Philipp Löhles Big Mitmache, Herr Weber und die Afrokalypse in Bonn

Fanta, Pipi, Terrorfotzen

Drei kurze Stücke von Philipp Löhle bringt Dominic Friedel auf die Werkstattbühne des Theaters Bonn und macht daraus einen ebenso spaßigen wie etwas peinlichen Abend.

Philipp Löhle gehört zu den profiliertesten Jungdramatikern (*1978) auf deutschen Bühnen. Sein Stück Genannt Gospodin (2007) sammelte mehrere Preise ein, 2008 folgte der Preis des Heidelberger Stückemarkts für Lilly Link, 2012 gewann seine Globalisierungssatire Das Ding den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage. In dieser Session ist Löhle Hausautor am Staatstheater Mainz.

Sein Spezi aus Erlangener Studientagen und aus gemeinsamer Arbeit am Berliner Maxim-Gorki-Theater, Dominic Friedel — im letzten Jahr inszenierte er bereits die Uraufführung von Löhles Der Wind macht das Fähnchen in der Bonner Werkstatt — nimmt sich jetzt drei Dramolette, die ganz unabhängig voneinander entstanden sind und fügt sie zu einer Trilogie der Gewalt und des laufenden Schwachsinns: Big Mitmache, Herr Weber und die Litotes, Afrokalypse, letzeres in Deutscher Erstaufführung.

Big Mitmache

Der Terrorismus als Farce. Das Publikum wird für das Auftaktstück auf die Spielfläche geleitet, die vom Zuschauerraum durch Lamellen aus Verpackungsmaterial abgetrennt ist (Bühne: Peter Schickart). Unter die Leute mischen sich vier mit 70er Retroanzug und Minipli-Perücke kenntlich gemachte Figuren. Kontaktlinsen sorgen für einen starren, stechenden Blick, mit dem das Publikum einzeln fixiert wird. Die Viererbande versammelt sich um eine gelbe Tonne und gründet in absurd desorientierter Diskussion eine terroristische Vereinigung. Der Name ist schnell gefunden: Fotze, nein, F.O.T.Z.E nennt man sich. Aber wogegen will man eigentlich kämpfen? Klar: Gegen das System, wenn man nur wüßte, was das ist. Auch die Oberfotze Felix (Philine Bührer) weiß da keinen Rat. Und ist es eigentlich in Ordnung, Leute aus dem Publikum zu erschießen? Aber wie, wenn man nur Spielzeugpistolen hat? Besser man animiert zum Mitklatschen bei Slogans gegen das System, gegen die Nazis, gegen die Juden. Besser noch, man reklamiert die Verantwortung für die Verkehrstoten, wenn das Bekennerschreiben nur nicht so verflucht schwer zu formulieren wäre. Jedenfalls haben Autor wie Publikum merklichen Spaß an der sprachlich sehr pubertär markierten intellektuellen und politischen Regression.

Herr Weber und die Litotes

Die sprachliche Regression („Nur wenn ich Fanta trinke, ist mein Pipi gelb …“) prägt – oder anders: verklebt – auch das zweite kurze Stück an diesem Abend, eine dystopische Komödie über einen Lösungsvorschlag, der sozial unverträgliches Spätableben gleichermaßen wie Arbeitslosigkeit bekämpft: Arbeitslose werden vom Staat als Killer beschäftigt und mit dem Auftrag versehen, demographische Problemfälle zu beseitigen. Das erinnert ein Bisschen an Jonathan Swifts Modest Proposal von 1729, Überbevölkerungskrise und Kinderarmut seien am besten dadurch zu beseitigen, dass Babies als Nahrungsmittel in den Export gehen — aber wirklich nur ein Bisschen. Der grimmige Biss funktioniert nicht wirklich, trotz des komödiantischen Glanzauftritts von Rolf Mautz als „zu bearbeitende Pensionärin“.

Afrokalypse

In Sachen Dystopie ist auch das letzte der drei Dramolette unterwegs, das als deutschprachige Erstaufführung in Bonn über die Bühne geht. Das Abendland hat den Untergang hinter sich, der europäische Präsident (Tanja von Oertzen) lebt mit seinem Adjutanten Katten (Tatjana Pasztor) im afrikanischen Exil. Leerlaufend pathetische Reden, Rassismus, Machtkämpfe im absolutistischen Kostüm. Ich vermute, dass das Stück gar nicht schlecht ist, es wird nur von der Brachialkomik der ersten beiden Drittel des Abends an den Bühnenrand gedrängt.

Das Bonner Premierenpublikum applaudiert zwar nicht begeistert, aber sehr freundlich, auch dem Autor.

Philipp Löhle: Big Mitmache / Herr Weber und die Litotes / Afrokalypse. R: Dominic Friedel. D: Philine Bührer, Nico Link, Julia Goldberg, Johanna Wieking, Rolf Mautz, Wolfgang Rüter, Tanja von Oertzen, Tatjana Pasztor. Bonn, Werkstatt. P: 21. März 2013. 1½ h o.P.