Die Saison 2016/2017: Neue Theaterstücke an den Bühnen in NRW

Eine Auswahl

Was gibt es in der Spielzeit 2016/2017 auf NRW-Bühnen an neuen Stücken? Welche Uraufführungen und Erstaufführungen in Bochum, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln, Krefeld und Münster muss man sich vormerken?

Theater Münster bei Nacht. Foto: Rüdiger Wölk. Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MuensterStadttheater2399.jpgTheater Münster bei Nacht. Foto: Rüdiger Wölk. Lizenz: CC BY-SA 2.0. Quelle: Wikimedia Commons.

Wenn in zwei Jahren die Statistik des Deutschen Bühnenvereins für die Saison 2016/2017 erscheint, werden für das Sprechtheater in NRW rund 237 Neuproduktionen ausgewiesen werden (lässt man die 98 Neueinrichtungen des Kinder- und Jugendtheaters mal beiseite). Darunter werden nicht weniger als 56 Uraufführungen und etwa 11 deutsche oder deutsch­sprachige Erstaufführungen sein – die Zahlen sind von mir natürlich nur halbwegs fundiert geschätzt.

Die vergleichsweise geringe Anzahl an Erst­aufführungen macht Sorge, zumal ein Großteil der ent­sprechenden Stücke aus dem angelsächsischen Raum kommt. In Sachen Internationalität oder gar globaler Ausrichtung der NRW-Bühnen gibt es Luft nach oben.

Gleichviel, die Aufführungstätigkeit spricht für eine – trotz allen Spardrucks – noch recht lebendige Theaterlandschaft an Rhein und Ruhr. Was aber heißt das inhaltlich, welche Themen also bewegen die Gegenwartsdramatik in NRW? Und welche neuen Stücke sollte man nicht verpassen?

Die Demokratie und der postdemokratische Kapitalismus

Joël Pommerat zählt zu den wichtigsten Dramatikern des heutigen Frankreichs. Sein La Révolution #1 – Wir schaffen das schon (Ça ira (1) Fin de Louis, UA 2015 in Nanterre), ausgezeichnet mit dem Prix Molière 2016 als bestes Stück an einer öffentlichen Bühne, versetzt das Publikum in die Zeit der Französischen Revolution, so in etwa. Aber das sei „nicht so sehr ein Schauspiel über die Französische Revolution“ urteilt Le Monde „als ein Stück, das, ausgehend von ihr, die Konfliktstrukturen einer demokratischen Kultur befragt und in Szene setzt wie man es handfester und lebendiger nicht machen kann“. Vielleicht wird das auch in Deutschland das wichtigste Stück des Jahres, die deutschsprachige Erstaufführung richtet jedenfalls das Theater Dortmund ein (Megastore, DE: 24. September 2016), das Theater Münster zieht im Frühjahr 2017 mit seiner Inszenierung nach (Großes Haus, P: 22. April 2017).

Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll stellt im zweiten Teil seiner Tetralogie Staat 1-4 Experten des Alltags auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses, die über das Gesellschaftsmodell Großbaustelle berichten (Central, Große Bühne, UA: Mai 2017). Die anderen drei Teile der umfassenden Bestandsaufnahme an den Rändern der demokratischen Kontrolle sind ab Dezember 2016 in München (Top Secret International – Gastspiel irgendwann in 2017 in Düsseldorf), ab Herbst 2017 in Dresden (Träumende Kollektive) und ab Januar 2018 in Zürich (Weltzustand Davos) zu sehen. Fürs Frühjahr 2018 hat sich das Berliner Haus der Kulturen vorgenommen, alle vier Stücke zusammen zu zeigen.

Das Schauspiel Essen kümmert sich im Frühjahr derweil um die Uraufführung des Siegerstücks der 4. Essener Autorentage, „Stück auf!“ 2016. Martina Clavadetscher schickt ihre Heldin, die Wissenschaft­lerin Yamilla, in ein gegenwärtiges Sodom, eine Stadt, die „wie ein gefräßiger Wal“ geprägt ist von Konsum­terror und Profitgier, wo Yamilla als Engel missverstanden wird, von dem Rettung in der unter­gehenden Stadt zu erhoffen ist: Umständliche Rettung (Casa, UA: 28. April 2017).

Die Sprache des textil-industriellen Komplexes, seiner Produktions- und Konsumptions­bedingungen wird Elfriede Jelinek in ihrem neuen Stück Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!) in ihrer Text­maschine zerstückeln und neu zusammen setzen. Das Schauspielhaus Düsseldorf bringt die Ur­aufführung ganz am Anfang des Jahres 2017 über die Bühne (Central, Große Bühne, UA: Januar 2017).

