Die zehn besten nationalen Pavillons – Biennale Venedig 2017

Fäuste, Follies, Trolle

Die Top 10: Deutschland, Großbritannien, die USA, Finnland, Rumänien, Mexiko, Südafrika, Italien, Libanon und Island – Ein Rundgang durch die besten Pavillons der 57. Internationalen Kunstausstellung in Venedig.

Gang im Arsenale, Biennale Venedig 2017. Foto: jvf

Nicht weniger als 85 nationale Beiträge sind auf der Biennale von Venedig 2017 zusammen gekommen. Zum ersten Mal dabei sind Antigua und Barbuda, Kiribati und Nigeria. Welche Pavillons sollte man nicht verpassen?

Anne Imhofs Faust im deutschen Pavillon

Man kommt bei den besten nationalen Beiträgen dieser Biennale nicht vorbei an Anne Imhofs Performance im deutschen Pavillon. Die Jury der Biennale begründete die Vergabe des Goldenen Löwen an Imhof und die Kuratorin Susanne Pfeffer mit dem Hinweis, das sei „eine mächtige und verstörende Installation, die dringliche Fragen zu unserer Zeit stelle. Sie treibt den Zuschauer in einen Zustand der Beklemmung.“

Allerdings: Ein Besuch des Pavillons zu Zeiten ohne Performance ist zwar möglich, aber weitestgehend sinnlos. Die Webseite des Deutschen Pavillons informiert über Termine und Anfangszeiten.

Deutscher Pavillon, Anne Imhof. 57. Esposizione Internazionale d’Arte – La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia
Deutscher Pavillon, Anne Imhof. 57. Esposizione Internazionale d’Arte – La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Mehr über den deutschen Pavillon mit Anne Imhofs Performance Faust [DE, Giardini]

Phyllida Barlows folly im britischen Pavillon

Gleich nebenan, oben auf der Montagnola der Giardini, lässt derweil Phyllida Barlow (*1944 in Newcastle upon Tyne) ihre Skulpturen den britischen Pavillon über seine Grenzen hinaus ausmessen.

Folly nennt sie ihre site-spezifische Großinstallation (K: Delphine Allier, Harriet Cooper). Der Titel stehe für die Idee, das etwas „tollkühn, riskant oder auch beknackt“ sei, nehme aber zugleich Bezug auf den Architektur­begriff „folly“ (Zierbau), stehe für eine Vortäuschung, erläutert Barlow.

Ausstellungsansicht, folly, Phyllida Barlow, Britischer Pavillon, Venedig, 2017. Foto: Ruth Clark © British Council. Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth. Phyllida Barlows Auftragswerk des British Council ist auf der Biennale Venedig 2017 vom 13. Mai bis 26. November 2017 zu sehen
Ausstellungsansicht, folly, Phyllida Barlow, Britischer Pavillon, Venedig, 2017. Foto: Ruth Clark © British Council. Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth. Phyllida Barlows Auftragswerk des British Council ist auf der Biennale Venedig 2017 vom 13. Mai bis 26. November 2017 zu sehen.

Diese Vortäuschung ist eine Simulation von Harmlosigkeit. Dass da auch ein sehr bedrohliches Moment dabei ist, wird schon vor Eintritt in den Pavillon deutlich. Draußen sind auf Metallständer montierte, teils monströse, betongraue, kartoffelförmige Dingens aus Gips bunt bemalt, sie könnten vom letzten Kinder­geburtstag übrig geblieben sein – oder aber sie schicken sich an, in den Bau einzudringen, ihn vielleicht als Unheilsbringer einzunehmen („baubles“ – Spielereien oder auch Christbaum­kugeln heißen sie unschuldig).

Einen starken Eindruck macht der zentrale Saal des Pavillons, elf Großskulpturen, mächtige Säulen darunter, deren Außenhaut aufgerissen ist und ihre leichtfüßige Konstruktion freigibt. Trotzdem fühlt man sich schon ein wenig bedrängt von diesen Objekten, an den Rand gedrückt, man könnte auch von Beklemmung sprechen. Hinten steht das Gerippe eines gigantischen Megafons und wartet auf den nächsten Großsprecher. Später, in Gallery 5, ragen Betonzacken aus einem bunten Holzverschlag gefährlich knapp über den Köpfen in den Raum („awnings“).

