Statistisches Jahrbuch Köln 2018: Zahlen zur Kultur

Kennzahlen kultureller Daseinsvorsorge

Das Statistische Jahrbuch Köln 2018 verzeichnet Schlüsselzahlen für 2017 bzw. 2016. Was kann man in Sachen Kultur aus dem Zahlenmaterial lernen? Und was zeigt ein Vergleich mit entsprechenden Kenngrößen aus dem Cöln von vor 100 Jahren?

Schauspiel und Oper Köln am Offenbachplatz. Foto: jvf

Das Wetter über Ostern wird schön, man kann im Garten sitzen und lesen oder auch blättern im gerade veröffentlichten Statistischen Jahrbuch Köln 2018. Das gibt es zum Download bei der Stadt Köln.

Es ist der 95. Jahrgang des Statistischen Jahrbuchs. Die erste Ausgabe erschien 1912 als Statistisches Jahrbuch der Stadt Cöln für 1911. Die Universität Köln war so freundlich und hat alle Jahrgänge von 1912 bis 1989 digitalisiert und ins Netz gestellt. Die Jahrgänge ab 2004 sind auf den Seiten der Stadt Köln verfügbar.

Diese lange Reihe statistischen Materials ist für den Kultur­historiker natürlich faszinierend. Ich begnüge mich mal mit einem kursorischen Vergleich von Zahlen für 2016/17 mit denen von vor 100 Jahren.

Vital- und andere Statistiken

Die Wohn­bevölkerung wird für 2017 mit 1.084.795 Einwohnern angegeben, das sind gut 2.679 Einwohner pro km². 1917 waren es fort­geschriebene 648.000 (einschließlich Militär­bevölkerung), das sind 3.285 E/km² bei deutlich kleinerer Fläche (Mülheim und Kalk waren damals bereits eingemeindet, Chorweiler, Rodenkirchen und Porz noch nicht).

Das Durchschnitts­alter der Kölner liegt 2017 bei 41,9 Jahren, knapp über die Hälfte wohnt in Einpersonen­haushalten, 63,1% wohnen links­rheinisch (1917: 75%), den größten Zuwachs gibt es zuletzt in Roggendorf/Thenhoven, Braunsfeld, Raderberg, Zollstock, Bayenthal und Marienburg (>2% gegenüber 2016).

Die höchsten Geburten­raten gibt es heuer in Roggendorf/Thenhoven, Braunsfeld, Ehrenfeld, Buchforst, Ostheim und Wahn (jeweils >13‰). 1917 war hier Bayenthal (20,4‰) und das äußere Deutz (18‰) führend.

Die häufigsten Todes­ursachen 2016 sind Krankheiten des Kreislauf­systems und Neubildungen, 1916 Lungen­entzündung und Lungen­tuberkulose (ohne Todes­ursachen bei „Militär­personen“).

Die mittlere Luft­temperatur im Jahres­durchschnitt 2018 lag im Übrigen bei 11,8°C (1918: 10,9°C).

Ausgewählte Zahlen aus Statistisches Jahrbuch Köln 2018 / 1919

Aber überlassen wir Vital- und andere Statistiken denen, die sich damit auskennen, und kommen wir zur Kultur. Das Statistische Jahrbuch 2018 ist da leider deutlich weniger auskunfts­freudig als seine Vorfahren in Kaiserreich und Weimarer Republik. Erst recht fehlen z.B. Besucher­zahlen einzelner Ausstellungen wie sie in den Statistischen Jahrbüchern der 1980er Jahre zu finden sind. Immerhin gibt es globale Besucher­statistiken der Städtischen Kultur­einrichtungen.

Museen der Stadt Köln

Die Museen der Stadt Köln und das NS-Dokumentations­zentrum* melden für 2017 insgesamt 1.008.047 Besucher. Das sind 11% mehr als im – allerdings vergleichsweise schwachen – Vorjahr und macht immerhin die beste Bilanz seit 2012 (1.253.856 Besucher). Damals hatte das Wallraf-Richartz-Museum aber die Jubiläums­schau Mission Moderne (in Erinnerung an die Sonderbunda­usstellung 1912) im Programm. Und das Museum Ludwig war mit seiner David Hockney Ausstellung ebenso außer­gewöhnlich wie unverständ­lich erfolgreich.

