Uraufführung von Fabrice Melquiots Tasmanien in Bonn

Frankreich, auf den Hund gekommen

Klaus Weise inszeniert an den Kammerspielen in Bonn - Bad Godesberg die sehr engagierte Uraufführung von Melquiots Stück "Tasmanien", eine Groteske über Nicolas Sarkozy und dessen Weg zur Macht.

Fabrice Melquiot ist wohl kein Anhänger Sarkozys. Der 1972 geborene Savoyarde gehört zu den erfolgreichsten französischen Jungdramatikern und wurde heuer von der Académie française mit dem Prix du Jeune Théâtre ausgezeichnet. Trotzdem ist sein 2007 in Buchform erschienenes Stück an keinem französischen Theater zur Aufführung angenommen worden. Die Bonner – und der Autor – insinuieren, das sei dem politischen Sprengstoff des Stücks und der Einschüchterung der französischen Kulturszene durch den langen Arm des leicht erregbaren Präsidenten geschuldet. Ich weiß nicht, vielleicht hängt das aber auch mit der Qualität des Stücks zusammen. Schaun wir mal.

Frankreich also, im Präsidentschaftswahlkampf. Der Kandidat, der „kleine Großminister“, bramarbasiert von der Notwendigkeit, das Land in Tasmanien umzubenennen, um einen Neuanfang zu machen. Vom Volk mag er nicht mehr sprechen, er wendet sich nurmehr an die Bevölkerung („Ich weiß, dass ihr mich liebt, meine arme, kleine Bevölkerung“): der Souverän hat für ihn abgedankt und ist ersetzt durch die hündische Masse seiner Anhängerschaft.

Conrad Cyning heißt dieser Kandidat folgerichtig, was seinen Zynismus auf den sprechenden Namen bringt – wenn ich kurz den Oberstudienrat machen darf: Zynismus von gr. kyon, der Hund. Gleich zu Beginn entbindet ein Tierarzt die Lieblingshündin des zukünftigen Präsidenten, Magdalena („Sie ist für mich wie eine Schwester“), von einem monströs groß geratenen Welpen. Magdalena stirbt am Kaiserschnitt, was seinerseits den Tierarzt böse enden lässt. Der Welpe wird auf den Namen „Wort“ getauft, und tapert und schnüffelt (Susanne Bredehöft gibt ihn als blutverschmiertes Zottelwesen) das Stück hindurch auf der Bühne herum.

Solchermaßen auf den Hund gekommen, gilt das politische Wort nun nichts mehr, und Cyning wird die Wahlen gewinnen, weil er bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt keine Rede, sondern ein Furzkonzert gibt. Na ja. Ansonsten lässt er sich auch gerne vom Leibhaftigen als Redner vertreten: die konservative Rhetorik ist auch minderem Personal geläufig.

Marie Sainte-Vulve

Ich weiß nicht, ob das in Frankreich vielleicht ein Brüller wäre. Vielleicht aber wenn die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal als Marie Sainte-Vulve gegen Cyning auftritt, von ihrer Frisur faselt, sich selbst als Mischung aus Catherine de Gaulle und Général Deneuve beschreibt und mit Cyning nach Kinderart um den Hund und die Macht streitet: „Ich!“ – „Ich!“ – „Nein, Ich“ – „Ich hab als erster Ich gesagt!“. Und möglicherweise würden sich Franzosen die Schenkel klopfen, wenn die Pariser Politikprominenz und deren Kinder sich in ihren Dienstwohnungen verlaufen, weil man sich an den Rücktritt des französischen Sparministers Gaymard erinnert, der 2005 einräumen musste, es sei doch eher ungeschickt gewesen, auf Staatskosten zur Kaltmiete von 14.000€ ein bescheidenes 600qm-Appartement unweit der Champs Elysée zu bewohnen.

In der Rheinprovinz verpufft das ein wenig, die Mischung aus politischer Groteske und analer Burleske bringt das Publikum nur selten ins Lachen, mitunter aber sogar ins Langweilen, kaum aber zu Einsichten.

Dabei geben sich die Kammmerspiele alle Mühe. Die Bühne von Manfred Blößer ist mit angemessen neureichem Weißledermobiliar und aufwändigen beweglichen Glasstahlkuben ausgestattet, die mehrere Spielflächen bereit halten, für die Parallelszenen des Stücks. Thomas Huber tobt in der Rolle des Cyning als Karikatur des Hyperkinetikers Sarkozy durch die Szene, er stampft und schimpft, labert und droht, windet sich, hüpft und zuckt über die Bühne bis an den Rand physischer Erschöpfung. Raphael Rubino macht einen lustigen Teufel in Hanswurstpelle. Kornelia Lüdorff gibt eine hervorragend kühle bis hysterische Kandidatengattin (nein, nicht die Bruni), Franziska Hartmann ist die erotisch berechnende, karrieregeile Jungassistentin des Cyning und kann singen. Am Ensemble liegt es sicher nicht. Auch wohl nicht an der Inszenierung von Klaus Weise, obwohl man schon mal entnervt abwinken kann, wenn der eingangs erwähnte, unglückliche Tierarzt nackt zu seiner Hinrichtung erscheint und zur Gaudi nur sein Gemächt von einer Tennissocke verhüllt wird. Nun ja.

Schaum vorm Mund

Es liegt am Stück. Melquiot hat sehr viel Schaum vorm Mund beim Schreiben, das macht in Frankreich vielleicht Sinn, in der Rheinprovinz nicht. Das klebt zu sehr am Fall Sarkozy um das zu zeigen, was Melquiot zeigen will: das Verenden der Demokratie am „politischen Storytelling“, am zynischen Marketing der Politik und dem Selbstmarketing ihrer Protagonisten. Das wäre ja nicht nur ein französisches Phänomen.

Am Ende richten die seelisch und körperlich verstümmelten Kinder der Politikprominenz Handfeuerwaffen auf ihre mächtigen Eltern (das ist einer von drei alternativen Schlüssen, die Melquiot für sein Stück bereit hält). Ach ja.

Der Schlussapplaus des höflichen Bonner Publikums war gastfreundlich, aber distanziert.

Fabrice Melquiot: Tasmanien. R: Klaus Weise. D: Thomas Huber, Dendrik Richter, Franziska Hartmann, Kornelia Lüdorff. Kammerspiele Bonn – Bad Godesberg, UA: 26.09.2008. [Ü: Almuth Voß]. 120 min. o.P. | Fabrice Melquiot: Tasmanie. Paris: L’Arche, 2007. 108 S.