Reisedauer und Reisezeit – Zur Geschichte der Italienreise

„Zeit, die man jenem herrlichen Lande widmet“

Zwei bis drei Jahre darf die Grand Tour eines jungen englischen Nobleman in Italien durchaus dauern. Der bürgerliche Reisende im 18. und 19. Jahrhundert muss sich mit einem halben Jahr begnügen. Die beste Reisezeit ist das Sommerhalbjahr oder auch das Winterhalbjahr.

Gaspar van Wittel, Piazza Navona, Roma, 1699. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art
Gaspar van Wittel, Piazza Navona, Roma, 1699. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Die Reise durch Italien als Teil des Ausbildungs­programms für junge englische Adlige auf der legendären „Grand Tour“ durfte gern mehrere Jahre umfassen. Richard Lassels jedenfalls schreibt 1670 in The Voyage of Italy, der angehende Nobleman solle unter Anleitung seines Governours mit 15 oder 16 Jahren nach Italien reisen und dort zwei oder drei Jahre verbringen. Hier sei der Geist des Jungen zu erziehen anhand der weisen Maximen jener Nation, die „die ganze Welt zivilisiert“ habe (Preface, [S. XXIVf.]).

Nach diesen zwei bis drei Jahren sei die gleiche Zeitspanne in Frankreich zu verbringen, bevor der junge Nobleman im Alter von 21 oder 22 Jahren als „umfassend an Körper und Geist entwickelter Mann“ nach Hause zurückkehre, um sodann seiner Berufung zu folgen. Deutschland, Holland und Flandern sind auf der Reise von Italien nach Frankreich eher zu streifen.

Allerdings ist dieser üppige Zeitrahmen mit einem umfassenden Ausbildungs­programm verbunden. In Italien sei die italienische Sprache zu lernen, einige Höfe zu beschauen, um die höfischen Maximen zu studieren und die Kunst der adligen Konversation zu lernen, sowie Studien der Musik, Malerei, Architektur und Mathematik zu obliegen. In Frankreich geht es dann eher um praktische Fertigkeiten: Fechten, Tanzen, Reiten, aber auch das Kartenwesen, die Geschichte, und die Bücher der Politik gehören hier zu den Ausbildungs­inhalten (Preface, [S. XXV]).

Richard Lassels, The Voyage of Italy, 1670. Quelle: archive.org, Lizenz: PD-Art
Richard Lassels, The Voyage of Italy, 1670. Quelle: archive.org, Lizenz: PD-Art.

Es versteht sich fast von selbst, dass dieses Bildungs­programm nur dann Erfolg verspricht, wenn es unter Anleitung eines englischen Governours absolviert wird. Lassels beschwört die Gefahren, die dem Adels­nachwuchs durch ausländische Governours drohen: In Genf könne man glatt den Respekt gegenüber der Monarchie verlernen, in Frankreich durch verantwortungs­lose Governours verheiratet werden oder gar eingesperrt in irgendeiner Kammer enden. Kurzum, das Hauptziel ausländischer Governours sei es stets, „sich selber zu dienen, nicht ihren Schülern“ (Preface, [S. XVIIf.]).

„Die gewöhnlichste Zeit ist ein halbes Jahr“

Aber zurück zur Dauer der Reise nach Italien. Zwei bis drei Jahre, wie es für den englische Adels­nachwuchs angemessen schien, übersteigt natürlich bei weitem das Zeitbudget der bürgerlichen Reisenden des 18. und 19. Jahrhunderts.

Der Patriarch der deutschen Musterfamilie in Sachen Italienreise, Johann Caspar Goethe, trifft auf seiner Tour am 12. Februar 1740 in Venedig ein. Zu diesem Zeitpunkt hat er allerdings schon einiges Pech hinter sich und musste vier Wochen auf einer Quarantäne­station an der Grenze der Venezianischen Republik verbringen. Am 22. August 1740 dann will er sich „unter Gottes Obhut [..] den Wogen anvertrauen“, die ihn von Genua nach Marseille bringen sollen. Für die Reise von Venedig über Bologna, Ancona, Loreto, Rom nach Neapel und zurück über Rom, Florenz, erneut Venedig, Mailand und Genua verbleiben also gut sechs Monate.

Dieses halbe Jahr gilt auch 75 Jahre später noch als Standard. „Die gewöhnlichste Zeit, die man jenem herrlichen Lande widmet, ist ein halbes Jahr“, so schreibt Dr. Neigebaur 1826 im Handbuch für Reisende in Italien: „Darunter kann man kaum eine solche Reise antreten, denn nur wenige sind so glücklich, bei einer zweiten Reise eine Nachlese des zuerst Versäumten halten zu können.“ (S. 14)

Gaspar van Wittel, San Marco, 1697. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art
Gaspar van Wittel, San Marco, 1697. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Das Programm in diesem halben Jahr ist freilich rigoros. Dr. Neigebaurs Handbuch weiß:

Ein solcher Zeitraum reicht aber auch grade hin, um 2 Monate in Oberitalien zuzubringen, wo freilich nur 6 bis 10 Tage auf jeden der wichtigsten Orte als Turin, Genua, Mailand und Venedig kommen. 14 Tage kann man auf Florenz rechnen, 6 Wochen auf Rom, 3 bis 4 Wochen auf Neapel und Umgegend, so daß noch 14 Tage bis 3 Wochen zur Rückreise übrig bleiben. (S. 14)

