Vor 120 Jahren: Die erste Biennale von Venedig 1895

Ia Esposizione Internazionale d'Arte di Venezia

Im April 1895 eröffnet die 1. Internationale Kunstausstellung der Biennale von Venedig. Sie ist ein Publikumsrenner, macht gleich einen ersten Skandal, zieht prominente Kunstkäufer an und steht am Anfang einer nunmehr 120 jährigen Geschichte.

Am Dienstagmorgen, den 30. April 1895, treffen König Umberto I. und seine Königin Margherita in den öffentlichen Gärten Venedigs ein, den Giardini pubblici. Es ist 10:10 Uhr, so vermeldet der Hofberichterstatter der Gazzetta ufficiale mit bemerkens­werter Genauigkeit. Das Wetter ist schön, schreibt er. Meteorologen verzeichnen für diesen Tag bedeckten Himmel über Venedig bei einer Höchst­temperatur von doch etwas schattigen 16 Grad. Egal, wenn das Königspaar vor Ort ist, ist das Wetter schön.

Carlo Brogi, Studioportrait von Umberto I., 1895, Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: gemeinfreiCarlo Brogi, Studioportrait von Umberto I., 1895, via Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei.Eine Kapelle spielt die Marcia Reale („Viva il Re! Viva il Re! Viva il Re!“), die Menge jubelt, viele Honoratioren Venedigs darunter, dazu viele Journalisten, gerade aus Deutschland. Paul Heyse, der spätere Nobelpreisträger, ist mit dabei, auch das berichtet die Gazzetta ufficiale. Das Königspaar (in Zivil) ist mit mittelgroßem Gefolge unterwegs: Bildungsminister Baccelli und Kriegsminister Mocenni, Generalleutnant Ponzio-Vaglia, Graf Giannotti, Hofdamen der Königin.

Knappe 20 Minuten braucht es für die notwendigen Reden. Der Bürgermeister Venedigs und Präsident der Ausstellung, Riccardo Selvatico, macht seine Rede – Applaus. Bildungsminister Guido Baccelli redet was länger und erklärt schließlich, im Namen des Königs, die Ia Esposizione Internazionale d’Arte della Città di Venezia für eröffnet – noch mehr Applaus  *. Um 10:30 Uhr nimmt das Königspaar und sein Gefolge die Besichtigung der 1. Internationalen Kunstausstellung von Venedig auf  **.

Der Skandal um Giacomo Grossos Il supremo convegno

Nach etwa einem Drittel der königlichen Besichtigungstour erreichen die Hoheiten die sala D, in der ein großformatiges Gemälde des Turiner Künstlers Giacomo Grosso (1860-1938) ausgestellt ist: Il supremo convegno (1895). Königin Magherita kann nicht umhin, ihrer Abscheu vor dem Bild angemessenen Ausdruck zu verleihen.

Gemälde von Giacomo Grosso, Il supremo convegno, 1895. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-ArtGiacomo Grosso, Il supremo convegno, 1895, via Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Ein Gruppe nackter Mädchen bei der orgiastischen Schändung eines Totenbetts im sakralen Raum, eine Nonne begehrt im Hintergrund Einlass zur Feier. Die Ver­bindung von Sex und Tod und Blasphemie könnte auch 120 Jahre später noch einige Erregung erzeugen. Als im Vorfeld der Esposizione die Presse über dieses Skandalbild berichtet, sieht sich der Kardinal-Patriarch von Venedig, Giuseppe Sarto, der spätere Papst Pius X., veranlasst, gegen die Zurschaustellung des Gemäldes zu protestieren – vergeblich. Er muss sich am Ende damit begnügen, seiner Priester­schaft den Besuch der Ausstellung zu untersagen.

Grossos Provokation wird zum Publikumsmagneten. Und als zum Abschluss der Esposizione die Stimmen für den Publikumspreis der 1. Internationalen Kunst­austellung von Venedig ausgezählt werden, liegt Grosso mit deutlichem Abstand vorne.

Das Bild soll nach der Ausstellung in Vendig auf Tournee durch die USA gehen, verbrennt aber vorher unter etwas unklaren Umständen.

