Die Nation und die Giardini – Biennale Venedig 2013

Auf der 55. Kunstbiennale tauschen Deutschland und Frankreich den Pavillon, lässt Alfredo Jaar die Biennale absaufen, liegt Paris an der chinesischen Ostküste, ist einem Froschgott zu huldigen und gibt es Streit unter Argentiniern.

Giardini, 55. Internationale Kunstausstellung - La Biennale di Venezia, 2013. Foto: jvfGiardini, 55. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2013. Foto: jvf.

Zentral kuratierte Ausstellungen – wie die diesjährige Schau unter dem Label des Enzyklopädischen Palastes – gibt es auf der Biennale erst seit 1993, seit 1998 regelmäßig. Das Kernstück machen aber weiterhin die, nach Art einer Welt­ausstellung national oder multinational organisierten Beiträge in den Pavillons der venezianischen Gärten (Giardini), in der historischen Schiffswerft und Lagerhallen (Arsenale) und an heuer 36 weiteren Standorten verteilt über die Stadt. Insgesamt 88 dieser Länderbeiträge gibt es in diesem Jahr, zehn Länder sind das erste Mal auf der Biennale vertreten: Angola (gleich als bester nationaler Pavillon mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet), die Bahamas, Bahrain, die Elfenbeinküste, das Kosovo, Kuwait, die Malediven, Paraguay, Tuvalu und der Vatikan.

Genau diese Struktur der Biennale wird allerdings allenthalben problematisiert. Aus Sicht des Besuchers indes hat sie ihren Reiz. Und sie ist sehr verdient im Hinblick darauf, dass solchermaßen Kunst aus Ländern Aufmerksamkeit findet, die außerhalb des Fokus gängigen kuratorischen Interesses liegt.

Die Allemands und les Franzosen

Gleichviel, als „kritische Beschäftigung mit der Bedeutung der traditionellen Form nationaler Repräsentation in den Länderpavillons“ will zum Beispiel Susanne Gaensheimer, Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst und Kuratorin des deutschen Pavillons (DE, Giardini), ihre Auswahl verstanden wissen. Sie versammelt Arbeiten der Fotografin Dayanita Singh und des Fotografen Santu Mofokeng, des Filmemachers Romuald Karmakar und von Ai Weiwei.

Deutscher Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung - La Biennale di Venezia, 2013. Foto: jvfDeutscher Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2013. Foto: jvf.

Auf Anregung der Außenministerien Frankreichs und Deutschlands tauschen zudem die Delegationen der beiden Länder für diesmal ihre Spielstätten: Das sei Ausdruck davon, „dass in der Arbeitsrealität der Kunstwelt heutzutage internationale Kooperation und Kommunikation eine Selbstverständlichkeit geworden ist“. In der Praxis heißt das, dass Anri Sala, der Künstler, der Frankreich vertritt, mit dem notorisch schwierig zu bespielenden, von den Nazis verunstalteten deutschen Pavillon zurecht kommen muss.

Im deutsch-französischen Pavillon funktioniert das sehr gut. Neben der, die Einganghalle ausfüllenden Großskulptur Bang von Ai Weiwei (*1957 in Beijing, lebt ebd.), die 886 Schemel geflechtartig verbindet, haben mir vor allem die Arbeiten von Dayanita Singh (*1961 in Neu Delhi, lebt ebd.) gefallen: Ihre Fotografien von Archivräumen (File Room), vor allem aber ihr „moving still image“ Mona and Myself.

Noch besser funktioniert das im französich-deutschen Pavillon, wo es Anri Sala (*1974 in Tirana, lebt in Paris und Berlin) gelingt, mit seiner dreiteiligen Video­installation Ravel Ravel Unravel die nationalbesoffene Architektur des deutschen Baus auszuhebeln. Im Hauptraum, mit schwarzen Absorberkeilen zu einem reflexionsarmen Konzertsaal ausgebaut, zeigen zwei versetzt montierte Projektions­flächen die Hände von zwei Pianisten, die Ravels Konzert für die linke Hand spielen. In zwei Nebenräumen kümmert sich DJ Chloé um ein Resampling der Soundtracks.

Anri Sala, RAVEL RAVEL, 2013. Videoprojektion HD auf zwei Bildschirmen, Farbe, Mehrkanalton, Dauer: jeweils 20:45 min. Courtesy : Galerie Chantal Crousel, Paris; Marian Goodman Gallery, New York; Hauser & Wirth, Zürich/London. ©Anri SalaAnri Sala, RAVEL RAVEL, 2013. Videoprojektion HD auf zwei Bildschirmen, Farbe, Mehrkanalton, Dauer: jeweils 20:45 min. Courtesy : Galerie Chantal Crousel, Paris; Marian Goodman Gallery, New York; Hauser & Wirth, Zürich/London. ©Anri Sala.

