Die Saison 2018/2019: Neuere und neueste Opern in NRW

Die Vorschau

Was gibt es in der Spielzeit 2018/2019 auf NRW-Bühnen an Opern des 20. und 21. Jahrhunderts zu sehen? Eine Auswahl aus den Spielzeitheften der neuen Saison.

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier. Foto: MiR Gelsenkirchen, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons
Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier. Foto: MiR Gelsenkirchen, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons.

Im Bonner Opernhaus geht gegen Ende des Jahres 2018 die Uraufführung von Jonathan Doves komischer Oper Marx in London über die Bühne. Der englische Komponist (*1959) will sich einen Tag im Leben des revolutionären Meisterdenkers vornehmen (Libretto: Charles Hart): Marx flüchtet vor häuslichen und familiären Bedrängnissen in die British Library und hat eine albtraumhafte Vision. Mal schauen (Opernhaus, UA: 9. Dezember 2018).

Zum zweiten Mal nimmt sich die Deutsche Oper am Rhein der Uraufführung eines Stücks von Anno Schreier an. Nach der Kammeroper Mörder Kaspar Brand 2012 steht jetzt für Anfang 2019 Schade, dass sie ein Hure war auf der Agenda in Düsseldorf. Der 1979 in Aachen geborenen Komponist veropert das – seinerzeit skandalöse – Inzestdrama „’Tis Pity She’s a Whore“ des elisabethanischen Dramatikers John Ford (Erstdruck 1633), das Libretto der abendfüllenden Oper in fünf Akten ist von Kerstin Maria Pöhler (Opernhaus, UA: 16. Februar 2019).

Das Theater Dortmund sieht unterdessen für das Frühjahr 2019 die deutsche Erstaufführung von György Kurtágs Fin de partie (nach Samuel Beckett) vor. Die erstaunlicherweise erste Oper des ungarischen Komponisten (*1926) wird erst Mitte November 2018 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Dortmunder Fassung will größtenteils die gleichen Sängerinnen wie in Mailand aufbieten, setzt aber auf eine eigene Inszenierung (Opernhaus, DE: 18. April 2019).

Opern des 21. Jahrhunderts

Abgesehen von Philip Glass ist der amerikanische Komponist Jake Heggie (*1961) der derzeit weltweit meistgespielte lebende Opernkomponist (zumindest jenseits des Genres der Kinderoper). Das hat er wesentlich seinem Zweiakter Dead Man Walking (UA 2000) zu verdanken. Das Libretto von Terrence McNally basiert ebenso wie Tim Robbins’ Verfilmung auf dem gleichnamigen Buch (1993) der Ordensschwester Helen Prejan. Die Oper um Verbrechen und Todesstrafe wurde vor rund zehn Jahren erstmals in NRW am Theater Hagen eingerichtet und ist jetzt ab Januar 2019 in Bielefeld zu sehen (Stadttheater, P: 13. Januar 2019).

Im Frühjahr 2019 nimmt man sich in Essen die NRW-Erstaufführung von Aribert Reimanns Medea vor. Die FAZ wertete die Wiener Uraufführung (2010) der Oper in zwei Teilen nach Vorlage von Grillparzer als „Triumph des zeitgenössischen Musiktheaters“, die Zeitschrift Opernwelt erklärte die Wiener Einrichtung zur „Uraufführung des Jahres 2010“ (Aalto-Musiktheater, P: 23. März 2019).

Das Theater Krefeld bringt derweil zum ersten Mal in NRW Der goldene Drache von Peter Eötvös auf die Bühne (UA 2014). Die short cut Kammeroper mit 22 grimmig-grotesken Szenen aus dem migrantischen Prekariat in einem Asia-Imbiss basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Roland Schimmelpfennig, der auch das Libretto für die Veroperung durch Eötvös geschrieben hat. Der Deutschlandfunk war angesichts der Uraufführung seinerzeit in Frankfurt nicht uneingeschränkt begeistert: Überzeugend sei das Ding als „Gesamtkunstwerk aus Wort, Ton und Szene“ , aber es bleibe ein „Unbehagen am Empörungspopulismus des Librettos“ (P: 12. Mai 2019).

Theater Münster, Die Ruine im Innenhof des Theaters mit Blick auf das Foyer des Großen Hauses © Oliver Berg
Theater Münster, Die Ruine im Innenhof des Theaters mit Blick auf das Foyer des Großen Hauses © Oliver Berg.

