Oper in NRW: Spielzeit 2019/2020

Die Merkliste Oper

Beim Blättern in den Spielzeitheften für die Saison 2019/2020 an den nordrhein-westfälischen Opernbühnen: Beethoven, Britten und Bernstein, Kagel und Klebe, Strawinsky und Sciarrino. Was muss man sich vormerken?

Wenn ich richtig zähle, stehen auf den NRW-Opernbühnen für die Saison 2019/20 insgesamt 68 Neuinszenierungen an – wobei Kinder- und Jugendopern, Operetten, Musicals etc. mangels Interesse rausgerechnet sind.

Die Komponisten mit den meisten Neueinrichtungen werden Giuseppe Verdi (9), Giacomo Puccini (4) und Wolfgang Amadeus Mozart (4) sein. Die Merkliste umgeht diese Pfeiler der musik­theatralischen Traditions­pflege großräumig, kommt aber um einen Klassiker dann doch nicht herum.

Ernst Julius Hähnel, Beethoven-Denkmal am Bonner Münsterplatz. Foto: Fralac,  Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Ernst Julius Hähnel, Beethoven-Denkmal am Bonner Münsterplatz. Foto: Fralac, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Beethoven und Kagel in Bonn

Das nach der Papierform spannendste Programm der Session 2019/20 kann die Oper Bonn vorweisen. Dort nimmt man Anlauf für die Beethoven-Jubelfeiern (marketingtechnisch: „BTHVN2020“). Ganz am Ende des nächsten Jahres, am 17. Dezember 2020, jährt sich der Geburtstag der „ganz ungebändigte[n] Persönlichkeit“ (Goethe über Beethoven) zum 250. Mal.

Man verliert in der Bundesstadt keine Zeit und bringt die Premiere einer Neueinspielung des Fidelio gleich am Neujahrstag 2020 über die Bühne des Opernhauses. Mit der Inszenierung ist Volker Lösch beauftragt, und der will dabei auf seine Bürgerchöre nicht verzichten, was zumindest verspricht, nicht langweilig zu werden.

Gut fünf Wochen später steht eine szenische Einrichtung von Beethovens Oratorium Christus am Ölberge an, der als Prolog die Uraufführung von Manfred Trojahns „reflexiver Szene“ Ein Brief vorangestellt ist – die Textbasis für letztere liefert Hofmannsthals Brief des Lord Chandos: „Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ (Opernhaus, UA/P: 8. Februar 2020).

Bereits im Herbst 2019 kommt Salvatore Sciarrinos Infinito Nero (UA 1998) auf Werkstatt­bühne der Bonner Oper. Die „Ekstase in einem Akt für Mezzosopran und acht Instrumente“ nimmt die Erleuchtungen der Heiligen Maria Magdalena von Pazzi zur Vorlage für eine kurze Mono-Oper, die mir aber sehr spröde, fast schon ein wenig hurzig zu sein scheint.

Auf die Merkliste nehme ich daher lieber: Mauricio Kagels Staatstheater. Nach der Dekonstruktion des musik­theatralischen Inventars in der Uraufführung 1971 musste die Hamburgische Staatsoper wegen gewaltbereiter Empörung unter Polizeischutz gestellt werden, so lese ich. Ähnliches ist für Bonn sicher nicht zu füchten (Opernhaus, P: 25. April 2020).

Shakespeare in Köln

Wiedereröffnung nach Sanierung jetzt für 2023 geplant: Schauspiel und Oper Köln am Offenbachplatz. Foto: jvf
Wiedereröffnung nach Sanierung jetzt für 2023 geplant: Schauspiel und Oper Köln am Offenbachplatz. Foto: jvf.

Ein Stückchen rheinabwärts hat sich die Oper Köln die Deutsche Erstaufführung von Brett Deans Hamlet für den Herbst auf die Agenda genommen. Die Kritikerin des Guardian befand angesichts der Uraufführung 2017 in Glyndebourne, Deans Zweiakter zeige sich der Herausforderung durch Shakespeare gewachsen, die Musik sei „vielschichtig, voller langer, klarer Vokallinien, angetrieben von sich wiederholenden rhythmischen Figuren im Orchester“, und habe „Momente filigraner Schönheit“, nur der erste Akt der abend­füllenden Oper sei etwas zu lang geraten – aber irgendwas ist ja immer (Staatenhaus Saal 2, DE: 24. November 2019).

Nochmal Shakespeare. Für das Frühjahr nehme ich für Köln Miranda auf die Merkliste. Die geschätzte Regisseurin Katie Mitchell, der Musiker Raphaël Pichon und die Dramatikerin Cordelia Lynn nehmen Figuren und Motive von Shakespeares Sturm auseinander und fügen sie mit einem Pasticcio aus Musiken von Henry Purcell zu einer Semi-Opera. Die Uraufführung an der Pariser Opéra Comique 2017 fand Kritikerinnen, denen das als ein feministisches Machwerk erschien, Kritikern schäumte der Mund. Neben der gewöhnlich vorzüglichen Arbeit Katie Mitchells, die auch in Köln die Regie übernimmt, wäre dieses Provokations­potential alleine ja schon Grund genug für eine Vormerkung (Köln, Staatenhaus Saal 2, DE: 19. April 2020).