Die besucher­stärksten Museen sind unverändert das Museum Ludwig, das Römisch-Germanische-Museum und das Wallraf-Richartz-Museum – im Detail und in der Entwicklung seit 2007 (davor hat die Zählung anders funktioniert, ist also nicht vergleichbar):

Grafik Museumsbesuche Köln 2007-2017 nach Statistisches Jahrbuch Köln 2018

100 Jahre früher, 1917, wurden trotz des Krieges immerhin 204.412 Besucher in den seinerzeit zehn Museen der Stadt gezählt. Im letzten Vorkriegs­jahr, 1913, waren es 749.531. Das mit Abstand meist­besuchte Museum war das Wallraf-Richartz-Museum (90.000/482.500), danach folgte der Museums­komplex am Hansaplatz aus Kunstgewerbe-Museum, Schnütgen-Museum und dem im Oktober 1913 ebenda eröffneten Museum für ostasia­tische Kunst (31.916/130.000).

Das Museum für Handel u. Industrie war „infolge Inanspruch­nahme des Gebäudes“ durch die Militär-Lazarett­verwaltung nicht öffentlich zugänglich. Es gab lediglich „regelmäßige Führungen für leicht­verwundete Offiziere und Soldaten“, an denen 1917 3.570 Verwundete teil­genommen haben – auch das weiß das Statistische Jahrbuch 1919.

Bühnen der Stadt Köln

Der Publikums­zuspruch zu den Städtischen Bühnen der Stadt Köln ist deutlich weniger stabil als die Zahl der Museums­besuche. Natürlich spielen da die Katastrophe der Sanierung am Offenbach­platz und die Kapazitäten der Interimsspielstätten eine nicht unwesentliche Rolle. Aber der Zuschauer­schwund ist ein kontinuierliches Phänomen schon seit Mitte der 1990er Jahre.

Nimmt man ältere Statistische Jahrbücher zur Hand, lernt man, dass in den 1980er und frühen 1990er Jahren die Zahl der jährlichen Besuche recht konstant bei etwas mehr oder weniger als 500.000 pro Saison lag. In den letzten Spiel­zeiten sind eher 300.000 der Mittelwert.

Grafik Opern- und Theaterbesuche Köln 1991/92-2016/17 nach Statistisches Jahrbuch Köln 2018

Zwar steigt die Zahl der Besuche in der Spielzeit 2016/17 gegenüber dem Vorsaison um fast 13%, von 255.092 auf 287.552. Allerdings muss man das etwas relativieren: Es gibt 2016/17 insgesamt 979 Auf­führungen gegenüber 843 in 2015/16 – ein Zuwachs um 16%. Die durchschnitt­liche Zahl der Zuschauer pro Aufführung sinkt also weiter.

Die 287.552 Opern- und Theater­besuche sind der zweit­niedrigste Wert, den ich in den Statistischen Jahrbüchern seit 1945 finde – seitdem im August 1945 die Städtischen Bühnen ihren Spielbetrieb in der Aula der Universität wieder aufgenommen haben, wenig mehr als drei Monate nach der Befreiung. Der niedrigste Wert ist der der Saison 2015/16.

Der Zuschauer­schwund ist im Übrigen nicht den Freunden des Schauspiels anzulasten. Er geht wesentlich auf das abnehmende Interesse an der Oper in Köln zurück.

In der Saison 1916/17 konnten sich dagegen die Städtischen Bühnen (die „Vereinigten Stadttheater“) nicht über mangelndes Publikums­interesse beklagen. Die Zahl der „ausgegebenen Tageskarten“ für die 238 Auf­führungen im Opernhaus am Habsburger­ring lag bei 306.850. Das Schauspiel­haus in der Glockengasse konnte für seine 259 Aufführungen zwar nur 236.708 Tageskarten ausgeben. Hinzu kamen in beiden Häusern aber noch zusammen 9 Sonder­vorstellungen ohne Ausgabe von Tagesskarten, also mit nicht erfasster Besucherzahl.

Die Bibliotheken

Positiv entwickelt sich weiterhin die Stadt­bibliothek. 88.365 Menschen haben 2017 einen Mtgliedsausweis, 2.376.890 Besuche soll es im gleichen Jahr in der Zentral­bibliothek, den 11 Stadtteil­bibliotheken und im Bücherbus gegeben haben mit insgesamt 7.530.777 Nutzungen bzw. Entleihungen.

