Walser, Toller und Anne Lepper: „Die Kleinen und Niedrigen“ in Wuppertal

Von deutschen Helden und Untertanen

Jakob Fedler macht an den Wuppertaler Bühnen aus Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“, Ernst Tollers Kriegsheimkehrerdrama „Der deutsche Hinkemann“ und Szenen der Wuppertaler Dramatikerin Anne Lepper eine kurze, kluge und spannende Studie über den Untertan.

Die vier Schüler vom Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, Arbeits­sklaven, Diener, Kanonenfutter: „Der Unterricht, den wir genießen, besteht hauptsächlich darin, uns Geduld und Gehorsam einzuprägen“, „klein sind wir, klein bis hinunter zur Nichtswürdigkeit.“ Auszüge aus Robert Walsers Anti-Erziehungs­roman Jakob von Gunten (1909), vom Schauspielerquartett im mausgrauen Einreiher und im Wechselsprech vorgetragen, geben den Rahmen für diese Studie in Sachen Theorie und Praxis des Untertanenwesens in Zeiten des Kriegs.

Nach Schließung des Schauspielhauses nutzen die Wuppertaler Bühnen u.a. das Kommunikationszentrum „die börse“ an der Wolkenburg als Ausweichspielstätte fürs Sprechtheater. Im blauen Salon sind da an drei Seiten der – mit, ich weiß nicht, vielleicht Braunkohlebriketts ausgelegten – Spielfläche kleine Tribünen aufgestellt, etwa 100 Zuschauer finden Platz. An der rückwärtigen weißen Wand (Bühne: Dorien Thomsen) werden jene Figuren abgestellt, die gerade off-stage sind, und verharren dort in grotesker Pose.

Bei lebendigem Leibe

Nach einem kurzen Prolog aus Walser-Fragmenten also folgt dann eine Schnell­fassung von Ernst Tollers Kriegsheimkehrertragödie Der deutsche Hinkemann, eine halbe Stunde dauert das vielleicht. Eugen Hinkemann (Jakob Walser) ist zurück aus dem Großen Krieg, seine Genitalien sind abgeschossen („Ein Eunuch … Hahahaha!“). Seine Frau Grete (Julia Wolff) fickt deswegen mit dem tumben Großmaul und Weiberhelden Paul Großhahn (Moritz Heidelbach). Hinkemann heuert auf dem Rummel an (als Budenbesitzer ganz wunderbar: Marco Wohlwend) und tritt als „deutscher Held“ und „Bärenmensch“ im Kuriositätenkabinett auf: „Frißt Ratten und Mäuse bei lebendigem Leibe, vor Augen des verehrten Publikums!“.

Die Wuppertaler Streichversion des Agitpropstücks reduziert die Tragödie auf ihren Handlungskern, lässt Nebenhandlung sowie alle sozialrevolutionären Repliken beiseite, die Toller in das Stück packt (Ernst Toller hat seinen Hinkemann in der Festungshaft in Niederschönenfeld 1921/1922 geschrieben, wo er wegen seiner revolutionären Umtriebe in Sachen Münchener Räterepublik eingekerkert war). Dabei geht auch verloren:

Hinkemann: Ich bin lächerlich geworden durch eigene Schuld. Als ich mich hätte wehren sollen, damals als die Mine entzündet wurde von den großen Verbrechern an der Welt, die Staatsmänner und Generäle genannt werden, habe ich es nicht getan. Ich bin lächerlich wie diese Zeit, so traurig lächerlich wie diese Zeit. Diese Zeit hat keine Seele. Ich hab kein Geschlecht. Ist da ein Unterschied?

