Kunst und Politik auf der documenta 14 – Kassel und Athen 2017

Eine Erregung

Die documenta 14 zeigt eine Fülle herausragender Gegenwartskunst, ist aber konzeptionell ein Ärgernis: Empörungsgetriebe Kunstpraxis, die das Unterscheiden verlernt hat.

Griechische Flagge auf der Akropolis. Foto: jvf
Griechische Flagge auf der Akropolis. Foto: jvf.

Der künstlerische Leiter der documenta 14, Adam Szymczyk, hat als „Ziel und Interesse“ seiner Ausstellungs­konzeption im Vorfeld der Kunstschau angegeben,

[…] die documenta 14 in ein Kontinuum ästhetischer, ökonomischer, politischer und sozialer Experimente zu verwandeln.

Nun weiß ich nicht, wie gute Kunst nicht auf das Ökonomische, Politische oder Soziale durchgreifen könnte, es sei denn, man legt einen sehr verengten Begriff des Politischen usw. zu Grunde oder einen noch maßlos verengteren Begriff des Ästhetischen. Aber hier scheint es ja um etwas anderes zu gehen: Die Kunst oder das Ästhetische ist nur eins von vier Handlungs­feldern oder Diskursen, die gleich­berechtigt in der Ausstellungs­konzeption unterkommen.

Das ist für eine Kunstausstellung etwas verblüffend. Vor allem aber geht es an vielen Stellen fürchterlich schief. Und zunächst einmal heißt das ja, dass der Kunst­verbraucher zu drei Vierteln nicht ästhetische Kriterien an die Arbeiten dieser documenta anlegen soll. Ich lasse mich mal ein Stück weit darauf ein, zugegeben, als Laie in Sachen des Nicht-Ästhetischen.

Hillary Clinton: Die geborene Verbrecherin

Das erste Beispiel: Sergio Zevallos’ (*1962 in Lima) zweiteilige Installation A War Machine. Teil 1 ist in Athen zu sehen, in der neuen Außenstelle des Benaki Museums, Teil 2 in der Kasseler Neuen Galerie. Zevallos will Ursachen des Krieges zeigen. Eine pseudokomplexe Bodengrafik in Athen simuliert Einsichten ins Beziehungs­geflecht von Institutionen (die Europäische Union scheint der Haupt­kriegstreiber zu sein). Ein paar Körper­darstellungen in Athen und Kassel stehen für den biopolitischen Kontext.

Sergio Zevallos, A War Machine. First Part: Fluid Mechanics, 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Benaki-Museum Annex Pireos-Straße, documenta 14, Foto: Stathis Mamalakis
Sergio Zevallos, A War Machine. First Part: Fluid Mechanics, 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Benaki-Museum Annex Pireos-Straße, documenta 14, Foto: Stathis Mamalakis.

Aber vor allem geht es um die Personalisierung von verbrecherischem Handeln im polit-militärisch-ökonomischen Komplex. In Athen hat es eine hübsch anzuschauende Apparatur von Körpersäften, in Kassel eine Galerie der „geborenen Verbrecher“ [sic!], der „menschen­fressenden Persönlich­keiten“ (so textliche Beigaben der Installation in Kassel), die umfasst Manager, Banker, Militärs (vornehmlich US-Generäle), Udo Voigt, Beate Zschäpe, Ursula von der Leyen und Hillary Clinton.

Besonders verbrecherische Individuen („deren Existenz der Auslöschung eines weiten Spektrums der Menschlichkeit gewidmet ist“) werden zudem in plastischer Form als Schrumpfköpfe präsentiert, wiederum u.a. Uschi von der Leyen. Die Schrumpfköpfe berufen einen anti­kolonialistischen Impetus und werden durch Verweis auf indigene kulturelle Praxis legitimiert, ich zitiere mal von der Erläuterungs­tafel in der Neuen Galerie:

Der Akt der Mimesis in der Schrumpfung der Köpfe – eine Praxis, die von der Shuar-Kultur des Amazonas zwischen Ecuador und Peru entwickelt wurde – deutet Ethnografie als Kriegsideologie um. Nachdem ein Oberhaupt der Shuar seine Erlaubnis erteilt hat, können die Trophäen [sic!] öffentlich präpariert und in Vitrinen ausgestellt werden.