Ausstellungsansicht, folly, Phyllida Barlow, Britischer Pavillon, Venedig, 2017. Foto: Ruth Clark © British Council. Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth. Phyllida Barlows Auftragswerk des British Council ist auf der Biennale Venedig 2017 vom 13. Mai bis 26. November 2017 zu sehen
Ausstellungsansicht, folly, Phyllida Barlow, Britischer Pavillon, Venedig, 2017. Foto: Ruth Clark © British Council. Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth. Phyllida Barlows Auftragswerk des British Council ist auf der Biennale Venedig 2017 vom 13. Mai bis 26. November 2017 zu sehen.

Dem spielerischen, vieldeutigen und sehr konkreten Charakter von Barlows Installation wird man nicht gerecht, wenn man das umstandslos auf die Katastrophe der britischen Politik verrechnet. Aus dem Kopf zu kriegen, ist das aber auch nicht.

In einem Interview mit der Financial Times hatte Barlow im Vorfeld der Biennale lachend erzählt: „Mein ganzes Leben habe ich mit dem Versuch verbracht, eindeutige Symbolik zu vermeiden. Und jetzt stolpere ich da mit dieser Ausstellung direkt hinein.“

Der British Council hat ein sehr hübsches Video über die Barlows Arbeit im britischen Pavillon bei Youtube untergestellt. [GB, Giardini]

Mark Bradfords amerikanischer Hephaistos im Pavillon der USA

Nicht ganz unähnlich zum künstlerischen Vokabular von Phyllida Barlow ist die Formensprache zumindest der Skulpturen und Installationen von Mark Bradford (*1961 in Los Angeles), allerdings umständehalber deutlich verschoben ins Düstere.

Im Pavillon der USA, unten am Fuß der Montagnola, zeigt Bradford seine jüngsten Arbeiten unter dem Label Tomorrow Is Another Day – Morgen ist auch noch ein Tag (K: Christopher Bedford, Katy Siegel).

Vereinigte Staaten von Amerika, Mark Bradford, Tomorrow is Another Day. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia
Vereinigte Staaten von Amerika, Mark Bradford, Tomorrow is Another Day. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Ein Hügel Schutt ist vor dem neoklassizistischen Bau aus besseren Zeiten aufgehäuft. Noch draußen lassen zwei Inschriften Hephaistos erzählen von seinem Sturz vom Olymp, dem Hinken, von Medusa und einer Entführung durch „schwarze Schatten“, Sklavenhändler sind es.:

Ein versteinerter Mensch hört nichts.
Die Begierde dieser Menschen wird erst
Befriedigt werden durch das schwarze Gold und die neue Welt.
Aber wenn ihr mich fragt,
Alles, woran ich mich erinnere, ist das Gehen
Alles, woran ich mich erinnere, ist das Fallen.

Entlang dieses mythologisch-erzählerischen Rahmens ist die Ausstellung von Bradfords Arbeiten im Innern organisiert. Durch den Lieferanten­eingang geht es hinein einen Raum, in dem Hephaistos buntscheckiger Klumpfuß mächtig ragt und die Besucher an den Rand drängt (Spoiled Foot, 2016). Das ist auch eine Geschichte der Marginalisierung.

Dann begegnet man Medusa (2016) als klumpiger Haufen giftig schwarz-gelber Papierschlangen. Mit dem gleiche Material ist die eigentlich lichte Rotunde nebenan in eine dunkle Höhle verwandelt, das mag die Krone Medusas sein („Sie verbarg mich in ihrer Krone / Ich war ruhig, Ich war sicher“) oder der Schiffsbauch des Sklavenhändlerschiffes („Schwarze Schatten / Versteckten gewinnbringende Fracht / Verschleppten mich hinaus auf die See / Im Bauch eines mächtigen, finsteren Schiffs“).

