Oskar Schlemmer – Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart

Menschenfiguren auf Treppe zur Zukunft empor

Die Stuttgarter Staatsgalerie zeigt eine großartige Retrospektive auf das Werk des Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer (1888–1943). Die Ausstellung unter dem Titel „Oskar Schlemmer. Visionen einer neuen Welt“ ist bis 19. April 2015 zu sehen.

Oskar Schlemmer, Figurinen zum Triadischen Ballett, 1922, verschiedene Materialien © Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der StaatsgalerieOskar Schlemmer, Figurinen zum Triadischen Ballett, 1922, verschiedene Materialien © Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie.

Der Fall Oskar Schlemmer gilt als trauriges Beispiel dafür, welch desaströse Folgen die exzessiven Fristen des Urheberrechts für die Zugänglichkeit und produktive Aneignung des kulturellen Erbes haben können. Bis in das 70. Jahr nach dem Tod eines Urhebers können Nachlassempfänger ihre Rechte geltend machen – und sei es zum Schaden für das Werk. Oskar Schlemmer ist jetzt mehr als 70 Jahre tot. Und es besteht nunmehr Hoffnung, dass seinem Werk in den nächsten Jahren die Aufmerksamkeit zuteil wird, die seiner Bedeutung für die Kunst des 20. Jahr­hunderts gerecht wird. Den Auftakt macht die umfassende Retrospektive in der Stuttgarter Staatsgalerie, die als Große Landessaustellung Baden-Württemberg 2014 erstmals seit der Mitte der 1970er Jahre wieder einen Überblick über Schlemmers Werk ermöglicht.

Für über 250 Gemälde, Plastiken, Aquarelle, Kostüme, Entwürfe und Dokumente des Bauhaus-Meisters hat die Staatsgalerie ihre Stirling-Halle und sechs Räume im Obergeschoss frei gemacht. Die Exponate stammen mehrheitlich aus eigenen Beständen, werden aber durch teils spektakuläre Leihgaben u.a. aus New York, Berlin, Hamburg, Frankfurt, Wuppertal und Düsseldorf ergänzt. Sie dokumentieren in drei Sektionen die bildkünstlerischen und plastischen Werke Schlemmers, seine Arbeiten für die Bühne sowie sein Wirken als Wandgestalter.

„Das Maß aller Dinge“

Oskar Schlemmer, Bauhaustreppe, 1932 Öl auf Leinwand, The Museum of Modern Art, New York, Schenkung Philip Johnson © 2014 Digital Image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, FlorenceOskar Schlemmer, Bauhaustreppe, 1932 Öl auf Leinwand, The Museum of Modern Art, New York, Schenkung Philip Johnson © 2014 Digital Image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, Florence.Eingangs der Ausstellung sind in einer Art Prolog acht Werke aus den Jahren 1923 bis 1932 versammelt, die verschiedene Aspekte des thematischen Zentrums von Schlemmers Kunst umreißen: Ein „großes Thema, uralt, ewig neu, Gegenstand und Bildner aller Zeiten: der Mensch, die mensch­liche Figur. Von ihm ist gesagt, daß er das Maß aller Dinge sei“, schreibt Schlemmer 1923.

Der Prolog ist gruppiert um das wohl berühmteste Gemälde Schlemmers, die Bauhaustreppe von 1932, die das Museum of Modern Art in New York für die Aus­stellung jetzt bereit stellt. Das Werk, das Schlemmer selbst – allerdings gegenüber dem Käufer – als „vielleicht mein bestes Bild“ bezeichnet hat, gehört sicher zu den wichtigsten Darstellungen seiner künst­lerischen Grundidee (oder besser: Ideologie). Die typisierte, aus geometrischen Grundformen konstruierte Menschenfigur, arrangiert im funktionalen, gleichwohl symbolisch aufgeladenen Raum, wird zum Träger der Utopie eines „neuen Menschen“. So in etwa.

