Die spannendste Ausstellung des Jahres 2012

Grecos Mission auf Zeche Gentileschi in Kassel

Nina Gorgus fragt im Blog des Historischen Museums Frankfurt nach der spannendsten Ausstellung des Jahres 2012. Ganz klar, die documenta (13) in Kassel. Und sonst? Und was macht eigentlich eine Ausstellung spannend?

Das inhaltliche Konzept, die Qualität der Exponate, ihre Inszenierung, die Location, die Relevanz der Inhalte jenseits eines nur antiquarischen Interesses am Ausgestellten? Sind das die Dinge, die eine spannende Ausstellung ausmachen? Oder ist es am Ende die Aufgeräumtheit und Aufmerksamkeit des Besuchers, weil Spannung ja zwischen dem Ausgestellten und dem Anschauenden (im Idealfall: dem Mitmachenden) entsteht und nicht einfach von den Kuratoren geliefert werden kann?

Platz, Ort und Raum

Ich fange mal mit etwas scheinbar Äußerlichem an: dem Platz. Es braucht einfach Platz, damit sich ein Exponat entfalten kann und nicht gleich vom Ding nebenan erschlagen wird. Und es braucht Platz, damit sich der Besucher zwischen den Exponaten bewegen kann, unterschiedliche Blickwinkel einnehmen kann — ohne dem Besucher nebenan gleich auf die Füße zu treten. Das klingt trivial, aber ich sehe viele Ausstellungen (gerade „Großausstellungen“), die genau daran mißlingen, dass die Räume zu eng gestellt werden und Ding auf Ding gehäuft oder gehängt wird. Ein ganz schlimmes Beispiel aus 2012: „Der frühe Dürer“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.

In der Platzfrage haben natürlich nicht-museale Ausstellungen einen unschätzbaren Heim- oder eigentlich Auswärtsvorteil: Wenn man sich wie die Manifesta 9 eine, zudem noch sehr coole Location (die Zeche Waterschei in Genk) wählen kann, hilft das naturgemäß ganz ungemein. Erst recht, wenn man wie die documenta (13) gleich eine ganze Stadt bespielen kann — und sei es eben nur Kassel.

Der Platz allein wird es aber nicht sein: eine spannende Ausstellung darf sich auch mal auf ihren Ort einlassen oder sich den Raum, den das Ausstellungskonzept braucht, selber schaffen. Die Manifesta hat das über eine thematische Beschränkung gemacht (Kunst, Kohle und Arbeit), die documenta gleich auf mehreren Ebenen: durch die Bezugnahme auf die Geschichte Kassels und der documenta, durch Einzelexponate, die sich auf ihren jeweiligen Ausstellungsort einlassen und schließlich durch ein sehr clever und feinsinnig angelegtes Netz von motivischen Bezügen, thematischen Verschränkungen und Widersprüchen, das sich von der Engführung in der Rotunde des Fridericianums („The Brain“) über die mehr als dreißig Standorte im Kasseler Stadtraum erstreckt hat.

Auffällig und lehrreich in Sachen Raumgestaltung war die Rekonstruktion der Sonderbundausstellung von 1912 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum: 1912. Mission Moderne. Nun Kunststück: Die Rekonstruktion des Ausstellungsdesigns von 1912 war ja auch ein Gegenstand der Ausstellung.

Die Qualität der Exponate

Das beste Raumkonzept und das findigste Ausstellungsdesign wird nichts bringen, wenn die Exponate nichts taugen. In Sachen Qualität der Exponate kann man aber über das Ausstellungsjahr 2012 nun gewiss nicht meckern. Was da zu sehen war u.a. in Köln (1912. Mission Moderne), Düsseldorf (El Greco und die Moderne), Frankfurt (Schwarze Romantik) und natürlich in Berlin mit der Geburtstagsretrospektive auf Gerhard Richters Werk, das war schlicht berückend. Und wenn der Blick über den deutschen Tellerrand erlaubt ist: In Paris war die ganz wunderbare Malerei Artemisa Gentileschis im Musée Maillol zu bewundern.