Tourismusförderung durch Kunst

Selvatico Statue in den Giardini. Foto: jvfSelvatico Statue in den Giardini. Foto: jvf.Riccardo Selvatico (1849-1901), Dichter, Komödienautor und Politiker bei den linksliberalen Progressisti, ist seit 1890 Bürgermeister und verfolgt ein Reform­programm, das Venedig heraus aus der Krise und hinein in die Moderne führen soll: Förderung des sozialen Wohnungsbaus, Infrastrukturmaßnahmen, Bildungsreform. Eine Kommission für gesunden und bezahlbaren Wohnraum wird installiert, die Sozial­fürsorge reorganisiert, der Zuschuss für Kindergärten wird erhöht, Plätze in den Waisenhäusern ausgebaut, die medizinische Versorgung reformiert. Eine neue Berufsschule wird eingerichtet, zwei neue allgemeinbildende Schulen eröffnet, eine für Jungen, eine für Mädchen, die Ausstattung der Schulen modernisiert, Lehrergehälter angehoben – und die städtische Aufsicht über die Bildungseinrichtungen im Sinne eines säkularen Bildungswesens verschärft: Schulgebete werden abgeschafft. Die Reformen treffen teils auf erbitterten Widerstand konservativer und klerikaler Kreise in Venedig. Noch im Jahr der ersten Internationalen Kunstausstellung wird Selvatico abgewählt werden.

Die Esposizione Internazionale fügt sich ein in dieses Reformprogramm und führt zugleich ältere Stadtentwicklungskonzepte weiter fort. Stätten der Industrialisierung werden in der Peripherie angesiedelt, gerne auf dem Festland in Mestre. Die Altstadt Venedigs soll verstärkt für den Tourismus erschlossen werden. Zur Kunstausstellung wirbt man mit einem unterhaltenden Beiprogramm, das verspricht Venedigreisenden zu Zeiten der Esposizione u.a. Regatten, Sportwettkämpfe, darunter ein inter­nationales Fechtturnier, Lichtspiele, Feuerwerke, Konzerte, große Theater­aufführungen und „andere außergewöhnliche Festivitäten“.

Das konkrete Beiprogramm für Eröffnungstage sieht u.a. ein Feuerwerk im Bacino di San Marco am Abend des 30. April vor. Am 1. und 2. Mai gibt es Galavorstellungen von Franchettis Oper Cristoforo Colombo im Teatro La Fenice, ebenda am 3. Mai die Abschlussveranstaltung des Internationalen Fechtturniers, für den 5. Mai sind nationale und internationale Radrennen im Velocidromo del Lido angekündigt.

Um die Anreise zur Kunstausstellung im Touristenparadies zu erleichtern, werden verbilligte Bahntickets verkauft. Vom österreichischen Grenzbahnhof Pontebba aus etwa kostet das ermäßigte Tour- und Retourbillet erster Klasse nur 34 Lire 60 Cent, für die dritte Klasse nur 15,55 Lire – und der Eintritt für den einmaligen Besuch der Esposizione ist darin bereits enhalten.

Die Ausstellung ist ein Publikumsrenner, am 1. Mai sind die Hallen – insbesondere in den Nachmittagsstunden – völlig überfüllt. Man zählt an diesem Tag 3.047 Besucher (1.375 mit Tageskarten, 1.672 mit Dauerkarten). Bis zum Abschluss der Esposizione am 22. Oktober werden 224.327 zahlende Besucher die Säle des Ausstellungs­palastes besucht haben.

Die Biennale und der Kunstmarkt

Neben der Tourismusförderung gibt es noch einen weiteren Grund, der 1893 eine Gruppe von Intellektuellen um Riccardo Selvatico, Pläne für eine Ausstellung machen lässt. Die Esposizione soll der überaus traditionsreichen venezianischen und italienischen Kunstszene wieder Anschluss an den internationalen Kunstmarkt verschaffen. Der spielt bislang vornehmlich auf den großen Salonausstellungen in Paris und den Kunstausstellungen in London, Brüssel, München oder Berlin. Die Esposizione ist deshalb auch eine Verkaufsschau und wird es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bleiben, bis in Folge der 1968er-Bewegung die Kommerzialisierung von Kunst verdächtig wird.