Die Anthropozentrik, die Geringschätzung der Individualität, das Heilsversprechen dieser Ideologie erscheinen zwar heute als gänzlich aus der Zeit gefallen. Aber die Werke, die im Geiste dieser Ideologie entstanden sind, haben nichts an Attraktivität und Überzeugungskraft eingebüßt. Das mag – neben ihrer artistischen Perfektion – ihrem rührenden Fortschrittsoptimismus zuzurechnen sein.

Oskar Schlemmer, Paracelsus, Der Gesetzgeber, 1923 Öl und Lack auf Leinwand, 99,5 x 75 cm Staatsgalerie StuttgartOskar Schlemmer, Paracelsus, Der Gesetzgeber, 1923 Öl und Lack auf Leinwand, 99,5 x 75 cm Staatsgalerie Stuttgart.Die eingangs versammelten acht Werke zeigen zugleich aber auch die ganze Spannbreite von Schlemmers Ausein­andersetzung mit seinem Lieblingssujet. Sie umfasst die verspielte Technizität der großformatigen Konstruktionszeichnung einer Menschenfigur aus dünnem Draht (Sitzender Homo mit Rückenfigur auf der Hand, 1930), ein Entwurf für eine 1931 realisierte Wandgestaltung. Und sie umfasst ein eher anekdotisches Menschenbild wie das humorige Portrait von Paracelsus (1923), den Schlemmer zeitlebens verehrt hat.

Schlemmer selbst hat seine Wider­sprüchlichkeiten gerne auf die gegen­sätzlichen Temperamente seiner Eltern zurück geführt. Vom Vater, einem aus dem Rheinland stammenden Kaufmann, habe er „zweifellos das Theatralische, Karnevalistische“, von der schwäbischen Mutter „die Besinnlichkeit, die Schwere“ geerbt.

Schüler in Stuttgart, Lehrer am Bauhaus

Um den Prolog herum hat Kuratorin Ina Conzen mit ihrem Team einen chronologisch sortierten Parcours angelegt durch die Malerei und Plastik Schlemmers aus den Jahren 1909 bis 1942. Das ist wie die Ausstellung insgesamt ganz ausgezeichnet in Szene gesetzt.

Oskar Schlemmer, Jagdschloß in G. (Grunewald), 1911 Öl auf Leinwand, 63,5 x 49,5 cm Staatsgalerie StuttgartOskar Schlemmer, Jagdschloß in G. (Grunewald), 1911 Öl auf Leinwand, 63,5 x 49,5 cm Staatsgalerie Stuttgart Oskar Schlemmer, 1888 als jüngstes von sechs Kindern der besagten schwäbisch-rheinischen Eltern in Stuttgart geboren, Studium an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste, später Meisterschüler bei Adolf Hölzel. Unter dem Eindruck der Begegnung mit dem Sturm-Kreis um Herwarth Waldens Berliner Avantgarde-Galerie während eines längeren Aufenthalts an der Spree, gründet Schlemmer zusammen mit seinem Bruder den Neuen Kunstsalon am Neckartor. Dort stellt er – neben eigenen Werken und denen des Studienfreundes Willi Baumeister – u.a. Arbeiten von Franz Marc, Paul Klee und Gabriele Münter aus. Er selbst setzt sich in diesen Jahren sehr intensiv mit der Malerei der europäischen Avantgarde auseinander, mit Paul Cézanne, später dann mit dem Kubismus.

Kurz nach Ausbruch des 1. Weltkriegs meldet sich Schlemmer freiwillig, wird nach wenigen Wochen Fronteinsatz verwundet. Ob es die Kriegserfahrungen sind, die seine Menschendarstellungen zu dieser Zeit hin treiben zur Abstraktion von der Individualität, ihrer Auflösung in geometrische Formen, das sei dahin gestellt. Jedenfalls dokumentiert die Stuttgarter Ausstellung sehr anschaulich die Entwicklung bis zu den Meisterwerken der Jahre, in denen Schlemmer am Bauhaus in Weimar und Dessau (1921-29), dann an der Breslauer Akademie (1929-32) und in Berlin (1932/33) lehrt.

