A. L. Kennedys Altweibersommer in Oberhausen

Komische Konjugationen des Unglücks

Intendant Peter Carp höchstselbst inszeniert den 'Altweibersommer' der schottischen Erfolgsautorin A. L. Kennedy am Theater Oberhausen und macht aus der Uraufführung der musikalischen Komödie einen unterhaltsamen Abend.

Eine Mittelstandsfamilienhölle. Mutter Pat Keith, eine aufgebrauchte Lehrerin in den Vierzigern, glaubt ihren Mann in fremden Betten unterwegs und singt hübsch blutrünstige Kastrationsphantasien. Ihr Mann, der korrupteste Versicherungsangestellte – glaubt er, es geht in Wahrheit um sehr kleines Schmiergeld, aber genug für seine Gewissensbisse -, ist weit davon entfernt, mit anderen Frauen zu poussieren. Er singt das Lied vom beschissenen Leben und starrt auf die Trümmer seiner Ehe. Die bleiben liegen auf dem Fußboden, Pat hat dort im Eifersuchtanfall Nippesfigürchen zertrümmert.

Die neunzehnjährige Tochter weiß nicht, ob sie sich freuen soll oder verzweifeln will, dass ihr Schwangerschaftstest negativ ausfällt, will raus aus dieser Hölle und weiß doch nicht wohin mit sich. Der Sohn ist aus dem Krankenhaus abzuholen – Folgen einer Schlägerei – ist nicht schwul, aber dafür sicher, dass er jetzt Priester werden will und fällt mit dem missionarischen Eifer eines katholischen Konvertiten allen auf die Nerven.

Jeder dieser beschädigten Menschen will etwas vom anderen und kriegt es nicht, und jeder glaubt etwas vom anderen zu wissen und bleibt in seinen Irrtümern eingemauert. Man spricht nicht miteinander, oder wenn, dann aneinander vorbei. Gemein ist allen nur noch eins: die Enttäuschung, das Unglück:

Ich bin unglücklich, du bist unglücklich, sie ist unglücklich, wir sind unglücklich –
wir können das jetzt praktisch durchkonjugieren.

Blaue Noten

Der Mann am Klavier trägt anlassangemessen Schottenrock, heißt Otto Beatus und macht nicht nur die Musik, sondern hat sie auch geschrieben zu A. L. Kennedys Bühnenerstling Indian Summer. Das Stück der dreiundvierzigjährigen, in Glasgow lebenden Autorin ist bereits einige Jahre alt, wurde aber auf der Insel nie gespielt oder vertont. Das mag daran liegen, dass das Tempo des Stücks nicht immer stimmt, was auch die Carpsche Inszenierung nicht durchweg ausgleichen kann.

Beatus jedenfalls spielt eingangs eine ins Leichte, Pianobarhafte variierte Version von Les feuilles mortes und gibt damit die Tonart an für das musikalische Geschehen: melancholische Chansons, ein paar böse Songs, die nach zwanziger Jahre klingen, viele blaue Noten. Das hat man davon, wenn man feststellt: „Du suchst ein glückliches Leben – und bist am Ende froh über zehn nette Minuten“. Die Feststellung kommt noch vor dem Herbst des Lebens, noch bevor die Kälte kommt:

Die letzte Hitze zieht herauf
Wir spüren ihren schwachen Hauch
Altweibersommer, Altweibersommer

Der große Tröster

Das Bühnenbild von Kaspar Zwimpfer verweist auf den großen Tröster, den Konsum: eine mit der Oberseite zum Zuschauerraum gekippte bühnengroße coop-Einkaufstasche, an deren Boden noch Wal-Mart-Kassenzettel kleben. In der Tüte klebt auch diese Katastrophenfamilie fest. Die Möbel sind zum größeren Teil noch eingeschweißt, Preisetiketten hängen an den Stehleuchten. Sie sind Bestechungsgeschenke und bedeuten keinem der Keiths irgend etwas.

Und jetzt? A. L. Kennedy hat den liebevollen Blick des satirischen Beobachters und mag deshalb ihre Figuren nicht hängen lassen. Sie schickt als dea ex machina eine resolute Oma ins Rennen. Die bringt mit burschikoser Offenheit Bewegung in diese Familienaufstellung und zeigt, was die Verhältnisse verklebt: das Aneinandervorbeischweigen, die Schuldgefühle.

Vor allem Anja Schweitzer als Pat und Torsten Bauer als Maurice Keith sind ebenso nah an ihren Figuren wie am Leben. Und sie sind virtuos unterwegs auf der kleinen Spalte zwischen Komik und Tragik. Und sie singen die Songs und Chansons (übrigens wie der ganze Text vorzüglich ins Deutsche gebracht von Ingo Herzke) vielleicht nicht mit großer Sangeskunst, aber mit sehr viel Charme.

Der Premierenbeifall war sehr freundlich.

PS: Ich lese gerade böse Kritiken auf Nachtkritik und anderswo. Ja klar, Kennedy ist nicht Tschechow, Peter Carp nicht Jürgen Gosch und das Oberhausener Ensemble nicht das DT. Aber mit Verlaub, das ist doch Humbug. Wer einen netten Abend haben will, den wird der Weg ins verschneite Oberhausen nicht reuen.

Altweibersommer. Ein häusliches Musical mit Musik von Otto Beatus. R: Peter Carp. ML: Otto Beatus. D: Anja Schweitzer, Torsten Bauer, Nora Buzalka. Oberhausen, Theater Oberhausen. P (UA): 9.1.2009. 2,5 Std. m. 1 P.