Die Theatersaison 2013 / 2014 in Essen, Oberhausen und am Niederrhein

Eine Merkliste (4)

In Essen ringt ein neuer Intendant mit dem Schicksal und verfällt man ansonsten dem Wahnsinn, in Oberhausen macht man weiter gutes Theater, nach Mülheim kommen die Clowns, in Dinslaken wird kultiviert, in Moers inkludiert. Der vierte und letzte Teil einer Merkliste für die Theatersession 2013/2014 in der Rheinprovinz.

Aalto Musiktheater Essen. Foto: Bernadette Grimmenstein. Ausschnitt. Rechte: Bernadette Grimmenstein / Theater und Philharmonie Essen GmbHAalto Musiktheater Essen. Foto: Bernadette Grimmenstein. Ausschnitt. Rechte: Bernadette Grimmenstein / Theater und Philharmonie Essen GmbH.

Kritiken Spielzeit 2013/2014

In Essen übernimmt Hein Mulders, zuletzt künstlerischer Leiter der Nederlandse Opera in Amsterdam, jetzt die Indentanz des Aalto Musiktheaters, das heuer sein 25. Jubiläum feiert. Ganz dem „Schicksal“ sieht Mulders seine erste Spielzeit gewidmet, die fünf Neuproduktionen auf der Agenda hat: Verdi, Massenet, Bellini, Händel und Janáček. Das Schicksal der Essener Oper scheint jedenfalls nicht die musik­dramatische Gegenwart zu sein.

Eine „neue künstlerische Vernetzung“ der Essener Bühnen verspricht Mulders, der auch die Intendanz der Philharmoniker übernimmt. Bemerkenswert sind die spartenübergreifenden Verschränkungen im Spielplan: Die Eröffnung im Aalto mit Verdis Macbeth (P: 19. Oktober 2013) wird durch Shakespeares Original (in der Übersetzung von Thomas Brasch) im Grillo-Theater vorbereitet (P: 28. September 2013) und Massenets Werther (P: 30. November 2013) wird später durch einer Dramatisierung von Goethes Leiden des jungen Werther in der Casa nachbereitet (P: 23. Februar 2014).

Schauspiel Essen

Im Sprechtheater sieht man sich in Essen ansonsten aber weniger mit dem „Schicksal“ konfrontiert, sondern bereits dem „Wahn“ verfallen – was ich in Sachen Gegenwartsdiagnostik für deutlich erklärungsadäquater halte. Auf die Merkliste kommen drei Inszenierungen:

Dennis Kellys Die Opferung von Gorge Mastromas, uraufgeführt im Sommer 2012 bei den Ruhrfestspielen und in Frankfurt, erzählt von den Synergieeffekten, die Egoismus und Neoliberalismus eintragen (Casa, P: 29. September 2013) – das Ding wird im Frühjahr 2014 auch in der Bonner Werkstatt eingerichtet. Gegen die Zumutungen der Jetztzeit schickt Tariq Ali alte Helden in den antikapitalistischen und antiimperialistischen Kampf: Die neuen Abenteuer des Don Quijote – „Wir müssen die Welt vor sich selbst retten.“ (Grillo, UA: 1. November 2013).

Stück auf! Preisverleihung 2013. Katja Wachter und Schauspielintendant Christian Tombeil. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbHStück auf! Preisverleihung 2013. Katja Wachter und Schauspielintendant Christian Tombeil. Foto: Diana Küster. Rechte: Diana Küster / Theater und Philharmonie Essen GmbHIm Frühjahr 2014 wird in der Casa das erste Theaterstück der Münchener Choreografin und Autorin Katja Wachter uraufgeführt: Eine Blume als Gegenwehr, 2013 mit dem Preis der 2. Essener Autorentage ausgezeichnet, kümmert sich um Distanz und Nähe in menschlichen Beziehungen unter den Bedingungen der Virtualität (Casa, UA: 25. April 2014).

Theater Oberhausen

Theater Oberhausen. Ausschnitt. Foto: Roger Weil. Lizenz: CC-BY-SA-3.0. Quelle: Wikimedia commonsTheater Oberhausen. Ausschnitt. Foto: Roger Weil. Lizenz: CC-BY-SA-3.0. Quelle: Wikimedia commons

Am Theater Oberhausen organisiert Intendant Peter Carp, gegen alle Sparnotwendigkeiten, seit fünf Jahren ein Theater, das auch außerhalb der Rheinprovinz weit mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als es gewöhnlich bekommt. Zum Glück ist sein Vertrag jetzt bis 2018 verlängert worden. Eröffnet wird die neue Spielzeit im Großen Haus mit dem Versuch, Florian Illies‚ Bestseller 1913 als „musikalisch-literarische Revue“ zu inszenieren (Großes Haus, P: 20. September 2013). Illies hat im Herbst letzten Jahres seine sehr eigene Rekonstruktion des Jahres 1913 auf den Markt gebracht, in der er aus historischen Tagebüchern, Briefen, Zeitungsberichten ein Amalgam aus Feuilleton und Klatschreport montiert. Das auf die Bühne zu bringen, wird heuer nicht nur in Oberhausen, sondern wiederum auch in Bonn unternommen (Kammerspiele Bad Godesberg, P: 12. Oktober 2013)

[Anmerkung: Ich stehe dem so erfolgreichen Buch von Illies mit einigem Ressentiment gegenüber, weil das Projekt der Rheinischen Kulturraumverdichtung zum Jahr 1913, Literatur ◊ 1913, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit gefunden hat und mittlerweile wg. Erfolglosigkeit eingestellt ist].

