Delacroix Ausstellung im Pariser Musée du Louvre

„La gloire n'est pas un vain mot“

Unter dem nüchternen Titel „Delacroix, 1798-1863“ zeigt das Musée du Louvre noch bis 23. Juli 2018 rund 180 Werke des französischen Großmeisters der Romantik und verschafft den Überblick über sein Gesamtwerk.

Eugène Delacroix, La Liberté guidant le peuple, 1830. Ausstellungsansicht Louvre, Delacroix. Foto: jvf
Eugène Delacroix, La Liberté guidant le peuple, 1830. Ausstellungsansicht Louvre, Delacroix. Foto: jvf.

Die Sonderausstellung in der Hall Napoleón des Louvre – eine Kooperation mit dem New Yorker Metropolitan Museum – ist die erste umfassende Delacroix-Retrospektive seit der Schau zum 100. Todestag des Malers im Jahr 1963.

Gleich eingangs ist auf sehr engem Raum jene Historien­malerei angehäuft, mit der der junge Delacroix sich auf den großen Pariser Salon­ausstellungen zwischen 1822 und 1831 zum führenden Maler der jüngeren, nach­revolutionären und bald als „romantisch“ klassifizierten Künstler­generation Frankreichs machte.

Da ist das Debutstück Dante et Virgile aux Enfers, das er 1822 aus dem Salon an den Staat für 2.000 Francs verticken konnte und das der damals ebenfalls noch blutjunge Journalist Adolphe Thiers als Anlass für die Inthronisation eines „bedeutenden Talents“ feierte (Thiers, der spätere Star­journalist, Minister­präsident, Konter­revolutionär und dann Staats­präsident).

Dann sind da, 1824, die monumentalen Scènes des massacres de Scio, die einen Feuilleton­streit zwischen Klassizisten und Erneuerern provo­zierten, Delacroix aus der Hand der staatlichen Einkäufer 6.000 Franken verschafften und eine Medaille zweiter Klasse mit nach Hause nehmen ließen.

Eugène Delacroix, Scènes des massacres de Scio, 1824 / La Grèce sur les ruines de Missolonghi, 1826. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons / Wikimedia Commons
Eugène Delacroix, Scènes des massacres de Scio, 1824 / La Grèce sur les ruines de Missolonghi, 1826. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons / Wikimedia Commons.

Gegenüber ist als Beispiel für Haupt- und Staatsmalerei das Schlachten­stück Bataille de Nancy (1831) aus dem Museum für die Schönen Künste in Nancy herbei geschafft, während an der Stirnwand rechts – jetzt aus Bordeaux für diese Ausstellung nach Paris gereist – die Allegorie Griechen­lands hängt, die in so bleicher Schönheit anklagend über auf den Ruinen von Mesolongi steht und halb kniet und – genauso wie die Erzählung vom Massaker von Scio – Propaganda für die Sache des griechischen Unabhängigkeits­krieges gegen das Osmanische Reich macht (La Grèce sur les ruines de Missolonghi, 1826).

Und folgerichtig ist in diesem ersten Raum der Ausstellung auch das sicher berühmteste französische Gemälde gehängt: Le 28 juillet 1830. La Liberté guidant le peuple (1830) – gegenüber von la Grèce, die in diesem Setting der Liberté entgegen sieht.

Der französische Staat kaufte das Ding aus dem Salon 1831 für einen Schnäppchen­preis von 3.000 Franken weg, entschädigte aber Delacroix mit der Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion. Keine schlechte Karriere für den damals 33-jährigen Künstler, dem „Ruhm kein leeres Wort“ war, wie der erste Ausstellungs­abschnitt mit einem Zitat aus dem Tagebuch des Malers über­schrieben ist.

Pathos und Empathie

Man kann darüber streiten, ob diese Verdichtung von Großformaten zu Beginn der Ausstellung clever ist. Insbesondere ist das über 4×3½ Meter große Massaker von Scio natürlich viel zu mächtig für diesen kleinen Raum. Aber der Ausstellungs­regie gelingt damit zweierlei (Kuratoren: Sébastien Allard und Côme Fabre in Paris, Asher Miller in New York).

Eugène Delacroix, Jeune orpheline au cimetière, 1824. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons
Eugène Delacroix, Jeune orpheline au cimetière, 1824. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.

Zum einen kann man so der für Delacroix charakteris­tischen Verbindung von Pathos und Empathie sehr nah kommen – zumindest wenn man einen Timeslot erwischt, zu dem der Raum nicht völlig überlaufen ist und man sich in Ruhe den Bildern nähern kann.

