Picasso in der Kunst der Gegenwart – Deichtorhallen Hamburg

Der Jahrhundertkünstler

Die Deichtorhallen in Hamburg dokumentieren noch bis 12. Juli 2015 in der frisch renovierten „Halle für aktuelle Kunst“ mit mehr als 200 Arbeiten von 87 Künstlern den Impact von Pablo Picasso auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Sean Landers: Genius, 2001 Oil on linen, 86 x 214 inches , 218.4 x 543.6 cm Credit: Courtesy of the artist and Petzel, New YorkSean Landers: Genius, 2001 Oil on linen, 86 x 214 inches , 218.4 x 543.6 cm Credit: Courtesy of the artist and Petzel, New York. Deichtorhallen Hamburg.

Fast zwei Jahre lang wurde die nördliche Deichtorhalle in Hamburg saniert. Einen etwas aseptischen Lagerhallenschick hat das jetzt, der Bodenbelag ist nicht besonders hübsch, aber sicher zweckmäßig, die frisch grau gestrichene Hallendecke ist mit einer beeindruckenden Phalanx von Leuchtstrahlern versehen – und vor allem regnet es nicht mehr durch. Für die jetzige Ausstellung ist die Halle von weißen, sechssieben Meter hohen Stellwänden und Kuben strukturiert. Die machen flexibel angemessenen Raum für die Präsentation extremer Großformate und kleiner Kunststücke.

Die Neueröffnung der 3.800 m² großen „Halle für aktuelle Kunst“ fällt zusammen mit dem 25-jährigen Jubiläum der Umnutzung der alten Markthallen des ehemaligen Berliner Bahnhofs. Und sechzig Jahre ist es her, dass Picassos Werk in einer Großausstellung (inkl. Guernica) erstmals durch Nachkriegs­deutschland tourte: München, Köln und eben Hamburg waren 1955/56 die Stationen der Schau.

Ausstellungsansicht Picasso in der Kunst der Gegenwart – Deichtorhallen Hamburg, Foto: jvfAusstellungsansicht Picasso in der Kunst der Gegenwart – Deichtorhallen Hamburg, Foto: jvf.

Äußere Anlässe gibt es also genug, um es nun mit einer Großausstellung in Sachen Rezeption Picassos in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zu versuchen. In einem Prolog (Spektrum der Picasso Rezeption) und sechs thematischen Quer­schnitten (Picasso und die deutsche Kunst, Der globale Picasso, Guernica und die Antikriegskunst, Picasso aus Sicht der Künstlerinnen, Im direkten Kontakt mit Picasso, Appropriation Art) zeigt die Hamburger Schau eine sehr sehenswerte Auswahl von Werken aus den Jahren 1930 bis 2015, Auseinandersetzungen mit der Bildsprache Picassos und dem Mythos Picasso.

Jonathan Monk: Waiting for famous people (Pablo Picasso), 1995 Farbfotografie Courtesy: Jonathan Monk and Galleri Nicolai Wallner, Copenhagen, Denmark © Jonathan MonkJonathan Monk: Waiting for famous people (Pablo Picasso), 1995 Farbfotografie Courtesy: Jonathan Monk and Galleri Nicolai Wallner, Copenhagen, Denmark © Jonathan Monk. Deichtorhallen Hamburg.Die ausgesprochen prominent beschickte Ausstellung zeigt Arbeiten u.a. von Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Maria Lassnig, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Claes Oldenburg, Jasper Johns, David Hockney, Georg Baselitz, Hanne Darboven, Hans-Peter Feldmann, Louise Lawler, Sigmar Polke, Richard Prince, Martin Kippenberger, Marlene Dumas, Cindy Sherman, Thomas Schütte, Heimo Zobernig und Jonathan Monk. Auf Werke des Großmeisters selbst wird konsequent verzichtet.

