Andreas Latzko, Sieben Tage

„Es braucht ein großes menschliches Herz“

Ein Berlinroman aus der Zeit um 1930, von den Nazis 1933 verboten und verbrannt, bis heute nicht mehr aufgelegt: Andreas Latzkos „Sieben Tage“ wartet darauf, neu entdeckt zu werden. E-Book zum kostenlosen Download.

Als im Mai 1933 die Nazis deutsche Bibliotheken von schädlichem Schrifttum befreien, steht auch die Literatur des Schriftstellers Andreas Latzko auf der schwarzen Liste. Er ist als linker Pazifist aktenkundig. Die Säuberung ist von deutscher Gründlichkeit, das Gesamtwerk Latzkos verschwindet aus den Bibliotheken und der Autor aus dem Gedächtnis der Nachwelt – zumindest im deutschsprachigen Raum. In den Niederlanden dagegen, dort wo Latzko die letzten 12 Jahre seines Lebens gelebt und gearbeitet hat, wird ihm 1948, fünf Jahre nach seinem Tod, auf dem Friedhof Zorgvlied ein Denkmal errichtet, und Texte von und über ihn werden bis in die 1960er Jahre verlegt.

Sieben Tage

Cover der Originalausgabe von Sieben Tage, 1931Andreas Latzko, Sieben Tage, Cover der Originalausgabe 1931.Berlin, zweite Hälfte der 1920er Jahre, in der Weihnachtswoche. Der Hamburger Automobilfabrikant Baron Mangien will die Feiertage nicht daheim bei seiner Frau verbringen, sondern in der Hauptstadt bei seiner Geliebten. Der Fabrikmechaniker Karl Abt sieht Mangien zufällig bei der Ankunft. Er hasst den Fabrikanten, macht ihn verantwortlich für den Tod seiner Mutter, späht ihn aus, will ihn erpressen. Nicht ums Geld geht es Abt, sondern um Rache, um Demütigung: Drei Tage lang will er die Rollen tauschen, als reicher Industrieller leben und wichtiger noch, Baron Mangien soll drei Tage als Prolet leben.

Kein Weihnachtsmärchen, der erpresste Rollentausch endet tödlich, und es beginnt ein Justiz- und Polit-Thriller und eine erzählerische Versuchsanordnung, die jene Klassengegensätze und ideologischen Frontlinien aufzeigt, die einige Jahre später zum Untergang der ersten deutschen Republik führen werden. Und: Sieben Tage ist ein Ideenroman, in dem die zentrale Figur des Armenarztes Landau eine antiideologische, pragmatische Humanität verkörpert und gegen die Verhältnisse mit ihrem Leben einsteht:

„Herr Doktor sind also Kommunist?“ […] „Ich habe nichts mit Kommunismus, mit Sozialismus oder Kapitalismus, überhaupt mit keinem ,Ismus‘ etwas zu tun!“ bemerkte er nur so nebenher, den Kopf im Wäscheschrank vergraben. „Mich kümmern nur die Menschen. Wer mit einem ,Ismus‘ beschäftigt ist, hat für die Menschen keine Zeit. […]“

Über die literarische Qualität von Sieben Tage kann man streiten und sich jetzt auch wieder ein eigenes Bild machen. Präzise Milieustudien und psychologische Differenzierungen, gar avantgardistische Erzählkunst sind die Sache von Andreas Latzko nicht. Aber er ist durchaus auf Augenhöhe mit den gesellschafts­kritischen Schriftstellern der späten Weimarer Republik: Erich Kästner mit seinem Fabian (1931) oder Hans Fallada mit Kleiner Mann – was nun? (1932).

Lebenswege eines Europäers

Andreas Latzko. Fotograf: unbekanntAndreas Latzko. Fotograf: unbekannt.Andreas Adolf Latzko, ungarisch Latzkó Adolf Andor, wird am 1. September 1876 in Budapest geboren. Der Sohn wohl­habender Eltern – der Vater ungarischer Banker, die Mutter Wienerin – wächst zweisprachig auf, besucht Schulen in Budapest und Stuttgart.

Auf väterlichen Wunsch nimmt Latzko ein Studium der Chemie in Budapest auf, später – wohl nicht auf väterlichen Wunsch – ein Studium der Philosophie in Berlin, arbeitet einige Zeit in einer Budapester Bank. Das alles führt zu nichts, der Bankierssohn will reisen, vor allem aber schreiben, das Theater fasziniert ihn. Erste Stücke werden an Budapester Bühnen aufgeführt, bevor Latzko auf Zureden Max Reinhardts wieder nach Berlin geht und fortan auf Deutsch schreibt. Drei Stücke werden 1902 bis 1911 an Berliner Bühnen inszeniert, mit wechselndem Erfolg. Zwei Romane – Der Roman des Herrn Cordé (1906) und Der wilde Mann (1913) – erscheinen vor dem 1. Weltkrieg.

