich der Stadt Köln am Breslauer Platz vorschlage, wird die Funktion haben, eine auffällige Markierung im Raum zu schaffen. Er wird eine Achse implizieren, wo niemals eine solche existiert hat, und den Blick auf ein Chaos urbaner Elemente vorgeben. Der Karbon-Obelisk wird aus sich selbst heraus zu einer Metapher des all­umfassenden Prinzips geometrischer Ordnung werden.

Rita McBride (*1960 in Des Moines / Iowa) lehrt seit 2003 Bildhauerei an der Kunst­akademie Düsseldorf und hat dort 2013 die Nachfolge von Tony Cragg im Amt der Rektorin angetreten. Ein weiterer Carbon Obelisk ist in Essen am Emscherufer aufgestellt, ist aber mit fast 14 Meter Höhe deutlich größer als die Kölner Variante.

Dani Karavan, Ma’alot

Zurück durch die Passage des Haupt­bahnhofs geht es auf der anderen Seite links über die große Freitreppe hinauf auf die Domplatte. Dann gehen wir links um den Domchor und Domherren­friedhof herum bis vor das Museum Ludwig. Zur Linken führt ein 100 Meter langer „Granitteppich“ auf eine turmartige Skulptur und auf den Heinrich-Böll-Platz.

Dani Karavan, Ma’alot. Foto: jvf

Es ist der künstlerisch überzeugendste Platz in Köln: Die 1986 eingeweihte, von Dani Karavan unter dem Titel Ma’alot als großräumiges Environment gestaltete Fläche zwischen Domchor, Ludwig-Museum, Hauptbahnhof und Rheingarten.

„Ma’alot“ steht im biblischen Hebräisch für die Stufe, Sprosse oder Terrasse. Shirei ha Ma’alot (שִׁירֵי המַעֲלוֹת), Stufen- oder auch Wallfahrts­lieder, sind die Psalmen 120 bis 134 überschrieben. In neuerer Zeit meint Ma’alot auch Steigung, Winkel, Grad. Das alles zusammen umreißt den ästhetischen Spielraum, den Karavan mit seinem Kunstwerk erkundet.

Die Materialien des rund 5.000 m² großen Kunstwerks nehmen Bezug auf die baulichen Elemente der Umgebung: Granit aus Sardinien greift die Pflasterung des Roncalliplatzes auf, Gusseisen und Eisenbahnschienen deuten auf Hauptbahnhof und Hohenzollernbrücke, roter Backstein korrespondiert mit dem Baustoff des Kulturzentrums mit Museum Ludwig und Philharmonie, Grünflächen verweisen auf den Rheingarten am Fuß der Treppenanlage.

Die Formgebung der Anlage greift den Rhythmus der Gebäudemodule mit ihren Stufungen von 90 cm Höhe auf und verdichtet ihn in klaren geometrischen Formen und Linienführungen aus 45° und 90° Winkeln.

Dani Karavan, Ma’alot. Foto: jvf

Immer wieder wurde und wird Ma’alot als Holocaust-Mahnmal interpretiert. Der Turm erinnert manche an einen Wachturm – andere dagegen an „archaische Stufen- oder Sonnenheiligtümer“ (Fußbroich) oder an „mittelalterliche toskanische Bauten“ (Brockhaus). Die Eisenbahnschienen wecken Assoziationen zur Logistik der nationalsozialistischen Völkermorde.

Dani Karavan selbst sagt dazu, das Kunstwerk habe „nicht die Aufgabe, eine bestimmte Geschichte zu erzählen oder bestimmte Zusammenhänge zu bebildern. Es kann nur Widerhall hervorrufen und Assoziationen beim Betrachter, beim Besucher, beim Passanten evozieren“.

Dani Karavan (*1930 in Tel Aviv) wurde 1998 mit dem Praemium Imperiale (dem „Nobelpreis der Künste“) ausgezeichnet. Für Düsseldorf gestaltete er den Vorplatz des Landtages (1990), für Duisburg den Garten der Erinnerung (1999). → Mehr Informationen zu Ma’alot.

Lawrence Weiner, To build a Square in the Rhineland

Zurück über den Granitteppich und dann links herum, finden sich zwischen Dom, dem Römisch-Germanischen-Museum und dem Museum Ludwig zwei große Bronzequadrate ins Pflaster eingelassen. Sie gehören zu einer insgesamt vierteiligen Installation von Lawrence Weiner mit dem hübschen Titel To build a Square in the Rhineland (1995).

