Gillian Wearing — Ausstellung im Düsseldorfer K20

„I’m desperate“

Die Kunstsammlung NRW zeigt im K20 am Düsseldorfer Grabbeplatz in einer sehr sehenswerten Ausstellung noch bis 6. Januar 2013 rund vierzig Arbeiten und Serien der englischen Konzeptkünstlerin Gillian Wearing.

Gillian Wearing, Signs that say what you want them to say and not Signs that say what someone else wants you to say, I’M DESPERATE, 1992-93. Rechte: © the artist, courtesy Maureen Paley, London, 2012  © Kunstsammlung NRW.Der Mittdreißiger im banker’s suit hält ein Schild, „I’m desperate“ sagt das, der Freak im Einkaufszentrum hat auf seins geschrieben: „I have been certified as mildly insane!“, der Polizist offeriert „Help“, das Mädchen, skeptisch lächelnd, „I hate this world!“. Mit ihren rund 600 Fotos der Serie Signs that say what you want them to say and not Signs that say what someone else wants you to say (1992-93) ist Gillian Wearing Anfang der 90er Jahre berühmt geworden.

Achtundvierzig dieser kleinformatigen Bilder zeigt das K20 eingangs einer Ausstellung, die Arbeiten aus den letzten zwanzig Jahren der 1963 in Birmingham geborenen Künstlerin sehr spannend inszeniert. Es ist die erste umfassende Einzelausstellung von Werken Wearings in Deutschland. Sie ist — weiß Wikipedia — Officer of the Most Excellent Order of the British Empire und wurde 1997 mit dem wichtigsten britischen Preis für Gegenwartskunst, dem Turner Prize, ausgezeichnet.

Identität und Rolle

Vor zwanzig Jahren also hat sie Menschen in London aufgefordert, sie mögen ein Blatt Papier mit einem persönlichen Statement beschreiben und sich damit von ihr photographieren lassen. Die Kongruenz und Inkongruenz von Selbstaussprache und Erscheinung, von Fremd- und Selbstbild, von Identität und Rolle ist seither eines der wesentlichen Themen ihrer Arbeit.

In 10 — 16 etwa nimmt Wearing die Tonspur von sieben Kindern und Jugendlichen, die über sich und ihr Leben erzählen, und lässt sieben Schauspieler mittleren Alters als Stellvertreter die Rede ausagieren (Video, 15 min, 1997), sehr faszinierend und lustig.

Personae

Gillian Wearing, Trauma, 2000. Rechte: © the artist, courtesy Maureen Paley, London, 2012. Foto: © Kunstsammlung NRW.Seit Mitte der 90er Jahre arbeitet Wearing mit Masken. In Confess All On Video. Don’t Worry, You Will Be In Disguise. Intrigued? Call Gillian (Video, 30 min, 1994), Trauma (Video, 30 min, 2000) und Secrets and Lies (Video, 59 min, 2009) lässt sie jeweils acht bis zehn Menschen oder Darsteller, wer weiß, anonymisiert durch mehr oder minder groteske Masken, im Brustbild vor neutralem Hintergrund gefilmt, erzählen von ihren Traumata, ihren Obsessionen, ihren Geheimnissen.

Gillian Wearing, Self Portrait at 17 Years Old, 2003. Rechte: © the artist, courtesy Maureen Paley, London, 2012.Völlig anders und auch ganz ähnlich: Ihre photographischen Selbst­portraits. Hier sind die Masken, nach Fotovorlagen mit Unterstützung der Experten von Madame Tussauds aus Silikon gefertigt, Material für eine Art Familienaufstellung: In den Selbstportraits als Mutter, Vater, Schwester, Bruder, Onkel und als sie selbst — zu verschiedenen Zeiten, als Kind, als Jugendliche und heute — lassen nur die in den Masken freigestellten Augen der Künstlerin wissen, dass dies Selbstinszenierungen Wearings sind (Album, 2000-2006) — so wie auch bei jenen Selbstportraits, bei denen sie den Körper von, für sie maßgebenden Künstlern zu okkupieren scheint: Arbus, Mapplethorpe, Warhol, Sander, Cahun (2008-2012).

Die Unendlichkeit des Augenblicks

Gillian Wearing, Sixty Minute Silence, 1996. Rechte: © the artist, courtesy Maureen Paley, London, 2012  © Kunstsammlung NRW.

Die Rolle, die das Medium bei der Konstitution seines Objekts spielt, thematisieren Videoarbeiten, die photographische Settings simulieren und zugleich unterwandern. In dem ganz wunderbaren Sixty Minute Silence (Video, 60 min, 1996) stellt Wearing 26 Polizisten oder Polizistendarsteller in drei Reihen auf, in der Ordnung eines klassischen Gruppenfotos. Sechzig Minuten lang stehen sie da, schweigend, von einem Bein aufs andre tretend, oder gelassen und gelangweilt, bewegungslos dasitzend, das Taschentuch vollrotzend, irgendwann genervt von so viel Stille und Stillstand.

Das jüngste Werk der Ausstellung, Crowd (Video, 15 min, 2012), ein lebendiges Stillleben aus Gräsern und Farnen und Insekten, mag man als Einübung in die Kunst der geduldigen und aufmerksamen Betrachtung nehmen oder als Meditation über die Ausdehnung des Augenblicks oder als Lehrstück, das über das Verhältnis von Photographie und Film unterrichtet. Gleichviel, es ist wie viele der Werke Wearings, ein faszinierendes Stück nicht still gestellter Kunst.

Stationen, Katalog

Die Ausstellung, für die man einige Zeit mitbringen sollte, war im Frühjahr bereits in der Londoner Whitechapel Gallery zu sehen und wird im nächsten Jahr (1. März — 9. Juni 2013) in der Pinakothek der Moderne in München gastieren (wo leider — aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen — u.a. Sixty Minute Silence fehlen wird, so entnehme ich dem Katalog).

Der Katalog zur Ausstellung ist bei Walther König erschienen, umfasst 252 Seiten, kostet in der Museumsausgabe 29,80€, enthält vier Essays, die ganz ok sind, taugliche Abbildungen, etwas wenig Informationen zu neueren Werken Wearings und lässt wie immer die Frage offen, warum bei einer Ausstellung mit Videokunst keine entsprechende DVD beigefügt ist — ichweißja: youtube.

Gillian Wearing. K: Daniel F. Herrmann / Doris Krystof. Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K 20. 8. September — 6. Januar 2013.

[Die Rechte an den abgebildeten Werken und ihrer photographischen Wiedergabe liegen bei Gillian Wearing und ihrer Galerie Maureen Paley, London, sowie bei der Kunstsammlung NRW.]