Monumenta 2014: Ilja und Emilia Kabakov im Grand Palais Paris

L’étrange cité – Die wundersame Stadt

Wie begegnet man seinem Engel und wird ein besserer Mensch? Und wie kommuniziert man mit der Noosphäre? Im Pariser Grand Palais ist bis 22. Juni 2014 die Großinstallation „L’étrange cité“ von Ilja und Emilia Kabakov zu sehen. Das Schlendern durch diese wundersame Stadt ist eine beglückende Erfahrung.

Seit 2007 lädt das französische Kulturministerium und der Verbund der National­museen unter dem Label Monumenta im Regelfall jährlich einen Künstler ein, die mächtige Halle unter dem 35 Meter hohen und 13.500m² weiten Glasdach des Grand Palais zu bespielen. Anselm Kiefer, Richard Serra, Christian Boltanski, Anish Kapoor (2011 mit einem Rekord von über 275.000 Besuchern) und Daniel Buren waren bereits dran. Jetzt also das russisch-amerikanische Künstlerpaar Ilja und Emilia Kabakov.

Vor der Stadt ist La coupole aufgebahrt: Eine auf die Seite gelegte Kuppel von 14 Metern Durchmesser. Die Außenwand sieht aus wie ein Zelt oder genauer wie die Landekapsel eines Raumschiffs, das Innere nimmt die Strukturen der Eisen-Glas-Konstruktion der Kuppel des Grand Palais auf. Zu sphärischen Klängen ändert das Innere der coupole seine Farbgebung als eine Art Lichtorgel und erinnert an die Musik- und Farbenlehre des russischen Komponisten Aleksandr Scriabin.

Skurrile Poesie eines wunderlichen Ortes

Unter dem Bann dieser Kuppel erstreckt sich die seltsame Stadt, fünfsechs Meter hohe weiße Wände markieren ihre Mauern und Straßen, geben Plätze frei, umfassen sieben Gebäude, in denen die Kabakovs ihre faszinierende Privatmythologie der Sehnsucht nach alltagsenthobener, ungebundener Wahrnehmung entfalten und ihre utopieskeptische Rekonstruktion vornehmlich spiritualistischer Utopien inszenieren. Das Ergebnis ist von einer ebenso skurrilen wie heiter-gelassenen Poesie.

Im Zentrum der Stadt steht Le musée vide, die Erinnerung an ein klassisches Museum mit edelroten Wänden, Goldkante und Sofabänken in der Mitte des Saals. Dort wo die Spots ihre Lichtkegel an die Wände werfen hängen aber keine Bilder, eine Aufnahme von Bachs Passacaglia für Orgel erfüllt den Raum. Bilder wiederum finden sich außerhalb des inneren Stadtrings, in der chapelle blanche Erinnerungsfetzen an die Malerei des sozialistischen Realismus, in der chapelle sombre der Gegenentwurf, düstere Monumentalgemälde eines idiosynkratischen Realismus.

Zwischen Manas und Noosphäre

Neben dem Museum der Leere ist eine Rekonstruktion von Manas zu sehen, der utopischen Stadt im Königreich Shambhala, die als Abbild ihres himmlischen Pendants und mit ihren acht Bergen den Menschen den Aufstieg in ein transzendentes Dasein ermöglicht. Allerdings mussten dazu die Berge mit obskuren Vorrichtungen versehen werden.

Ich weiß nicht, ob auf dem Gelände von Manas oder dem der wundersamen Stadt, jedenfalls wurden, so dokumentieren die Kabakovs in einem weiteren Ausstellungsgebäude, 1989 während Ausschachtungsarbeiten in 14 Metern Tiefe Überreste einer Zivilisation aus dem 13. vorchristlichen Jahrhundert gefunden. Im Umfeld der freigelegten Anlagen wurde eine erhebliche Menge subtiler Energie gefunden, ganz offensichtlich war es den Wissenschaftlern dieser Zivilisation gelungen, mit der Noosphäre zu kommunizieren, der erdumspannenden Sphäre menschlicher Vernunft, die erst wieder Anfang des 20. nachchristlichen Jahrhunderts u.a. vom russischen Geochemiker Wladimir Iwanowitsch Wernadski neu endeckt wurde.

Einen Engel treffen

Die Begegnung mit einem Engel ist am wahrscheinlichsten in einer Höhe von 1.200 bis 1.400 Metern und zu Zeiten persönlicher Krisen, so haben die Kabakovs heraus gefunden und deshalb das Modell einer Engelsbegegnungsstätte aus Leitern konstruiert, die es Menschen erlaubt, auf die erforderliche Höhe zu steigen (Comment rencontrer un ange). Der Aufstieg könne allerdings bis zu zwei Tage in Anspruch nehmen. Andererseits sei man dort oben über den Wolken alleine dem Wind und Wetter ausgesetzt, was wiederum das krisenhafte Moment erzeuge, das die Engelsbegegnung erst begünstige.

Mehr erdverbundeneren Naturen wird eine Prozedur empfohlen, mit der man ein besserer Mensch werden kann, engelsgleich. Zunächst müsse man sich aus weißem Tüllstoff und Lederriemen zwei anschnallbare Flügel basteln (eine beispielhafte Apparatur ist ausgestellt). Alle zwei Stunden nun gelte es, das übliche Tagesgeschäft für jeweils fünf bis zehn Minuten zu unterbrechen, die Flügel anzuschnallen und in absoluter Untätigkeit zu verharren. Nach zwei bis drei Wochen täglicher Übung sollen sich die Auswirkungen der weißen Flügel immer deutlicher zeigen, so versprechen die Kabakovs, weisen allerdings darauf hin, dass diesen Übungen besser alleine im eigenen Zimmer nachzukommen sei, um unerwünschte Reaktionen von Seiten Dritter zu vermeiden.

Das das Geschäft der Engel alles andere als risikolos ist, zeigen dabei eine Reihe von großformatigen Zeichnungen, die abgestürzte Engel in städtischer Landschaft zeigen.

Von Dnepropetrowsk nach Paris

Ilja Kabakov, geboren 1933 im ukrainischen Dnepropetrowsk, zählte in der Sowjetunion zu den führenden Köpfen der regimekritischen Konzeptkunst. Umfangreiche Ausstellungen mit seinen Arbeiten sind aber erst seit dem Ende der UdSSR möglich. Seit 1992 lebt und arbeitet er zusammen mit seiner Frau Emilia auf Long Island. Die wurde 1945 ebenfalls in Dnepropetrowsk geboren, emigrierte 1973 nach Israel, lebt seit bald vierzig Jahren in den USA. Das Künstlerpaar zählt heute zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern, 2008 wurden beide mit dem Praemium Imperiale ausgezeichnet.

Die Ausstellung im Grand Palais war bereits für 2013 geplant, musste aber wg. Sparmaßnahmen auf dieses Frühjahr verlegt werden. Eine Broschüre zur Ausstellung ist vorort für zehn Euro zu haben (enthält aber im Wesentlichen nur Abbildungen von Entwürfen), das Erscheinen eines Katalogs ist für Mitte Juni angekündigt.

L’étrange cité. Ilja und Emilia Kabakov. Monumenta 2014. K: Jean-Hubert Martin, Olga Sviblova. Paris, Grand Palais. 10. Mai – 22. Juni 2014.