Oskar Schlemmer, Zwölfergruppe mit Interieur, 1930, Öl auf Leinwand, 90 x 150 cm Von der Heydt-Museum, Wuppertal © Von der Heydt-Museum, WuppertalOskar Schlemmer, Zwölfergruppe mit Interieur, 1930, Öl auf Leinwand, 90 x 150 cm Von der Heydt-Museum, Wuppertal © Von der Heydt-Museum, Wuppertal.

Für die plastische Arbeit, die Schlemmer ab 1919 für sich entdeckt, stehen einige wenige Beispiele, darunter die aus Düsseldorf angereiste Ornamentale Plastik auf geteiltem Rahmen (1919/23) und die wunderhübsche Groteske II (1923) aus Stuttgarter Beständen.

Der verfemte Künstler

Im Mai 1933 wird Schlemmers letzter Lehrauftrag an der Berliner Kunst- und Gewerbeschule gekündigt, den Nazis gelten seine Werke als „kulturbolschewistisch“, was Schlemmer verwundert. In Briefen an die Sachwalter der Nazi-Kulturpolitik schreibt er etwas beschämende Stellungnahmen, er sei weder Jude noch Marxist, seine Kunst völlig unpolitisch, im Gegenteil, er vermeint, „den von Herrn Minister Goebbels verkündeten Forderungen an die Kunst von jeher schon entsprochen zu haben, nämlich eine Kunst zu schaffen, die ‚heroisch, stählern-romantisch, unsentimental, gemeinsam und Typen schaffend sein soll‘“. Es hilft nichts: Seine Werke werden aus den Museen entfernt, zwölf Gemälde und Papierarbeiten werden 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst an den Pranger gestellt.

Schlemmer zieht sich in die badische Provinz zurück, malt häusliche Szenen, Landschaftsstudien, düster-melancholische Figurengruppen.

Oskar Schlemmer, Unterhaltung, 1935 Öl auf Ölpapier, auf Pappe aufgezogen, 42,2 x 58,9 cm Sammlung Sander / The Sander Collection © Sammlung SanderOskar Schlemmer, Unterhaltung, 1935 Öl auf Ölpapier, auf Pappe aufgezogen, 42,2 x 58,9 cm Sammlung Sander / The Sander Collection © Sammlung Sander.

Er hält sich mit Aufträgen für Tarnanstriche von Militär- und Industrieanlagen über Wasser, arbeitet im Auftrag einer Wuppertaler Lackfabrik u.a. an der Konzeption eines Showrooms. Während des Wuppertaler Auftrags entsteht 1942 auch die Serie Fensterbilder, sehr anrührende, kleinformatige, spätabendliche Szenerien, beobachtet durch die erleuchteten Fenster der städtischen Wohnhäuser. Zwei dieser letzten Arbeiten sind in Stuttgart vor Ort. Schlemmer stirbt mit nur 55 Jahren 1943 an einer Herzlähmung.

Choreograph, Kostüm- und Bühnenbildner

Oskar Schlemmer, Figurine zum Triadischen Ballett (Der Abstrakte), 1922, verschiedene Materialien, Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der StaatsgalerieOskar Schlemmer, Figurine zum Triadischen Ballett (Der Abstrakte), 1922, verschiedene Materialien, Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie.Zwei Räume im Obergeschoss sind den Bühnenwerken Schlemmers eingeräumt und zeigen Bühnenbildentwürfe, Konzepte, Fotodokumente, vor allem aber – in hübscher Inszenierung auf umgehbarem schwarzen Podest – die sieben erhaltenen Originalkostüme des Triadischen Balletts.