Im Krieg kämpft Latzko als Leutnant des k.u.k. Feldartillerie-Regiments Nr. 15 an der Isonzofront bis er im September 1915 einen – wie er es selbst später beschreibt – Granatenschock erleidet, heute spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, seinerzeit vom „Kriegszittern“. Romain Rolland hat Latzko später dazu befragt:

Ich fragte Latzko, ob er verwundet worden sei. Nein. Er hatte einen schweren Nervenschock. Er hat gesehen, wie zwei Ochsen und drei Männer von einer Granate in Stücke gerissen wurden. Im ersten Augenblick spürte er nichts. Aber zwei Tage später, als man eine Platte mit noch blutigen Steaks auf seinen Tisch stellte, begann er zu heulen, spie, wurde von Krämpfen geschüttelt. Sechs Monate lang zitterte er am ganzen Leib und verweigerte jede Nahrung […].

Cover Menschen im Krieg, 1918Cover Menschen im Krieg, 1918.Latzko, abgemagert auf 39 Kilo, wird in verschiedenen Spitalen behandelt, schließlich beurlaubt. Einen Kuraufenthalt in Davos nutzt er, um Erzählungen vom und gegen den Krieg zu schreiben. Sie erscheinen anonym in verschiedenen Schweizer Zeitungen und Zeitschriften, darunter in der von René Schickele herausgebenen Zeitschrift Die Weißen Blättern. Sechs Erzählungen gibt der Züricher Verleger Max Rascher 1917 als ersten Band seiner Sammlung Europäische Bücher heraus: Menschen im Krieg. Der Band ist ein mittlerer Verkaufserfolg (33.000 Exemplare werden bis 1919 verkauft). Zahlreiche Übersetzungen erscheinen und machen Latzko zu einem der bekanntesten europäischen Pazifisten, gut vernetzt mit der intellektuellen Elite Europas: Henri Barbusse, Romain Rolland, Stefan Zweig, Hermann Bahr, Heinrich Mann, Georg Brandes u.a. kennen und schätzen Latzko.

Durch Verbleib in der Schweiz entzieht sich Latzko einem weiteren Kriegseinsatz, das Militär straft ihn mit Degradierung. Nach dem Krieg verbringt die Familie Latzko ein Jahr in Alassio an der ligurischen Küste, das glücklichste Jahr seines Lebens sei das gewesen, sagt seine Frau Stella später. Hier schreibt er u.a. seine Novelle Marcia Reale, die 1932 von Wieland Herzfelde in seine Anthologie Dreißig neue Erzähler des neuen Deutschland aufgenommen wird (auch die Anthologie steht auf den Listen der Bücherverbrennungen).

In Salzburg (1920-1931)

1920 lassen sich die Latzkos in Salzburg nieder. Andreas veröffentlich Feuilletons und Erzählungen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften im deutsch­sprachigen Raum.

Von 1925 bis 1927 arbeitet er an seinem Roman Sieben Tage, von einer „schweren Geburt“ spricht er selbst. Überschattet wird die Arbeit von einem Todesfall. Sohn Paul, der in München in der Automobilindustrie schafft, verunglückt 22-jährig im Sommer 1925 bei einem Motorradausflug an den Starnberger See. Latzko widmet den Roman seinem verstorbenen Sohn.

Er hat Mühe, einen Verleger für die deutschsprachige Ausgabe des Romans zu finden. Erst als bereits Übersetzungen ins Englische, Niederländische und Norwegische auf den Weg gebracht bzw. schon erschienen sind, findet sich der Wiener Krystall Verlag zur Herausgabe bereit.

Die internationale Resonanz ist seinerzeit eher zwiespältig. In der niederländischen Presse erscheinen hymnische Besprechungen, ein „stetes Vergnügen“ sei es, sich von der „Meisterhand“ dieses Erzählers durch die „abenteuerliche Spannung“ des Romans führen zu lassen, vermeldet der Kritiker des sozialdemokratischen Voorwaarts (13. November 1930, S. 16). „Ein Thriller“ sei das, „aber einer von der guten Sorte“, der „außergewöhnlich gut geschrieben“ sei und an das soziale Gewissen des Lesers appelliere, schreibt der Kritiker der auf Java erscheinenden De indische Courant (24. Januar 1931, S. 17).

Alles andere als begeistert zeigt sich hingegen Louis Kronenberger in der New York Times, ein schlechter Roman sei das, aber „(und das ist Lob und Tadel zugleich) ein interessantes Buch“:

Wie alle belehrende Literatur behauptet es etwas, aber zeigt es nicht. Durchdacht und gut geschrieben wie es in vielerlei Hinsicht sein mag, ist es doch keine Kunst und noch weniger ist es das Leben. Es ist eine Predigt, aber eine Predigt, die nicht zu verachten ist. (New York Times, 19. Juli 1931).