Verglichen mit den Pariser Salonaustellungen an den Champs Elysées und auf dem Champ des Mars, wo zusammen im selben Jahr rund 6.000 Werke zum Verkauf stehen, ist die erste Internationale Kunstschau in Venedig mit ihren knapp über 500 Werken allerdings eine sehr kleine Nummer.

Immerhin gibt es eine Reihe prominenter Käufer. Umberto I., der am Nachmittag des 4. Mai die Esposizione erneut besucht, lässt für seine königlichen Sammlungen insgesamt 13 Werke aufkaufen, nach sehr diplomatischem Proporz ausgesucht, sieben Werke italienischer Künstler, je eines aus Frankreich, Norwegen, Österreich, Dänemark, Holland und Deutschland. Milan I. Obrenović, König von Serbien, dessen Besuch für den 9. Mai vermeldet wird, bescheidet sich mit dem Ankauf von vier Gemälden für eine Gesamtsumme von beachtlichen 17.000 Franken. Bis Ende der Ausstellung werden insgesamt 186 Verkäufe registriert, 10% der Verkaufssumme beansprucht jeweils die Esposizione als Provision.

Gemälde von Bartolomeo Bezzi, Giorno di magro, 1895. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtIm Warenkorb des italienischen Königs: Bartolomeo Bezzi, Giorno di magro, 1895, via Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

In venezianischen Gärten

Zur Spielfläche für die Internationale Kunstausstellung hat man 1893 die Giardini pubblici bestimmt, genauer: Ein noch zu bauender Palazzo dell’Esposizione auf dem Gelände dieser öffentlichen Gärten im Osten der Altstadt.

Die Parkanlage ist erst ein kurzes Jahrhundert zuvor angelegt worden, unter der Besatzung der napoleonischen Revolutionstruppen. Nach Plänen des vene­zianischen Architekten Giannantonio Selva (1751-1819) wurden Teile des Stadtteils Castello, unweit des Arsenale, abgerissen, Klöster und einige der ältesten Kirchen Venedigs darunter. Die Trümmer wurden zur Landgewinnung und -befestigung aufgeschüttet und zu einem Hügel aufgeschichtet, der Montagnola, ganz oben ein Ausflugscafé mit Aussicht. Später werden die nationalen Biennale­pavillons der Deutschen (1909) und der Franzosen (1912) oben auf dem Hügel gebaut werden, die Großbriten werden sich das – dann ehemalige – Caféhaus für ihre Ausstellungen kaufen und herrichten (1909).

Jetzt erstmal ging es darum, den Ausstellungspalast am Fuß der Montagnola zu bauen. Der städtische Baumeister Enrico Trevisanato wird mit der Planung beauftragt, den Entwurf für die neoklassizistische Fassadengestaltung macht der venezianische Künstler Marius De Maria. Acht Säulen aus falschem, roten Porphyr, ein Giebelfeld mit bronziertem Relief, Nischen mit Allegorien der Malerei und Bildhauerei, oben auf eine Viktoria von Urbano Nòno. Fürchterlich. Die Fassade und der Palazzo insgesamt wird über die Zeit massiv umgebaut und erweitert, beherbergt aber noch 120 Jahre später als Padiglione centrale das Kernstück der Biennale.

Die Ausstellung

Insgesamt 516 Werke von 285 Künstlern (die Mehrheit der Künstler – 156 – aus dem europäischen Ausland) werden 1895 in den elf Ausstellungssälen des Palazzo dell’Esposizione gezeigt, sehr eng gehängt, kleine und mittlere Formate in zwei Reihen übereinander. Gemessen an den fünf, sechs Reihen der Pariser Salon­ausstellungen ist das recht großzügig (und findet auch seine Kritiker, die das Platzverschwendung nennen).