Picassos Erben

Der „große Magier“ also, der „Universal­künstler“, „Weltkünstler“, „Volks­künstler“, „Maler-Superstar“, der „Jahrhundert­künstler“, als öffentliche Figur und Marke im Matrosen­streifenpullover unterwegs: An dieser Ikone haben sich „Picassos Erben“ immer wieder abgearbeitet. In Hamburg dabei ist Maurizio Cattelans Kostüm mit großem Picasso-Kopf und dem unvermeidlichen Pullover (Picasso, 1998); damit hat er 1998 die Besucher des New Yorker MoMA bespaßt, die sich mit der Picasso-Figur wie mit Disneylands Mickey Mouse photographieren ließen.

Tiehai Zhou: Les pains de Picasso, 2006 200 x 150 cm © Tiehai Zhou, Reprofotografie: Frank Kleinbach. Courtesy Schaufler Foundation SindelfingenTiehai Zhou: Les pains de Picasso, 2006 200 x 150 cm © Tiehai Zhou, Reprofotografie: Frank Kleinbach. Courtesy Schaufler Foundation Sindelfingen. Deichtorhallen Hamburg.Mit vor Ort ist auch ein Airbrush von Zhou Tiehai, der Picassos Kopf entfernt und durch den Kopf Joe Camels ersetzt (Les pains de Picasso, 2006). Das gleiche Motiv (ein Photo von Robert Doisneau ist die Vorlage) nimmt sich G.R.A.M. (Martin Behr und Günther Holler Schuster) aus Graz und setzt sich selbst an die Stelle des Meisters (G.R.A.M. nach Motiven von … (Picasso), 2001). Unschlagbar – und ohne gestreiften Pullover – sind aber Martin Kippen­bergers photographische Selbstportraits als Picasso in monströser Feinripp­unterhose (Elite ’88, 1988). „Picassos Erben“ taufte Kippen­berger einen Verlag, den er 1979 gegründet hat.

Les Demoiselles d’Avignon

Für die frühe Rezeption des Werks im deutschsprachigen Raum, die bereits in den Jahren 1910-13 einsetzt, stehen einige eher späte Arbeiten: Ernst Ludwig Kirchners Großes Liebespaar (1930) sowie eine gute Handvoll Zeichnungen von Paul Klee aus 1939 – Klees Verhältnis zur Kraftmeierei Picassos ist etwas distanziert, die Zeichnungen sind daher auch nicht ganz frei von Ironie im Umgang mit Picassos Figureninventar. Wenig später, 1943, malt K.O. Götz seine Hommage à Picasso. Arbeiten u.a. von A.R. Penk und Georg Baselitz stehen für die Picasso-Rezeption in der DDR und der BRD.

Karl Otto Götz: Hommage à Picasso, 1943 Gouache auf Sperrholz, 47,5 x 43,7 cm Reprofoto: Herbert Boswank Courtesy Private Collection Irmelin Lebeer, Brüssel © VG Bild-Kunst, Bonn. Reprofoto: Herbert BoswankKarl Otto Götz: Hommage à Picasso, 1943 Gouache auf Sperrholz, 47,5 x 43,7 cm Reprofoto: Herbert Boswank Courtesy Private Collection Irmelin Lebeer, Brüssel © VG Bild-Kunst, Bonn. Reprofoto: Herbert Boswank. Deichtorhallen Hamburg.

Unter den Werken, die besonders häufig den Resonanzboden für spätere Abarbeitungen abgeben sind natürlich die beiden berühmtesten Bilder Picassos, neben Guernica (1937) Les Demoiselles d’Avignon (1907). Patrick Caulfield zeigt die Jungfern von hinten (Les Demoiselles d’Avignon vues de derrière, 1973), Sigmar Polke stellt die Pornovariante als Rasterbild bereit (Ohne Titel, 2006).

Gleich Motive einer ganzen Reihe von Picasso-Werken fügt Sean Landers in seiner comicartigen Revue Genius (2001) zusammen (Abbildung s.o.).

Guernica

Den Kern Hamburger Ausstellung bilden aber großformatige Auseinandersetzungen mit Picassos „Jahrhundertbild“ Guernica. Die wirkungsmächstigste dieser Adaptionen, Fortschreibungen, Interventionen ist Dia Al-Azzawis Sabra and Shatila Massacre (1982/83), das unter dem Eindruck des Massakers der Phalange-Milizen an palästinensischen Flüchtligen (1982 im libanesischen Bürgerkrieg) entstanden ist.

