Suse Wächter bringt „Brecht“ ins Theater Oberhausen

Brecht und seine Miezen auf Bettlandschaft

Die Puppenspielerin Suse Wächter erkundet mit Bert Brecht das Bett als Ort des Denkens über das Theater, sucht mit ihm nach der gegenwärtigen Bedeutung des Verfremdungs­effekts, lässt ihn über Skype mit Helge Schneider sprechen und macht daraus am Theater Oberhausen einen sehr lustigen Abend.

An die Nachgeborenen liest Brecht eingangs dem Publikum vor. So jenseitig ist Suse Wächters etwas unterlebensgroße Brechtpuppe aber gar nicht. Dieser Brecht hat merklich Vergnügen, sich mit fünf Schauspielerinnen auf einer sehr diesseitigen Bettlandschaft rumzulümmeln. Die wiederum ist ausgestattet mit allem Luxus, Minibar und Flatscreen und remote control (Bühne: Constanze Kümmel). Ein sehr tauglicher Ort, auf den Beginn der Proben zu warten, oder auch nicht zu warten: Eigentlich fehlen die Rechte am Stück, da sind die Brecht-Erben notorisch vor.

Examinierte Miezen

Also fragt der Meister, dem Suse Wächter ihre Stimme leiht – begnadet in der Nachschöpfung des Brechtschen Sprachduktus, Tonfalls und dialektaler Färbung –, befragt der Meister also seine Schaupielerinnen nach ihren Kenntnissen in Sachen seines epischen Theaters und der Methode der Verfremdung. Die ihn anhimmelnden Musterschülerinnen zeigen sich powerpointunterstützt kundig. Das Victory-Zeichen steht ebenso wie der vulkanische Gruß für Verfremdung.

Man diskutiert und der Meister doziert über die Kunst des Schauspielens, über die Kritik, die Notwendigkeit des Rauchens auf der Bühne und am besten auch im Publikumsraum, über das Ensemble, also das Berliner. Man singt ein Lied vom Rauch und raucht und trinkt, vergleicht die Gesten der Figuren auf Gemälden alter Meister mit Gesten Luca Tonis.

Gast- und Glanzauftritte

Manchmal hängt das für einige Minuten etwas durch, dann helfen Gaststars weiter. Helge Schneider, per Skype zugeschaltet, klimpert was auf dem Klavier, Lao-Tse schwebt in den Bühnenraum und spricht weise, Nietzsche bekommt kurz Ausgang aus der Villa Silberblick, in Zwangsjacke gesichert.

Einen Glanzauftritt hat Torsten Bauer, crossdressed als Brecht-Mieze beschwert er sich vehement über sein Los als Schauspieler, über die Verfremdung, die ja Entfremdung des Schauspielers sei, beschimpft Brecht und Publikum, stürmt von der Bühne. War das jetzt echt oder gespielt, fragt der Meister irritiert.

Brecht lässt sich die Illusionsmacht virtueller Welten auf der Spielkonsole zeigen. Kann das Theater dagegen noch an? An diesem Abend mit Sicherheit. Das Premienpublikum im, schändlicherweise nicht ausverkauften Oberhausener Großen Haus ist zu Recht begeistert.

Suse Wächter

Suse Wächter, geboren 1969 in Sangerhausen, Studium an der Ernst-Busch-Schule, baut ihre Puppen selbst und ist mit ihren Menschen- und Puppenspielen seit Mitte der neunziger Jahre u.a. in Berlin, Frankfurt, München, Hannover, Hamburg, Salzburg unterwegs. In der Rheinprovinz war sie zuletzt am Kölner Schauspiel zu sehen: 2010/11 mit der grandiosen Agrippina – Die Kaiserin aus Köln und 2012/13 mit ihrer kurzen Geschichte des Universums Der Abend aller Tage.

Im Oktober-Heft 2013 von Theater heute hat es ein hübsches Portrait von Suse Wächter (online vollständig leider nur für Abonnenten), auf youtube finden sich einige Videos (auch von Suse Wächter-Auftritten mit Elfriede Jelinek und Gott bei Helge hat Zeit).

Brecht. Ein Abend mit Schauspielern und Puppen von und mit Suse Wächter. R: Suse Wächter. D: Susanne Burkhard, Angela Falkenhan, Tine Hagemann, Torsten Bauer, Suse Wächter. Theater Oberhausen, Großes Haus. UA: 11. Oktober 2013. 1½h oP.