Leopold-Hoesch-Museum in Düren nach Ausbau neu eröffnet

Treffpunkt Düren

Nach vierjähriger Bau- und Sanierungsszeit ist in Düren seit Ende Juni wieder das Leopold-Hoesch-Museum geöffnet. Bis Mitte August noch präsentiert die Eröffungsausstellung "Treffpunkt Düren" Sammlungen und Stiftungsarbeit in Sachen moderner und zeitgenössischer Kunst.

Leopold-Hoesch-Museum Düren Außenansichten. Foto: jvf.

Ein neuer, von Peter Kulka entworfener Anbau erweitert die Ausstellungs­fläche jetzt auf 1.700 qm. Er ist von außen so schlicht und funktional gehalten, dass er, sagen wir mal, einen sehr deutlichen Kontrast zum neobarocken Kitsch des alten Museumsbaus von 1905 aufmacht.

Im Innern ist das marmorne Treppenhaus wieder hübsch und licht und Ausgangspunkt für eine sehr clevere Raum- und Beleuchtungsregie. Zwei Lichthöfe verbinden Alt- und Neubau und führen hinüber zu großzügig dimensionierten und in Grautönen abgedunkelten Ausstellungsräumen.

Otto Pienes Lichtballett

Der Höhepunkt der Lichtregie – und der Eröffnungsausstellung – ist aber das Lichtballett (2010) von Otto Piene, das für das Hoesch-Museum angekauft wurde und dort hoffentlich auch dauerhaft ausgestellt wird.

Ein zunächst völlig abgedunkelter Raum, vielleicht zwanzig Quadratmeter. Darin ein metergroßer roter Globus, zwei kleinere Metallkuben, ein holzgerahmter Kubus mit schwarzer Membran überzogen, ein weißer Standzylinder, raumgreifend wie der Globus, alle mit perforierter Oberfläche, durch die langsam rotierende Leuchtkörper von innen fragmentiertes Licht streuen.

Auch eine der Längswände ist mit kreisförmigen und tangentialen und sekantialen Perforationslinien versehen, durch die Licht in den Raum dringt. Das macht eine geometrische, statische Grundstruktur für die, von den Körpern ausgestrahlten, beweglichen Lichtflecken in Formen von Kreisen, Tropfen, muschelartigen Gebilden und Fadengewirre.

Das Ballett währt einige Minuten, am Anfang und Ende dominiert das rote Licht des Globus den Raum. Man mag das als Tageszyklus, vom Morgen- zum Abendrot, deuten oder als kosmische Allegorie oder ich weiß nicht was. Am besten man schaut einfach und staunt.

Aus Dürener Sammlungen

Im Rahmen der Eröffnungsausstellung werden Sammlungen und Stiftungsarbeit dokumentiert, die einen Bezug zu Düren im Allgemeinen und zum Leopold-Hoesch-Museum im Besonderen haben. Im Erdgeschoss zu sehen gibt es Op-Art und Arbeiten der ZERO-Gruppe aus der Sammlung des ehemaligen Düsseldorfer Galeristen Schoeller, der dem Hoesch-Museum als Stifter verbunden ist. Daneben steht eine kleine Retrospektive auf das Werk Wolf Vostells aus Beständen des aus Düren stammenden Sammlers Thelen (möglicherweise eine ganz gute Ergänzung zur derzeitigen Vostell-Ausstellung im Schloss Morsbroich).

Das Obergeschoss ist freigeräumt für die Sammlung und Stiftung der Dürener Glasfabrikanten­familie Peill. Der größere Teil der Sammlung von Werken der klassischen Moderne ist dem Kölner Ludwig-Museum vermacht und wird jetzt erstmals zusammen mit Dürener Sammlungs­teilen ausgestellt. Schwerpunkt sind Arbeiten von Ernst Wilhelm Nay, darunter die beiden wunderbaren Großformate Blauflut, 1960 und Rhythmen Blau und Rot, 1953. Dazu sind u.a. Holzschnitte von Schmidt-Rottluff, sehr hübsche Lithographien von Picasso und Kirchner sowie zwei Gemälde von Alexej Javlenskij (Stilleben mit Äpfeln und blauer Tasse, um 1904 und Märchen­prinzessin mit Fächer, 1912) ausgestellt.

