Turner Prize 2016 – Shortlist-Ausstellung in der Tate Britain, London

Glyphen, Rätsellandschaften und ein Hintern

Die Tate Britain in London zeigt bis 2. Januar 2017 Arbeiten der vier Nominierten für den Turner Prize 2016: Michael Dean, Anthea Hamilton, Josephine Pryde und der Preisträgerin Helen Marten.

Turner Prize 2016. Michael Dean, Sic Glyphs, 2016 © The Artist, courtesy of Herald St, London; Josephine Pryde, Für Mich 2, 2014 © The Artist, courtesy Simon Lee Gallery, London; Helen Marten, Night-blooming genera, 2015 (detail) © The Artist, courtesy Sadie Coles HQ; Anthea Hamilton, Project for Door (After Gaetano Pesce), 2015 © The ArtistTurner Prize 2016. Michael Dean, Sic Glyphs, 2016 © The Artist, courtesy of Herald St, London; Josephine Pryde, Für Mich 2, 2014 © The Artist, courtesy Simon Lee Gallery, London; Helen Marten, Night-blooming genera, 2015 (detail) © The Artist, courtesy Sadie Coles HQ; Anthea Hamilton, Project for Door (After Gaetano Pesce), 2015 © The Artist. Der Turner Prize zählt zu den renommier­testen Kunstpreisen in Europa. Er wird seit 1984 jährlich an eine Künstlerin oder einen Künstler verliehen, die oder der in den zwölf Monaten vor der Nominierung durch eine herausragende Ausstellung oder sonstige Präsentation auffällig geworden, jünger als 50 Jahre und in Großbritannien geboren oder wohnhaft ist.

Im Vergleich zu früheren Jahren ist die Auswahl heuer recht homogen, keine Video- oder Klanginstallationen, keine Malerei, keine Performance- und wenig Konzeptkunst, sondern vornehmlich skulptural orientierte Arbeiten und Installationen mit einem Ausflug ins Photographische.

Und: Die konservative und die yellow press Großbritanniens, die sonst gerne Empörung vor sich her schäumt angesichts des Schwein­krams, der da in Sachen Gegenwartskunst als preiswürdig gilt, zeigt sich in diesem Jahr recht milde. Der Turner Prize mobilisiert im UK gemeinhin eine öffentliche Aufmerksamkeit und oft auch Aufgeregtheit wie kein Kunstpreis in Deutschland sie auch nur im Entferntesten aufbringen könnte. Vielleicht wäre da mal etwas abzuschauen.

Anthea Hamilton

Als Aufreger taugen heuer aber auch allenfalls nur die, etwas den Effekt suchenden, aber ziemlich witzigen Arbeiten von Anthea Hamilton (*1978 in London). Die Kollegen von „CNN Style“ fragen sich, ob die „Turner Show“ die Besucher erröten machen werde und in der britischen Presse liest man viele Wortspiele über bums und buttocks.

Turner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Anthea Hamilton, Project for a Door / Guimard Chestity Belt. Foto: jvf © The ArtistTurner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Anthea Hamilton, Project for a Door / Guimard Chestity Belt. Foto: jvf © The Artist.

Hamilton hat u.a. einen nicht realisierten Entwurf des Architekten und Designers Gaetano Pesce für den Türbogen eines New Yorker Appartementhauses als Skulptur umgesetzt: Ein sechs Meter hoher und fast fünf Meter breiter, ansonsten wohlgeformt idealisierter nackter Hintern aus goldfarben übermalten Polyurethan-Schaum (Project for a Door (After Gaetano Pesce), 2016).

Im Nebenraum sind sechs Keuschheitsgürtel im Art Nouveau Stil an Ketten vor Wolkentapete gehängt (Guimard Chestity Belt 2-6, 2015/16) – eine Hommage an den französischen Jugendstildesigner Hector Guimard, der seinerzeit etwa die floralen Eisenstrukturen für Pariser Metroeingänge entworfen hat.

Helen Marten

Weitaus größere Chancen auf den Turner Prize wurden aber Helen Marten eingeräumt, die schließlich auch von der Jury ausgezeichnet wurde. Marten ist die jüngste unter den vier nominierten Künstlern (*1985 in Macclesfield) und zugleich die außerhalb Großbritanniens bekannteste. Ihre sehr poetischen, kleinteiligen Installationen waren bereits auf den Biennalen in Venedig 2013 und 2015 zu sehen.