Der Terror

Zurückgelassene Schuhe, Rue de l'Hôtel des Postes, Nizza. Ausschnitt. Foto: Jesmar. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2016_Nice_attack_shoes_abandoned_IMG_20160714_224545.jpgZurückgelassene Schuhe, Rue de l’Hôtel des Postes, Nizza. Ausschnitt. Foto: Jesmar. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: Wikimedia Commons.

Ob also der Terror wirklich erst dort anfängt, wo jemand Waffen, Sprengstoff, Lastwagen oder Flugzeuge einsetzt, um möglichst viele Menschen zu ermorden? Natürlich ist Ferdinand von Schirachs Terror auch in der neuen Saison an NRW-Bühnen der Renner (UA 2015 in Berlin und Frankfurt). Das Gerichtsdrama um den Abschuss eines von Terroristen entführten Passagierflugzeugs nehmen u.a. das Wolfgang Borchert Theater in Münster, das Theater der Keller in Köln und das Contra-Kreis-Theater in Bonn neu in den Spielplan. Die Theater Aachen und Bielefeld sowie das Düsseldorfer Schauspielhaus planen zudem Wieder­aufnahmen ihrer Inszenierungen aus der Vorsaison.

Spannender ist aber vielleicht die Uraufführung von Anna Davtyans Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink am Theater Krefeld. In sechzehn poetischen Miniaturen nähert sich das – aus dem Armenischen übersetzte – Stück dem Leben und Sterben des türkisch-armenischen Publizisten Hrant Dink, der nach Jahren der nationalistischen Verfolgung 2007 in Istanbul ermordet wurde (Fabrik Heeder, UA: 14. September 2016).

Der Chef des Schauspiels Bochum, Anselm Weber, übernimmt unterdessen in seiner letzten Session an der Ruhr die Regie eines Doppelabends. Die deutsche Erstaufführung von Die unsichtbare Hand (UA 2012 in St. Louis) des amerikanischen Dramatikers Ayad Akhtar konfrontiert pakistanische Terroristen und den futures trader Nick Bright, der seinen Geiselnehmern einen Millionen-Deal vorschlägt. In George Brants Monolog Am Boden (UA 2013) steuert eine junge Pilotin von der Air Base in Las Vegas aus Kampf­drohnen, die im war on terror in Afghanistan töten (Kammerspiele, DE/P: 3. Dezember 2016).

Der Glaube

Nachahmer von Lucas Cranach dem Älteren, Luther auf dem Totenbett, um 1600. Ausschnitt. Lizenz: PD-Art. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Luther_auf_dem_Totenbett_Karlsruhe.jpgNachahmer von Lucas Cranach dem Älteren, Luther auf dem Totenbett, um 1600. Ausschnitt. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons

Welche Rolle spielt der Glaube, religiös oder nicht, im doch recht teuflischen Geflecht, das die Gewalt erzeugt?

Im Vorfeld des 500. Thesenanschlagsjubiläums 2017 untersuchen die Bühnen in Münster, Phänomene des religiösen Extremismus am Beispiel der Reformation. Eine Geschichte der Radikalisierung verfolgt John von Düffel in seinem biographischen Drama Martinus Luther am Theater Münster (Kleines Haus, UA: 25. September 2016). Das Wolfgang Borchert Theater assistiert mit Arna Aleys Das neue Jerusalem – oder: Die Leiden des Jan van Leiden (AT) über den reformatorischen Fundamentalismus im Münster der Wiedertäufer (UA: 18. Mai 2017).

Fritz Kater verfolgt dagegen in den sechs Parallel­geschichten seines Stücks love you, dragonfly (6 versuche zur sprache des glaubens) Menschen, die Glaube, Hoffnung und vielleicht auch Liebe in Grenzbereiche und darüber hinaus bringen, sein Berichtszeitraum ist das 20. Jahrhundert und die nahe Zukunft. Alice Buddeberg übernimmt die Einrichtung der Uraufführung am Theater Bonn (Kammerspiele, UA: 7. Oktober 2016).

Die Flucht

An vielen Bühnen in NRW wird es in dieser Saison Projekte geben mit und über Menschen, die vor den Folgen des postdemokratischen Kapitalismus, religiösen Fundamentalismen, staatlichem oder antistaatlichem Terror fliehen mussten. Von Lampedusa nach Lüdenscheid (AT), das für Mitte 2017 am Theater Krefeld zu Uraufführung ansteht, mag als Beispiel dienen (UA: 10. Juni 2017). Über das Geschäft mit der Flucht informiert ein Abend am Theater Dortmund. Das Projekt Die schwarze Flotte von Mike Daisey basiert auf Ermittlungen des CORRECT!V zu den Menschenhändlern, die ihre zahlende Fracht über oder in das Mittelmeer verschiffen (Megastore, UA: 8. Oktober 2016).