Die Stiftung Peill, die auch den Museumsausbau mit finanziert hat, fördert unterdessen seit 1986 zeitgenössische Kunst. Ausgestellt sind hier Arbeiten zweier Stipendiaten der Stiftung (Sven Johne und Michael Sailstorfer) sowie eine Installation des Peill-Preisträgers Gregor Schneider, der einige Meter der Marienstraße (2010) aus der Gemeinde Inden-Pier (Kreis Düren) in einen abgedunktelten Ausstellungs­raum verbracht hat: ein gepflasterter Gehweg, ein baufälliger Fahrweg aus Betonplatten, darin zwei Gullis eingelassen, ein Laternenpfahl steht beiseite, ist krumm getreten oder gefahren und durchstößt das Glasdach des Raumes. Pier ist ein sterbender Ort, der dem Braunkohle­tagbau geopfert wird.

Treffpunkt Düren. Düren, Leopold-Hoesch-Museum. 27. Juni – 15. August 2010.

EMSCHERKUNST.2010 zeigt Kunst an der Emscher

Satisfy Me

Die wahrscheinlich längste Ausstellung der Welt erstreckt sich 34 km entlang der Emscherinsel zwischen Castrop-Rauxel und Oberhausen. Das größte Kunstprojekt im öffentlichen Raum der Europäischen Kulturhauptstadt zeigt noch bis Anfang September 2010 an acht Standorten zwanzig Objekte und Interventionen zeitgenössischer Künstler.

Die Emscher ist seit der Zeit der Industrialisierung zur Kloake des Ruhrgebiets verkommen, ein Schmutzwasserkanal, der mehr oder weniger ungeklärtes Ab- und Grubenwasser in den Rhein verklappte. Mitte des vorigen Jahrhunderts galt sie als schmutzigster Fluss Deutschlands. Und auch heute noch weist die Emscher „einen Zustand auf, der in seiner Naturferne in Europa einmalig ist“, wie es wunderbar euphemistisch im Erläuterungsbericht des Umweltministeriums NRW heißt.

Erst mit dem Ende des Bergbaus verhindern Bergschäden nicht mehr eine unterirdische Kanalisation, so dass die zuständige Emschergenossenschaft seit den neunziger Jahren ein umfangreiches Renaturierungsprojekt betreiben kann. Bis 2020 soll das Emschergebiet mit einem Abwasserkanalsystem versehen und die Emscher in einen – gleichwohl künstlich geschaffenen – „naturnahen“ Flusslauf umgebettet werden.

Die Emscherinsel, ein gut dreißig Kilometer langer Landstreifen, der zwischen Castrop-Rauxel und Oberhausen von der regulierten Emscher auf der einen und dem Rhein-Herne-Kanal auf der anderen Seite abgegrenzt wird, wandelt sich im Rahmen dieses Renaturierungsprojekts von einem abgesperrten Ödland (und wilder Müllkippe) zu einem Naherholungsgebiet – und zu einer Kulturstrecke.

Für die Emscherkunst.2010 waren vierzig Künstler aus verschiedenen Ländern eingeladen, sich mit dieser Landschaft auseinander zu setzen und ihre Kunst im Kontext der (Ab-)Wasserwirtschaft, der Denkmäler der Industriekultur, des Strukturwandels im nördlichen Ruhrgebiet zu positionieren.

Trinken auf eigene Gefahr

Emscherkunst.2010: Marjetica Potrč, Between the Waters. Foto: jvf

Am besten gefallen hat mir die konkrete Utopie einer ebenso verspielten wie ökologisch korrekten Wasserwirtschaft, die die slowenische Künstlerin Marjetica Potrč zusammen mit dem Architekturbüro Ooze bei Altenessen installiert hat, Between the Waters: The Emscher Community Garden. Die Wasseraufbereitungsrampe durchmisst die gesamte Emscherinsel, die an dieser Stelle allerdings nur 75 Meter breit ist. Das Wasser der Emscher wird mittels einer Pflanzenkläranlage gereinigt und zusammen mit gesammeltem Regenwasser für die Bewässerung eines kleinen Nutzgartens verwendet, für die Toilettenspülung zweier gelber Klohäuschen, die über der Emscher am hohen Ende der Rampe schweben, und für eine Trinkwasserstation, die in den Rhein-Herne-Kanal reinragt. Den Warnhinweis „Trinken auf eigene Gefahr“ sollte man allerdings ernst nehmen – das Zeugs schmeckt abscheulich.