Die Beschickung der nationalen Beiträge wird Auswahlkomitees in Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Niederlande, Österreich-Ungarn, Russland, Schweden und Norwegen sowie Spanien anvertraut. Das deutsche Komitee (bestehend aus den Malern Max Liebermann, Gustav Schönleber, Fritz von Uhde und Anton von Werner) wählt Werke von mehr als 20 Künstlern aus, eigene Werke und solche von Kollegen wie Hans Bartels, Franz von Lenbach, Adolph Menzel und Franz von Stuck.

Schematisierte Rekonstruktion der Raumaufteilung, Internationale Kunstausstellung 1895Schematisierte Rekonstruktion der Raumaufteilung, Internationale Kunstausstellung 1895.Die Ausstellung wird nach Nationen gehängt, nach dem Vorbild der Welt­ausstellungen und noch spezifischer nach dem Vorbild der internationalen Kunstausstellungen in München.

Anfang des 20. Jahrhunderts will der Platz auch des erweiterten Ausstellungspalastes nicht mehr reichen und die Veranstalter fördern den Bau von nationalen Pavillons auf dem Gelände der Giardini. Die ersten werden die Belgier sein (1907), Ungarn, Deutschland (zunächst als bayrischer Pavillon) und Großbritannien folgen 1909, Frankreich und Schweden 1912, die Russen 1914. Zur 56. Internationalen Kunstausstellung 2015 werden es 29 Pavillons in den Giardini sein, dazu kommen 61 weitere nationale Ausstellungen im Arsenale und an weiteren Standorten in der Stadt.

1895 entscheidet eine international besetzte, fünfköpfige Jury über die Vergabe eines ganzen Haufens von Preisen: Der Hauptpreis der Stadt Venedig (10.000 Lire), die Preise der italienischen Regierung, der Provinz Venezia, der venezianischen Sparkasse, der Stadt Veneto, des Fürsten Giovanelli usw. (je 5.000 Lire) bis hin zu einem Förderpreis (400 Lire), gestiftet vom Jurypräsidenten, dem englischen Kritiker William Michael Rossetti. Die goldenen und silbernen Löwen werden erst ab 1986 auf der Kunstbiennale verteilt, übernommen von der Kinobiennale, da gibt es die Löwen schon seit 1949.

Ein Rundgang durch die Ausstellung von 1895

Gemälde von James Abbot McNeill Whistler, Mädchen in Weiß, 1864. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtGemälde von James Abbot McNeill Whistler, Mädchen in Weiß, 1864. Via Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.Gleich linker Hand des Eingangs, in sala A, sind Malereien und Grafiken von 22 britischen Künstlern ausgestellt. James Abbott Whistler (1834-1903) – der allerdings mit einem über 30 Jahre alten Gemälde, Mädchen in Weiß, vertreteten ist – und die beiden Präraffaeliten John Everett Millais (1829-1896) und Edward Burne-Jones (1833-1898) sind die der Nachwelt geläufigsten Namen (letztere beide gehören auch zu den Kommissaren des britischen Beitrags).

Durch die Rotunde, sala B, die eher belanglose Skulpturen von einer guten Handvoll italienischer Bildhauer, aber auch Arbeiten von Emmanuel Frémiet (1824-1910) und Mariano Benlliure y Gil (1862-1947) zeigt, geht es in den Hauptsaal des Palazzo dell’Esposizione.

Die sehr großzügige sala C wird von einer riesigen Oberlichtdecke erhellt, die Raumwirkung ist aber massiv beeinträchtigt durch Stellwände, die Platz für zusätzliche Hängungen schaffen müssen, immerhin kommen hier Malerei, Zeichnungen und Skulpturen von 49 italienischen Künstlern unter.

In diesem Saal ist Giovanni Segantinis (1858-1899) großformatiges Gebirgsdrama Ritorno al paese nativo (1895) ausgestellt, das mit dem Preis der italienischen Regierung ausgezeichnet wird. Die sehr ergreifende Darstellung eines ärmlichen Totentransports stößt bei manchen Kritikern auf Unverständnis wegen Segantinis eigentümlicher Spielart des Pointillismus: der rührende Gegenstand werde „unter der mehr als wunderlichen Technik wahrhaft erstickt“, „auffallend schwach“ sei das Bild, meint ein anderer. Die Rückkehr ins Vaterland wird von einem Berliner Sammler gekauft und später, 1901, an die Staatlichen Museen Berlin vermacht.

