Theater in NRW 2017/2018: Ur- und Erstaufführungen

Die Vorschau auf neue Stücke in NRW

Gegenwartsdramatik in Bochum, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Krefeld und Münster. Eine Auswahl aus den Spielzeitheften der Saison 2017/2018.

Köln, Außenspielstätte am Offenbachplatz. Foto: jvf
Köln, Außenspielstätte am Offenbachplatz. Foto: jvf.

Flucht und Migration

Ganz oben auf der Agenda der Gegenwarts­dramatik in NRW stehen auch in der Spielzeit 2017/2018 Arbeiten, die sich um Flucht und Migration kümmern.

Gleich am Anfang der Saison zeigt das Theater Krefeld und Mönchen­gladbach in der Fabrik Heeder die deutsch­sprachige Erst­aufführung von Mudar Alhaggis Deine Liebe ist Feuer. Das Stück um zwei Freundinnen und einen Freund, die im kriegs­versehrten Damaskus mit der Notwendig­keit und den Bedingungen einer Flucht ringen, wurde jüngst erst in arabischer Sprache uraufgeführt, im Sommer 2017 auf den Ruhr­festspielen Reckling­hausen. Ob es eine kluge Idee ist, die Figuren des Stücks in ihrer Not sich an ihren Dramatiker wenden zu lassen, wird man sehen (DSE: 15. September 2017).

Flussaufwärts in Köln steht drei Wochen später die deutsche Erst­aufführung von Occident Express auf dem Plan. Das Monolog­stück des italienischen Dramatikers Stefano Massini lässt eine Großmutter berichten von der Flucht mit ihrer Enkelin aus Mossul im Jahre 2015, über die Balkan­route nach Schweden (Depot 2, DE: 7. Oktober 2017).

Den umgekehrten Weg schlägt dann Ibrahim Amir mit Heimwärts ein, ebenfalls am Schauspiel Köln: Hussein will zum Sterben aus dem Wiener Exil zurück in die Heimat, nach Syrien. Er schafft es nicht und seine Reise­gesellschaft sieht sich mit einer Problem­leiche im Gepäck und dem Ausnahme­zustand in der Türkei konfrontiert. Die Regie der Uraufführung in der Außen­spielstätte am Offenbach­platz übernimmt der Kölner Chef selbst: Stefan Bachmann inszeniert (UA: 9. Dezember 2017).

Big Data und der Untergang der Menschheit

Das Düsseldorfer Schauspielhaus bringt im Frühjahr die Uraufführung eines Werks von Philipp Löhle über die kleine Bühne des Central: Die Mitwisser. Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich vor nichts zu fürchten. Das Ding verspricht, sich um Big Data und Fragen des Überwachungs­wesens zu kümmern (UA: April 2018).

In Köln ist man zweidrei Schritte weiter und kontert im Sommer mit der Uraufführung eines neuen Stücks der stets ebenso streit­baren wie klugen Sibylle Berg, eingerichtet vom Nachwuchs­regiestar Ersan Mondtag: In der nahen Zukunft der Wonderland Ave. haben die Maschinen bereits gewonnen und die Menschen sind für nichts mehr zu gebrauchen (Depot 2, UA: 8. Juni 2018).

Nicht recht einordnen kann ich den als Schöpfung (AT), nach Joseph Haydn, angekündig­ten Sprech- und Musiktheaterabend der Regisseurin Claudia Bauer in Dortmund. Immerhin soll es anhand von Haydns Oratorium um Fragen gehen wie „Wird der biologische Mensch zum Auslauf­modell?“ und „Wenn der Mensch zum Schöpfer wird, wer sind dann in Zukunft Adam und Eva?“. Nun ja (Schauspielhaus, UA: 7. April 2018).

Familienfeiern und andere Verbrechen

Wenn es gilt, Familien- und Beziehungs­komplexe auf der Bühne zu sezieren, scheint die kommuni­kative Engführung auf Familien­feiern, vor Gericht oder in Gefängnis­zellen ein dramatisch taugliches Mittel.

Am Theater Bochum ist die europäische Erst­aufführung des Tony-preisgekrönten Broadway-Krachers The Humans von Stephen Karam zu sehen (Schauspielhaus, EE: 9. Dezember 2017). Die Tragi­komödie versammelt eine prekäre amerikanische Mittelschichts­familie zum Thanks­giving Dinner. Ein „mörderisch witziges, schmerzhaft trauriges und insgesamt wundervolles Stück“, so urteilte die New York Times angesichts der Uraufführung im Herbst 2015 – nicht alle Besucher waren derart hingerissen, aber das war halt in New York (Schauspielhaus, EE: 9. Dezember 2017).

