Magritte Museum in Brüssel eröffnet

Und es ist doch eine Pfeife

Seit dem 2. Juni 2009 hat das neue Magritte-Museum in Brüssel geöffnet und präsentiert in einer perfekt inszenierten Schau die weltweit größte Sammlung von Werken des weltweit größten belgischen Surrealisten. Unterdessen feiert das kleine, aber sehr sympathische Privatmuseum im ehemaligen Wohnhaus René Magrittes sein zehnjähriges Jubiläum.

Als die Belgier vor einigen Jahren in einer dieser allfälligen Fernsehshows aufgefordert wurden, über den Größten aller Belgier abzustimmen, wählten sie Magritte auf den neunten Platz; zumindest im frankophonen Teil des Landes („Les plus grands belges“), im flämischen reichte es immerhin für Platz Achtzehn („De grootste belg“). So viel Wertschätzung rechtfertigt, dass es nunmehr zwei Museen gibt, die ihm im Raum Brüssel gewidmet sind.

Musée Magritte in Brüssel, Außenansicht. Foto: jvf.An der nobelsten Ecke der belgischen und europäischen Hauptstadt, an der Place Royale, gleich hinter dem königlichen Schloss, hat man binnen acht Monaten Bauzeit in public private partnership das hübsche Hôtel Altenloh für den Personenkult hergerichtet. Angeschlossen an die Königlichen Museen der Schönen Künste stehen hier jetzt 2.500m² Fläche auf sechs Etagen bereit, um neben den Servicenotwendigkeiten des Museumsbetriebs eine Dauerschau von rund 250 Exponaten unterzubringen, die Leben und Werk des 1898 geborenen Malers dokumentieren.

Umtriebige Tauben

Der Gang durch die Ausstellung beginnt in der obersten Etage und ist im Wesentlichen chronologisch entlang Magrittes Biographie angelegt, mitunter durchbrochen von Themeninseln: „Magritte und die Photographie“, „Wörter und Bilder“ usw. Durchweg dunkle Räume sind das, kein Tageslicht, sicher um die Exponate zu schützen, sicher aber auch, um eine sehr wirksame Beleuchtungsregie zu ermöglichen. Außer einigen Tafeln zur Biographie gibt es keine Erklärtexte, man ist also besser Magritte-Experte oder vertraut sich zur Not dem Audioguide an oder gibt sich gleich ganz der unmittelbar zugänglichen Bildsprache dieser Malerei anheim.

An den Wänden sind Zitate des Meisters aufgetragen; eine kleine, mehrsprachige Broschüre hilft bei der Übersetzung. Die kann man aber auch weglassen, weil so überwältigend sind die Einsichten nicht, die er da formuliert hat. Auf Monitoren laufen Filme und zu Filmen montierte Photographien, hinter Glas belegen Dokumente, Briefe, Lichtbilder, Zeichnungen, Druckwerke die Umtriebigkeit der belgischen Surrealisten – an den gegenüberliegenden Wänden hängt die Malerei. Das sei die weltweit größte Magritte-Sammlung, versichern die Betreiber und sie ist aufwändig und sehr wirkungsvoll inszeniert (Winston Spriet zeichnet dafür verantwortlich).

Die perfekte Inszenierung wiederum passt zu Magritte. Ich muss zugeben, dass ich ein gewisses Misstrauen hege, gegen seine Kunst, die sich so rätselhaft gibt, aber deren an der Werbegrafik geschultes Vokabular sehr effektiver Bildbotschaften dem fragenden Blick gerade einmal einzwei Sekunden standzuhalten vermag, bevor es ihr tiefes Geheimnis offenbaren muss. Oder anders: Vieles ist schlichtweg Kitsch, etwa La magie noire (1945) oder auch Le retour (1940), dessen Hauptmotiv der wolkenhimmelbefüllten Taubensilhouette Magritte später der belgischen Fluggesellschaft Sabena als Werbemittel dienstbar machte. (Übrigens sind im Museum auch sehr hübsche Art Déco-Plakate zu sehen, mit denen er sich Mitte der zwanziger Jahre sein Brot verdiente).

Schlechter Sex

Mitunter aber kann man sich dann doch der Suggestivkraft dieser Bilder nicht entziehen (Le domain d’Arnheim, 1962 etwa, oder L’empire des lumières, in Brüssel sind zwei (1954 und 1961) der unzähligen Versionen des Motivs ausgestellt). Aber das ist ein bisschen wie schlechter Sex oder billiger Wein. Es ist ok für den Augenblick, hinterlässt aber nachher das schale Gefühl, irgendwie hereingelegt worden zu sein.