Gemälde von Giovanni Segantini, Ritorno al paese nativo. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-ArtGiovanni Segantini, Ritorno al paese nativo, via Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.

Mächtig in den Raum gestellt ist das große Diptychon des venezianischen Malers Cesare Laurenti (1854-1936): Parabola ist eine durchaus humorige Spielart des Lebensalter-Motivs, meisterhaft im morgendlichen und abendlichen Licht inszeniert. Auf dem Rahmen steht etwas schulmeisterlich zu lesen: „Afflictis lentae, celeres gaudentibus horae“, den Glücklichen vergehen die Stunden schnell, den Traurigen langsam.

Gemälde von Cesare Laurenti, Parabola. Quelle: Telfair Museum, Lizenz: PD-ArtGemälde von Cesare Laurenti, Parabola. Quelle: Telfair Museum, Lizenz: PD-Art.

In der sala C ist auch die hübsche Genreszene Chioggiotti alla briscola (Leute aus Chioggia beim Kartenspiel) zu sehen, vom gerade mal 25-jährigen Italico Brass (1870-1943). Das Ding hat vor zwei Jahren im Pariser Salon 1893 bereits einige Aufmerksamkeit eingesammelt. Brass ist erst vor kurzem von Paris nach Venedig gezogen, 1910 wird ihn die Esposizione mit einer Einzelausstellung ehren, 1935 eine Retrospektive auf sein Werk einrichten.

Gemälde von Giacommo Grosso, La femme. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-ArtGemälde von Giacommo Grosso, La femme, via Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.Jeder der in diesen Saal Eintretenden werde aber durch das in der Mitte aufgestellte, imponierende Frauenbild La femme von Giacommo Grosso gefesselt, schreibt der Maler August Wolf, der für die Zeitschrift Kunstchronik aus Venedig berichtet:

Die Meisterschaft, mit welcher alles in dem Bilde vorgetragen ist, besonders auch die Kühnheit, gewissermaßen Brutalität im Ausdruck der Dar­gestellten, aus deren Zügen uner­schöpfliche Lebensfülle und Kraft strahlen, sowie die größten Vorzüge der Farbe machen das Bild einem jeden, der die Ausstellung besucht, unvergesslich und zu einem Haupt­bilde nicht nur unter den Italienern, sondern der ganzen Ausstellung.

Allerdings scheint Wolf die „Auffassung des ‚Weibes‘ wie sie hier uns entgegentritt“ ein wenig unheimlich zu sein. Man kann Grossos Frau sehr gut als provokantes Gegenstück zu Whistlers Mädchen in Weiß nehmen.

Skulptur von Paul de Vigne, Poverella. Foto: Rvalette, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-4.0Skulptur von Paul de Vigne, Poverella. Foto: Rvalette, via Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-4.0.Links, im kleinen sala D ist das Skandalbild von Grosso ausgestellt und Malerei von 16 weiteren Italienern, daneben aber auch u.a. zwei Skulpturen des Wiener Bildhauers Viktor Tilgner (1844-1896), Anton Bruckner und Johann Strauß. Die gehen allerdings im Trubel um Grossos Versammlung etwas unter.

Ganz der Bildhauerei gewidmet ist sala E vor Kopf des Hauptsaales und versammelt Skulpturen von zehn italienischen Künstlern sowie von Charles van der Stappen und Paul De Vigne aus Belgien, Paul Albert Bartholomé aus Frankreich und Léopold Bernard Bernstamm aus Riga. Die Kritik ist sich seltsam einig, „nicht viel Erhebliches“ lasse sich von den Bildhauerei dieser Ausstellung vermelden, „gering an Zahl und nicht nennenswert“ sei das, was da gezeigt werde, die Skulptur sei „in einer für Italien erstaunlich geringen Weise vertreten, und zwar sowohl der Zahl als der Qualität nach“. Paul de Vignes niedliche Garten­stehrumchen mögen als Beispiel reichen.