Felix Gmelin erinnert mit einer Detaildarstellung an die Sprühaktion von Tony Shafrazi, der 1974 das Original mit dem Schriftzug „Kill Lies All“ vandalisiert hat: Kill Lies All After Pablo Picasso (1937) & Tony Shafrazi (1974) (1996). Goshka Macuga erinnert mit ihrer Großinstallation The Nature of the Beast (2009) an einen anderen Akt des Vandalismus. Als 2003 Colin Powell vor der UN den Einsatz von US-Truppen im Irak rechtfertigt, wird auf Wunsch der US-Regierung die Reproduktion von Guernica, die als Wandteppich das Foyer des UN-Sicherheitsrates mit pazifistischem Impetus schmückt, von einem blauen Vorhang verhüllt. Thomas Zipp wendet das Bild ins noch Düstere und ersetzt menschliche und tierische Figuren durch leere Blasen, das Glühlampenlicht ist schwarz (Achtung!, 2005-11).

Thomas Zipp: Achtung! A.B.: Solarized Deterritorialization Insanity Against Protestantism (England Attacked By The Americans), 2005-2011 Siebdruck, Acryl, Öl, Lack auf Leinwand, 378 x 809 cm © Thomas ZippThomas Zipp: Achtung! A.B.: Solarized Deterritorialization Insanity Against Protestantism (England Attacked By The Americans), 2005-2011 Siebdruck, Acryl, Öl, Lack auf Leinwand, 378 x 809 cm © Thomas Zipp. Deichtorhallen Hamburg.

Robert Longo schließlich verdeckt in seiner Adaption, einer monumentalen Kohlezeichnung, Bildteile hinter mächtigen, vertikalen, schwarzen Balken. Die Arbeit ist als Auftragswerk für diese Ausstellung entstanden (Guernica Redacted, 2014/15). Eher leichtgewichtig kommt demgegenüber die hübsche stilgeschichtliche Verschränkung von Art & Language (Michael Baldwin u. Mel Ramsden) daher, die die Komposition von Guernica als drip paintig reinszenieren (Picasso’s Guernica in the Style of Jackson Pollock, 1980).

Das Publikum

Ganz wunderbar dokumentieren Aufnahmen des Photographen Fritz Fenzl die Reaktionen von Besuchern der Hamburger Picasso-Ausstellung von 1956. Fenzl war seinerzeit im Auftrag der FAZ unterwegs. Die Konzentration dieser Besucher kontrastiert sehr hübsch mit Marcin Maciejowskis Photo einer jungen Frau, die in der Londoner Tate Modern Picassos Bust de Femme durch ihr Smartphone wahrnimmt (Bust of a Woman, 2014).

Gleichermaßen anrührend und witzig ist Rineke Dijkstras Video Ruth Drawing Picasso (2009). Ein Mädchen in Schuluniform, ich weiß nicht, vielleicht zehnzwölf Jahre alt, eignet sich in der Liverpooler Tate zeichnend Picassos La femme qui pleure an, versunken, konzentriert, sehr entschlossen, dann wieder abgelenkt von einem Mitschüler. Picassos Vorlage sehen wir ebensowenig wie Ruths Zeichnung davon.

Katalog

Der Katalog zur Ausstellung ist im Kölner Snoeck Verlag erschienen und ist ganz vorzüglich. Auf 408 Seiten enthält er nicht nur sehr taugliche Abbildungen und instruktive Essays, sondern auch Werktexte zu den einzelnen Positionen der Ausstellung, die in Kooperation von Deichtorhallen und Universität Hamburg entstanden sind. Soviel Qualität hat seinen Preis, 48 Euro zahlt man im Museumsshop. Allenfalls könnte man anmeckern, dass eine Bibliographie zur Rezeption Picassos fehlt und eine beigefügte DVD mit den Videos der Ausstellung prima gewesen wäre.

Picasso in der Kunst der Gegenwart. K: Dirk Luckow, Annette Sievert. Hamburg, Deichtorhallen, Halle für aktuelle Kunst, 1. April – 12. Juli 2015.