Samuel Becketts „Glückliche Tage“ am Schauspielhaus Düsseldorf

Virtueller Beckett

Stéphane Braunschweig inszeniert am Düsseldorfer Schauspielhaus Becketts Zweiakter „Glückliche Tage“, sucht nach dem, was vom Klassiker in Zeiten künstlicher Welten übrig bleibt und hinterlässt einige Freudlosigkeit und Beklemmung.

Mit einem Seufzer. Man vergisst seine Klassiker. Pause. Oh, nicht restlos. Pause. Einen Teil. Pause. Ein Teil bleibt übrig. Pause. Das eben finde ich so wundervoll, ein Teil bleibt einem übrig, von seinen Klassikern, um einem durch den Tag zu helfen. Pause.

So sagt Winnie im Klassiker Glückliche Tage, Becketts meistgespieltem Stück – nach naturgemäß Warten auf Godot und dem Endspiel. Stéphane Braunschweig, der Intendant des Théâtre National de la Colline in Paris, begibt sich in Düsseldorf auf die Suche nach dem, was von Beckett übrig bleibt. Er inszeniert zum zweiten Mal in Düsseldorf, vorletzte Session hatte er Arne Lygres Mädcheninkellergesperrtdrama Unter Tage an den Rhein gebracht. Glückliche Tage wird in der Düsseldorfer Inszenierung ab Anfang Juni auch in Paris zu sehen sein.

Paniere und Gestelle

Fünf menschenhohe kuppelförmige Metallgestänge sind auf der Bühne verteilt, Paniere von Reifröcken mögen das sein, vielleicht auch geodätische Gitter über einer virtuellen Hügellandschaft. Die mittlere Kuppel ist von einer giftblauen, schlammartigen Kruste überzogen. Darin steckt Winnie (Claudia Hübbecker) fest bis zur Taille und plappert hinüber zu den Restbeständen ihres Ehemanns (Rainer Galke), mehr noch für sich, ins Leere. Im zweiten Teil ist die Schlammschicht verschwunden, Winnie ist bis zum Hals eingeklemmt in das jetzt freigelegte Gestell.

Eine Videokamera nimmt sie im Brustbild auf, später im Kopfbild, das wird an die rückwärtige Wand projiziert. Das ist einerseits notwendig, weil Becketts stillgestelltes Kammmerspiel auf der großen Bühne ohne Großaufnahme nicht funktionieren kann. Andererseits verweist die Videotechnik auf Braunschweigs Regieidee: Das Gestell, in dem sich heute gegen den Verfall des Körpers und die Auflösung der Persönlichkeit anplappern lässt, sind die Vorrichtungen der neuen Medien, der Virtualität auch, irgendwie.

„Oh, dies ist ein glücklicher Tag“

Becketts Zweiakter, 1961 im Greenwich Village uraufgeführt, zwei Wochen später in der Werkstatt des Berliner Schillertheaters in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht, ist eigentlich ein Text, dem man absurde Komik abgewinnen kann – eine grimmige Fröhlichkeit des banalen Geschwätzes angesichts des Untergangs, die nur dann vom Komischen ins Lächerliche abrutscht, wenn sie sich ihrer Vergeblichkeit nicht bewußt ist.

Braunschweig aber neigt das Stück zur Tragödie und lässt seine Hauptdarstellerin in filmischem Realismus gegen den Untergang anreden, keine komische Überzeichnung. Claudia Hübbecker macht das ganz großartig, mit im Verlauf der 1¾ Stunden zunehmender Intensität und verletzlicher Unmittelbarkeit im Abwehrkampf gegen den Welt- und Ichverlust, das ist gegen Ende ungeheuer anrührend: „Oh, dies ist ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein! Trotz allem. Bislang.“

Was also bleibt übrig von diesem Klassiker? Braunschweig sagt, er wolle die Bilder Becketts „in der Welt nach Beckett, in der Zeit von virtuellen und künstlichen Welten, nachhallen lassen“. Ohne die Komik bleibt dabei eine sehr beklemmende Vision der Ohnmacht übrig.

Das Premierenpublikum im – allerdings, ach Düsseldorf, zu nur etwa drei Viertel gefüllten – Düsseldorfer Schauspielhaus applaudiert freundlich, Claudia Hübbecker sammelt das ein und andere brava! ein.

Samuel Becket: Glückliche Tage. R: Stéphane Braunschweig. D: Claudia Hübbecker, Rainer Galke. Düsseldorf, Schauspielhaus. P: 12. April 2014. 1¾ h o.P.