Vereinigte Staaten von Amerika, Mark Bradford, Tomorrow is Another Day. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia
Vereinigte Staaten von Amerika, Mark Bradford, Tomorrow is Another Day. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia.

An den Wänden Malereien Bradfords (alle aus 2016/17), abstrakt-expressionistischer Symbolismus, wenn es sowas gibt. Den Schlusspunkt setzt eine ältere Videoarbeit, Niagara (3½ min, 2005). [US, Giardini]

Die Genesis in finnischer Neuauflage

Zuviel Krise? Zuviel Beklemmung? Zumindest Freunde des abseitigen, skurrilen und mitunter etwas brachialen Humors können im finnischen Pavillon aufatmen (also symbolisch aufatmen, weniger konkret durchatmen).

Erkka Nissinen (*1975 in Jyväskylä) und Nathaniel Mellors (*1974 in Doncaster) haben in den – vor nunmehr sechzig Jahren vom Stararchitekt Alvar Aalto entworfenen, hübschen, aber im venezianischen Sommer sehr saunatauglichen und stickigen – finnischen Pavillon ihre rund 50 Minuten kurzweilige Multimediainstallation The Aalto Natives (2017) eingestellt (K: Xander Karskens).

Finnland (Pavillon Alvar Aalto) The Aalto Natives. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia
Finnland (Pavillon Alvar Aalto) The Aalto Natives. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Ein eierköpfiger Gottvater, Geb, ein sprechender Computer, der HAL-artig rot leuchtet, und ein Karton, der auf den Namen Atum hört und Gottes Sohn ist: Das ist die neue Dreieinigkeit. Wobei Atum eigentlich nur ein Stellvertreter ist, weil der Gottessohn ist eigentlich ein in den Boden gebuddelter, ewig hungriger Troll, Muta, den C.G. Jung seinerzeit als Archetypus ausgezeichnet hat, woran sich Gott aber nicht mehr erinnern kann bzw. will. Verwirrend?

Egal. Diese heilige Familie beschließt nach 35 Millionen Jahren, ihre Schöpfung zu überprüfen und durch eine zweite, jetzt aber richtige Schöpfung aus dem Geist der finnischen Sozialdemokratie zu ersetzen – die ganze Erde ein einzig Finnland.

Die Installation mit animierten Figuren und Videoprojektionen aus Zeichentrick, CGI und Muppetmovie lassen die Besucher breit grinsen und lauthals lachen. Man muss dafür allerdings mit Genital-, Anal- und Splatter-Komik als Mittel der Religions- und Gesellschafts­satire zurecht kommen. [FI, Giardini]

Geta Brătescu im rumänischen Pavillon

Danach muss man aber eine Pause einlegen, um sich auf den rumänischen Pavillon einlassen zu können. Der zeigt eine konzentrierte und klug kuratierte Schau mit Werken der großen alten Dame der rumänischen Avantgarde: Geta Brătescu (*1926, Ploiești).

Apparitions (K: Magda Radu) versammelt Arbeiten aus dem sehr vielgestaltigen Werk Brătescus von den 1960er Jahren bis heute, Zeichnungen, Lithografien, Collagen, fotografische Arbeiten, Objekte, Installationen und Videos.

Geta Brătescu, Doamna Oliver în costum de calatorie (Lady Oliver im Reisekostüm), 1980-2012. S/w Fotografie, 38,9x39,5 cm. Courtesy of the artist. Foto: Mihai Brătescu
Geta Brătescu, Doamna Oliver în costum de calatorie (Lady Oliver im Reisekostüm), 1980-2012. S/w Fotografie, 38,9x39,5 cm. Courtesy of the artist. Foto: Mihai Brătescu.

Neben den – sehr witzigen – fotografischen und filmischen Selbst­inszenierungen, haben mich vor allem Arbeiten mit literarischen Bezügen besonders fasziniert – Brătescu hat Kunst und Literatur studiert, ein enges Verhältnis zur Literatur hat ihre Kunst immer unterhalten. In Venedig mit dabei sind u.a. die sehr starken Lithografien aus der Serie Mutter Courage (1965) und eine Serie von Illustration zu Faust (1981).