Nun würde man in ästhetischer Perspektive mit einiger Milde über diesen Unsinn hinweg sehen und darüber besser keine Worte verlieren, vielleicht kurz nachdenken, warum die Umkehrung kolonialistisch-rassistischer Methodik in dieser Provokationskunst nicht antirassistisch wirkt. Aber wir sind ja auch in einem polit-ökonomischen Experiment unterwegs. Und da muss man sich über die dramatische Unter­komplexheit der Analyse und vor allem über die gefährliche Methode dieses Experiments schon verwundern.

Erinnert das Gemisch aus Denunziation, Gewalt­phantasie und echter oder vorgegebener Blindheit gegenüber gar nicht so feinen Unterschieden nicht an das Inventar faschistischer Propaganda? Oder, wenn man’s anekdotischer formulieren will: Werden Trumps Breitbart-Extremisten mit dieser Denunziation von „lying crooked Hillary“ ein Problem haben?

Stalinistischer Propaganda-Kitsch des Hoxha-Regimes

In Athen, im EMST, sehe ich eine Handvoll Bilder, die aus der Nationalgalerie in Tirana entliehen sind. Von Pandi Mele (1939–2015) sind die Soldaten der Revolution (1968) vor Ort, von Zef Shoshi (*1939 in Tirana) Die Dreherin (1969). Sozialistisch-realistischer Propaganda-Kitsch eines der schlimmsten stalinistischen und später maoistischen Regime Europas.

Zef Shoshi, Tornitorja (The Turner), 1969, Öl auf Leinwand, Sammlung Nationale Kunstgalerie, Tirana, Installationsansicht, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke
Zef Shoshi, Tornitorja (The Turner), 1969, Öl auf Leinwand, Sammlung Nationale Kunstgalerie, Tirana, Installationsansicht, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke.

Dieser Kitsch wird unterschiedslos zwischen sehr gute Sachen gehängt. Um die Ecke sind Arbeiten von Geta Brătescu zu sehen, eine räumliche Nähe, die zumindest geschmacklos ist (nebenbei: die kleine Brătescu-Retrospektive im rumänischen Pavillon der Biennale Venedig hat deutlich bessere Arbeiten von ihr als die documenta).

Wenn hinter der Präsentation dieser stalinistischen Propaganda ein kuratorisches Konzept steht, das auf kritische Auseinander­setzung mit Kunst als Propaganda-Instrument abzielt, wird das jedenfalls großflächig verschwiegen (die Hängung legt aber auch nicht nahe, dass es darum gehen würde). Auf der Webseite der documenta 14 lese ich:

Shoshis bedeutendes Porträt des albanischen kommunistischen Diktators Enver Hoxha aus den 1970er Jahren war […] ein Schlüsselwerk der Ikonografie dieser Ära.

Ach so. Man kann (ein Viertel Ästhetik) nur vermuten, dass ästhetische Qualitäts­maßstäbe bei dieser documenta dann doch eher gar keine Rolle spielen sollen. Und man muss feststellen, dass (drei Viertel Politik, Ökonomie, Soziales) die angelegten Maßstäbe einer sehr diffusen polit-ökonomischen „Theorie“ auch keine Unter­scheidungen mehr erlauben. Es scheint dieser documenta irgendwie alles das selbe und damit irgendwie auch alles egal – in Verbindung mit maximaler Empörung allerdings.

Komplexitätsreduktion

Extreme Beispiele das? Gewiss. Wenig aussagekräftig für die gesamte documenta 14? Leider doch.

Eine – so sympathisch einem der Antrieb an sich sein mag – empörungs­getriebene Kunstpraxis wird hier oftmals in Verbindung mit mangelnder Stringenz der Konzeption rausgehauen und alles andere als klug kuratiert. Das trifft auch sicher gut gemeinte und auf den ersten Blick eindrucksvolle Arbeiten. Wie der Parthenon der Bücher seine eigene Wirkungsabsicht auf absurde Weise selbst unterläuft, sei an anderer Stelle ausgeführt: Die documenta 14 in Athen und Kassel: Von Kάσελ lernen.

Plakatwerbung documenta 14, Kassel. Foto: jvf
Plakatwerbung documenta 14, Kassel. Foto: jvf.