Unter Wasser

Mit einigem Ingrimm geht dagegen Alfredo Jaar (*1956 in Santiago de Chile, lebt in New York) im chilenischen Pavillon (CL, Arsenale) an die Traditionen nationaler Repräsentation auf der Biennale heran und lässt gleich die ganzen Giardini in den schmutzig grünen Wassern der Lagune absaufen: Venezia, Venezia. Ein Resin­modell der Venezianischen Gärten, der Hauptspielstätte der Biennale, mitsamt der Pavillons der „großen Nationen“, im Maßstab 1:60, hat Jaar auf eine Hebebühne montiert und in einem fünf mal fünf Meter großen Becken versenkt. Alle drei Minuten tauchen die Giardini aus dem Brackwasser auf, tropfen kurz ab, dann geht es nach einigen Sekunden wieder abwärts.

Alfredo Jaar, Venezia, Venezia. Detailansicht der Installation. 55. Internationale Kunstausstellung - La Biennale di Venezia. Foto: Italo Rondinella. Courtesy by la Biennale di VeneziaAlfredo Jaar, Venezia, Venezia. Detailansicht der Installation. 55. Internationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia. Foto: Italo Rondinella. Courtesy by la Biennale di Venezia.

Das Ziel der Installation sei es, so Adriana Valdés, die Herausgeberin des Katalogs zu Venezia, Venezia, einsichtig zu machen, wie überholt mittlerweile die Formen nationaler Repräsentation der Weltmächte seien, wie sie die Anlage der Pavillons in den Giardini vergegenständliche. Deren Architektur reproduziere und symbolisiere die Nationalstaaten, die die politische und ökonomische Landschaft vor dem Zweiten Weltkrieg dominiert haben. Zudem sorge das räumliche Layout der Giardini dafür, dass der Kunst anderer Länder, eben auch Chiles, ein Platz außerhalb zugewiesen werde, man gezwungen sei, im Arsenale Räumlichkeiten anzumieten. Diese alten Hegemonien der früheren Großmächte absaufen zu lassen, sich selber in Freiheit und Stärke zu üben und die Biennale zu einem weltweiten Raum der horizontalen Kommunikation und des freien Denkens zu machen, darum gehe es in diesem Werk. So in etwa.

Das liegt nur auf den ersten Blick in einer Linie mit den Bemühungen der deutschen Delegation um Internationalität und staatstragend eingestieltem Pavillontausch, verbleibt man doch hier immer noch unter sich, oben am Ende des Pracht­boulevards, wo die Protzbauten Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens versammelt sind (nur Kanada hat sich, etwas zurück versetzt, Ende der 50er Jahre dazwischen gemogelt).

Man könnte also an dieser, ja sehr milden Provokation Jaars und ihrer sehr spektakulären Inszenierung im Übrigen uneingeschränkt Freude haben, wenn einem nicht die Malediven ein schlechtes Gewissen machen würden. Der sehr kleinteilig bestückte Pavillon der Malediven (MV, Castello) zeigt unter dem etwas sperrigen Label Disappearance as Work in Progress – Approaches to Ecological Romanticism u.a. Arbeiten, die sich kümmern um Klimawandel, Eisschmelze und die Bedrohung für die Malediven, aber auch für Venedig, die vom Anstieg des Meeresspiegels ausgeht.

Dansk Paris in 杭州

In sehr schönen und unaufgeregten, etwas enigmatischen Bildern nähert sich Jesper Just (*1974 in Kopenhagen, lebt in New York) im dänischen Pavillon (DK, Giardini) dem Phänomen der exteritorialen architektonischen Präsenz, die ja auch den Pavillons in den Giardini eignet.

Jesper Just, Intercourses, 2013, Standbild von der 5-Kanal Videoinstallation im dänischen Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung - La Biennale di Venezia, 2013. Courtesy the artist.Jesper Just, Intercourses, 2013, Standbild von der 5-Kanal Videoinstallation im dänischen Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2013. Courtesy the artist.