Geta Brătescu, Apparitions, Ausstellungsansicht, Rumänischer Pavillon. Foto: © Jens Ziehe, Berlin
Geta Brătescu, Apparitions, Ausstellungsansicht, Rumänischer Pavillon. Foto: © Jens Ziehe, Berlin.

[RO, Giardini]

Carlos Amorales Life in the Folds im mexikanischen Pavillon

Drüben im Arsenale: Seltsamerweise wird der Pavillon Mexikos von Kritik und Publikum meist recht achtlos beiseite gelassen. Dabei gehört Carlos Amorales’ (*1970 in Ciudad de México) Projekt Life in the Folds (nach einem Lyrikband von Henri Michaux, La Vie dans les plis) zu den spannendsten Arbeiten unter den nationalen Beiträgen dieser Biennale (K: Pablo León de la Barra).

Carlos Amorales, Life in the Folds. Biennale Venedig 2017. Installationsansicht. Rechte: © Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura 2017. Quelle: bienaldevenecia.mx
Carlos Amorales, Life in the Folds. Biennale Venedig 2017. Installationsansicht. Rechte: © Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura 2017. Quelle: bienaldevenecia.mx.

Amorales hat sich ein eigenes Alphabet erfunden, bestehend aus 74 unregelmäßig flächigen Zeichen, zwei Buchstaben mehr als das Alphabet der Khmer-Schrift, das gemeinhin als längstes Alphabet der Welt gilt, wenn ich recht im Bilde bin. Eine Zeitung in dieser nicht entzifferbaren Schrift liegt im Pavillon zur Mitnahme bereit, sie enthalte kritische Essays zur gegenwärtigen Politik Mexikos, heißt es.

Zu dreidimensionalen Keramik­objekten mutiert, liegen diese Schriftzeichen auf Tischen ausgebreitet und sind unlesbare Gedichte. Die Keramik­dingens sind mit Löchern versehen und funktionieren auch als okarina­ähnliche Musikinstrumente. An den Wänden hängt eine 92-seitige Partitur, wiederum mit diesen Zeichen, die zu schatten- und windspielartigen Grafiken aufgelöst werden.

Carlos Amorales, Life in the Folds. Biennale Venedig 2017. Installationsansicht. Rechte: © Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura 2017. Quelle: bienaldevenecia.mx
Carlos Amorales, Life in the Folds. Biennale Venedig 2017. Installationsansicht. Rechte: © Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura 2017. Quelle: bienaldevenecia.mx.

Die Schrift, die Poesie, die Musik, die Grafik und der politische Essay werden in einem Schwarzweiß-Video, The Cursed Village (13 min, 2017) enggeführt: Ein Schatten- und Figurentheater, das von einem failed state erzählt, in dem eine Migrantenfamilie ermordet wird. [MX, Arsenale, Sale d’armi]

Magische Fabriken im italienischen Pavillon

Der erstaunlich starke italienische Pavillon – erstaunlich wg. vergleichsweise schwachen Auftritten in den letzten Jahren – knüpft mit Il mondo magico (K: Cecilia Alemani) an eines der beiden Hauptthemen dieser Biennale an.

Italien, Il mondo magico. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di Venezia
Italien, Il mondo magico. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di Venezia.

In Zentralausstellung wie in den nationalen Beiträgen wird naturgemäß häufig die künstlerische Auseinandersetzung mit Erfahrungen der Migration und der Flucht gesucht. Mindestens ebenso häufig aber finden sich sakralisierende Inszenierungen von Kunst, Ästhetisierungen von Spiritualität, Privat- oder Alternativ­religionen. Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Sache ist.

Gleichviel. Es wirkt zunächst wie eine etwas schaurige Menschenfabrik, ist aber eine Fabrikationsanlage für Heiligen­figuren: Die Groß­installation Imitazione di Cristo, mit der Roberto Cuoghi (*1973 in Modena) den Auftakt im italienischen Pavillon macht.