Lawrence Weiner, To build a square in the Rhineland. Foto: jvf

Zwischen 250 und 83 cm Kantenlänge groß sind die Quadrate mit blanker Zentralfläche, und sie tragen etwas rätselhafte, englisch- und deutschsprachige Umschriften in Versalien: „1 x ETWAS ANDERES & 2 ANDERE DINGE“ und „1 x SO EIN PAAR DINGE“ (beide hier vor dem Ludwig Museum), „1 x EIN ANDERES & EIN ANDERES & EIN ANDERES“ (Domplatte auf an der Nordwestecke der Kathedrale) und „1 x 1 x 2 MEHR“ (am Rande der Altstadt auf dem Weg nach Ehrenfeld vor dem Eingang zum Stadtgarten).

„Menschen sind gebiets-/orts-spezifisch – Kunst funktioniert mehr oder weniger O.K. an jedem Ort an dem sie sich einfindet“, sagt Weiner. Das ist vermutlich in jeder Hinsicht und in allen Teilen eine falsche Aussage, kann aber als Hinweis dienen, dass es – entgegen dem Titel – verfehlt ist, einen Ortsbezug der Installation konstruieren zu wollen.

Vielmehr kann man die Verweise auf das „Andere“ und das außerhalb des Objekts liegende „Mehr“ als Verweigerung des „Identischen“ in der Kunst und entsprechende Funktionszuschreibungen nehmen. So in etwa. Dass dieses Andere so unspezifisch ist und die leere Zentralfläche mit der Abwesenheit jeder Referenz verwirrt, ist natürlich ein sehr cleverer Trick mit dem Weiner den Bedeutungsspielraum seiner Bronzeplatten ins annähernd Unbegrenzte erweitert. Weiner selbst würde wahrscheinlich eher prosaisch von der Machbarkeit des Kunstwerks sprechen.

Lawrence Weiner (*1942 in New York) gilt heute als einer der wichtigsten Konzeptkünstler der Gegenwart. To build a Square in the Rhineland wurde 1995 angekauft im Rahmen der Verleihung des Wolfgang-Hahn-Preises, der seit 1994 jährlich von der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig ausgeteilt wird.

Heinz Mack, Columne pro Caelo

Am Ludwigmuseum vorbei und um das Römisch-Germanische-Museum herum geht es auf den Roncalliplatz auf der Südseite des Doms. Dabei kann ein Seitenblick auf die Südseite des Museums Ludwig lohnen. Im Sommer 2019 ist der Platz vor dem Hintereingang des Museums leergeräumt, früher standen hier herausragende plastische Arbeiten (an Werke von Thomas Schütte und Henry Moore kann ich mich erinnern), vielleicht wird da ja bald wieder etwas hingestellt.

Heinz Mack, Columne pro Caelo. Foto: jvf

Der Roncalliplatz ist 2019 durch Bauarbeiten etwas mitgenommen. Das Dom-Hotel ist bis auf die denkmalgeschützte Fassade und das Treppenhaus abgerissen und wird neu gebaut. Das Foto hier stammt aus der Zeit vor dem Abriss.

9,80 Meter in die Höhe erhebt sich die Himmelssäule – Columne pro Caelo (1984) – von Heinz Mack, aus portugiesischem Granit gehauen, von unregelmäßiger Form und Oberfläche, die von horizontalen Furchen strukturiert ist, mehr als 60 Tonnen schwer, so heißt es.

Ursprünglich war an dieser Stelle eine Stahlplastik von Eduardo Chillida vorgesehen, so das Ergebnis einer Ausschreibung 1969, aber der Stadt fehlte in den 1970er Jahren das Geld für eine Realisierung. Der Lions-Club schenkte dann Macks Himmelssäule.

Heinz Mack (*1931 in Lollar / Hessen), Mitbegründer der ZERO Gruppe, war mit seinen Arbeiten mehrfach auf der documenta und 1970 auf der Biennale Venedig vertreten. Seit 2003 ist die Fassade des KölnTurm im Mediapark mit dekorativer Lichtkunst von Heinz Mack ausgestattet.

