„Unheimlich real“: Magischer Realismus im Museum Folkwang

Neusachliche Kunst im Faschismus

Bis 13. Januar 2019 zeigt das Museum Folkwang in Essen italienische Malerei aus den 1920er und 1930er Jahren: Kunst in den Zeiten des Faschismus. Vor allem die Arbeiten von Cagnaccio di San Pietro lohnen den Besuch.

Cesare Sofianopulo, Maschere (Masken), 1930. Öl auf Leinwand, 77,5 x 103 cm. Museo Revoltella © Nicola Eccher
Cesare Sofianopulo, Maschere (Masken), 1930. Öl auf Leinwand, 77,5 x 103 cm. Museo Revoltella © Nicola Eccher.

Über 80 Gemälde von 32 italienischen Künstlern und Künstler­innen versammelt diese Ausstellung, die vorher bereits im ober­italienischen Rovereto und in Helsinki zu sehen war. Einige berühmte Namen sind dabei – Carlo Carrà, Giorgio de Chirico, Antonio Donghi, Gino Severini – die meisten aber werden nördlich der Alpen vor dieser Ausstellung nur wenigen Experten etwas sagen.

„Realismo magico“ ist der weitgefasste Begriff, unter dem diese Kunst der 1920er und 1930er Jahre vorgestellt wird. Als „Magischen Realismus“ hatte der Kunst­historiker Franz Roh 1925 jene post-expressionis­tische Malerei gekennzeichnet, die „nüchterne Gegen­stände“ unter „harmonische[r] Reinigung der Gegen­stände“, „eher streng, puristisch“, „statisch“ und „kühl, bis kalt“ darstelle: „Mit ‚magisch‘ im Gegensatz zu ‚mystisch‘ sollte angedeutet sein, dass das Geheimnis nicht in die dargestellte Welt eingeht, sondern sich hinter ihr zurückhält.“

Nach der Kata­strophe des 1. Weltkriegs etablieren sich in den europäischen Kunst­metropolen – in teils aggressiver Abkehr von den Avant­garden des Futurismus, Kubismus und Expressionismus – verschiedene Kunst­auffassungen, die von den Zeit­genossen mit Label wie „Neue Sachlich­keit“, „Magischer Realismus“ eben, oder auch „Verismus“ und „Neuklassizismus“ getaggt werden.

Daphne Maugham Casorati, La colazione (Das Frühstück), 1929. Öl auf Leinwand, 121 x 100 cm. Privatsammlung © Artifigurative di Alberto Rodella, Crespellano (BO)
Daphne Maugham Casorati, La colazione (Das Frühstück), 1929. Öl auf Leinwand, 121 x 100 cm. Privatsammlung © Artifigurative di Alberto Rodella, Crespellano (BO).

Der Rückbezug auf bild­künstlerische Traditionen, das Bekenntnis zur figurativen Kunst und zu mimetischen Darstellungs­formen, die als „realistisch“ verstanden werden – das ist neben der Abkehr von der „künstlerischen Anarchie“ (Severini) der Avantgarden schon alles, was diese viel­gestaltige Bewegung eint. Unter ihren Protagonisten finden sich reaktionäre Traditionalisten ebenso wie sozial­revolutionäre Veristen.

Die Essener Ausstellung sortiert die Werke nach thematischen Kriterien: Architektur­darstellungen, Porträts von Frauen, häusliche Szenen aus dem bürgerlichen Milieu, Maskeraden, Akte, Stillleben. Diese Sortierung legt deutliche Unterschiede des italienischen realismo magico zur deutschen Neuen Sachlichkeit offen: Themen wie die Stadt, die Technik, soziale Realitäten jenseits der bürgerlichen Welten bleiben in der neu­realistischen Malerei Italiens weitgehend ausgeklammert (zum Teil sicher weil diese Sujets in Italien als durch den Futurismus aufgebraucht galten).