Bernstein 100

Am 25. August 2018 kann man Leonard Bernsteins 100. Geburtstag feiern, was natürlich sehr unpraktisch in die Sommerpause fällt. Deshalb zieht das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier gleich zu Anfang der neuen Saison nach und setzt Bernsteins Mass auf den Spielplan. Bernstein hat sein „Theaterstück für Sänger, Musiker und Tänzer“ für die Eröffnung des Washingtoner Kennedy-Centers 1971 geschrieben. Seine recht turbulente, knapp zweistündige, szenische Messe mobilisiert auf mindestens unterhaltsame Weise verschiedenste Musikstile des 20. Jahrhunderts. Fun fact, für dessen Glaubwürdigkeit ich aber nicht bürgen kann: Angeblich hat seinerzeit das FBI President Nixon vor dem Besuch der Uraufführung gewarnt (Bernstein war notorisch als linkes Subjekt) – es sei nicht auszuschließen, dass in den lateinischen Textpassagen geheime Botschaften gegen den Vietnam-Krieg versteckt seien (Großes Haus, P: 6. Oktober 2018).

Das Theater Dortmund setzt für die nachholenden Geburtstagsfeierlichkeiten auf die Gassenhauer der West Side Story (Opernhaus, P: 24. November 2018) während das Theater Aachen Anfang 2019 Bernsteins zwei Kleinfamilien­dramen­einakter Trouble in Tahiti (UA 1952) und A Quiet Place (UA 1983) als bundle auf die Agenda nimmt (Bühne, P: 10. Februar 2019).

Kurt Weill 118

Keinen runden Geburtstag braucht es, damit Kurt Weill in dieser Saison gut auf NRW-Bühnen vertreten ist. Weills „American Opera“ Street Scene (UA 1947) steht gleich in zwei Häusern auf dem Spielplan. Das Theater Münster nimmt Weills Versuch einer Verschmelzung von europäischer Oper und amerikanischem Musical kurz vor Weih­nachten ins Programm (Großes Haus, P: 22. Dezember 2018). Im Frühjahr folgt die Oper in Köln mit ihrer Inszenierung des Stücks aus dem Leben der Bewohner eines Mietshauses in der Lower East Side (StaatenHaus Saal 2, P: 28. April 2019).

Bereits ab Ende Januar 2019 ist zudem im Gelsenkirchener Musiktheater Weills und Brechts antikapitalistische Oper aus Sodom oder Gomorrha angesetzt: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (UA 1930) (Großes Haus, P: 26. Januar 2019).

Theater in Aachen. Foto: Avishekpatra, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons
Theater in Aachen. Foto: Avishekpatra, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons.

Poulenc, Henze, Frid, Kagel, Cage und Glass

Die Oper in Wuppertal hat das Theater­kollektiv Rimini Protokoll für die Inszenierung von John Cages aleatorischen Anti-Opern Europeras 1 & 2 (UA 1987) gewonnen. Die Rache an der europäischen Hegemonie in Sachen Musiktheatralik überlässt die Kombination von Versatzstücken aus über 200 Opern dem Zufallsprinzip: „For 200 years the Europeans have sent us their operas. Now I’m returning them all of them.“ (Opernhaus, P: 2. Februar 2019).

Gegen den Eurozentrismus tritt auch Mauricio Kagels Kammeroper Mare Nostrum (UA 1975) an. Die satirische Versuchs­anordnung des vor zehn Jahren in Köln verstorbenen Komponisten kehrt die kolonialistische Expansion um: Die „Entdeckung, Befriedung und Konversion des Mittelmeerraums durch einen Stamm aus Amazonien“ steht in der Oper Köln bereits Ende September 2018, aber leider nur für sehr kurze Zeit auf der Agenda (StaatenHaus Saal 3, P: 23. September 2018).

Nachdem in der Vorsaison Philip GlassEchnaton bereits in Bonn neu eingerichtet wurde, folgt heuer das Theater Dortmund mit seiner Interpretation. Das 1984 in Stuttgart uraufgeführte Stück ist das dritte und letzte aus der Portrait­opern­trilogie des amerikanischen Minimalisten und kümmert sich eben um den ägyptischen König Echnaton als Erfinder des Mono- oder zumindest Henotheismus – so lerne ich auf Wikipedia (Opernhaus, 24. Mai 2019).