Die italienische Sektion endet in den sale F und G. Hier, in sala G, hängt La figlia di Jorio von Francesco Paolo Michetti (1851-1929), der von der Jury mit dem Haupt­preis der Ausstellung, dem Preis der Stadt Venedig ausgezeichnet wird.

Gemälde von Francesco Paolo Michetti, La figlia di Jorio. Lizenz: PD-ArtFrancesco Paolo Michetti, La figlia di Jorio. Lizenz: PD-Art.

Die Szene erzählt eine Story aus den Abruzzen. Das Mädchen Mila wird von den Gläubigen der Kleinstadt Lama dei Peligni verdächtigt, eine Hexe zu sein. Mit ihrem Liebhaber Aligi flüchtet sie in eine Höhle, gehasst und verfolgt von den Menschen des Ortes. Aligi reist nach Rom, um die Unterstützung des Papstes zu gewinnen. Als er zurück kehrt, ist Mila ermordet und verbrannt. Gabriele D’Annunzio wird wenig später aus dem Stoff ein Theaterstück machen, dann ein Opernlibretto.

Skulptur von Emmanuel Frémiet, Gorille enlevant une femme. Foto: dalbera, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-2.0Skulptur von Emmanuel Frémiet, Gorille enlevant une femme. Foto: dalbera, via Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-2.0.In sala H sind die spanischen und fran­zösischen Beiträge ausgestellt. Die meiste Aufmerksamkeit zieht ein wandfüllender, venezianischer Historienschinken von José Villegas y Cordero (1848-1921) auf sich: Incoronazione della dogaressa Foscari. Die französische Malerei ist mit einer recht bescheidenen Anlieferung vertreten. Den Zeitgenossen gefällt eine Madonna von Pascal Dagnan-Bouveret (1852-1929). Der Symbolist Odilon Redon (1840-1916) ist mit zwei Gemälden vertreten, findet bei den Kritikern aber keine Freunde.

Das spektakulärste Stück in diesem Raum ist indes eine Plastik von Emmanuel Frémiet (1824-1910): Gorille enlevant une femme (1887). Die Gruppe hat im Pariser Salon des Jahres 1887 bereits die Ehrenmedaille eingesammelt. Eine frühere Fassung wurde von der Jury des Salons 1859 zunächst zurückgewiesen und konnte dann dort erst auf das Drängen des Jurypräsidenten und Kulturpolitikers Nieuwerkerke hinter einem Vorhang präsentiert werden (was natürlich die Neugier des Publikums auf das skandalöse Kunstwerk erst recht erregt hat).

Nebenan, sala I, versammeln sich Künstler aus den nordischen Ländern in einer sehr beeindruckenden Auswahl, darunter die Dänen Laurits Tuxen (1853-1927) und Julius Paulsen (1860-1940) und der Schwede Anders Zorn (1860-1920). Das spannendste in diesem Saal sind aber 12 Jugendstilaquarelle nach Sagenmotiven vom norwegischen Maler und Grafiker Gerhard Munthe (1849-1929), die in den Jahren zuvor schon mit einigem Erfolg in Kristiania, Paris, Chicago und Stockholm ausgestellt waren.

Aquarell von Gerhard Munthe, In der Höhle des Riesen. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-ArtAquarell von Gerhard Munthe, In der Höhle des Riesen, via Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Weiter, in Sala K, stellen die Deutschen aus. Vom Altmeister des Realismus, Adolph Menzel (1815-1905), ist als historischer Rückgriff die viel ausgestellte Atelierwand von 1872 mit dabei. Franz von Lenbach (1836-1904) hat vier Portraits beigesteuert (Lady Grey, Prof. Emerson, Prof. Schweninger, Der Landgraf von Hessen). Max Liebermann (1847-1935) hat sich auf drei Arbeiten beschränkt. Für sein Portrait von Gerhart Hauptmann nimmt er den mit 5.000 Lire dotierten Preis der Provinz Venedig mit nach Hause und zeigt ansonsten den wunderbaren Schweinemarkt in Haarlem (1891):

Gemälde von Max Liebermann, Schweinemarkt in Haarlem, 1891. Quelle: Zeno.org, Lizenz: PD-ArtGemälde von Max Liebermann, Schweinemarkt in Haarlem, 1891, via Zeno.org, Lizenz: PD-Art.