Der Charme des Unfertigen

Emscherkunst.2010: Piet Oudolf, Klärbecken im BernePark. Foto: jvfÜberhaupt Kläranlagen. Die aufgelassene Kläranlage in Bottrop-Ebel wird von Piet Oudolf, dem Architekturbüro GROSS.Max, dem Düsseldorfer Lichtkünstler Mischa Kuball und dem amerikanischen Konzeptkünstler Lawrence Weiner zu einem Landschaftspark (BernePark) umgestaltet: begrünte oder mit sauberen Wasser gefüllte Klärbecken, Lichtinstallationen, die jetzt aber naturgemäß tagsüber nicht so recht zur Geltung kommen, Kanalrohre aus denen Andreas Strauss Übernachtungs­möglichkeiten macht (Parkhotel).

Das Ganze ist noch in Bau, soll erst im September fertig werden – wie im Übrigen so manches im Rahmen der Emscherkunst noch, sagen wir mal, den Charme des Unfertigen versprüht. Darunter ist leider auch die Fußgängerbrücke über den Rhein-Herne-Kanal, die nach einem Entwurf von Tobias Rehberger am Oberhausener Kaisergarten errichtet wird. Der Entwurf sieht sehr spannend aus, aber die Baustelle, von der freundlich aber bestimmt auftretende Vorarbeiter neugierige Besucher sicherheitshalber verweisen, macht nicht den Eindruck, als wenn das in diesem Jahr noch was werden würde.

Strukturwandel im Faulturm

Emscherkunst.2010: Silke Wagner, Glückauf. Foto: jvf. M+M, Schlagende Wetter. Foto: M+M

Im ehemaligen Klärwerk in Herne hat Silke Wagner den stillgelegten Faulturm mit einem monumentalen Wandmosaik ausgezeichnet: Glückauf erinnert in Form einer illustrierten Chronik an die Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet von 1889 bis 2007. Im Innern des Turms gilt es eine, auf ein Stützgerüst montierte Plattform zu ersteigen, um die vierteilige filmische Rauminstallation des Münchener Künstlerduos M+M zu sehen: Schlagende Wetter, eine zyklische Rekonstruktion des Strukturwandels am Beispiel einer Ruhrgebietsfamilie. Die hat mich sehr beeindruckt – und Videokunst ist sonst mein Ding nicht.

Warten auf die Emscher

Emscherkunst.2010: Observatorium, Warten auf dem Fluss. Fotos: Roman Mensing/Emscherkunst.2010.

Die Wartezeit auf den Strukturwandel in Form einer dann renaturierten Emscher lässt sich unterdessen in einer Wohnskulptur der Rotterdamer Gruppe Observatorium verbringen: eine seltsam idyllisch auf der Emscherinsel bei Altenessen gelegene, brückenartige Anlage aus drei Pavillons von durchaus japanischer Eleganz bietet für 90 Euro Übernachtungs­gelegenheit auf Wanderhütten­­niveau (mit HP) und Panoramafenster in die noch flussferne Landschaft: Warten auf den Fluss. Die Studentin, die tagsüber auf das Objekt aufpasst und Besucher mit Erläuterungen versorgt, sagte mir, es sei noch nicht klar, was ab September aus der Anlage werde. Es wäre schade drum, aber sicher, das trägt sich nicht.

Im Hafen von Herne

Emscherkunst.2010: Bogomir Ecker, Skulptur im Herner Meer. Foto: jvf.Im Yachthafen am „Herner Meer“ hat Bogomir Ecker eine dreiteilige, ebenso monumentale wie filigrane Skulptur ins Wasser gesetzt: zylindrische, gelbe und betongraue Dingens, zu zwei fragilen Leucht­türmen gestapelt, eine Straßenlaterne steht anbei. Verbunden ist das eigentlich mit einer Klanginstallation von Bülent Kullukcu, aber als ich dort unterwegs war, hatte jemand in der Nacht zuvor die Lautsprecher geklaut. Ach ja.

Jenseits des Hafenbeckens hat der Amerikaner Mark Dion einen Gastank sehr hübsch zum Standort der Gesellschaft der Amateur-Ornithologen umgestaltet: ein plüschiges, Käp’tn Nemo Interieur mit Sofa, Sekretär und Bar (letztere leider verschlossen).