Seine Fünfkanalvideoinstallation, Intercourses, folgt drei Männern, die sich, etwas verstört und Halt, vielleicht Identität suchend, durch die Mimikri-Architektur von Tianducheng bewegen, einem Vorort der Neunmillionenmetropole Hangzhou im Osten Chinas. In Tianducheng ist einer der, in China so modischen Replikas von westlichen Städten aufgebaut, ein ganzes Stadtviertel ahmt Paris nach, mitsamt Eiffelturm (es gibt in Hangzhou übrigens auch einen Nachbau von Venedig mitsamt Dogenpalast und Campanile, aber ohne Giardini, wenn ich recht informiert bin).

Inszeniert sind die schwarzweißen, zwischen einem und fünfzehn Meter großen Videoprojektionen in Räumen, die mit Mauerdurchbrüchen, Pflanzen und violettem Licht eine sehr unwirkliche Location machen.

Installationsansicht von Intercourses im dänischen Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung - La Biennale di Venezia, 2013, by Jesper Just. Photo: Paul MazzegaInstallationsansicht von Intercourses im dänischen Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2013, by Jesper Just. Photo: Paul Mazzega.

„Dies ist kein taiwanesischer tschechischer Pavillon“

Im Palazzo delle Prigioni hat das Museum der Schönen Künste Taipei eine Ausstellung unter dem hübschen Titel This is not a Taiwan Pavilion (40, Castello) eingerichtet. Die versammelt zunächst eine Videoinstallation von Bernd Behr (*1976 in Hamburg, lebt in London), Chronotopia, sowie Überreste einer Aktion von Kateřina Šedá (*1977 in Brno, lebt ebd.) und der Schülertruppe Batežo Mikilu, This is not a Czech Pavilion: In den Eröffnungstagen versuchte die Aktionstruppe alle 88 Länder­ausstellungen als taiwanesische Ausstellungen zu appropriieren, so jedenfalls weist es ein sehr lustiger Stadtplan Biennalevenedigs aus, der zur Mitnahme im Pavillon bereit liegt.

Den Besuch lohnt die nicht-taiwanesische Ausstellung jetzt aber aus einem anderen Grund: Die Videoinstallation des taiwanesischen Künstlers Chia-Wei Hsu (*1983 in Taichung, lebt in Taipei): Marschall Tie Jia. Man braucht aber etwas Zeit und Geduld, um sich in die Installation einzufinden. Chia-Wei Hsu hat mehrere Jahre an diesem Projekt gearbeitet, das neben Videos, Malerei und Installationen auch ein Büchlein umfasst mit sieben Erzählungen um den Froschgott Marschall Tie Jia.

Ein plastikgrün ausgeschlagener Raum mit einem weißen Tisch, davor ein Regal, das reklamheftformatige grüne Broschüren mit eben diesen Erzählungen bereit stellt, dahinter zwei Videoprojektionen, die abwechselnd laufen. Eine Prozession und einen exorzistischen Tanz am Geburtsort des Froschgottes zeigt das erste Video, im zweiten spielt ein alter Mann auf der winzigen Kröteninsel bei Beigan chinesisches Domino und singt Lieder aus Min Opern. Sehr mächtige Bilder. Die Kröteninsel ist der heutige Wohnort der Gottheit, in der Nähe steht sein Tempel (nachdem der Tempel nahe seines Geburtsortes in der Kulturrevolution geschleift wurde).

Evas Argentina

Im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Präsentation und nationaler Repräsentation scheint es im argentinischen Pavillon (AR, Arsenale) Ärger gegeben zu haben. Dort hat Nicola Costantino (*1964 in Rosario, lebt in Buenos Aires) ihre vierteilige mixed media Installation Eva – Argentina. Una metáfora contemporánea eingestellt.

Nicola Costantino, Eva – Argentina. Una metáfora contemporánea im argentinischen Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung - La Biennale di Venezia, 2013. Installationsansicht, Detail. Foto: Italo Rondinella. Courtesy by la Biennale di VeneziaNicola Costantino, Eva – Argentina. Una metáfora contemporánea im argentinischen Pavillon für die 55. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2013. Installationsansicht, Detail. Foto: Italo Rondinella. Courtesy by la Biennale di Venezia.

Der Versuch einer Annäherung an Eva Perón sollte um einen „espacio informativo“ zur Gattin des rechtspopulistischen argentinischen Diktators ergänzt werden. Kurator und Künstler haben diesem Raum kurzerhand den Strom abgeschaltet. Im Halbdunkel liest man ihre knappe Erklärung dazu an der Wand:

Der Kurator und der Künstler halten diesen Raum für unnötig und für möglich, dass er die Deutung des Werkes verunklart [confundir].