Der junge Franz von Stuck (1863-1928) ist u.a. mit einer sehr gothic anmutenden Pietà mitbei, Fritz von Uhde (1848-1911) stellt seine Bergpredigt aus, und Carl von Marr (1858-1936) zeigt seine Flagellanten (1889):

Gemälde von Carl von Marr, Die Flagellanten, 1889. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-ArtGemälde von Carl von Marr, Die Flagellanten, 1889, via Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Der Berichterstatter der Gazzetta ufficiale urteilt, gänzlich frei von nationalen Klischees: „Ernste Menschen, die Deutschen, wenn sie auch nicht die Leichtigkeit der Lateiner haben, so sind sie ihnen doch voraus im Hinblick auf Tiefe der Erforschung und der Beobachtung“.

Über die Veranda (R), auf der zwischen Blumenschmuck 21 Zeichnungen und Lithographien des französischen Malers und Karikaturisten Jean-Louis Forain (1852-1931) gehängt sind, gelangt man in den letzten Saal der Ausstellung, sala L, der belgischen, holländischen und österreichischen Künstlern vorbehalten ist.

Gemälde von Hendrik Willem Mesdag, Sonnenuntergang in Scheveningen, 1894, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-ArtGemälde von Hendrik Willem Mesdag, Sonnenuntergang in Scheveningen, 1894, via Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.Den – ohnehin in sehr geringer Zahl vertretenen – Künstlern der k.u.k. Monarchie bescheinigt ein Kritiker „allesamt ein selbst genügsames Mittelmaß nicht überragend“ zu sein, was mit Blick auf Hans Tichys (1861-1925) Pietà vielleicht etwas ungerecht sein mag. Geprägt wird der Saal aber von den Lichtspiellandschaften des Belgiers Franz Courtens (1850-1943) und von Werken der Niederländer Jozef Israëls (1824-1911), Christoph Bisschop (1828-1904) und Hendrik Willem Mesdag (1831-1915) mit seinen hübschen Seestücken. Im gleichen Saal verschafft eine vom niederländischen Künstler und Kritiker Philippe Zilcken kuratierte Sonderschau mit 75 Radierung von 23 Künstlern einen Überblick über die niederländische Druckgrafik des 19. Jahrhunderts: „L’acquaforte in Olanda nel nostro secolo“.
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 *   In Sachen Eröffnungstermin der Esposizione hat es etwas Durcheinander gegeben. In der langfristigen Planung war der 22. April vorgesehen und in Werbematerialien, Einladungen usw. auch so annonciert. Erst kurz vor diesem Termin stand fest, dass die Geschäfte des Königs an diesem Tag – der 27. Hochzeitstag von Umberto und seiner Cousine Margherita – dessen Anwesenheit unmöglich machen würden. Sindaco Selvatico wollte aber auf die allerhöchste Protektion für seine Ausstellung keinesfalls verzichten, immerhin hatte der Stadtrat Venedigs auf sein Betreiben hin im April 1893 beschlossen, zur Erinnerung an die silberne Hochzeit des königlichen Paares (eben am 22. April 1893) fortan alle zwei Jahre diese Ausstellung einzurichten. Erst am 17. April 1895 erklärte Selvatico die kurzfristige Verschiebung der offiziellen Eröffnung auf den letzten Apriltag.

Für besondere Besucher wurde der Ausstellungspalast allerdings bereits vorher zugänglich gemacht. Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, die Sissi also, besuchte die Esposizione am 27. April. Ob auch das zur ursprünglich geplanten Eröffnungswoche angereiste, gemeine Volk eingelassen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

 **   Noch in der 56. Auflage 2015 trägt die Kunstaustellung den Namen Esposizione Internazionale d’Arte, die Dachmarke Biennale di Venezia wird erst 1928 eingeführt, als die italienischen Faschisten unter Mussolini die bis dahin unter städtischer Regie durchgeführte Ausstellung in eine Einrichtung des italienischen Staates umwandeln.