Satisfaction

Emscherkunst.2010: Monica Bonvicini, Satisfy Me. Foto: jvf.Ein Letztes: Monica Bonvicini hat auf der nunmehr übergrünten Zentral­deponie Emscherbruch bei Gelsenkirchen einen zweimeter­fünfzig großen, metallverspiegelten Schriftzug, als kleines Analogon zum Hollywood Hill, in die Landschaft gesetzt: Satisfy Me, liest man da, wenn man auf dem Deich steht, der die Emscher einfriedet. Aber wer begehrt da jetzt von wem Befriedigung? Der Müllberg vom Betrachter? Der Betrachter von dem, was am Ende auf der Deponie landet?

Praktika

Ein Katalog zur Ausstellung wird erst im Juli/August erscheinen, bis dahin gibt es für 4,50 Euro einen kleinen Kurzführer, kostenloses Kartenmaterial und – am hilfreichsten, weil auch die Wegweiser auf der Insel in Teilen noch den Charme des Unfertigen verbreiten – eine Smartphone-App mit Google-Maps-Integration.

Die Ausstellung ist noch bis Anfang September geöffnet, allerdings sollen die meisten Objekte dauerhaft erhalten bleiben. Die Emscherkunst soll in Form einer Biennale oder Triennale bis 2020, dem geplanten Abschlusstermin des Renaturierungsprojekts, zur Dauereinrichtung werden.

Die Emscherkunst lässt sich in Teilen zu Fuß oder per Schiff erkunden, aber der beste Weg wird eine Fahrradtour sein. Die Wege sind frei von Autoverkehr, zum Teil aber etwas unwegsam. Die Veranstalter schlagen vor, das auf zwei Tage zu verteilen, mit jeweils 4-5 stündigen Touren. Wenn man ausreichend trainiert und hinreichend bekloppt ist, kann man das aber auch an einem Tag versuchen, das geht (ich habe rund acht Stunden gebraucht, musste allerdings eine Station auslassen). Sehr gute Leihräder gibt’s vom Kooperationspartner revierrad, der entlang der Strecke einige Stationen unterhält (aber Vorsicht: die im Netz genannten Öffnungszeiten der Stationen sind nicht nicht immer richtig, besser vorher nachfragen).

EMSCHERKUNST.2010. Eine Insel für die Kunst. K: Florian Matzner. Emscherinsel, 29. Mai - 5. September 2010.

[Bildnachweise: Die Rechte der Szenenbilder der Videoinstallation Schlagende Wetter liegen bei M+M. Die Rechte der Aufnahmen der Installation Warten im Fluss liegen bei Roman Mensing/Emscherkunst.2010. Quelle: EMSCHERKUNST.2010]

Jürgen Kruse inszeniert Calderóns Das Leben ein Traum in Köln

Menschenmonster und Hofschlampen

Jürgen Kruse inszeniert Calderón de la Barcas Das Leben ein Traum am Schaupielhaus Köln als sehr ernstes Spaßtheater und hält in kurzweiligen vier Stunden voll wunderbaren Bühnengetümmels das barocke Welttheater in der anschlussfähigen Fremde.

Das Königreich Polen ist offensichtlich etwas heruntergekommen. Auf der von Franz Kopendorfer eingerichteten Bühne muss sich der Hofstaat an einem burning barrel die Hände wärmen, der Palast ist nur noch ein Baugerüst unterm Unheil kündenden Sternenzelt, vollgemüllt mit allerlei Haus- und Unrat. Pappmachéfiguren von Papst und Mutter Marie stehen da am Rand rum, die Religion taugt auch nur noch zum Kasperle, oben hängt eine beleuchtete Weltkugel, die die aufgebrauchten Mächtigen mal schneller, mal langsamer drehen. Die Retrokostüme (Sebastian Ellrich), mit der die Hofschlampen unterwegs sind, zwicken und zwacken und versemmeln den höfischen Auftritt. Und auch das Sprechen ist Krisensymptom, die da die Rede verschleifen, zerhacken, absagen glauben sich selbst und den anderen schon lange kein Wort mehr, sie giggeln und lachen und ignorieren die Worte der anderen hinweg.

Aber das seltsame Königreich Polen, das der spanische Dichter Calderón de la Barca so um 1630 in seiner ernsten Komödie La vida es sueño beschreibt, ist ja auch in keinem vorzeigbaren Zustand mehr.