Malen im Faschismus

In Italien steht diese Anti-Avantgarde-Bewegung schon gleich nach ihren Anfängen in den 1920er Jahren unter den Bedingungen des faschistischen Regimes: 1922 übernimmt Mussolini das Amt des Minister­präsidenten („Marsch auf Rom“), ab 1925 ist die faschistische Diktatur unter dem „Duce“ etabliert.

Ein knapper Zeitstrahl eingangs der Essener Ausstellung erinnert an diesen Hintergrund. Ob es eine clevere Entscheidung ist, diesen Aspekt nicht in einer eigenen, dokumentarischen Sektion der Ausstellung vertiefend zu thematisieren und Grundzüge der faschistischen Kunst- und Kultur­politik zu umreißen, lasse ich mal dahingestellt (der Katalog hilft hier mit einem umsichtigen Essay der Kuratorin Anna Fricke ein wenig aus).

Ubaldo Oppi, Ritratto della moglie sullo sfondo di Venezia (Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse), 1921. Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm. Privatsammlung, Rom © Carlo Baroni, Rovereto
Ubaldo Oppi, Ritratto della moglie sullo sfondo di Venezia (Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse), 1921. Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm. Privatsammlung, Rom © Carlo Baroni, Rovereto.

Manche der hier unter dem Label Magischer Realismus versammelten Maler pflegten zumindest zeitweise eine sehr große Nähe zum Regime. Einige waren Mitglied in der „Gruppo del Novecento“, der von der Kunst­kritikerin und Mussolini-Geliebten Margherita Sarfatti 1922 gegründeten Künstler­gruppe, die sich ganz dem „ritorno all’ordine“, der vermeint­lichen Rückkehr zu „Ordnung, Klarheit und Anstand“ verschrieben hatte. Achille Funi, Gian-Emilio Malerba, Pietro Marussig und auch Ubaldo Oppi gehören dazu. Nur wenige dagegen standen im Widerstand gegen die Faschisten: Cagnaccio di San Pietro gehört zu letzteren.

So muss man sich mit einem gewissen Unbehagen durch diese Ausstellung bewegen, mit der Frage im Kopf, warum diese Kunst mehr­heitlich einer faschistischen Diktatur nicht anstößig war, im nicht geringem Maß sogar von ihr gefördert und in Propaganda-Ausstellungen gezeigt wurde. Sie ist ja denkbar weit enfernt vom Blut- und Boden-, Heimat- und Helden­kitsch, der später im deutschen Faschismus verbindlich wurde. Vielleicht ist sie ja nur hübsch und anschlussfähig, aber auch – bei aller handwerklichen Meisterschaft – belanglos und stört nicht weiter.

Der Köter von San Pietro

Den stärksten Auftritt in Essen hat der venezianische Maler Natalino Bentivoglio Scarpa (1897-1946), der mit dem Pseudonym Cagnaccio di San Pietro („Köter von San Pietro“) signiert. Nicht nur zahlenmäßig ist das der stärkste Auftritt (14 seiner Werke sind vor Ort), sondern auch in Sachen Qualität.

Cagnaccio di San Pietro, L’Alzana (Das Treidelseil), 1926. Öl auf Leinwand 200 x 173 cm. Sammlung der Fondazione di Venezia. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art
Cagnaccio di San Pietro, L’Alzana (Das Treidelseil), 1926. Öl auf Leinwand 200 x 173 cm. Sammlung der Fondazione di Venezia. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.

Cagnaccio gilt als Nonkonformist und Einzelgänger unter den magischen Realisten Italiens. Mit unerbitt­lichem und unbestechlichem Auge, scharf zeichnend, wendet er sich Realitäten zu, die seine Kollegen sorgsam ausklammern. In Essen dabei ist zum Beispiel sein intensives Porträt einer vom Leben oder auch nur vom Tag gezeichneten Frau mit roter Kopfbedeckung, deren selbstbewusste Haltung und ebenso wissender wie abschätzender Blick den Betrachter herausfordert: Cappellino rosso, 1927.