„Drei Monate ist die kleinste Zeit“

Kaum 15 Jahre später hat Dr. Ernst Förster in seinem Handbuch für Reisende in Italien mehr Verständnis für Reisende mit knappem Zeitbudget. Er schreibt 1840: „Drei Monate ist die kleinste Zeit, die sich Einer für eine Reise durch ganz Italien nehmen sollte; besser immer ist ein halbes Jahr, und am Besten viel mehr“. Und er ergänzt dies durch einen Zeitplan in zwei Varianten (S. 10) * :

Bei 3 Monaten. Bei 6 Monaten.
In Turin 1 Tag, 2 Tage.
In Genua 2 Tage, 3 Tage.
In Mailand 4 Tage, 6 Tage.
In Verona 1 Tag, 2 Tage.
In Padua 1 Tag, 2 Tage.
In Venedig 6 Tage, 8 Tage.
In Parma 1 Tag, 2 Tage.
In Bologna 2 Tage, 5 Tage.
In Florenz 6 Tage, 14 Tage.
In Pisa 1 Tag, 3 Tage.
In Siena 1 Tag, 3 Tage.
In Perugia 1 Tag, mit Assisi 4 Tage.
In Rom 30 Tage, 60 Tage.
In Neapel 14 Tage, 51 Tage.
Unterwegs 20 Tage, 20 Tage.
Im Ganzen 91 Tage, 183 Tage.
Gaspar van Wittel, Florenz. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art
Gaspar van Wittel, Florenz. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Die beste Reisezeit: Das Sommerhalbjahr

Der wichtigste Italienreise­führer des frühen 18. Jahrhunderts, Maximilien Missons Reise nach Italien, 1713 ins Deutsche übersetzt, legt seiner Reisezeit­empfehlung den Festtags­kalender zu Grunde. Reisende sollen ihre Italientour so einrichten, dass

sie die letzten tage des carnevals zu Venedig, die char-woche zu Rom, und zur zeit der procession des heiligen Sacraments zu Bologna seyn; nach Rom aber bey leibe nicht kommen, wenn die hitze groß ist […]. Hätten sie aber den carneval zu Venedig versäumet, so müssen sie zum wenigsten bey dem Himmelfahrts fest sich allda einfinden. (S. 1273f.)

Der schon erwähnte Johann Caspar Goethe – ein sehr gewissenhafter Reisender – hat seinen Misson gelesen und ist zu Karneval und Himmel­fahrt in Venedig, zu Ostern in Rom ** .

Jedenfalls rät Misson dringlich und gut begründet vom Reisen im Winter ab:

Nun finde ich wider die reisen in winter gar viel ursachen, hingegen wider die im sommer nur eine einzige. Im winter sind die wege böß und gefährlich, sonderlich in denen gebirgen, wegen des vielen schnees und eises; die tage sind kurz, man kömmt erst des nachts in die quartiere, und muß vielmahls noch vor der sonnen aufgang wieder fort. Es ist alles betrübt, die natur gleichsam halb erstorben, und siehet man da an den dürren bäumen und trocknen gärten weder früchte noch blumen.

Im sommer hingegen lachet und lebet alles; und obwol die hitze groß ist, wie ich nicht läugnen will, so hat man doch darwider auch genugsame mittel; man muß sich nemlich, wenn es allzu heiß ist, zur ruhe legen, und vor- oder nachmittags reisen. Im übrigen und wenn es im sommer warm, so ist es im winter hingegen auch kalt, und diese zwey ungelegenheiten halten einander wol die wage. (S. 1248f.)

Maximilian Missons Reise nach Italien, 1713. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek digital, Lizenz: NoC-NC 1.0
Maximilian Missons Reise nach Italien, 1713. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek digital, Lizenz: NoC-NC 1.0.

Die beste Reisezeit: Das Winterhalbjahr

Das Handbuch für Reisende in Italien von 1826 wird in Sachen Reisezeit­empfehlung ganz apodiktisch: „In Italien muß man im Winter reisen.“ (S. 17). Die Gründe sind ebensosehr landschaftlicher wie gesundheit­licher Natur:

Im Sommer sieht man kaum ein grünes Blatt und keinen Grashalm. Die Blätter deckt ein dicker Staub, und das Gras scheint als Heu zu wachsen. Im Winter dagegen prangt alles im frischen Grün […]. Auch ist im Sommer in den meisten Gegenden die Luft so ungesund, daß sehr viele Reisende Monate lang am Klimafieber krank gelegen haben (S. 17).

Im Detail rät Dr. Neigebaur:

Am besten thut man, wenn man Italien zu Ende des Sommers betritt, den Herbst in Oberitalien zubringt, im December bis Neapel vordringt und zu Carneval nach Rom zurückkehrt. Dort muß man das Frühjahr abwarten, und ehe die heiße Jahrszeit kommt, sich wieder den Alpen nähern (S. 18).

Bei allen unterschiedlichen Einschätzungen: Dass Rom während der heißen Zeit zu meiden und die Teilnahme am Karneval – sei es in Rom oder in Venedig – für den Italien­reisenden unverzichtbar ist, darin immerhin sind sich die Reiseführer einig.

Anmerkungen

  1. [*] Entweder Dr. Förster verrechnet sich oder ich kann nicht zählen: Die einzelnen Tageswerte in der Variante für 6 Monate summieren sich bei mir auf 185 Tage.
  2. [**] Die Aufzeichnungen von Goethe sind etwas widersprüchlich im Hinblick auf Ostern. Nach den Datumsangaben wäre er erst am Ostersonntag aus Neapel wieder in Rom eingetroffen. Seine Beschreibungen lassen vermuten, dass er Gründonnerstag schon wieder in Rom ist.

Literatur