Alles wird gut

König Basilio also hat seinen Sohn Segismundo wegen unheilvoller Vorzeichen gleich nach der Geburt in einen Turm kerkern lassen, dort vegetiert der in Tierfell gekleidet, ausgestoßen, ein “Menschenmonster” - großartig gespielt von Jan-Peter Kampwirth, mit angepappter Zottelmähne, die er später im Getümmel verliert. Im Alter beißt Basilio nun das Gewissen und auch die Thronfolge ist zu regeln, deshalb will er seinen Sohn auf Probe regieren lassen: Vielleicht war ja die Sterndeutung, dass Segismundo ein grausamer, lasterhafter Herrscher werden würde, wenn nicht falsch, so doch anfechtbar, vielleicht kann man dem Schicksal ja trotzen. Segismundo wird betäubt, in den Palast gebracht, wo er als Herrscher erwacht und gleich als Tyrann agiert: ein Mord, eine versuchte Vergewaltigung, beleidigte Granden. Das Experiment mit dem Menschenmonster wird abgebrochen, Segismundo erneut betäubt und weggesperrt, das alles sei nur ein Traum gewesen, wird ihm weisgemacht. Doch das Volk befreit den legitimen Erben, ein kurzer Bürgerkrieg folgt, dann übernimmt Segismundo die Macht, nunmehr “umsichtig und klug” handelnd, aber stets muss er fürchten, “aufzuwachen und mich zu finden ein weiteres Mal in meinem eingemauerten Gefängnis”.

Dazu eine Parallelhandlung, die spiegelbildlich das Unglück der Ausgestoßenen ins Weibliche wendet: Die entehrte Edeldame Rosaura (Anja Laïs) will lieber nicht ins Kloster, sondern ihren Verführer zur Strecke bringen, entweder töten oder heiraten, je nachdem. Rosaura ist dabei als Mann verkleidet unterwegs oder als Hofdame ihrer Erzrivalin oder als sie selbst, je nachdem. Die Spiegelstruktur des Stücks und die vielfachen Rollenwechsel soll das Publikum in Köln nachspielen und nach der Pause die Plätze tauschen: “Seitenwechsel”, “Wechseln Sie Ihre Perspektive”, ist ein Handzettel überschrieben der vor Beginn das Prozedere erklärt. Nun ja. Immerhin gibt das Anlass, hübsche Beobachtungen zu machen über die Verbissenheit mit der Menschen ihren Platz verteidigen (”Ich lass mir doch von einem Regisseur nicht vorschreiben, wo ich zu sitzen habe!”).

Am Ende eine Doppelhochzeit, alles wird gut, schießlich ist’s ja eine comedia: eine Party, It’s a beautiful world dröhnt es aus den Lautsprechern. Nur Segismundo sitzt mit seinen Hofschlampen etwas abseits, er bläst langsam die Kerzen aus, ich glaube, der weiß was.

Vier kurze Stunden

Calderóns Traum ist gewiss kein einfaches Stück. Es ist von einer thematischen Fülle, die man - wenn sie aus dem 17. Jahrhundert auf uns kommt - gerne barock nennt: Fragen von Identität und Rolle, von Reden und Schweigen und Handeln, von Schicksal und Willensfreiheit, Macht und Ohnmacht werden da verhandelt, vielleicht auch von Liebe und Verrat, aber da bin ich mir nicht sicher. Im Prinzip ein philosophisches Lehrstück, mit endlosen Monologen, voll von nun wirklich barocker Allegorik und Symbolik, jenseits aller psychologischer Wahrscheinlichkeit - und einfach ziemlich lang, selbst Kruse braucht fast vier Stunden bis er durch ist. Aber er macht dabei etwas ganz Wunderbares: Die Fülle wird aufgemacht, nicht eingeschlossen in eine eilfertige Deutung oder ins Abspielen des Lehrstücks, sondern ins Offene gebracht und ausgespielt. Dabei kommt ein ganz ernstes Spaßtheater raus, das Calderons Weltdrama zwar in der Fremde hält, aber durch Populärsymbolik fürs Heute anschlussfähig macht. Und es hat ein herrliches, aber präzise choreographiertes Getümmel auf der Bühne.

Dafür braucht es natürlich ein Ensemble, mit dem man das durchziehen kann. Jan-Peter Kampwirth macht einen großartigen Segismundo, sowohl als ausgestoßenes Menschenmonster als auch später als anzugtragendes Politikerarschloch und Menschenmonster. Anja Laïs spielt ihre komödiantischen Stärken aus und wird ergänzt von der wunderbar krakeligen Annika Olbrich als ihre Rivalin Estrella.