Von der Gussform, in der das organische Material in Menschenform gepresst wird, über Kammern, in denen die Figuren zersetzt werden, bis hin zu Backöfen zur Fixierung des Ergebnisses wird der Prozess der Heiligen­generierung inszeniert.

Italien, Il mondo magico. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di Venezia
Italien, Il mondo magico. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Foto: Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Nicht minder spektakulär nebenan das Environment von Giorgio Andreotta Calò (*1979 in Venedig), La fine del mondo: Calò hat eine der mächtigen Halle im Arsenale in zwei Ebenen geteilt. Unten trägt eine dichte Reihe von Stahlträgern eine Dachkonstruktion und verschafft den Eindruck eines fünfschiffigen Sakralbaus, der allerdings offenbar zur Kernsanierung ansteht.

In der oberen Ebene sorgt eine weite Wasserfläche und Spiegel für einen Schwindel machenden Effekt der Dopplung der eigentlichen Dachkonstruktion der Halle.

Italien, Il mondo magico. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Giorgio Andreotta Calò, La fine del mondo. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia
Italien, Il mondo magico. 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, Viva Arte Viva. Giorgio Andreotta Calò, La fine del mondo. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia.

[ITALIA, Arsenale, Tese delle Vergini]

Zad Moultakas libanesischer Tempel für Šamaš

Was tut sich abseits der Giardini und des Arsenale? Ein weiteres Beispiel für nationale Pavillons, deren Arbeiten die sakrale Formensprache für ihre Inszenierung mobilisieren, ist der Pavillon des Libanon, etwas unzugänglich gelegen in der Tesa 100 im Arsenale Nord.

Der libanesische Komponist und bildende Künstler Zad Moultaka (*1967) greift in seiner Sound- und Rauminstallation auf den babylonischen Sonnengott Šamaš zurück. Dessen Gesetzestafel ist heuer aber eine, als Stele in die Halle gestellte Turbine eines Bombers (ein Rolls Royce Avon M K209 – weiß der Begleittext): ŠamaŠ – Sun Dark Sun (K: Emmanuel Daydé).

Zad Moultaka, ŠamaŠ – Libanesischer Pavillon Venedig. © Zad Moultaka Studio - Association Sacrum
Zad Moultaka, ŠamaŠ – Libanesischer Pavillon Venedig. © Zad Moultaka Studio - Association Sacrum.

Das ist von vielleicht von etwas eingeschränkter Subtilität, insbesondere weil im Hintergrund ein Mosaik­vorhang mit tausenden Münzen, auf den Götzen verweist, auf den sich alle Gläubigen und Nichtgläubigen jeglicher Denomination einigen können. Der Soundtrack Moultakas, mit der Klage über den Untergang der Stadt Ur, schafft aber einen sehr ergreifenden Moment. [LB, Arsenale Nord, Tesa 100]

Egill Sæbjörnssons Trolle fressen Besucher im isländischen Pavillon

Menschen, denen der finnische Pavillon gefällt, interessieren sich auch für die isländische Niederlassung in Venedig, würde ein Empfehlungs­system vielleicht auswerfen. Drüben auf Giudecca hat Egill Sæbjörnsson seine skurrile Animations- und Pappmasché­installation mit angeschlossener Espressobar eingerichtet: Out of Controll in Venice (K: Stefanie Böttcher).

Die beiden Trolle Ūgh und Bõögâr verspeisen Biennale­besucher und räsonieren darüber, dass Amerikaner einen hohen Zuckergehalt aufweisen und deshalb Blähungen verursachen. Es gibt auch einen Meinungs­austausch über Sauerkraut, den habe ich aber nicht verstanden, Trolle nuscheln gemeinhin etwas. Jedenfalls werden sich beide einig, dass Tinder besser als Twitter und Dunkelheit sehr angenehm ist, und dass Trolle in seltenen Ausnahme­fällen auch Mitgefühl zeigen dürfen. Sehr spaßig. [IS, Giudecca, Spazi Punch]

57. Esposizione Internazionale d’Arte. La Biennale di Venezia. Viva Arte Viva. K: Christine Macel. Venedig, 13. Mai – 26. November 2017.

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