Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ am Schauspiel Köln

四川好人 heißt Muppetshow

Moritz Sostmann eröffnet mit seiner Inszenierung von Brechts Klassiker des epischen Theaters die kleinere der beiden neuen Interimsspielstätten in Köln, lässt dabei die Puppen tanzen, hat aber sichtlich Mühe, aus dem etwas angestaubten Stück gegenwärtige Bedeutung zu schlagen.

Im ehemaligen Carlswerk im rechtsrheinischen Köln-Mülheim setzt jetzt das Kölner Schauspiel an, für zwei Sessionen – so ist es jedenfalls geplant – auf den Wiederaufbau der innerstädtischen Spielflächen am Offenbachplatz zu warten.

Das Vorfeld ist mit Seecontainern, urban gardening („Carlsgarten“) und bunten Allwettersitzgruppen zu einem hübschen Verweilort für Hipster und Restbildungs­bürgertum gepimpt. Die Restauration („Werkshase“) hat lässig Sprungböcke in sein Mobiliar gestreut und verspricht, das vor der Tür gezogene Gemüse auch zu verkochen. Vor dem Eingang in die Werkshallen hat man einen roten Teppich ausgerollt, der aber ist orange.

Das Foyer und die als Bühnen genutzten Depothallen haben durchaus so etwas wie Ruhrtriennalencharme, aber es gibt ein Problem: Die Akustik stimmt nicht. Im Depot 2, der kleineren Spielstätte, verhallt alles, was nicht frontal ins Publikum gerufen oder ins Mikrophon getuschelt wird, in einem mitunter kaum verständlichen Klangbrei. Für eine Spielstätte, die fürs Kammerspielformat tauglich sein sollte, ist das, sagen wir mal: schwierig.

Das Bühnenbild für diesen Abend (Christian Beck) nimmt die Industriedenkmal­ästhetik des Vorfelds auf: Ein Sortierförderband, eine Kabeltrommel sind auf der Bühne verteilt, Müllcontainer dienen als Behausung, auf einem Sandhäufchen kann man sitzen, Schaufel und schmudelige Matratzen liegen anbei. Für die Theaterbesucher, die zwar der chinesischen Schrift kundig sind, aber vergessen haben, welches Stück sie gerade sehen, ist an die rückwärtige Bühnenwand eine Leuchtschrift montiert: 四川好人 – Der gute Mensch von Sezuan also.

Reden wir mehr über Brecht

Vor siebzig Jahren wurde das Stück uraufgeführt (1943), im Züricher Schauspiel­haus, und es wurde da von Publikum und Kritik recht freundlich aufgenommen. Die gerissenen Schweizer wussten sich allerdings eine sehr putzige Deutung des Stücks zurecht zu legen: Mit ihm entpuppe sich „der Kommunist Brecht [..] als Apologet des bürgerlichen Kapitalismus“, so die Weltwoche damals.

Ein knappes Jahrzehnt später, bei der deutschen Erstaufführung in Frankfurt aM (1952) – nach dem 2. Weltkrieg kam der kalte – sah das ganz anders aus: Der wackere Fraktionsvorsitzende der CDU im Frankfurter Stadtrat polterte, in diesem Stück eines „sogenannten Dichters“, das „ohne jeden künstlerischen Belang“ sei, werde das Göttliche in schamloser Weise lächerlich gemacht und überdies kommunistische Propaganda betrieben. Man kann es nicht leugnen, der gute Mann der CDU zeigte sich mit seiner Deutung dann doch wesentlich weniger desorientiert als der Kollege der Weltwoche.

Gutmenschen, Merkel-Doktrin

Eine kleine Schar ihrerseits reichlich desorientierter und ziemlich aufgescheuchter Götter stolpert in Sezuan und auf der Kölner Bühne herum, mit albernem Engelsgefieder und einem Auftrag ausgestattet: Es gilt, einen guten Menschen auszumachen. Wasserverkäufer Wang findet für seine Götterschar Unterkunft nur bei der Nutte Shen Te, die vom Lohn der Götter eine Tabakboutique eröffnet.