Unvermindert scheint die Anziehungskraft von Francis Poulencs Dialogues des Carmélites (UA 1957) auf Musiktheater­spielplan­macher in NRW zu sein. Nachdem in der letzten Saison bereits in Aachen und Gelsenkirchen Neuinszenierungen über die Bühne gingen, hat sich jetzt das Theater Krefeld das Musikdrama über die sechzehn seligen Karmelitinnen von Compiègne vorgenommen (Theater Krefeld, P: 26. Januar 2019).

Im Februar dann nimmt das Theater Münster Grigori Frids Mono-Oper Das Tagebuch der Anne Frank auf den Spielplan. Das 1968 komponierte Stück für Sopran und Kammerorchester, 1972 in Moskau uraufgeführt, war 2017 bereits in Aachen zu sehen. Für die 21 Szenen des nur rund einstündigen Stücks übernahm Frid weitgehend ungeänderte Textpassagen aus Anne Franks Tagebuch. Die Spielstätte U2 im Keller des Kleinen Hauses bietet nur rund 50 Plätze, man sollte sich also frühzeitig um Karten kümmern (U2, P: 17. Februar 2019).

Ganz bis zum Ende der Saison muss man sich gedulden bis das Theater Aachen Hans Werner Henzes Elegie für junge Liebende (UA 1961) zeigt. Der Psychodrama um einen toxischen Dichter, Liebe, Liebesverrat und Rache vor Alpenkulisse nach einem Libretto von W.H. Auden und Chester Kallman ist erst im Sommer 2019 zu sehen (Bühne, P: 23. Juni 2019).

Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die erste Premiere in der neuen Spielzeit am Theater Bonn nimmt sich Viktor Ullmanns Der Kaiser von Atlantis an. Die Kammeroper – Ullmann hat sie 1943 in Theresienstadt geschrieben, 1944 wurde er in Auschwitz ermordet – wurde erst 1975 in Amsterdam uraufgeführt. Der Einakter, der in allegorischer Form von einer „Tod-Verweigerung“ erzählt, war Anfang 2018 bereits in Köln zu sehen, und wird in der Bonner Einrichtung um ein Nachspiel mit Karl Amadeus Hartmanns Sonate für Klavier 27. April 1945 ergänzt (Werkstatt, P: 7. September 2018).

Nebenan in Köln kann man sich für den Winteranfang Benjamin Brittens Peter Grimes (UA 1945) vormerken (StaatenHaus Saal 1, P: 25. November 2018).

Deutlich weniger düster wird es dann im Frühjahr, wenn das Theater Münster Sergej Prokofjews Die Liebe zu den drei Orangen (UA 1921) auf der Agenda setzt (Großes Haus, 6. April 2019). Einen Tag später zieht das Theater Bonn nach mit Leoš Janáčeks Unsterblichkeitsdrama Die Sache Makropulos (UA 1926) (Opernhaus, P: 7. April 2019).

Die böhmische Volksoper Schwanda der Dudelsackpfeifer (Švanda dudák) von Jaromír Weinberger war Ende der 1920er Jahre ein Renner auf europäischen Bühnen (UA 1927 in Prag). Erst in den letzten Jahren wird sie wieder in die Spielpläne aufgenommen, zuletzt in Dresden und Gießen. Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier hat seine Inszenierung des Stücks um den Dudelsackspieler Schwanda, seine Frau Dorota, den Räuber Babinsky, die Königin und den Teufel im Sommer 2019 auf dem Spielplan (P: 15. Juni 2019).

Und einen Tag später schließlich hat im Wuppertaler Opernhaus die in den 1920er Jahren nicht minder erfolgreiche Oper Die tote Stadt Premiere. Das Wunderkind Erich Wolfgang Korngold war gerade mal 23 Jahre alt als er mit dem etwas morbiden, spätromantischen bis symbolistischen Totenkult­psycho­drama den Durchbruch schaffte (UA 1920 zeitgleich in Hamburg und Köln): „Wie wahr, ein traurig Lied. Das Lied vom treuen Lieb, das sterben muss.“ (Opernhaus, P: 16. Juni 2019).

Merkliste Neue und Neueste Opern in NRW 2018/2019

Die Angaben zu den Aufführungen sind den langfristigen Planungen und Vorankündigungen der Musiktheater in NRW entnommen (Stand Juni 2018). Bevor Sie zu einem Opernabend anreisen, informieren Sie sich bitte bei den jeweiligen Veranstaltern über etwaige Planänderungen oder Verschiebungen.