Möglicherweise in Reaktion auf die Schwierigkeit einen Verleger für die deutsch­sprachige Ausgabe zu finden, schreibt Latzko eine wütende Verteidigung der engagierten Literatur. Die Polemik Die Desorientierung der bürgerlichen Literatur erscheint 1931 in der sozialistischen Monatsschrift Rote Revue:

Die Angst, auf die falsche Karte zu setzen, lähmt die Unternehmungslust der bürgerlichen Dichtkunst und ihrer Verleger. Damit ist aber auch schon das Urteil über ihre ganze Produktion gefällt. Denn wie immer die Zukunft sich wendet, das Drückebergertum des „l’art pour l’art“, die Scheuklappen­kunst, für die neun Zehntel der lebenden Menschheit mit all ihren Nöten nicht existiert, diese par excellence bürgerliche Literatur der kaltgezeugten Poesie kann nicht wiedererstehen. Es gibt keine, es hat nie eine tendenz­lose Kunst gegeben, weil der wirkliche Dichter immer nur Instrument ist; ob Leid oder Freude der Kreatur, die Saite, die klagt oder jubelt, ist über den ganzen Erdball gespannt, der Resonanzboden, den sie braucht, ist ein großes menschliches Herz.

In Amsterdam (1931-1943)

Im gleichen Jahr, in dem Sieben Tage in der deutschen Originalfassung erscheint, siedelt Familie Latzko nach Amsterdam über. Der Umzug hat private Gründe, in Amsterdam wohnt bereits Sohn Willy. Zudem war Latzko auf einer ersten Lesereise durch Holland acht Jahre zuvor äußerst freundlich aufgenommen worden. Sicher spielt auch die politische Entwicklung in Österreich eine Rolle für den Entschluss, Salzburg zu verlassen. Bereits 1923 war in der rechtskatholischen Salzburger Chronik ein Hetzartikel gegen den linken Pazifisten erschienen und Jungnazis hatten ein Bild von ihm, das im Salzburger Hotel Österreichischer Hof hing, mit zwei Schüssen zerstört.

In Amsterdam stellt er eine Romanbiographie des Revolutionshelden Lafayette fertig, Lafayette – Der Held zweier Welten, veröffentlicht 1935 gleichzeitig in Deutsch und in englischer, französischer und niederländischer Übersetzung. Für Radio Hilversum schreibt er Hörspiele, vereinzelt erscheinen Zeitungsartikel. Das Fragment einer Autobiographie, das seine Frau fortschreibt, wird postum ausschließlich in nieder­ländischer Übersetzung herausgegeben (Levensreis, 1950).

Denkmal auf dem Grab Andreas Latzkos. Amsterdam, Friedhof ZorgvliedDenkmal auf dem Grab Andreas Latzkos. Amsterdam, Friedhof Zorgvlied.Am 15. Mai 1940 marschieren Soldaten der Wehrmacht in Amsterdam ein. Latzko verlässt zwei Tage später seine Dreizimmerwohnung am Merwedeplein zum letzten Mal, sucht mit seiner Frau einen Anwalt auf, um finanzielle Angelegenheiten zu regeln. Bis zu seinem Tod geht er dann nicht mehr auf die Straße, verbringt die Tage – zunehmend krank – im Bett, empfängt aber noch Besucher. In der Nachbarschaft am Merwedeplein wohnt zu dieser Zeit noch Anne Frank mit ihrer Familie. Latzko hofft, dass die Deutschen nicht wissen, dass er hier wohnt. Als ein holländischer Polizist bei einer Razzia auch die Wohnung der Latzkos nach versteckten Juden durchsucht, lässt er sich die ungarischen Pässe zeigen, weiß aber nicht, mit wem er es zu tun hat. Im September 1943 verschlechtert sich Latzkos Gesundheitszustand rapide, sein Arzt versucht vergeblich mit Bluttransfusionen zu behandeln. Am 11. September 1943 stirbt Andreas Latzko.

Neuausgaben nach dem Krieg

Jahrzehnte lang waren die Werke Latzkos kaum mehr zugänglich. Zum 50. Todestag, 1993, veröffentlicht Janós Szabó im Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks eine Auswahl von Artikeln und Erzählungen. Von Sieben Tage hält Szabó im Übrigen nichts, „trotz des zweifelsohne noblen sozialen Ansatzes“ gehe der Roman „kaum über Trivialliteratur hinaus“. Ich glaube, da vertut sich Szabó.

Der gesamte Text von Menschen im Krieg wird 2011 von Jens Sadowski bei gutenberg.org neu veröffentlicht. Das Gedenkjahr an den Ausbruch des 1. Weltkrieg sorgt 2014 dafür, dass Latzkos Antikriegserzählungen auch wieder in gedruckter Form lieferbar sind: Der Milena Verlag und der Elektrische Verlag bringen jeweils eine Neuausgabe heraus.

Der Roman Sieben Tage wird hier erstmals wieder zugänglich gemacht, der Rest seines Werkes harrt noch einer tauglichen Neuausgabe.

Andreas Latzko: Sieben Tage. Roman. Wien: 1931 / Köln: 2014. HTML epub kindle