Der Untertan, der durch das Institut Benjamenta gegangen ist, wird diese Einsicht nicht aufbringen können. Der Versuch, „Revolution zu machen“, besteht für ihn in der Rückforderung des Schulgeldes wg. mangelnder Ausbildung, ein strenges Wort des „Herrn Vorstehers“ beendet die Sache:

Ich verbeugte mich tief, fast bis herab zur Erde, vor demjenigen, der mir gar keine Beachtung mehr schenkte, sagte, wie die Vorschriften es geboten, „Adieu, Herr Vorsteher“, klappte die Schuhabsätze zusammen, stund stramm da, machte kehrt, d. h. nein, suchte mit den Händen den Türriegel, schaute immer auf das Gesicht des Herrn Vorstehers und schob mich, ohne mich umzudrehen, wieder zur Türe hinaus. So endete ein Versuch, Revolution zu machen. Seither sind keine störrischen Auftritte mehr vorgekommen.

Aber damit sind wir schon am Ende des Abends und wieder bei Walser. Erst ist noch Morrissey, also Anne Lepper dran.

Komische Front

Anne Lepper, Jahrgang 1978, geboren in Essen, lebt in Wuppertal, 2012 zur „Nachwuchsdramatikerin des Jahres“ gewählt. In der letzten Session inszenierte Jakob Fedler an den Wuppertaler Bühnen bereits ihre Familiengroteske Käthe Hermann, damals noch im Schauspielhaus. Ihr Kurzdrama oh ist das Morrissey hat sie für den Stückemarkt der Berliner Festspiele geschrieben, es wird jetzt in Wuppertal uraufgeführt.

Zwei Szenen aus dem Krieg. Drei Untertanen sind frisch an die Front mobilisiert und kennen sich nicht aus. In aufgeregter Angstlust suchen sie das Sperrfeuer in der Ferne, scheitern an der Bedienung des Feldtelephons, schlagen die Zeit tot mit grotesken Stechschritt-Exerzitien und swingenden A-Cappella-Einlagen.

Das Institut Benjamenta hat sie für den Krieg nur insofern vorbereitet, dass sie als Kanonenfutter tauglich sind. Nicht einmal ein Zelt finden sie als Unterschlupf, das da hinten gehört der 14. Kompanie und die ist bereits vollzählig. Nachher finden sie sich im Lazarett wieder, unter – weitgehend pantomimisch ausagierter – Pflege einer Krankenschwester, mit der man Sex haben kann, die Genitalien sind wohl noch dran. Was hatte Paul Großhahn gesagt über unsereinen?

Was bleibt sein einziges Vergnügen? Die Liebe! Wo keiner ihm etwas dreinzureden hat? – Die Liebe! Wo er frei ist, wo er dem Herrn Unternehmer und Polizisten sagen kann: Hier ist meine Villa! Eintritt verboten!? – Die Liebe!! Sehen Sie, die reichen Leute haben so viele Sachen, mit denen sie sich amüsieren … Badereisen und Musik und Bücher .. Aber unsereiner? Man liest ja auch eins ein Buch, aber doch nicht jeden Tag. Dazu haben wir in der Schule zu wenig gelernt, dazu fehlt es an Grips.

1914/2014

Die Wuppertaler Bühnen stellen den Abend in den Zusammenhang mit dem Gedenken an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren. Ein historischer Abend also, gut das diese Zeiten vorbei sind und mit uns nichts mehr zu schaffen haben. Niemand wird sich heute noch zum Untertan pressen lassen und sich etwa geduldig und gehorsam im Überwachungsstaat einrichten. Undenkbar das. Und wenn, dann bleibt ja Die Liebe!!

Langer, sehr freundlicher Beifall des Wuppertaler Premierenpublikums.

Die Kleinen und Niedrigen: Ernst Toller, Der deutsche Hinkemann / Robert Walser, Jakob von Gunten / Anne Lepper, Oh ist das Morrissey. R: Jakob Fedler. D: Moritz Heidelbach, Jakob Walser, Marco Wohlwend, Julia Wolff. Wuppertaler Bühnen, die börse, P/UA: 25. Januar 2014. 1¼ h o.P.