Der geschätzte Thomas Melle dagegen lässt seine bürgerliche Familie Aufstellung am Sterbe­bett des Patriarchen nehmen: In den Kammer­spielen Bad Godesberg zeigt das Theater Bonn die Uraufführung von Der letzte Bürger. Dieser aber hatte früher jahre­lang für die DDR spioniert mit desaströsen Folgen für die Familie (UA: 25. Januar 2018).

Nesrin Şamdereli ist als Drehbuchautorin bekannt geworden („Almanya“) und legt jetzt ihre erste Arbeit für die Bühne vor. Die Uraufführung von Träum weiter richtet wiederum das Schauspielhaus Bochum ein. Dort versammelt sich ein geschiedenes Elternpaar am Krankenbett der Tochter, die im Koma liegen soll, seltsamer­weise aber durch ein Cello ersetzt worden ist (Kammerspiele, UA: 24. Februar 2018).

Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat im Winter die deutsche Erstaufführung von Konsens auf dem Programm. Das vierte Stück der englischen Dramatikerin Nina Raine erzählt von einem Vergewaltigungs­prozess und verhandelt die Beziehungs­katastrophen der Anwälte der Anklage und Verteidigung gleich mit. „Uneingeschränkt zu empfehlen“, schrieb der Independent angesichts der Londoner Uraufführung im April 2017. Und auch der Guardian sprach von einem „intelligenten“ und „sehr guten Stück, das uns daran erinnert, dass das Theater, wie das Recht, auf wider­sprüchlichen Erzählungen beruht, gegenüber denen wir zu Richtern und Geschworenen werden.“ Was andererseits ein etwas seltsames Verständis des Guardian-Kritikers vom Theater offenbart (Central, Große Bühne, DE: Januar 2018).

Die Aufarbeitung eines Verbrechens, in diesem Fall Fahrerflucht, hat auch die derzeit wohl erfolgreichste niederländische Bühnenautorin Lot Vekemans ins Zentrum ihres Stücks Falsch gestellt und lässt zwei Schwestern in einer Polizeizelle ihr Verhältnis zerlegen, über Schuld und Verantwortung, Wahrheit und Zweifel streiten. Die niederländische Kritik war allerdings recht einhellig enttäuscht von der Uraufführung 2013 in Gent: „flach, unterkühlt, unausgewogen und oft schlichtweg uninteressant“ sei das Stück (NRC Handelsblad). Das Theater Münster hat sich davon nicht abschrecken lassen und übernimmt die deutsche Erstaufführung. Man wird sehen (U2, DE: 29. November 2017).

Zwischen den Geschlechtern und unter dem Kapital

Das Schauspiel Köln hat sich die Rechte für die deutsche Erstaufführung von Lukas BärfussFrau Schmitz gesichert. Uraufgeführt wurde die Komödie des Schweizer Autors um Geschlechterdiversität unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus Oktober 2016 im Schauspielhaus Zürich. Die Kritik zeigte sich davon eher mäßig amüsiert – wobei man auf Schweizer Kritiken von Stücken des Nestbeschmutzers Bärfuss („Die Schweiz ist des Wahnsinns“) nicht allzu viel geben muss (Außenspielstätte am Offenbachplatz, DE: 23. September 2017).

Ulf Schmidt und Volker Lösch eröffnen schon vorher die Spielzeit des Theater Bonn mit dem Rechercheprojekt Bonnopoly und widmen sich dem „Ausverkauf der Städte“ am Beispiel der Transformation einer Bundeshauptstadt zur Bundesstadt und insbesondere ihrer Parlamentsgebäude zum „World Conference Center“ (Kammerspiele Bad Godesberg, UA: 9. September 2017).

Merkliste Neue Stücke NRW 2017/2018

Die Angaben zu den Aufführungen sind den langfristigen Planungen und Vorankündigungen der Theater in NRW entnommen (Stand August 2017). Bevor Sie zu einem Theaterabend anreisen, informieren Sie sich bitte bei den jeweiligen Veranstaltern über etwaige Planänderungen oder Verschiebungen.

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