Turner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Helen Marten, On aerial greens (haymakers). Detail. Foto: jvf © The ArtistTurner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Helen Marten, On aerial greens (haymakers). Detail. Foto: jvf © The Artist

Marten verbindet Alltagsgegenstände und unterschiedlichste Materialien (Drähte, Schuhsohlen, Murmeln, vielerlei Gerätschaften, Tierhäute, Gewebe, Sand, Salz usw.) auf Holzstrukturen zu assoziativen Rätsellandschaften, Assemblagen, die den Betrachter in die Rolle eines Archäologen der Dinge und der Stoffe versetzten wollen (On aerial greens (haymakers) / Lunar Nibs / Brood and Bitter Pass, alle 2015).

Josephine Pryde

Josephine Pryde (*1967 in Alnwick, Northumberland), Professorin für Gegenwarts­kunst und Photographie an der Universität der Künste in Berlin, hat eine Installation und zwei photographische Werkserien mitgebracht. The New Media Express in a Temporary Siding (2014/16) ist eine Modelleisenbahn im Maßstab 1:12 (wenn ich richtig informiert bin) mit Miniatur-Graffiti, die auf Neue Medien verweisen – die stehen also auf einem Abstellgleis. Nun ja.

Turner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Josephine Pryde, Summer of 2016. Foto: jvf © The ArtistTurner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Josephine Pryde, Summer of 2016. Foto: jvf © The Artist.

Spannender ist ein Auswahl von 15 Photographien aus der Serie Hands (Für mich) (seit 2014), sie zeigen in Werbefotoästhetik wohlmanikürte Hände, die analoge oder digitale Gadgets halten oder bedienen.

Zumindest als Rückgriff auf Techniken der klassischen Moderne (Man Ray u.a.) interessant sind acht Objekte aus der Serie Summer of 2016, nach der Nominierung entstanden, beiläufig an die Wand gelehnte MDF-Küchenarbeitsplatten, die als Photogramme negativ belichtet, Abbilder in erster Linie von Kochutensilien tragen, geometrische Formen und ein etwas rätselhafter Schriftzug „JO“ mitbei.

Michael Dean

Gäbe es einen Publikumspreis, dann wäre dafür wohl – neben Helen Marten – Michael Dean (*1977 in Newcastle upon Tyne) Favorit, urteilt man nach den Kärtchen mit Anmerkungen, die Besucher im Eingangsbereich der Ausstellung in die Wand pinnen können.

Dean arrangiert seine „Glyphen“ zu einer raumfüllenden Installation Sic Glyphs: Bizarre und faszinierende, etwa menschenhohe, teils anthropomorphe Gebilde aus Stahl, Beton, Stein, die als nicht unmittelbar interpretierbare Schriftzüge in den Raum gestellt sind.

Turner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Michael Dean, Sic Glyphs. Detail. Foto: jvf © The ArtistTurner Prize 2016. Ausstellungsansicht. Michael Dean, Sic Glyphs. Detail. Foto: jvf © The Artist

Ob es clever gewesen ist, eine etwas unterkomplexe Arbeit mit dem handlichen Titel United Kingdom poverty line for two adults and two children: twenty thousand four hundred and thirty six pounds sterling as published on 1st September 2016 in die Installation zu integrieren, sei dahin gestellt. Dean hat 2.043.599 Pennymünzen aufgeschüttet, einen Penny unterhalb der offziellen Armutsgrenze im Königreich.

Die Jury

Dotiert ist der Turner Prize mit ₤25.000 für den Gewinner und mit ₤5.000 für jeden Nominierten. Zu den früheren Preisträgern zählen Susan Philipsz (2010), Tomma Abts (2006), Wolfgang Tillmans (2000), Douglas Gordon (1996), Damien Hirst (1995), Anish Kapoor (1991), Richard Long (1989), Tony Cragg (1988), Gilbert and George (1986).

Die diesjährige Preisträgerin – Helen Martin – wurde am 5. Dezember 2016 ausgezeichnet. Die Entscheidung hat eine fünfköpfige Jury getroffen, in der saß neben der Direktorin des Amsterdamer Stedelijk Museums, Beatrix Ruf, auch die Direktorin des Bonner Kunstvereins, Michelle Cotton.

Zur Ausstellung der Shortlist ist eine kleine Broschüre erschienen, die für ₤6,99 zu haben ist und auf 56 Seiten recht taugliche Abbildungen, Interviews mit den Kandidaten und – teilweise etwas verschwurbelte – Kurzeinführungen zu den Werken enthält.

Turner Prize 2016. K: Linsay Young, Laura Smith. London, Tate Britain, 27. September 2016 – 2. Januar 2017.