Ewald Mataré, Bronzetüren am Südportal des Doms

Von der Himmelssäule geht es wenige Schritte hinüber zum südlichen Querhaus des Doms. Heute (seit 2007) wird es vom Richter-Fenster dominiert, das freilich seine Wirkung nur im Innern des Doms entfaltet. Wir schauen stattdessen auf die vier Bronzetüren mit deren Neugestaltung nach dem 2. Weltkrieg das Domkapitel den rheinischen Bildhauer Ewald Mataré beauftragte.

Ewald Mataré, Pfingsttür. Foto: jvf

In der Mitte sind die Bischofs- und die Papsttür (1948) mit den Wappen und Wahlsprüchen von Erzbischof Josef Kardinal Frings und von Papst Pius XII in den Supraporten ausgezeichnet. Darunter sind auf der Bischofstür sieben Heilige mit Kölnbezug im Oval zu sehen (darunter Ursula, Gereon, Albertus Magnus und Thomas von Aquin).

Die Papsttür zeigt zwei farbige Mosaike: ein Pelikan, der sich das Blut aus dem Bauch hackt, um seine Jungen zu nähren, als Symbol der opferbereiten Liebe Gottes, und ein Hahn, der als Symbol im christlichen Kontext notorisch vieldeutig, hier in der Opposition zum Pelikan wohl als Symbol für den Verrat zu nehmen ist.

Die Pfingsttür (1953) links fand Mataré selber „besser gelungen als die beiden mittleren“ mit dem himmlischen Jerusalem in der Supraporte, dem korrespondierenden brennenden Köln im rechten Flügel und dann auf dem linken Flügel mit Noah, der den ersten Weinstock nach der Flut pflanzt. Darüber steht der Regenbogen als Zeichen des Bundes (ursprünglich als Mosaik, später vergoldet, weil die Mosaiksteine sich immer wieder lösten – Nachkriegskleberprobleme).

Rechts die zuletzt installierte der vier Bronzetüren: Auf der Schöpfungstür (1954) zeigt die Hand des Schöpfers durch einen Bogen des Paradieses (mit der Eva-Rippe Geschichte) in Richtung des Mosaiks mit Maria in der Nachfolge Evas. Auf dem linken Fügel korrespondiert dazu der alttestamentarische brennende Dornbusch mit den beiseite gelegten Sandalen des Moses.

Ewald Mataré, Schöpfungstür. Foto: jvf

Für ausführende Arbeiten an den Bronzetüren zog Mataré einige seiner Schüler heran, der heute berühmteste war der junge Joseph Beuys, der sich u.a. um die Mosaikarbeiten verdient gemacht hat. Mataré notiert in seinem Tagebuch: „Mein Schüler Beuys bewährte sich auf das Beste, war auch beim Setzen der Felder äußerst gewandt und brauchbar“.

Ewald Mataré (1887–1965) lehrte seit 1946 wieder an der Düsseldorfer Kunstakademie, nachdem ihn die gleichgeschaltete Akademie 1933 entlassen und die Nazis ihn später als „entarteten Künstler“ diffamiert hatten. Im Kölner Stadtraum hat Mataré vielfältige Spuren hinterlassen: Die Bronzetür des Gürzenich und die Figur des Kallendresser am Alter Markt gehören dazu. Mataré zeichnet auch verantwortlich für die Nachbildung von Käthe Kollwitzʼ Trauerndem Ehepaar, zu dem der Rundgang später führen wird.

Gerhard Marcks, Gaia II

Am südöstlichen Ende des Roncalliplatz, um den Heinzelmännchenbrunnen (1899) herum und am Brauhaus Früh vorbei, findet sich die kleine Stollwerck-Passage. Darin haben die früheren Schokoladenfabrikanten (Imhoff Stiftung) Gerhard Marcks Gaia II aufgestellt (Bronze, 1965).

Die etwa lebensgroße, kaum verhüllte Urmutter und Erdgöttin schreitet sehr selbstbewusst und stolz und angemessen unnahbar an den Ladenlokalen vorbei.

Gerhard Marcks, Gaia II

Marcks (1889-1981) hat nach dem Krieg als freischaffender Künstler in Köln gelebt, die Stadt hatte ihm ein Atelier und Wohnhaus in Müngersdorf zur Verfügung gestellt. Eine ganze Reihe seiner Arbeiten sind in der Domstadt aufgestellt, am prominentesten sein Albertus Magnus (1956) vor dem Hauptgebäude der Universität zu Köln.

Literatur