Anders als bei der Theater- oder Museums­nutzung ist der Fortschritt in Sachen Bibliotheks­nutzung seit 1917 sehr eindrucks­voll. Die etwas elitäre Stadtbibliothek am Gereonskloster und die elf Volks­bibliotheken mit ihren Lese­hallen verzeichneten 1917 insgesamt 92.670 Besuche und buchten 245.975 Nutzungs- und Ausleih­vorgänge.

Ansicht Zentralbibliothek Köln 2019 und Stadtbibliothek 1902. Foto: jvf / Abbildung aus Adolf Keysser, Mittheilungen über die Stadtbibliothek in Cœln, 1902. Digitalisat der Universität Düsseldorf
Ansicht Zentralbibliothek Köln 2019 und Stadtbibliothek 1902. Foto: jvf / Abbildung aus Adolf Keysser, Mittheilungen über die Stadtbibliothek in Cœln, 1902. Digitalisat der Universität Düsseldorf.

Die Nutzung der Volks­bibliotheken war während des Krieges massiv eingebrochen. 1913 wurden noch 201.188 Besuche verzeichnet. Die Lesehalle in der Georgstraße blieb 1917 gleich ganz für die Öffentlich­keit geschlossen wg. Nutzung durch die Milítär-Lazarett­verwaltung.

Die weitaus wichtigste Volks­bibliothek befand sich An der Rechtsschule 8-10. Fast 70% aller Volksbibliotheks­besuche entfiel auf diese Zentrale. Interessant ist die Aufschlüsselung der Bibliotheks­besuche nach Geschlecht, die leider im Statistischen Jahrbuch 2018 unterbleibt: 1917 verzeichneten die Volks­bibliotheken nur 6.145 Besuche von Benutzerinnen, das sind lediglich 8,36%.

Geld für die kulturelle Daseinsvorsorge

Die Einnahmen von Opern- und Schauspielhaus kamen im Rechnungsjahr 1917 auf 66.612 ℳ, die Ausgaben betrugen 934.366 ℳ, der Zuschuss der Stadt belief sich auf 867.754 ℳ. Die Quote Zuschuss/Ausgaben lag also bei knapp 93%.

Die entsprechenden Angaben für 2016/17 sind dem aktuellen Statistischen Jahrbuch nicht zu entnehmen. Auf den Seiten der Stadt Köln lese ich: Einnahmen 5.020.581€, „Aufwendungen für den laufenden Spiel­betrieb (ohne Interim und Sanierung)“ 67.799.600€, Zuschuss von Stadt und Land 57.086.800€. Die Quote Zuschuss/Ausgaben läge demnach also bei gut 84%.

Grafik Ausgaben für Kultur nach Statistisches Jahrbuch Köln 2018, 1919 und 1915

In der Gesamtergebnis­rechnung der städtischen Finanzen für 2017 sind Aufwendungen für den Posten Kultur und Wissenschaft mit 213.290.000€ angegeben. Das sind 49.811.000€ weniger als 2016. Der Anteil des Postens an den Gesamt­aufwendungen sinkt von 6,20% (2016) auf 4,83% (2017).

In den Zeiten des Kriegs­haushalts 1917 lag der Anteil des Postens „Kunst und Wissenschaft“ bei 3,16% (2.912.109 ℳ). Nimmt man zum Vergleich allerdings das letzte Geschäfts­jahr vor dem Krieg, ergibt sich ein sehr anderes Bild. Für 1913 werden hier Ausgaben in Höhe von 4.846.374 ℳ ausgewiesen – das sind 7,70% der Gesamt­ausgaben. Ein deutlich höherer Anteil als heute.

Ob der Haushalts­posten „Kunst und Wissenschaft“ im kaiserlichen Cöln inhaltlich allerdings auch nur näherungsweise mit der heutigen Position für „Kultur und Wissenschaft“ vergleichbar ist, weiß ich nicht zu sagen.

Statistisches Jahrbuch Köln 2018. 95. Jahrgang. Köln, 2019.

 *   In die Ausweisungen des Statistischen Jahrbuchs 2018 hat sich da ein Übertragungsfehler eingeschlichen. In die Summe für 2017 sind abweichend von den Vorjahren die Besucherzahlen des NS-Dokumentationszentrums einberechnet. Die diesem Artikel zu Grunde gelegte Rechnung übernimmt diesen Einbezug auch für die Vorjahre, weicht also von den Zahlen im Jahrbuch ab.