Tariq Alis „Die neuen Abenteuer des Don Quijote“ im Schauspiel Essen

Humoriges Gesinnungstheater

Jean-Claude Berutti richtet die Uraufführung von Tariq Alis „Neuen Abenteuern des Don Quijote“ im Essener Grillo Theater ein, kann das Stück, das in etwa so klapprig dürr ist wie sein Held, aber auch nicht wirklich retten.

Tariq Ali: Die neuen Abenteuer des Don Quijote. Schauspiel Essen. Silvia Weiskopf, Jens Ochlast. Foto: Birgit Hupfeld. Rechte: Theater und Philharmonie Essen GmbHTariq Ali: Die neuen Abenteuer des Don Quijote. Schauspiel Essen. Silvia Weiskopf, Jens Ochlast. Foto: Birgit Hupfeld. Rechte: Theater und Philharmonie Essen GmbH.

Seit mehr als 400 Jahren ist dieser Don Quijote jetzt schon unterwegs, verwirrt vom übermäßigen Konsum von Ritterromanen, beseelt von der Mission, jegliche Art von Unbill wieder gut zu machen, wie es bei Cervantes heißt, auf der Suche nach Abenteuern und seiner Dulcinea. Die Zeiten ändern sich, nicht aber was Menschen einander antun, sagt er. Allerdings sind es heute nicht mehr Ritterromane, die einem Sinn und Verstand rauben, sondern schlechte, d. h. apologetische Literatur in Sachen Globalisierung.

Seit rund 50 Jahren schon ist Tariq Ali als antiimperialistischer und radikal­sozialistischer Aktivist unterwegs. Zuerst im Widerstand gegen die pakistanische Militärdiktatur, dann im britischen Exil als Wortführer der 68er und politischer Publizist der neuen Linken, später als Autor mehrerer Romane, Theaterstücke und Drehbücher. Ein sehr sympathischer Mann. Die neuen Abenteuer des Don Quijote ist ein Auftragswerk des Essener Schauspiels.

Partre, Landstuhl und die Republik Sodom

Tariq Ali: Die neuen Abenteuer des Don Quijote. Schauspiel Essen. Ines Krug, Silvia Weiskopf, Jens Ochlast. Foto: Birgit Hupfeld. Rechte: Theater und Philharmonie Essen GmbHTariq Ali: Die neuen Abenteuer des Don Quijote. Schauspiel Essen. Ines Krug, Silvia Weiskopf, Jens Ochlast. Foto: Birgit Hupfeld. Rechte: Theater und Philharmonie Essen GmbHDon Quijote also, sehr hübsch und mit großsprecherischer Verletzlichkeit sowie Zutzelbart, traditionsgemäßer Rüstung und Lanze von Silvia Weiskopf gegeben, tritt in diesem Stationendrama gegen die Unbill der Jetztzeit an. Wir sehen ihn inmitten rassistischer Brandanschläge in Deutschland, auf einer Party der Charaktermasken des Finanzkapitals, auf der Suche nach der Liebe bei den Kindern Jean-Sol Partres in einem Pariser Bistro, niedergeknüppelt von Nazi-Schlägern mit baseball bat, im Regional Medical Center zu Landstuhl bei der lädierten Soldateska des US-Imperialismus (Folterer und Vergewaltiger allesamt), dann – und das ist die lustigste Episode – zu Gast beim Organisationskomitee der Vereinigten Arabischen Schwulen, die irgendwo in der Wüste die Republik Sodom ausrufen. Aber auch sie sinnen als erstes auf die Einrichtung eines amerikanischen Unterstützungsfonds, um Waffen zu kaufen.

Schließlich strecken ihn die imperialistischen Apaches oder Drohnen, was weiß ich, auf einem dieser Piratenbote vor der somalischen Küste nieder (auch die Piraten scheinen Antiimperialisten zu sein). Aber Don Quijote ist auch heute natürlich nicht tot zu kriegen, die nächste Station wird China sein, aber das sehen wir nur noch als Gang der im Bühnenhintergrund aufgehenden Sonne entgegen.

Tariq Ali: Die neuen Abenteuer des Don Quijote. Schauspiel Essen. Jan Pröhl, Ingrid Domann. Foto: Birgit Hupfeld. Rechte: Theater und Philharmonie Essen GmbHTariq Ali: Die neuen Abenteuer des Don Quijote. Schauspiel Essen. Jan Pröhl, Ingrid Domann. Foto: Birgit Hupfeld. Rechte: Theater und Philharmonie Essen GmbHNaturgemäß geht der Ritter von der traurigen Gestalt niemals alleine. Da ist Sancho Pansa (Jens Ochlast), mit proletarischer Schläue, bodenständiger Weitsicht und einer Feldflasche Wasser ausgestattet, die die Empörung seines Herrn in ungefährliche Bahnen lenken wollen. Da sind Rosinante (Ingrid Domann) und das Maultier (Jan Pröhl), in den letzten 400 Jahren belesener geworden als der Meister, Spinoza zitierend, stets auf Sex bedacht, wenn man nur nicht so müde von den ganzen Abenteuern wäre.

Köstliche Langeweile bei guter Gesinnung

Regisseur Jean-Claude Berutti versucht alles, um diesem humorigen Gesinnungs­theater der eindimensionalen Feindbilder bühnentaugliches Leben zu verschaffen. Und er setzt dabei auf Multimediatralala (Medienkritik inklusive), auf das beeindruckend vielgestaltige Bühnenbild von Rudy Sabounghi und auf, allerdings eher wenig inspirierte Solo- und Choreinlagen (Musik: Arturo Annecchino). Am Ende vergeblich.

Ich jedenfalls habe mich spätestens nach einer knappen Stunde köstlich gelangweilt, werde wohl zum Griesgram. Das Essener Premierenpublikum indes applaudierte dem Ensemble, Regieteam und Autor gleichermaßen freundlich, fast begeistert.

Tariq Ali: Die neuen Abenteuer des Don Quijote. R: Jean-Claude Berutti. D: Silvia Weiskopf, Jens Ochlast, Ingrid Domann, Jan Pröhl u.a. Essen, Grillo Theater, UA: 1. November 2013. 1½ h o.P.