Rémy Zaugg: Die Frage der Wahrnehmung – Ausstellung in Siegen

Aisthesis und Semiose

Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen zeigt noch bis 6. März 2016 eine umfassende Retrospektive auf das Werk des Schweizer Konzeptkünstlers Rémy Zaugg (1943–2005).

Rémy Zaugg, Über die Blindheit, 1994-1997 Sammlung Neues Museum, Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg Installationsansicht MGK Siegen. (c) Galerie Mai 36, Zürich. Photo Christian WicklerRémy Zaugg, Über die Blindheit, 1994-1997 Sammlung Neues Museum, Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg Installationsansicht MGK Siegen. (c) Galerie Mai 36, Zürich. Photo Christian Wickler.

Da ist zum Beispiel die Serie Über die Blindheit (1994-97), acht Aluminiumtafeln, 180×160, die Fläche je einfarbig lackiert. In extremen Farbkontrasten („Simultan­kontrast“) zur Fläche und in mächtigen Versalien sind darauf die Worte „Schau, im Augenblick bin ich blind, schau.“ gesetzt. Die Farbkombination lässt die Bilder im Auge flirren, schaut man zu lange, wird einem schwindelig.

Oder da ist die Serie Le Monde voit (1993-2000), fünfzehn dieser Aluminiumtafeln, jetzt in unterschiedlichen Formaten. Die Schrift – es ist immer die gleiche in diesen Serien, „Univers Extra Black“ des Schriftgestalters Adrian Frutiger – die Schrift also zur monochromen Fläche in abgestuften Kontrastverhältnissen, zum Teil fast ver­schwindend, führt einen paradoxen Dialog mit dem Betrachter, „Figure-toi, j’ouvre les yeux et le monde te voit.“ oder knapp „Mais mois je te vois“ (Stell dir vor, ich öffne die Augen und die Welt sieht dich. / Aber ich, ich sehe dich).

Rémy Zaugg, Le monde voit, 1993-2000 Sammlung Mudam Luxembourg, Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean Installationsansicht MGK Siegen. (c) Galerie Mai 36, Zürich. Photo Christian WicklerRémy Zaugg, Le monde voit, 1993-2000 Sammlung Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean Installationsansicht MGK Siegen. (c) Galerie Mai 36, Zürich. Photo Christian Wickler.

Die Kunst Zauggs schafft sicher kein unmittelbar sinnliches Vergnügen, sie ist vielmehr eine intellektuelle Erkundung des Ästhetischen im Wortsinne, aísthēsis, die Wahrnehmung. Das Verhältnis zwischen Werk, Betrachter und Welt wird in Frage gestellt, Irritation ist das maieutische Mittel. „Ein philosophisches Problem hat die Form: ‚Ich kenne mich nicht aus‘“, sagt Wittgenstein. Einen „Philosophen-Künstler“ hat man Zaugg genannt.

„Dies ich bin“

Rémy Zaugg, geboren 1943 in Courgenay, einem kleinen Dorf im Kanton Jura, studiert Malerei in Basel. Prägend für seine künstlerische und auch theoretische Arbeit sind die Begegnung mit der Farbfeldmalerei Barnett Newmans und, angeregt von der Bekanntschaft mit dem Ethnologen Jacques Hainard, die Auseinander­setzung mit strukturalistischen und semiologischen Theorien. Erste größere Ausstellungen in der Schweiz seit 1972, bald auch international, 1982 Teilnahme an der documenta 7. Seit 1989 Zusammenarbeit mit den Architekten Herzog & de Meuron, Arbeit als Ausstellungsmacher (u.a. 1991 Giacometti in Paris).

Rémy Zaugg, DIES / ICH / BIN, 1990–1997 Privatsammlung, Zürich. (c) Galerie Mai 36, Zürich. Photo Peter BaracchiRémy Zaugg, DIES / ICH / BIN, 1990–1997 Privatsammlung, Zürich. (c) Galerie Mai 36, Zürich. Photo Peter Baracchi.

Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen hat sein gesamtes 2. Obergeschoss frei geräumt für Arbeiten Zauggs aus rund 40 Jahren. Angefangen mit 27 perzeptive Skizzen eines Bildes (1963-1968) bis hin zu seinem Todesjahr 2005 und zur Werk­gruppe About Death II (1998-2000/05).

Ausstellung in Siegen und Madrid

Die Ausstellung ist konzipiert in Kooperation mit dem Museo Reina Sofia in Madrid, wo die Schau im Anschluss, im Sommer 2016, zu sehen sein wird, nicht im Haupt­haus, sondern im hübschen Palacio de Velázquez im Parque del Retiro.

Der Schwerpunkt der Retrospektive liegt auf dem malerischen Werk Zauggs. Etwas beiseite gehängt sind aber auch zwei Beispiele für seine Videoarbeiten, einige Geländekarten stehen für die Zusammenarbeit des Künstlers mit Herzog & de Meuron, wobei die spezifische Leistung Zauggs in dieser Kooperation anhand der Karten nicht recht nachvollziehbar wird.

Zwei Vitrinen mit Schriften und Büchern Zauggs verweisen auf die theoretische Arbeit des Künstlers; eine Leseecke, in der die Texte zum Blättern auslägen, wäre naturgemäß sehr viel hilfreicher, um Einblicke in die Theorie hinter der malerischen Praxis zu gewinnen.

Der Katalog

In Sachen theoretischer Fundierung hilft teilweise der Katalog aus. Er kostet 29,80€, umfasst 216 Seiten im vergrößerten Taschenbuchformat, beinhaltet entsprechend kleine Abbildungen und kurze Auszüge aus Schriften Zauggs. Vier Essays ver­suchen zudem eine Annäherung an das Werk des Künstlers. Mir fehlt dabei aber ein etwas distanzierterer und kunsthistorisch einordnender Blick auf seine Arbeiten, etwa im Hinblick auf die Schrift als Element bildender Kunst seit Anfang des 20. Jahr­hunderts.

Rémy Zaugg. Die Frage der Wahrnehmung. K: Javier Hontoria, Eva Schmidt. Siegen, Museum für Gegenwartskunst, 1. November 2015 – 6. März 2016 / Rémy Zaugg. Cuestiones de percepción. Madrid, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, 7. April – 28. August 2016.