Von ihrer Mildtätigkeit und der Liebe – der tödlichsten Schwäche – sofort in den Ruin gebracht, schlägt sie sich in Verkleidung als Vetter Shui Ta auf die Seite des Kapitals, um die eigene Existenz und die materielle Basis der Mildtätigkeit zu retten. Das Gutmenschentum ist nur die andere Seite der Ausbeutung: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. So die Verhältnisse. Die Götter erklären ihre Unzuständigkeit und verpissen sich (die Begründung wird den Enkeln unseres wackeren CDU-Stadtrats gefallen, sie macht heute als wahlgewinnende Merkel-Doktrin Karrieren: „Soll die Welt geändert werden? Wie? Von wem? Nein, es ist alles in Ordnung.“).

Das neue Kölner Team setzt Puppen für das Spiel ein (gefertigt von Atif Hussein und Franziska Müller-Hartmann), sehr eindrucksvoll realistische Ganzkörperpuppen für das Hauptpersonal und muppetshowähnliche Handpuppen für das mindere Personal. Das macht vor dem Hintergrund der Brechtschen Verfremdungspoetik nicht nur ebensosehr Sinn und Spaß wie die indirekte Rede der Götter (ihren Text mimen sie nur stellvertredend, Kollegen flüstern ihn ins Mikrophon); es reflektiert auch sehr clever die Verwandlungskomödie von Shen Te / Shui Ta – und es ist ein probates Mittel, die komödiantische Dimension des Parabelstücks zu mobilisieren, was streckenweise ganz wunderbar gelingt. Streckenweise.

Die Text- und die Arbeitszeitverkürzung

Zu der Zeit als Brecht am immer umfangreicher werdenen guten Menschen von Sezuan arbeitet (1939/41) notiert er in sein Journal:

Das Stück beweist, dass die neuere Dramatik eine Kürzung der Arbeitszeit verlangt.

und er sieht Fünfstundenstücke, zumal wenn sie von ihm sind, dann gerechtfertigt, wenn man einen Arbeitstag von drei Stunden voraussetzen könnte.

Moritz Sostmann verhält sich dieser, sehr berechtigten Forderung nach dramaturgisch begründeter Arbeitszeitverkürzung gegenüber eher halbherzig, kürzt stattdessen den Text auf drei Stunden herunter. Und leider macht er das mit einer gewissen Unwucht. Die Szenen der ersten Hälfte werden weitgehend ausgespielt, der zweite Teil aber großflächig bestrichen. Das ergibt Längen vor der Pause und ein etwas sprunghaftes Abspielen danach.

Den Streichungen gänzlich zum Opfer fällt die zehnte Szene, im Gerichtslokal. Das kann man machen, um die Brechtsche Eindeutigkeitsmaschinerie auszuhebeln, aber man verstolpert damit auch die zentrale Steilvorlage des Stücks in Sachen fast burlesker Komik. Erschwerend kommt hinzu: die Songs von Paul Dessau (Das Lied vom Rauch, das Lied vom achten Elefanten u.a.) werden seltsam uninspiriert, fast wie beswingte Hotelbarmusik abgeschrammelt, da kann man erheblich mehr draus machen.

Was ist, was wird

Die Inszenierung erlaubt es dem neuen Kölner Ensemble nicht zu zeigen, was es kann. Mit einer Ausnahme: Stefko Hanushevsky macht mit mehreren uptempo Verwandlungsnummern einen glänzenden Auftritt.

Und der Epilog, vorgetragen von der Nichte der achtköpfigen Familie, sie sieht ein bisschen aus wie Janice, die Gitarristin der Electric Mayhem:

Verehrtes Publikum, |…]
Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
Dabei sind wir doch auf Sie angewiesen
Daß Sie bei uns zu Haus sind und genießen.
Wir können es uns leider nicht verhehlen:
Wir sind bankrott, wenn Sie uns nicht empfehlen!

Den mehr als freundlichen Beifall des Kölner Premierenpublikums verstehe ich mal als Vorschuss und Ermutigung, noch nicht als die erheischte Empfehlung. Geduld.

Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. R: Moritz Sostmann. D: Mohamed Achour, Johannes Benecke, Stefko Hanushevsky, Philipp Plessmann, Annika Schilling, Magda Lena Schlott. Schauspiel Köln, Depot 2, P: 28. September 2013. 3h mit 1 P.