Das durch die WM etwas geschwächte Kölner Publikum - einige Plätze bleiben leer - applaudiert dem Ensemble freundlich, aber es hat einige Buhs gegen das Regieteam: “Possenreißer!” ruft jemand dem Kruse zu. Ganz recht. Aber wenn das Leben schon kein Traum sein sollte, eine Posse ist es allemal.

Pedro Calderón de la Barca: Das Leben ein Traum (-Was sonst?-). R: Jürgen Kruse. D: Jan-Peter Kampwirth, Anja Laïs, Annika Olbrich, Hartmut Stanke, Maik Solbach, Michael Weber, Simon Eckert. Köln, Schauspielhaus, P: 19. Juni 2010. 4h mit 1 P.

[Ein kleiner prophylaktischer Hinweis: Menschen mit einer ernsten Schlangenphobie sollten sich nicht in die erste Reihe setzen, ernsthaft.]

Das Centre Pompidou in Metz ist seit Mitte Mai 2010 geöffnet

Im Haus der Schlümpfe

Die neue Außenstelle des Pariser Museums der modernen Kunst soll dem etwas strukturschwachen Lothringen touristisch auf die Beine helfen und einer der weltweit größten Sammlungen von Kunst des 20. Jahrhunderts zusätzlichen Schauraum verschaffen. Die Eröffungs­ausstellung unter dem Label Chefs-d’œuvre? (Meisterwerke?) ist noch bis Ende Oktober 2010 zu sehen.

Außenansicht Centre Pompidou in Metz. Foto: jvf.

Das Einzige, was ich bislang mit Metz verbunden habe, sind ungute Erinnerungen: Es ist jetzt recht genau 25 Jahre her, dass mir ein unvernünftig viriler Nachwuchsbademeister aus der lothringischen Kleinstadt ein Mädchen ausgespannt hat. Die Folgen waren sehr unerfreulich und ich mag an dieser Stelle nicht weiter davon erzählen, nur soviel: Jean-Pierre war ein Riesenarschloch und Metz hat in meinen Ohren seitdem einen sehr schlechten Klang.

Die Stadt hat sich nunmehr dazu verstanden, einen Rehabilitierungsversuch zu unternehmen. Direkt hinter dem Bahnhof, in der Brache des Quartier de l’Amphithéâtre – ein aufgelassener Güterbahnhof und ein ehemaliges Messegelände hat dort Ödland hinterlassen, das seit Mitte der neunziger Jahre in einem ambitionierten städtebaulichen Projekt revitalisiert wird –, direkt hinter dem Bahnhof also, ist seit Mitte Mai 2010 die Metzer Außenstelle des Pariser Zentrums für moderne und gegenwärtige Kunst geöffnet.

Chinesische Hüte und Schlumpfpilze

Dachkonstruktion Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.Ein chinesischer Hut soll es gewesen sein, der das japanisch-französische Architektengespann Shigeru Ban und Jean de Gastines zu der Dachkonstruktion inspiriert hat, die den Gebäudekomplex dominiert. Witzbolde sehen sich allerdings eher an die Wohnpilze erinnert, die weiland den Schlümpfen als Heimstatt dienten. Jedenfalls wird das elegant geschwungene, zeltförmige Dach von einer geflechtartigen Holzkonstruktion gebildet und von einer weißen Kunststoffmembran wasserdicht gemacht: sehr licht, sehr transparent, sehr hübsch das.

Drei knapp neunzig Meter lange Quader, übereinander gestapelt und in, um eine Zentralachse verschobener Ausrichtung durch das Dach getrieben, stellen als Galerien zusammen mit der Haupthalle des Baus rund 5.000 qm Ausstellungsfläche bereit. Zugleich öffnen sie mit ihren stirnseitigen Panoramafenstern den Blick auf die Altstadt und das Umland von Metz: Die Kathedrale, den wilhelminischen Bahnhof, das Quartier selber, die Landschaft der Lorraine.

Lange Nase

Decke Haupthalle Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.Insgesamt ist das Ding in seiner spielerischen Leichtigkeit und Eleganz, dem Kontrast von organischen Materialen und Glas/Beton, von geschwungenen und streng geometrischen Formen, ein sehr hübscher Kontrapunkt zur technikbesoffenen Angeberei des Mutterhauses in Paris. Und so kann man das als ironische Anspielung missdeuten, wenn in der Metzer Haupthalle weißgetünchte Lüftungsschächte und Trägerkonstruktionen über Putz den Parisern eine lange Nase drehen.