Mit gleicher Würde stattet er zwei Alte aus, die vor ärmlicher Kulisse der venezianischen Lagune in den Abend gesetzt sind (La sera (Il Rosario)), 1926 (Der Abend – Der Rosenkranz) oder die zwei Treidler, die in monumentaler Darstellung ein, nur mit dem Bug angedeutetes Schiff entlang der Fondamenta ziehen: L’Alzana, 1926.

Als Cagnaccio 1928 sein Dopo l’orgia (Nach der Orgie) für die Biennale di Venezia einreicht, weist die Kommission – unter Vorsitz von Margherita Sarfatti – die Arbeit zurück: Zu offensichtlich ist der Angriff auf die Sexualmoral des Machismo und des Faschismus. Die – heute würde man sagen: sehr explizite – Darstellung ist Teil einer Trilogie, von der immerhin zwei starke Werke in Essen zu sehen sind. Das Schlüsselwerk, eben Nach der Orgie, fehlt leider. Darin liegt scheinbar achtlos eine Manschette beiseite, mit einem Knopf, der mit den Fasces verziert ist, dem Symbol der Diktatur: Er verrechnet die Trilogie sehr unmittelbar auf die Bigotterie des Regimes.

Cagnaccio di San Pietro, Primo Denaro (Erster Verdienst), 1928. Öl auf Holz 59,6 x 79,5 cm. Privatsammlung. / Zoologia, 1928. Öl auf Leinwand 85 x 106 cm. Wien, mumok. Quelle: Wikimedia Commons / Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art
Cagnaccio di San Pietro, Primo Denaro (Erster Verdienst), 1928. Öl auf Holz 59,6 x 79,5 cm. Privatsammlung. / Zoologia, 1928. Öl auf Leinwand 85 x 106 cm. Wien, mumok. Quelle: Wikimedia Commons / Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.

Man weiß, dass der Cagnaccio di San Pietro wiederholt verfolgten Widerstands­kämpfern Versteck verschafft hat. Als er sich weigert, der Partei beizutreten, sind alle Aussichten auf eine institutionelle Karriere zunichte (die andere magische Realisten gerne ergreifen). Dass sich der Maler schließlich in das Ospedale al mare am Lido einliefern lässt, mag nicht nur gesundheitliche Gründe haben: Hier ist er vor dem Zugriff der faschistischen Polizei relativ sicher und hat einen Raum zum Arbeiten.

Seine Werke jedenfalls sind auf Augenhöhe mit den Besten der Neusachlichen im Norden (Otto Dix, George Grosz) und lohnen alleine schon den Besuch der Ausstellung in Essen.

Der Katalog

Der Katalog zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen, kostet in der Museums­ausgabe preiswerte 32 Euro und umfasst 200 Seiten.

Vier sehr vernünftige und über weite Strecken gut lesbare Essays führen (untereinander allerdings nicht ganz widerspruchs­frei) ins Thema ein, knappe biographische Notizen und Werktexte orientieren über die Künstler und die ausgestellten Werke.

Die Abbildungen sind – wie eigentlich immer bei Katalogen des Hirmer Verlags – sehr tauglich. Eine Chronologie und bedauerlicher­weise auch eine Auswahl­bibliographie fehlen allerdings (letztere muss man sich bei weiter­reichendem Interesse mühsam aus den Fußnoten der Essays zusammen suchen).

Antonio Donghi, Donna al caffè (Frau im Café), 1931. Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm. Fondazione Musei Civici di Venezia, Galleria Internazionale d‘Arte Moderna di Ca‘ Pesaro © Archivio Fotografico – Fondazione Musei Civici di Venezia. Foto: Franzini C
Antonio Donghi, Donna al caffè (Frau im Café), 1931. Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm. Fondazione Musei Civici di Venezia, Galleria Internazionale d‘Arte Moderna di Ca‘ Pesaro © Archivio Fotografico – Fondazione Musei Civici di Venezia. Foto: Franzini C.

Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre. K: Anna Fricke, Gabriella Belli, Valerio Terraroli. Essen, Museum Folkwang, 28. September 2018 – 13. Januar 2019.