Julia Voss hat unlängst in Verteidigung Magrittes dieses Misstrauen als eine Sache des Alters deklariert und hat sich erinnert an die Kinderzimmer ihrer Jugend, die, so scheint es, mit Magritte-Postern gepflastert waren. Nun, zu meiner Zeit und in meinem Milieu hatte man Poster von Karl-Heinz Rummenigge, Queen und Abba an den Wänden – es war gewiss eine miese Zeit. Und an der Sache mit dem Alter kann ich nichts mehr ändern.

Seine Bildsprache jedenfalls, so macht diese Ausstellung sehr anschaulich, entwickelt Magritte bereits Ende der zwanziger Jahre (so um 1927 herum) und variiert sie bis zu seinem Tod 1967 routiniert: Das deplatzierende Arrangement von Ansichten der Alltagswelt, die Brechung der Wahrnehmungslogik durch das ausschnittweise Vertauschen von Vorder- und Hintergrund, paradoxe Licht- und Größenverhältnisse, Metamorphosen als Symbol der Uneindeutigkeit oder Nichtfeststellbarkeit der Welt, der Widerspruch von Text- und Bildelement als Schule der Differenz von Bild und Wirklichkeit („Das ist keine Pfeife“). So in etwa.

Das Schwein im Herrenanzug

Mitunter aber hat Magritte diese Bildsprache beiseite gelassen und das sorgt jetzt für die besten Augenblicke in diesem Museum. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren malt er gegen die Zeit in neoimpressionistischer Manière. „Surréalisme en plein soleil“ nannte er das. Vieles davon ist unerheblich, aber da gibt es das Schwein im Herrenanzug vor Friedhof mit Kriegerdenkmal samt Ehrenkranz, dem ich stundenlang ins Auge blicken könnte: La bonne fortune, 1945. Wilhelm Genazino hat vor einigen Jahren einen hübschen Essay über dieses Bild geschrieben, der Ende 2008 nochmal zusammen mit anderen Bildansichten Genazinos in einem feinen kleinen Broschurbändchen des Ulrich Keicher Verlags erschienen ist. Doch ich schweife ab.

Vom Papst der surrealistischen Kirche, André Breton, wegen dieser impressionistischen Verfehlungen exkommuniziert, greift Magritte 1948 zu anderen Mittel und malt als gezielte Provokation Grotesken mit comicartigen Stilelementen: die von im selbst so genannte „période vache“ (etwa „üble Phase“). Darunter ist die ganz wunderbar frische Improvisation: Titania, 1948. Die Brüsseler Museumsmacher trauen diesen Bildern – eine Auswahl war Ende 2008 in der Frankfurter Schirn zu sehen – leider nicht recht über den Weg und hängen sie etwas lieblos eng.

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Vielleicht zieht es einen Teil der erwarteten, jährlich über sechshunderttausend Museumsbesucher auch raus aus dem Brüsseler Stadtzentrum, nordwestlich in die Nachbargemeinde Jette, die gut mit der Metro zu erreichen ist. Dort, in der Rue Esseghem 135, ist seit zehn Jahren das kleine, sehr sympathische private Musée René Magritte geöffnet. In dem Haus hat René mit seiner Georgette vierundzwanzig Jahre gelebt (von 1930-1954), genauer in einer kleinen Erdgeschosswohnung: ein Wohn-, ein Schlafzimmer, die Küche musste als Atelier reichen: Alles stilvoll, aber ziemlich bescheiden das. Die fetten Jahre waren das nicht.

In den neunziger Jahren hat der Kunstsammler und Magritte-Enthusiast André Garitte das Haus und Gegenstände aus Magrittes Nachlass aufgekauft und beides liebevoll zu einem Museum zusammengeführt. Magrittes Staffelei steht wieder in seiner Küche, auf dem Bett der ausgestopfte Lieblingshund (nicht das Original, aber er hatte seinen Lieblinghund gleichfalls ausstopfen lassen), das gediegen kleinbürgerliche Inventar der Wohnung ist sorgsam rekonstruiert (und findet sich auf manchen von seiner Bildern wieder). Engagierte Kunststudentinnen geben für geringes Geld polyglott Einzelführungen. In den oberen Stockwerken sind einige Zeichnungen Magrittes (sehr hübsche Erotika darunter), einige Malerei und viele Dokumente, Briefe und Fotos zu einer kleinen Ausstellung gefügt.

Musée Magritte Museum. Brüssel, Place Royale / Musée René Magritte. Brüssel/Jette, Rue Esseghem 135.