Die Baukosten lagen im Übrigen bei 70 Millionen Euro, so weiß die französische Presse zu berichten. Das ist entweder gelogen, schöngerechnet oder ausgesprochen preiswert. Dafür bekommt man andernorts nicht mal eine Sechstel Elbphilharmonie und am Ende wohl keine 200 Meter U-Bahn in Köln.

In die Tiefe des Raums

Ganz deutlich versuchen die Ausstellungsmacher der Eröffnungsschau nun die verschiedenen Möglichkeiten auszuloten, die die Gebäudearchitektur für die Ausstellungsarchitektur bereit hält.

In der Haupthalle (Grande Nef) formen Stellwände in gebrochen dunklen Farben ein Labyrinth eingangs sehr kleiner Kompartimente mit niedriger Decke. Das lädt bei Großformaten entweder zu besonders intimer Begegnung ein oder ist einfach zu beengt – man muss das nicht mögen. Dann weitet sich das Labyrinth, die Decken der Kompartimente öffnen sich und geben den Blick auf das Volumen der Haupthalle frei, unter dem Dach wirft ein großer Spiegel den Blick zurück und verschiebt die Perspektive aufs Labyrinth und die ausgestellten Werke.

Galerie 2, Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.Die Bewegung vom kleinteiligen, geschlossenen Ausstellungsraum hin zu großzügiger Weite wiederholt sich in den drei Galerien. Zunächst, im untersten der drei Quader, wieder ein (zum Teil etwas ärgerlich) eng bestellter Parcours. Dann in der mittleren Galerie eine wohlsortierte, chronologische Hängung von Werken entlang eines großzügigen Hauptgangs – sehr hübsch sind dabei Kontextinformationen zu den Werken in einen durch Wanddurchbrüche einsehbaren Nebengang ausgegliedert. Zuletzt, in der dritten, der obersten Galerie weitet sich die Raumgestaltung erneut, die unverstellte Lauffläche öffnet sich hin zum Panoramafenster (mit Blick auf die Altstadt, die Kathedrale), und fast wird hier die an den Rändern ausgestellte Kunst zur Nebensache gegenüber der Rauminszenierung.

Kurz, langweilig ist das nicht.

Galerie 3, Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.

Meisterwerke?

Die Eröffnungsausstellung steht also unter dem Label Chefs-d’œuvre?.

800 dieser Meisterwerke werden gezeigt, davon 700 aus dem Bestand, für den diese Außenstelle eingerichtet wurde: die Sammlung des staatlichen Musée national d’art moderne, die seit 1977 im Pariser Centre Pompidou beheimatet ist. Sie umfasst heuer fast 60.000 Objekte und ist damit eine der weltweit größten Kollektionen moderner Kunst. Im Pariser Mutterhaus können davon jeweils nicht mehr als 1.300 gezeigt werden, also reichlich Grund für den, in die Provinz verschobenen Erweiterungsbau.

Der Titel der Ausstellung ist natürlich erstmal ziemlich clever gewählt, weil er so unspezifisch ist, dass er auch eine etwas beliebige Zusammenstellung von ausgestellten Werken rechtfertigt und gleichzeitig die Qualität des ausgestellten Materials behauptet. Der Anspruch der Schau ist dabei nicht geringer als die Geschichte des Meisterwerks durch die Epochen verfolgen zu wollen, seine Gültigkeit im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst zu problematisieren, mit der Sammlungsgeschichte des Nationalmuseums zu verbinden, einen Überblick über die Avantgarden der Moderne zu verschaffen und nebenbei die Geschichte des französischen Kunstmuseumswesens in der Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte transparent zu machen. Das ist ein bisschen viel und dementsprechend ist das Ergebnis nicht so recht zwingend und die Werkauswahl nicht so recht stringent.

Meisterwerke!

Am besten, man ignoriert dieses überambitionierte Konzept und nutzt die Gelegenheit, neben dem Bau, die Fülle an wirklichen Meisterwerken zu genießen, die die Schau bieten kann. Zu den spektakulärsten Exponaten gehören Joan Mirós Ensemble Bleu I-III und Louise Bourgeois’ Installation Precious Liquids. Von Matisse ist, außer einem roten Interieur, seine wunderbare druckgraphische Serie Jazz zu sehen, Benjamin Vautiers verschrobene Installation Le magasin de Ben macht publikumswirksame Gaudi.