Die Verzweiflung der Kriegsopfer im Vordergrund des Massakers von Scio rücken dem Betrachter dann ganz unmittelbar auf die Seele. Und „Die Freiheit, die das Volk anführt“ ist eben nicht nur das heroische Gemälde republikanischer Selbst­ermächtigung.

Die Leichen, über die die personifizierte Freiheit da mit entblößter Brust hinwegstürmt, sind sehr elend und tot und jämmerlich geplündert. Das übersieht man sonst ebenso leicht wie dass das Kind, das mit zwei Knarren auf der Barrikade fuchtelt, kaum nur die Zukunft der Republik verkörpert, sondern auch den Triumph der Gewalt.

Eugène Delacroix, La Liberté guidant le peuple, 1830. Ausschnitt. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons
Eugène Delacroix, La Liberté guidant le peuple, 1830. Ausschnitt. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.

Zum andern schafft diese Anhäufung von Krachern was weg, um im weiteren Ausstellungs­verlauf in zwei weiteren Sektionen das Gesamt­werk von Delacroix in den Blick zu nehmen bis hin zum Spätwerk, das von den Zeit­genossen allerdings mit Reserve aufgenommen wurde – letzteres wohl nicht ganz zu Unrecht.

Umfassende Retrospektive

Unterwegs ist in beglückender Breite die Viel­seitigkeit von Delacroixs Werk zu entdecken, der sich in allen Fächern versuchte: orientalische Genreszenen, Portraits, an Rubens geschulte Jagd­szenerien, Seestücke, religiöse Sujets und Stillleben, aber zum Beispiel auch Druckgrafiken nach literarischen Vorlagen. Delacroix lieferte Illustrationen zu Goethes Faust (1827) und kam über seine ganze Karriere hinweg auf Shakes­peares Dramen zurück: Die Ausstellung versammelt u.a. fünf Darstellungen von Hamlet und Horatio auf dem Friedhof (1828 bis 1859), zwei Lithographien, drei Gemälde, darunter Hamlet et Horatio au cimetière (1835) aus dem Frankfurter Städelmuseum.

Eugène Delacroix, Corbeille de fleurs renversée dans un jardin / Panier de fruits dans un jardin fleuri, 1848/49. Foto: jvf
Eugène Delacroix, Corbeille de fleurs renversée dans un jardin / Panier de fruits dans un jardin fleuri, 1848/49. Foto: jvf.

Für den Delacroix-Laien verblüffend sind die farblich explosiven Blumen- und Früchte­stillleben. Zwei Arbeiten aus 1848/49 gehören zu den Höhepunkten der Ausstellung: Panier de fruits dans un jardin fleuri und Corbeille de fleurs renversée dans un jardin. Sie sind aus dem Philadelphia Museum of Art bzw. dem New Yorker Metropolitan Museum nach Paris gereist. Die Ausstellung wird im Herbst / Winter 2018/19 im Metropolitan Museum zu sehen sein, ich weiß aber nicht, welche Nationalheiligtümer der Louvre dafür ausleihen wird.

Vermutlich nicht nach New York verschafft werden die beiden größten Leinwände Delacroixs, La mort de Sardanapale (1827) und Prise de Constantinople par les croisés (1840), die auch in Paris nicht in den Sonder­ausstellungs­bereich umgehängt wurden, sondern oben im Salle Mollien verbleiben. Für die Ausstellungs­dauer werden die beiden begleitet von dem beein­druckendsten Stück religiöser Malerei in der Schau: Le Christ au jardin des Oliviers (1824/26) ist frisch restauriert aus der Kirche Saint-Paul-Saint-Louis herbei­geschafft.

Eugène Delacroix, Le Christ au jardin des Oliviers, 1824/26. Foto: jvf
Eugène Delacroix, Le Christ au jardin des Oliviers, 1824/26. Foto: jvf.

Der angemessen schwer­gewichtige Katalog zur Ausstellung kostet 45 Euro, umfasst aber 480 großformatige Seiten mit vorzüglichen Abbildungen. Den Hauptteil macht ein werk­geschichtlicher Essay der beiden Pariser Kuratoren aus. Hinzu kommen sieben knappe, aber informative Essays zu einzelnen Aspekten (den Tagebüchern, dem Verhältnis von Delaxroix zur Kritik, Delacroix auf der Weltausstellung 1855 u.v.m.). Chronologie, Auswahl­bibliographie, Werk­verzeichnis mit biblio­graphischen Angaben und Ausstellungs­historie runden den vorbildlichen Katalog ab.

Delacroix, 1798-1863. K: Sébastien Allard, Côme Fabre, Asher Miller. Paris, Musée du Louvre, 29. März – 23. Juli 2018. New York, Metropolitan Museum of Art, 13. September 2018 – 6. Januar 2019.