Dennis Kellys „Die Opferung von Gorge Mastromas“ am Schauspiel Essen

„Erstens: Wenn du etwas willst – nimm es dir.“

Thomas Ladwig richtet in der Casa des Schauspiels Essen Dennis Kellys neues Stück „Die Opferung von Gorge Mastromas“ als rheinische Erstaufführung ein und macht aus dem etwas unterkomplexen Stück einen kurzweiligen Abend der Denunziation.

Dennis Kelly, Die Opferung von Gorge Mastromas, Daniel Christensen. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbHDennis Kelly, Die Opferung von Gorge Mastromas, Daniel Christensen. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbH.

Eine Kuriositätenschau, auf einem Jahrmarkt vielleicht, auf dem schwarzgrauen Schmuddelvorhang steht in tanzenden Buchstaben zu lesen, welche Monstrosität hier ausgestellt wird: Gorge Mastromas, sein Leben ist die Sensation.

Ein etwas schmieriger Conférencier (ganz großartig: Daniel Christensen) im geschmacklos grün karierten Anzug, weißgeschminkt, mit Goldflitter in den Taschen, erzählt vom Leben des Monsters: Empfangen in einem etwas lieblosen Akt, geboren am 31. Mai 1973, aufgewachsen, nichts besonderes, immer im oberen Drittel der unteren Hälfte, nicht besonders gut oder schlecht, Mittelmaß, was heißt das schon. Und Gorge tut eigentlich immer das Rechte, auch wenn es ihm schadet: „Güte oder Feigheit?“. Die deutsche Übersetzung von Kellys Stück macht aus „goodness“ „Güte“, das trifft es nicht wirklich, vielleicht: Tugend oder Feigheit, nein zu altbacken, besser: Moral oder Feigheit?

Gefickt von der unsichtbaren Hand des Marktes

Dennis Kelly, Die Opferung von Gorge Mastromas, Janina Sachau und Stefan Diekmann. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbHDennis Kelly, Die Opferung von Gorge Mastromas, Janina Sachau und Stefan Diekmann. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbH.Dann die Wende, der Conférencier unterbricht jetzt und später für vier Schlüsselszenen aus Mastromas‘ Leben die Erzählung: Als junger Aushilfs-Assi wird er von einer falschen Blonden, einer Heuschrecken-Sirene, in das Geheimnis des Erfolgs eingeweiht:

Das Leben ist nicht fair, es ist nicht nett, es ist nicht gerecht. Die meisten Menschen glauben das nicht, sie glauben an Gott oder ihren Vater oder an Marx oder an die unsichtbare Hand des Marktes oder an die Ehrlichkeit oder an die Moral. Sie treiben durchs Leben, mit geschlossenen Augen, sie tragen es mit Fassung und werden gefickt.

Und dann sind da die Anderen, eine kleine Handvoll Leute:

Ein verschwindend kleiner Teil der Menschen, die um die wahre Natur des Lebens wissen. Und diesen Menschen gehört die Welt. Sie sind reich und mächtig und haben alles, weil sie alles tun würden. Der Rest der Welt ist für sie nur Fleisch, Vieh, Tiere, die man herdet und manchmal jagt.

Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen sieht Gorge unmittelbar ein, dass Moral und Feigheit ein und dasselbe sind, ändert sich und sein Leben, wird zu einem der 1% und mobilisiert dabei ebenso radikal wie skrupellos die Macht, die ein taktisches Verhältnis zur Warhaftigkeit bereit stellt. Die Goldenen Regeln, denen er folgt:

Erstens: Wenn du etwas willst – nimm es dir.
Zweitens: Um dir alles zu nehmen, was du willst, brauchst du nichts weiter als absoluten Willen und die Fähigkeit, aus tiefstem Hevrzen zu lügen.
Drittens: Die Wirksamkeit einer Lüge wird nur beeinträchtigt, wenn dir das Ergebnis wichtig ist. Denke deshalb nie an das Ergebnis, rechne immer damit aufzufliegen, nimm jede Sekunde an, als wäre es deine letzte. Und bereue nichts, niemals, nie.

Gegen die Ideologie des alternativlosen Hinnehmens

Dennis Kelly, Die Opferung von Gorge Mastromas, Stefan Diekmann. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbHDennis Kelly, Die Opferung von Gorge Mastromas, Stefan Diekmann. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbHDennis Kelly, Jahrgang 1968, kommt aus London, ist seit 2003 als Dramatiker, Musical- und Drehbuchautor erfolgreich und ist auch auf deutschen Bühnen gut vertreten. Die Opferung von Gorge Mastromas wurde 2012 in einer Kooperation des Schauspiel Frankfurt mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt, wird im nächsten Jahr auch in Bonn inszeniert und wurde erst im September 2013 das erste Mal in England gezeigt, am Royal Court Theatre in London, dort allerdings von der Kritik eher zurückhaltend aufgenommen: Nichtssagend findet die, nun ja, Financial Times The Ritual Slaughter of Gorge Mastromas, und der Telegraph war froh als der Abend vorüber war.

Papperlapapp. Ja, das Stück ist, sagen wir mal, ein bisschen unterkomplex, und es vermittelt keine neuen Einsichten in das Denken und Handeln der Funktionseliten, die neuerdings so kaltschnäuzig wie – meine Einschätzung: seit den Zeiten des Feudalismus nicht mehr agieren. Andererseits, die „rituelle Schlachtung“ des Gorge Mastromas wird in der Essener Inszenierung recht kurzweilig und die Denunziation des Helden, des Monsters, im Setting einer Kuriositätenschau sehr plausibel eingerichtet. Und: es braucht heuer Stücke, die gegen die hegemoniale Ideologie des alternativlosen Hinnehmens Position beziehen.

Das Premierenpublikum in Essen reagiert recht freundlich, aber nicht gerade enthusiastisch.

Dennis Kelly: Die Opferung von Gorge Mastromas. R: Thomas Ladwig. D: Stefan Diekmann, Daniel Christensen, Janina Sachau, Sven Seeburg. Essen, Casa. P: 29. September 2013. 2h o.P.