Auch hier aber geht der Lorbeer nach Kassel: Ich kann mich an keine Ausstellung von Gegenwartskunst in den letzten Jahren erinnern, die eine solche Dichte an hochwertiger Gegenwartskunst zusammen getragen hätte, wie die documenta 2012: allen voran die Arbeiten von William Kentridge und Adrián Villar Rojas, aber auch die Kunst von Thomas Bayrle, Wael Shawky, Janet Cardiff und George Bures Miller, Moon Kyungwon und Jeon Joonho, um nur einige zu nennen.

Das Konzept und die Relevanz

Das spannendste Konzept in 2012 lag wohl der Ausstellung „El Greco und die Moderne“ im Düsseldorfer museum kunst palast zu Grunde: Die Konfrontation von El Grecos Meisterwerken mit der Kunst der Moderne, die sich vom Alten Meister inspiriert sah. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob dieses Konzept zur Gänze aufgegangen ist, mir fiel es jedenfalls schwer, durchgängig nachvollziehbare Bezüge auszumachen.

Das weiteste Konzept, versehen mit der Behauptung, ein Konzept gebe es eigentlich gar nicht, war wiederum in Kassel zu finden. Diese Konzeptlosigkeit war natürlich ein Schwindel: einen an der Romantik geschulten, entgrenzten Kunstbegriff in der Kunst der Gegenwart aufzusuchen, das ist Konzept genug.

Was passieren kann, wenn man eine eigentlich großartige Konzeptidee von hoher Relevanz nicht stringent umsetzten kann, ließ sich leider — und ich führe das Beispiel nur sehr ungern an — in der geschätzten Ausstellungsstadt Frankfurt in der ebenso geschätzten Kunsthalle Schirn beobachten: „Privat“. Eigentlich gäbe es kaum etwas so gegenwartsrelevantes wie die Auflösung (oder besser: Neufassung) der Grenzen von Intimität, Privatheit und Öffentlichkeit. Aber dann muss man diese Begrifflichkeiten auch präzise fassen, mit einer historischen Dimension versehen und an qualitätiv hochwertigen Arbeiten der Gegenwartskunst entwickeln. Aber — lassen wir das.

Der aufgeräumte Besucher

Vielleicht war ich in der Schirn auch nicht aufgeräumt, nicht aufmerksam genug. Der letzte Punkt. Carolyn Christof-Bakargiev hat im Vorfeld der documenta geschrieben:

Niemals existiert an einem gegebenen Ort zu einer gegebenen Zeit nur ein homogenes Publikum. Es gibt vielfältige Publikumsgruppen: die kultivierten und mit der sogenannten „hohen Kunst“ vertrauten Besucher, diejenigen, die als Flaneure zufällig den Weg in die Ausstellung finden, diejenigen, die die Kunst als den letzten Freiraum für Aktivismus erachten, die lokale Kunstwelt, die internationale, globale oder transnationale Kunst-„Sippe“, die zahlreichen Kunstwelten, die nur auf indirektem Wege von der Ausstellung erfahren, diejenigen, denen Kunst verdächtig ist, Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften und mit verschiedenem kulturellen Hintergrund, Menschen mit völlig unterschiedlichen Qualitätsbegriffen.

So gesehen, kann man Ausstellungsmacher nicht um ihrem Job beneiden. Und es gibt wohl nicht viel, was man als Kurator gegen unaufgeräumte Besucher machen kann, die sich nicht offen und neugierig einer Ausstellung nähern — außer in großzügig und gegenstandsadäquat gestalteten Räumlichkeiten, in denen hochwertige Exponate nach einem stringent umgesetzten Konzept präsentiert werden, Inhalte möglichst anschaulich erfahrbar zu machen. Oder doch: Was für aufgeräumte Besucher sorgt, ist eine freundliche, offene Atmosphäre (Berlin nehme ich da mal aus, wo ein angemessen grummelnder „Museumswächter“ zur Folklore gehört) — und: wochentägliche Öffnungszeiten von 10-17 Uhr sind für Menschen, die nicht hauptberuflich Ausstellungen besuchen, ein Unding.