Die Schau ist zur Gänze noch bis 25. Oktober 2010 zu sehen, dann schließen nach und nach die Ausstellungsbereiche und machen Platz für Folgeausstellungen: Grande Nef (25. Oktober), Galerie 3 (17. Januar 2011), Galerie 1 (9. Mai 2011), Galerie 2 (29. August 2011).

Der mächtige Ausstellungskatalog ist – frankreichtypisch – sehr teuer (49 Euro), hat aber einen Goldschnitt (und zum Teil sehr kleine Abbildungen).

Sehr lesenswerte Entscheidungshilfe, ob eine Reise nach Metz lohnt, gibt Frau Gorgus im Museumsblog.

Chefs-d’œuvre? Metz, Centre Pompidou - Metz. 12.05. - 25.10.2010.

Bas de Wit und Sidi El Karchi im Bonnefantenmuseum Maastricht

The more you cry the less you pee

Sehr gegensätzliche Sichten auf den Menschen treffen da noch bis Ende Juni 2010 im Maastrichter Bonnefantenmuseum aufeinander. Eine kleine, aber sehenswerte Doppelausstellung zeigt Werke zweier junger Künstler aus der Region: Die schrillen, irgendwie mephistophelischen Arbeiten Bas de Wits und die eher stillen, charmanten Portraits Sidi El Karchis.

Bas de Wit, 1977 in Budel (Nordbrabant) geboren, Studium in Maastricht und Antwerpen, zeigt in seinen Objekten mit grimmigem, sardonischem Blick beschädigte Menschen, Gartenzwerge und Kentauren in auswegloser Bedrängnis. The more you cry the less you pee (2009) ist ein todesgroßer, aufgerissener menschlicher Torso, aus dem ein Rabe sich die Innereien pickt, ein zweiter Rabe thront triumphierend auf dem kopflosen Hals, ein dritter hat sich festgekrallt am halberigierten Schwanz, die Hüfte ist lose von einem Müllsack umgürtet, die linke Hand ist noch zur Faust erhoben, augenscheinlich vergeblich das. Der Torso hat es immerhin halbwegs hinter sich, nicht aber der Greis, mit Inkontinenzwindel und Schwimmflügeln versehen, und mit Füßen, die in monströsen Betonkuben einzementiert sind, er wird er nicht mehr viel bewegen bevor er fällt (Stop till you drop, 2010).

Mit einer gewissen Grausamkeit (oder vielleicht auch nur in grausamer Pose des Jungspunds) zeigt de Wit seine Menschen in leidender, lächerlicher Hilflosigkeit, farcenhafte Nachfahren Laokoons, kaum noch Restbestände an Würde können die behaupten – oder ist ihre Würde gerade darin zu suchen, dass die Lächerlichkeit ausgehalten wird? Von seinen schwarzgrundierten Gemälden schauen jedenfalls derweil satanische Gestalten auf die Szenerie. Und was weiß ich, was die swingenden Totenträger aus New Orleans in den beiden Monumentalgruppen Toontje Lager I/II (2008) außer dem gigantischen Radiorekorder noch zu Grabe tragen.

De Wits Arbeiten waren auch schon in der Rheinprovinz zu sehen, auf der Art Cologne und in Ausstellungen der Kölner Galerie Figge von Rosen. Abbildungen gibt es auf seiner Hompage.

Zurück im menschlichen Maß

Vielleicht kommt Sidi El Karchis stille Malerei gegen die lärmende Kunst de Wits in dieser Doppelausstellung etwas zu kurz.

El Karchi, 1975 im limburgischen Sittard geboren, hat sich nach seinem Maastrichter Kunststudium ganz der Portraitkunst verschrieben: charmant zurückhaltende, konzentrierte Bildnisse in einem flächig-comicartigen Stil mit wenig Requisiten macht er – stille Studien oft etwas entrückter oder auch in sich ruhender Menschen, ebenso distanziert (oder auch nicht invasiv) wie empathisch gezeichnet.

The Nomad (2009) und die Portraits der Mutter (My Mother, 2006 und The Annunciation, 2009) haben mir besonders gefallen. Bilder sind auf der Ausstellungsseite des Bonnefantenmuseums zu sehen.

Zwei kleine Broschüren zur Ausstellung mit anständigen Abbildungen und fragwürdigen Kurzessays sind für zusammen 25 Euro zu haben.

Sidi El Karchi / Bas de Wit. Maastricht, Bonnefantenmuseum. 11.4. - 27.6.2010.