Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ am Theater Hagen

„O, die Geige läßt nicht Jonny, no!“

Generalmusikdirektor Florian Ludwig und Regisseur Roman Hovenbitzer bringen Ernst Kreneks Erfolgsoper der späten 1920er Jahre, „Jonny spielt auf“, als kurzweilige Revue über die Bühne des Theater Hagen.

Hans-Georg Priese (Max), Edith Haller (Anita). Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Klaus Lefebvre. Rechte: Lefebvre/Theater HagenHans-Georg Priese (Max), Edith Haller (Anita). Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Klaus Lefebvre. Rechte: Lefebvre/Theater Hagen.

Ein Gebirge aus weißen Partiturbündeln gehäuft, dahinter erhebt sich der Gletscher, der irgend­wie an ein gigantisches Kopfkissen erinnert (Bühne: Jan Bammes). Darauf sucht Komponist Max (Hans-Georg Priese) Ruhe, Beständigkeit, Festigkeit – und findet immerhin die Opernsängerin Anita (als Gaststar in Hagen: Edith Haller). Man verliebt sich, also Max in Anita und ich in die Haller.

Die Welt, vor der Max flüchten will („Dieses Getümmel eures Lebens ist mir fremd“), kommt aus dem Westen, aus Amerika, in Gestalt des titelgebenden Jazzmusikers Jonny (Kenneth Mattice):

So spielt uns Jonny auf zum Tanz.
Es kommt die neue Welt
übers Meer gefahren mit Glanz
und erbt das alte Europa durch den Tanz!

Geigenhaltige Räuberpistole

Ein Künstlerdrama und eine Eifersuchts­komödie und eine ziemliche Räuberpistole ist das Stück, das der junge Ernst Krenek Mitte der 1920er Jahre schreibt und das nach seiner Uraufführung, Anfang 1927 in Leipzig, an rund 100 euro­päischen Häusern in den Spielplan aufgenommen wird. Es ist die erfolgreichste neue Oper an den Musik­theatern der Weimarer Republik.

Kenneth Mattice (Jonny). Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Inka Vogel. Rechte: Vogel/Theater HagenKenneth Mattice (Jonny). Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Inka Vogel. Rechte: Vogel/Theater Hagen.

Kreneks Libretto will es, dass Anita bei einem Gastspiel in Paris eine Nacht lang mit dem Violinvirtuosen Daniello tindert (Andrew Finden), nachdem sie beinahe Jonny verfallen wäre. Der allerdings hält es eher mit dem Stubenmädchen Yvonne (sehr witzig: Maria Klier), ist aber vor allem interessiert an der wertvollen Amati-Geige des Virtuosen und klaut sie und schiebt sie dem Gepäck Anitas unter.

In einer nicht näher bezeichneten „mittel­europäischen Großstadt“ trifft das Personal wieder aufeinander. Jonny will die Geige endgültig an sich bringen („I most have die Geige wieder“), Anita will zurück zu „Gletscher­mensch“ Max, Yvonne ist jetzt die Zofe Anitas, Daniello will sich an Anita rächen, weil sie zu Max zurück will – und er sucht seine Amati („Die Sache mit der Geige hat mich doch sehr angegriffen.“). Am Bahn­hof kommt es zum Showdown. Daniello stürzt vor einen Zug, Max flüchtet in einen Zug nach Amerika, Anita ist verblüfft („Ah –!“) – in Hagen gibt’s aber happy end – und Jonny triumphiert mit der Geige.

Neoromantik und Jazz

Zum Erfolg der Oper vor knapp 90 Jahren trägt wesentlich bei, dass sie als erste „Jazzoper“ annonciert wird, eine „unglückselige Bezeichnung“ sagt Krenek später. Seine Partitur arbeitet mit der sehr pointierten Konfrontation von überwiegend neoromantisch geprägter Musik mit jazzartigen Elementen (das, was Krenek zu dieser Zeit als Jazz kennt, das ist nicht viel). Das Philharmonische Orchester Hagen unter Leitung von Florian Ludwig spielt das sehr engagiert in recht kleiner Besetzung und nur manchmal für meinen Geschmack nicht akzentuiert genug.

Da, wo Kreneks Musik auf der 2½-stündigen Strecke ein wenig Spannung verliert, hilft das, von Roman Hovenbitzer verantwortete Bühnen­spektakel weiter, das ganz im Sinne Kreneks ist. Der arbeitet zur Zeit der Abfassung von Jonny als Direktions­assistent und Dramaturg an den Opernhäusern in Kassel und Wiesbaden und hat sehr genaue Vorstellungen von der Inszenierung.

Das Libretto beinhaltet außer­gewöhnlich genaue Regieanweisungen, die bühnen­technischen Möglichkeiten sollen ausgereizt werden. Oper sei ja nun mal keine Symphonie mit kostümierten Sängern, so Krenek. Hovenbitzer entfernt sich da, wo es peinlich werden würde, von diesen Vorgaben, verschiebt zudem einige Szenen in revueartige Aufbauten. Wenn gar nichts mehr hilft, fügt er ein hübsches, burlesk-pantomimisches Tänzerinnentrio hinzu.