Nun ist es ja ohnehin fraglich, ob Experten der Kunstproduktion zugleich immer auch Experten für das Politische, Ökonomische und Soziale sind. Die Geschichte der Intellektuellen im 20. Jahrhundert lehrt jedenfalls anderes. Naturgemäß ist dabei die Auseinander­setzung mit den desaströsen Folgen des Finanz­kapitalismus am Beispiel Griechenland auf dieser documenta in Athen und Kassel ein zentrales Thema. Und eine parteiische und engagierte Kunst, die sich da einmischt, hat erstmal jedes Recht auf ihrer Seite. Aber auch hier ist – vor allem in nicht-ästhetischer Perspektive – die Unterkomplexheit der Analyse erschütternd. Folgt man den meisten hier einschlägigen Arbeiten dieser documenta, so gibt es keinerlei Ursachen der Krise öffentlicher Haushalte in Griechenland, die etwas mit Klientel­system, Korruption oder Steuerflucht der heimischen „Eliten“ zu tun hätten.

Mit dem künstlerischen Leiter der documenta ist diese Kunst ganz auf Linie. Ich zitiere ein vorletztes Mal Adam Szymczyk:

Eine der gewichtigsten unter den Katastrophen, denen wir bei der Arbeit an der documenta 14 begegneten, war die wirtschaftliche Gewalt, die der Bevölkerung Grienlands offenbar beinahe in einem Großversuch auferlegt wurde. Die Sparmaßnahmen, die die internationalen Finanz­institutionen im Einklang mit den führenden Politiker_innen der Europäschen Union in aufeinanderfolgenden Phasen verhängten, hatten den De-facto-Verlust der Souveränität der aktuellen wie jeder zukünftigen griechischen politischen Wählerschaft zur Folge sowie, nachdem 2015 Instrumente der Kapital­verkehrskontrolle implementiert wurden, den Verlust der individuellen Freiheit der Bürger_innen Griechen­lands.

In dieser Einäugigkeit steckt eine schlimme Pointe. Die sich sicher als links-internationalistisch verstehende Position fällt recht umstandslos auf eine nationalistische Argumentations­linie herein, eine einseitigen Schuldzuweisung an die verbrecherischen internationalen Finanz­institutionen und die Europäische Union. Das hat für die griechischen politischen und wirtschaftlichen „Eliten“ den enormen Vorteil einer sehr bequemen Absolution. Und das ist für die Rechts­populisten eine prima Basis für ihre nationalistische Propaganda (nicht nur in Griechenland).

„Eine Welt, in der wir leben wollen“

Die Hoffnung, die Szymczyk mit seiner documenta verbindet, hat er – in einiger Unbescheidenheit – so umrissen:

Wir hoffen, dass die documenta 14 einer von vielen Schritten sein wird auf dem Weg in eine Welt, in der wir leben wollen – auch wenn es nicht danach aussieht, als würde diese Welt „zivilisiert, frei, wohlhabend, gesetzestreu, maßvoll und zurückhaltend“ sein.

Das „zivilisiert usw.“ ist ein Zitat aus Timothy Garton Ash’ Zustands­beschreibung Deutschlands aus dem Jahr 2013 (The New German Question, The New York Review of Books, 15. August 2013), über die man sicher streiten kann, wobei ich Ash’ „cautious“ hier lieber mit „umsichtig“ als mit „zurückhaltend“ übersetzen würde.

Nun bin ich gewiss von alters­müdem Konservativi­smus geschlagen, aber was um Himmels Willen wäre denn falsch an einer Welt, in der es überall „zivilisiert, frei, wohlhabend, gesetzestreu, maßvoll und umsichtig“ zugehen würde? Zu langweilig? Das werden die Menschen, die vor barbarischen, unfreien, armen, gesetzlosen, gierigen und zerstörerischen Verhältnissen flüchten müssen, wohl sehr anders sehen. Vielleicht bräuchte es in einer solchen Welt aber deutlich weniger irr­lichternde politische Verschwurbelt­heit, die für diese documenta 14 so kennzeichnend ist.

Und die Kunst? Gibt es keine gute Kunst auf der documenta 14? Doch, jede Menge, mehr dazu hier: Die beste Kunst der documenta 14: „Brékekekéx koáx koáx!“

[Alle Szymczyk-Zitate aus seinem Essay 14: Iterabilität und Andersheit: Von Athen aus lernen und agieren im documenta 14 Reader.]

documenta 14. KLtg: Adam Szymczyk. Athen, 8. April – 16. Juli / Kassel, 10. Juni – 17. September 2017.

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