Und was passiert eigentlich, wenn Flüchtlinge nicht in Sammelstellen am Rande der Wohlstandszentren verwaltet werden, sondern in die bürgerliche Mitte Aufnahme finden sollen? Das neue Stück des meist gespielten Autorenduos der deutschen Gegenwarts­dramatik, Lutz Hübner und Sarah Nemitz, Willkommen أهلا وسهلا, bringt das Ringen einer Mittelschichts-WG an den Grenzen von Toleranz- und Komfortzonen auf die Bühne. Sönke Wortmann wird die Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus einrichten (Central, Kleine Bühne, UA: Februar 2017).

Beziehungskisten und Familienhöllen

Kaninchen. Ausschnitt. Foto: Camilo Gonzalez. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Conejos_en_una_conejera.jpgKaninchen. Ausschnitt. Foto: Camilo Gonzalez. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: Wikimedia Commons.

Und diesseits der großen Krisen? Was gibt es zu erzählen über das Leben in den Wohn- und Schlaf­zimmern dieser bürgerlichen Mitte, die den Publikums­kern der Theater stellt? Und was ist neben Glaube und Hoffnung, Freiheit und Brüderlichkeit, Kapital und Terror und Flucht – was ist eigentlich mit der Liebe?

Ganz zu Anfang der Saison geht das Schauspielhaus Bochum mit Laura Naumanns Beziehungsreigen Manchmal hat die Liebe regiert und manchmal einfach niemand in die Erkundung von Zweisamkeitskrisen (Kammerspiele, UA: 18. September 2016).

Dirk Lauckes Tragikomödie Karnickel stellt eine liberale Bildungsbürgerfamilie in die Umbrüche der Gegenwart. Das Schauspiel Köln übernimmt die Uraufführung (Außenspielstätte am Offenbachplatz, UA: 29. September 2016).

Das Düsseldorfer Schauspielhaus bringt wenig später dann Simon Stephens Heisenberg in deutscher Erstaufführung (UA 2015 New York). Das Stück erkundet die Unschärfe in der Relation zwischen dem gealterten, irischen Metzger Alex und der undurch­sichtigen, wesentlich jüngeren Amerikanerin Georgie (Central, Große Bühne, DE: 21. Oktober 2016).

Die schottische Dramatikerin Stef Smith versammelt in ihrem Stück Swallow, dessen Uraufführung 2015 auf dem Edinburgh Fringe Festival eine Menge Auf­merksam­keit eingesammelt hat, drei Frauenfiguren auf der Bühne: Rebecca mit dem gebrochenen Herzen, Sam, die ein Mann ist, und Anna, die ihre Wohnung nicht mehr verlässt. Der Independent jedenfalls äußerte sich ganz hingerissen, das Stück sei „so schön gemacht, so mitreißend, dass es uns ins Innere der Erfahrung dieser Charaktere führt, in ihrem Versuch, den Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden und in fesselnder, allgemeingültiger und emotional erschütternder Genauigkeit“. Die deutschsprachige Erstaufführung übernimmt das Schauspiel Köln (Außenspielstätte am Offenbachplatz, DE: 10. Dezember 2016).

Das Schauspiel Köln stellt auch die deutschsprachige Erstaufführung von Kleines (Little One) auf die Bühne. Hannah Moscovitch’ („the wunderkind of Canadian theatre“ – CBC), nur knapp einstündiger Einakter ist eine schwarze Komödie und ein Psychodrama um zwei Adoptivgeschwister, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Aaron, der konforme Medizinstudent, und Claire, die traumatisierte, soziopathische kleine Schwester – und ein dunkles Geheimnis, das beide verbindet. Das sei „zwar ein Psychothriller, aber ein geistreicher, kluger und hinterlistiger“ befand The Globe and Mail anlässlich der Uraufführung 2011 in Toronto (Außenspielstätte am Offenbachplatz, DE: 3. Februar 2017).

Die Agenda: Neue Stücke NRW 2016/2017

Die Angaben zu den Aufführungen sind den langfristigen Planungen und Vorankündigungen der Theater in NRW entnommen (Stand Juli 2016). Bevor Sie zu einem Theaterabend anreisen, informieren Sie sich bitte bei den jeweiligen Veranstaltern über etwaige Planänderungen oder Verschiebungen.