Ensemble (Chor, Solisten, Tänzerinnen), vorne Kenneth Mattice (Jonny). Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Klaus Lefebvre. Rechte: Lefebvre/Theater HagenEnsemble (Chor, Solisten, Tänzerinnen), vorne Kenneth Mattice (Jonny). Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Klaus Lefebvre. Rechte: Lefebvre/Theater Hagen.

In einer Hinsicht allerdings greift die Hagener Inszenierung recht gründlich in die Vorlage ein: In Kreneks Libretto ist Jonny „der Neger Jonny“, eine reichlich rassis­tische Karikatur, in den 1920ern meist von einem blackfaced Sänger vorgestellt. Hovenbitzer umschifft mit einiger Nonchalance das Problem, das Kreneks Rassismus für heutige Einrichtungen stellt, indem er Jonny zu einem Weißen macht, was ansonsten aber nur marginale Eingriffe in die Textvorlage verlangt. Kann man machen, aber man vergibt damit auch die Möglichkeit, die Inszenierung mit Gegenwärtigkeit aufzuladen.

Kritik und Verfolgung

Seinerzeit (1927/28) lassen – ungeachtet des Erfolgs der Oper oder gerade deswegen – Kritiker und vor allem Komponistenkollegen sowohl der modernistischen Linken wie der traditionalistischen Rechten kein gutes Haar an Kreneks Jonny.

Hanns Eisler schreibt in der Roten Fahne anlässlich der Berliner Erstaufführung, „ein im Grunde wirklich verfehltes Opernbuch“ sei das, ein „breiiges, kleinbürgerliches Stück“, „nichts, was uns interessiert und fesselt“. Auch im Hinblick auf die Musik habe der „sonst begabte Křenek“ hier „vollkommen versagt“: Ein „paar recht hübsche Stellen“ macht Eisler aus, das sei „aber zu wenig für ein 2½stündiges Leerlaufen“.

In der Wiener Neuen Freien Presse hetzt der Kritiker und Komponist (und Vater von Erich Wolfgang Korngold) Julius Korngold mit einigem Schaum vorm Mund über die Wiener Erstaufführung zu Silvester 1927. Aus der Sicht eines „deutschen Kunst­gefühls“, das von den „Phrasen der ’neuen Musik’“ unverseucht geblieben sei, beklagt er, dass jetzt der „Jazz-Nigger“ ins Wiener Operntheater eingezogen sei. Die Handlung sei „dilettantisch, platt und unsauber“, kaum eine „schlechte Operette“. „Noch schwächer begabt als für dramatische Charakteristik“ sei der Komponist allerdings „für das Melodische“ und die Instrumentierung sei nur: „Kakophones Gewürz und Jazzgegröhle“. Keineswegs lasse sich „der Jazz, die Niggersongs, die Niggertänze“ als „musi­kalischer Zeitausdruck“ verteidigen usw.

Korngold ist mit seinen Ausfällen nicht weit weg von den Hasstiraden der Nazis, vor denen er einige Jahre später ins Exil in die USA flüchten muss, wo sein Sohn schon vorher Zuflucht gesucht hat. Die nationalsozialistischen Kulturfreunde jedenfalls machen Front gegen die „freche jüdisch-negerische Besudelung“, organisieren Demonstrationen, stören Aufführungen mit Lärm, Stinkbomben und Knallfröschen. Es gibt Morddrohungen gegen Sänger, aus Kassel wird von Sabotage an der Bühnen­mechanik berichtet.

Nach der „Machtübernahme“ werden die Aufführungen der Oper abgesetzt, 1935 folgt das offizielle Verbot. Und als der NS-Kulturfunktionär Ziegler 1938 die Propaganda­ausstellung „Entartete Musik“ organisiert, spielt das Motiv der Ausstellungs­plakate auf das Titelbild des Klavierausszugs von Jonny an. Krenek emigriert im gleichen Jahr in die USA, wo er bis 1991 lebt.

Jonny heute

Heute gehört Jonny spielt auf zu den wenigen deutschsprachigen Opern der Zwischen­kriegszeit, die überhaupt noch auf die Bühne gestellt werden. Zuletzt in NRW zum Beispiel 2002 in Wuppertal und 2005 in Köln. Dass man das gut machen kann, zeigt die kurzweilige Bühnenshow in Hagen. Das Premierenpublikum im nicht ganz ausverkauften Theater Hagen jedenfalls gibt einen sehr freundlichen Applaus und lässt sich sogar zu einigen schüchternen Bravos hinreißen.

Nathalie Gehrmann (Tänzerin), Alma Edelstein Feinsilber (Tänzerin), Kenneth Mattice (Jonny), Julia Karnysh (Tänzerin), Chor des theaterhagen. Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Klaus Lefebvre. Rechte: Lefebvre/Theater HagenNathalie Gehrmann (Tänzerin), Alma Edelstein Feinsilber (Tänzerin), Kenneth Mattice (Jonny), Julia Karnysh (Tänzerin), Chor des theaterhagen. Jonny spielt auf, Theater Hagen. Foto: Klaus Lefebvre. Rechte: Lefebvre/Theater Hagen.

Ernst Krenek: Jonny spielt auf. R: Roman Hovenbitzer, ML: Florian Ludwig. D: Hans-Georg Priese, Mathias Schulz, Edith Haller, Kenneth Mattice, Andrew Finden, Maria Klier u.a. Theater Hagen. P: 16. Januar 2016, 2¾ h m. 1 P.