Strawinsky und Sciarrino in Wuppertal

Opernhaus Wuppertal. Foto:  Atamari, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Opernhaus Wuppertal. Foto: Atamari, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Drüben im Bergischen geht Berthold Schneider jetzt bereits in die vierte Spielzeit als Intendant. Schneider hat die Oper Wuppertal umstandslos zu einer der spannendsten Musiktheater­bühnen in NRW gemacht. Zur Eröffnung der Saison 2019/20 geht ein Doppelabend mit Igor Strawinskys Tanzkantate Les Noces und seinem Opern-Oratorium Oedipus Rex (UA 1923/1927) über die Bühne (Opernhaus, P: 15. September 2019).

Im Januar schlägt dann ein auf drei Jahre angelegtes Kooperations­projekt mit den Bühnen in Bremen und Halle zu. „NOperas!“ ist ein Projekt des „Fonds Experimentelles Musiktheater“, das in der ersten Auflage eine „interaktive Gabelstapler-Oper über Ordnung und Unordnung“ zur Uraufführung in Wuppertal bringt. Chaosmos von Marc Sinan, Tobias Rausch und Konrad Kästner droht allerdings an, dass das Publikum „für Ordnung zu sorgen und so einen szenischen Abend mitzugestalten“ habe (Opernhaus / on stage, UA: 11. Januar 2020).

Da melde ich mich vorsichtshalber und wegen Unzuständigkeit für Ordnung ab und nehme stattdessen auf die Merkliste die deutsche Erstaufführung von Salvatore Sciarrinos Il canto s’attrista, perché? Die Frage nach der Attraktivität des Singens mit Szenen aus Aischylos’ Orestie kommt – als Kooperation mit den Wuppertaler Bühnen – im März 2020 in Klagenfurt zur Uraufführung. Die Übernahme nach Wuppertal steht dann sieben Wochen später an (Opernhaus, DE: 8. Mai 2020).

Eötvös und Bernstein in Bielefeld

Die Kollegen im östlichen Westfalen bringen zum ersten Mal Péter Eötvös’ Oper Paradise Reloaded (Lilith) nach NRW. Als das Ding 2013 in Wien uraufgeführt wurde, schien dem ausgesprochen übellaunigen Bericht­erstatter des Deutschland­funks das „alles kompletter, auf dem Papier konstruierter Blödsinn“ zu sein. Mal schauen (Stadttheater, P: 18. Januar 2020).

Das Durcheinander der Menschheits­geschichte findet dann im Frühjahr seine Fortsetzung im Format der Familien­katastrophe wenn Leonard Bernsteins amerikanische Oper A Quiet Place (UA 1983) über die Bielefelder Bühne geht (Stadttheater, P: 25. April 2020).

Glass und Klebe in Münster und Detmold

In der westfälischen Hauptstadt, in Münster also, nimmt sich das Theater für den Winter Philip GlassDer Untergang des Hauses Usher vor (UA 1988). Die Premiere der rund 90 Minuten kurzen Kammeroper nach der short story von Edgar Allan Poe geht am 1. Februar 2020 über die Bühne des Großen Hauses.

Nebenan im Lippischen nimmt sich das Landestheater der Veroperung von Ödön von Horváths Der Jüngste Tag durch den 2009 in Detmold verstorbenen Giselher Klebe an (Großes Haus, P: 7. Februar 2020). „Ein grundsolides Stück Operntheater“ und ein „ein Stück hoch­anständiger Arbeit“ sah der Kritiker der Zeit, als er 1980 die Uraufführung in Mannheim besuchte.

Hindemith und Janáček in Hagen und Gelsenkirchen

Aus dem südlichen Westfalen qualifizieren sich zwei Neueinspielungen von Stücken aus dem Jahr 1926 für die Merkliste. Noch ganz am Anfang der Spielzeit richtet das Theater Hagen Paul Hindemiths Veroperung von E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ ein, die vom schmuck­herstellenden Serienkiller Cardillac erzählt (Großes Haus, P: 21. September 2019).

Annäherungen an die Unsterblichkeit im Kontext von Erbschafts­streitigkeiten nimmt dagegen das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier auf seine Agenda. Die Sache Makropulos von Leoš Janáček hat in der Adventszeit Premiere (Großes Haus, P: 7. Dezember 2019).

Britten im Mai

Gegen Ende der Spielzeit können sich Fans von Benjamin Britten den Mai im Kalender kräftig anstreichen. Das Theater Münster bringt Brittens letzte Oper Death in Venice (UA 1973) über die Bühne (Großes Haus, P: 16. Mai 2020) und gibt zusammen mit den Kollegen in Bonn Gelegenheit zum vergleichenden Hören und Schauen. Dort steht die Veroperung von Thomas Manns Novelle eine gute Woche später auf der Agenda (Opernhaus, P: 24. Mai 2020).

Dazwischen schummelt sich die Oper Wuppertal, die Brittens Sommernachts­traum (UA 1960) als „Comunity-Oper“ unter Mitwirkung von Wuppertaler Schülern inszenieren will (Opernhaus, P: 20. Mai 2020).

Die Merkliste Oper NRW 2019/2020

Die Angaben zu den Aufführungen sind den langfristigen Planungen und Vorankündigungen der Musiktheater in NRW entnommen (Stand Juni 2019). Bevor Sie zu einem Opernabend anreisen, informieren Sie sich bitte bei den jeweiligen Veranstaltern über etwaige Planänderungen oder Verschiebungen.