John von Düffels „Martinus Luther“ im Theater Münster

„Ich bin der Deutschen Prophet“

Das Theater Münster zeigt die Uraufführung von John von Düffels Reformations-Biopic „Martinus Luther“: Kurzweiliges Theater und eine Denunziation des Reformators.

John von Düffel, Martinus Luther, Theater Münster. Daniel Rothaug © Oliver Berg, Theater MünsterJohn von Düffel, Martinus Luther, Theater Münster. Daniel Rothaug © Oliver Berg, Theater Münster.

Als erste Bühne in NRW nimmt jetzt das Theater Münster Anlauf zum großen Reformationsjubeljahr 2017. 500 Jahre ist es demnächst her, dass Luther seine „Propositiones wider das Ablas“ veröffentlichte und das Christentum rettete oder die Kirche spaltete oder den Glauben demokratisierte oder eine weitere Schaufel religiösen Fundamentalismus auftrug – ich weiß nicht was.

Jedenfalls hat John von Düffel, einer der produktivsten und meistgespielten deutschen Dramatiker der Gegenwart, Luthers Leben fürs Theater aufbereitet. Max Claessen bringt die Uraufführung über die Bühne des Kleinen Hauses in Münster: Martinus Luther. Anfang und Ende eines Mythos.

Luther, der Ketzer

Der Abend zerfällt in zwei Teile, sehr ungleiche Teile. Zunächst, vor der Pause, ein Stationendrama: Eine Stunde, zwanzig Minuten und elf Szenen lang aus dem Leben des jungen Luther, angefangen mit seinem Erweckungserlebnis im Gewitter bei Stotternheim bis hin zum Brief an Erzbischof Albrecht mit den 95 Thesen und dem legendären Anschlag an den Kirchentüren zu Wittenberg.

Die Bühne (eingerichtet von Mirjam Benkner) ist dafür weitgehend leer geräumt, eine kahle Baumruine in der Mitte, sonst nur viel Bühnennebel und Weihrauchrauch. Im Bühnenhintergrund ist ein Chor aufgestellt, der mit Liedern aus dem Evangelischen Gesangbuch die Szenenwechsel markiert: Ein feste Burg ist unser Gott, Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer, die Internationale. Aber es geht natürlich nicht um einen Kirchenliederabend.

John von Düffel, Martinus Luther, Theater Münster. Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug, Chor © Oliver Berg, Theater MünsterJohn von Düffel, Martinus Luther, Theater Münster. Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug, Chor © Oliver Berg, Theater Münster.

Der junge Luther ringt mit sich, arbeitet sich vor allem ab an väterlichen Autoritäten, dem Vater Hans, dem Beichtvater und Förderer Staupitz, dem heiligen Vater. John von Düffel lässt seinen Luther stellenweise nach Briefen und Schriften des Reformators in nur wenig modernisiertem Frühneuhochdeutsch sprechen. Daniel Rothaug, der den jungen Martin spielt, überbrückt die Sprachdistanz bewundernswert und wir glauben ihm in jedem Moment die Ernsthaftigheit, die Selbstzweifel und die Energie des jungen Ketzers.

Dass dieser erste Teil des Abends so kurzweilig ist, liegt aber noch mehr an Ulrike Knobloch, die, wie sagt man?, die dankbaren Rollen des Teufels, der Frau, des Papstes, des Ablasshändlers Tetzel beherzt ausspielt und dem jungen Martinus einige „pollutiones“ und „tentationes“ zu beichten gibt.

Luther, der Hassprediger

Ganz anders nach der Pause, ein Kammerspiel, die Bühne ist durch einen Aufbau verkleinert zum Speisezimmer: Der alte Luther (bärbeißig von Gerhard Mohr vorgestellt), der Hassprediger in seinen letzten Stunden. Zu Gast beim Tischgespräch ist ein Student, der drei Fehler hat, seine Mutter ist Papistin, der Vater konvertierter Jude und er selbst ist hinter Margarete her, der jüngsten und einzig überlebenden Tochter Luthers. Der wiederum mümmelt halbe Hähnchen und Dosenbier in sich hinein und führt große Reden („Ich bin der Deutschen Prophet“), rüpelt krachledernd, hetzt gegen die Sau, den Papst, und er hetzt gegen die Juden.

John von Düffel, Martinus Luther, Theater Münster. Gerhard Mohr, Daniel Rothaug © Oliver Berg, Theater MünsterJohn von Düffel, Martinus Luther, Theater Münster. Gerhard Mohr, Daniel Rothaug © Oliver Berg, Theater Münster.

Die Darstellung Luthers als Hassprediger ist natürlich historisch richtig. Aus Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ wird angemessen zitiert, das mit dem „treuen Rat“, dass man am besten „ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke“ und dass „man ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre“ und „man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun“ möge „wie die Zigeuner, auf dass sie wissen, sie seien nicht Herren in unserm Lande“.

Trotzdem, es ist etwas leichthin Denunziatorisches an diesem zweiten Teil des Abends, nicht weil Lutherdemontage zum Auftakt des Jubeljahres nicht angebracht wäre, sondern weil nicht wirklich entwickelt wird, wie aus dem jungen Idealisten, der gegen Vaterfiguren rebelliert und doch so sehr von ihnen anerkannt werden möchte, ein Hassprediger wird. Und darum würde es doch wesentlich heute gehen: Wie und warum wird man zum Hassprediger?

Ganz am Ende hängt sich der sterbende Luther in ein Gegurt, bereit zur Apotheose oder auch nur zur Kreuzigung. Daraus wird nicht viel: Um den Hals hängt ihm ein Schild, darauf das apokryphe „Warum rülpset und furzet ihr nicht?“. Es bleibt wirklich nicht viel übrig von einem, der zum Mythos wird.

Das Premierenpublikum im nahezu voll besetzten Kleinen Haus im überwiegend papistischen Münster ist es allerdings sehr zufrieden und feiert die Uraufführung mit jubelndem Applaus.

John von Düffel: Martinus Luther. Anfang und Ende eines Mythos. R: Max Claessen. D: Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr, Daniel Rothaug. Theater Münster, Kleines Haus. UA: 25. September 2016. 2¼h m. 1 P.