Ab Oktober ist Suse Wächter in Oberhausen vor Ort und nähert sich mit ihrem wunderbaren Menschen- und Puppentheater einem weiteren „Helden des 20. Jahrhunderts“: Bertolt Brecht (Großes Haus, UA: 11. Oktober 2013). Im nächsten Jahr dann bringt der australische Regiejungstar Simon Stone AischylosOrestie an einem Stück auf die Bühne (Großes Haus, P: 1. Februar 2014) – wer mag, kann dessen Bemühungen ab April mit denen von Nora Schlocker und Tine Rahel Völcker vergleichen, die sich der antiken Trilogie am Düsseldorfer Schauspiel annehmen (Düsseldorf, Großes Haus, P: 26. April 2014). Der schweizer Autor Thomas Hürlimann arbeitet unterdessen mit Intendant Peter Carp an einer Dramatisierung seiner Novelle Das Gartenhaus (Großes Haus, UA: 21. März 2014).

Theater an der Ruhr

Theater an der Ruhr im Raffelbergpark. Ausschnitt. Foto: Ruesterstaude. Lizenz: CC-BY-SA-3.0. Quelle: Wikimedia commonsTheater an der Ruhr im Raffelbergpark. Ausschnitt. Foto: Ruesterstaude. Lizenz: CC-BY-SA-3.0. Quelle: Wikimedia commons

Der Prinzipal des Theaters an der Ruhr, Roberto Ciulli, stellt keine langfristigen Planungen ins Netz, deshalb kann ich nur vermelden, dass die neue Spielzeit in Mülheim mit Georges Feydeaus Vaudeville-Kracher Monsieur Chasse oder Wie man Hasen jagt eröffnet wird (Kurhaus im Solbad, P: 12. September 2013). Im Oktober dann steht ein „komisch-musikalisches Unternehmen“ von Roberto Ciulli und Matthias Flake auf dem Plan, Clowns 2½ heißt das Ding, das in Kooperation mit den Théâtres de la ville de Luxembourg entsteht und eine clowneske Analyse des Alterns zu sein scheint (Kurhaus im Solbad, UA: 10. Oktober 2013).

Schlosstheater Moers

Schlosstheater Moers, Eingang. Foto/Rechte: © Steffen Schmitz (Carschten) / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 (DE), Free Art License. AusschnittSchlosstheater Moers, Eingang. Foto/Rechte: © Steffen Schmitz (Carschten) / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 (DE), Free Art License. Ausschnitt.Das kleinste Stadttheater der Rheinprovinz stellt seine Spielzeit unter das Motto „all inclusive“ und meint damit die soziale Utopie der Inklusion. Auf der Agenda für die Session 2013/2014 stehen fünf Neuproduktionen, zwei davon setze ich auf die Merkliste: Under Cover betitelt Barbara Wachendorff ein Rechercheprojekt in Sachen Depression und ihrer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Altes Neues Rathaus, P: 30. November 2013) und Philipp Preuss, 2012 mit dem Publikumspreis des NRW Theatertreffens für seine Inszenierung des Geizigen ausgezeichnet, nimmt sich heuer Bertolt Brechts Mann ist Mann vor (Schloss, P: 15. Mai 2014).

Landestheater Burghofbühne Dinslaken

Acht Neuproduktionen plant die Burghofbühne in Dinslaken für die neue Spielzeit und konjugiert dabei „kultivieren“ als Motto der Session. Auf der Agenda stehen u.a. Brechts Mann ist Mann (November 2013), ein Stück, das am Niederrhein offensichtlich Konjunktur hat, und Kolja Mensing und Robert Thalheims Moschee DE, eine 2010 in Hannover uraufgeführte Bestandsaufnahme in Sachen Integration, Rassismus und Religionsfreiheit am Beispiel der Reaktionen auf einen Moscheeneubau: „Wir haben nichts gegen die Menschen als Menschen. Aber diese Moslems werden unsere Parkplätze belegen.“ (Kathrin-Türks-Halle, P: April 2014).

Merkliste Essen, Oberhausen, Mülheim, Dinslaken und Moers

Die angegebenen Termine sind den langfristigen Saisonplanungen der angeführten Theater entnommen. Bevor Sie auf Basis dieser Termine Ihren Besuch planen, vergewissern Sie sich bitte, dass es keine Termin- oder Planänderungen der Theater gibt.

Links

Spielzeithefte 2013/2014