Schon seit 1912 macht sich der junge Schlemmer Notizen zu neuen Formen des Tanzes. Seit 1920 fertigt er in einem Cannstatter Atelier skurrile Ballettkostüme aus verschiedensten Materialien: Pappmaschee, Alufolie, Stahlblech, Sperrholz, Glas, Draht, Leder und Gummi – „raumplastische Kostüme“ wie er sie später nennt: „Raumplastisch, weil es sozusagen farbige und metallische Plastiken sind, die sich, von Tänzern getragen, im Raum bewegen, wobei das Körpergefühl entscheidend beeinflusst wird, derart, dass der scheinbar vergewaltigte Körper, je mehr er mit dem Kostüm verwächst, zu neuen tänzerischen Ausdrucksformen gelangt.“

1922 wird das Triadische Ballett am Württembergischen Landestheater uraufgeführt. Schlemmer hatte versucht, zunächst Schönberg, dann Hindemith für die Komposition zu gewinnen, muss für die Stuttgarter Premiere aber auf eine Auswahl von Werken verschiedener Komponisten zurück greifen, von Händel über Haydn und Mozart bis zu Debussy und Tarenghi, späteren Aufführungen liegen andere Musiken zu Grunde. Schlemmer tritt in Stuttgart selbst als Laientänzer auf, was er in späteren Aufführungen klugerweise beschränkt auf einen Auftritt am Ende, im Kostüm des Abstrakten.

Seine Arbeit an experimentellen Formen des Tanztheaters setzt Schlemmer am Bauhaus fort, wo er 1923 die Leitung der Bühne übernimmt und mit den Bauhaustänzen minimalistische Choreographien schafft, die heute zugleich als Pionierwerk der Performance-Kunst gelten. Sehr eindruckvoll und sehr witzig sind die in der Ausstellung gezeigten Filmaufnahmen einer Rekonstruktion der Tänze, von Margarete Hastings 1969 eingerichtet, leider in ebenso schlechter Bildqualität projiziert wie die Rekonstruktion des Triadischen Balletts von Gerhard Bohner (1977, Aufnahme von 1989).

Wandgestalter

Die letzte Sektion der Stuttgarter Ausstellung widmet sich den Arbeiten Schlemmers als Wandgestalter mit seinem Folkwang-Zyklus im Mittelpunkt. 1928 gewinnt er die Ausschreibung für die Wandgestaltung einer Rotunde im Essener Folkwang-Museum, deren Zentrum von George Minnes Brunnenskulptur La fontaine aux agenouillés eingenommen wird. Die endgültige Ausführung wird 1930 installiert und 1933 wieder entfernt und ins Magazin gebracht. Sie ist heute verschollen. Erhalten aber, und in der Staatsgalerie umfassend präsentiert, sind drei Stadien von Entwürfen Schlemmers.

Die Ausstellung schließt mit dem letzten Wandbildauftrag, den Schlemmer 1940 im Privathaus des Verlegers Dieter Keller in Stuttgart-Vaihingen ausführt: Die Familie, drei abstrahierte Menschenfiguren vor geometrischen Grundformen, das Familienglück – das Schicksal wartet anbei. 1995 wird die Wand mit Schlemmers Bild, gegen den Einspruch des Denkmalschutzes, extrahiert und konserviert, das Haus abgerissen. Das Bild ist jetzt erstmals wieder in Deutschland zu sehen.

Oskar Schlemmer, Wandbild Familie, ursprünglich im Hause Dieter Keller, 1940, Wachsfarben und Bronzen auf imprägniertem und kreidegrundiertem Nessel, auf geklebt auf Gipswand, 220 x 450 cm, Galerie Pels-Leusden AG, Zürich, © Foto: Galerie ValentienOskar Schlemmer, Wandbild Familie, ursprünglich im Hause Dieter Keller, 1940, Wachsfarben und Bronzen auf imprägniertem und kreidegrundiertem Nessel, auf geklebt auf Gipswand, 220 x 450 cm, Galerie Pels-Leusden AG, Zürich, © Foto: Galerie Valentien.

Der Katalog zur Ausstellung umfasst 300 Seiten, enthält eine Reihe sehr informativer Essays und taugliche Abbildungen, kostet in der Museumsausgabe plausible 29,90 Euro. Verblüffend aber: Die ausstattungsgleiche englischsprachige Übersetzung ist erst für 49,90 Euro zu haben. Da muss eine schwäbische Eigenheit dahinter stecken.

Oskar Schlemmer. Visionen einer neuen Welt. K: Ina Conzen. Stuttgart, Staatsgalerie, 21. November 2014 – 19. April 2015.