Niederländische Kunst des 17. Jhd. in Wuppertal

Rubens Isabella zwischen Windmühlen

Unter dem Titel Freiheit, Macht und Pracht zeigt das Wuppertaler Von der Heydt-Museum leider nur noch bis Mitte August 2009 rund 150 Gemälde aus dem Goldenen Jahrhundert der niederländischen Malerei.

Die Prunkstücke dieser Ausstellung hängen gleich zu Beginn: Die Portraits der Erzherzogin Isabella und ihres Gatten Albrecht VII., Regenten der spanischen Niederlande, beide von Rubens 1615 gemalt, beide im Dreiviertel vor ungeheuer intensiv leuchtenden, grünen Samthintergrund gestellt, in streng-schwarzer spanischer Hoftracht. Die Gesichter so repräsentativ-herrscherlich wie es sein muss. Isabella lässt die eine Hand lässig ruhen auf einer Stuhllehne, die andere hält locker ein Tuch. Albrechts rechte muss eine Tischkante energisch packen, während die linke Hand sich des Degens vergewissert. Das soll zupackende Selbstgewissheit demonstrieren, aber ich will das als Zeichen sehr berechtigter Angst sehen.

Drei Bilder rechts davon hängt Sebastiaen Vrancks Plünderung des Dorfes Wommelgem (1615-20), eine figurenreiche Dorflandschaft wie man sie vom drolligen Breughel kennt. Aber hier brennt hinten eine Kirche ab, im Vordergrund werden hingemetzelte Bauern von der Soldateska bis auf die nackte Haut um ihre Kleidung geplündert. Ein Landsknecht feuert seine Muskete auf Menschen, die in einem Erdloch Versteck suchen. Ein anderer Landser schleift die vergewaltigte Dorfschöne an den Haaren, er wird ihr den Kopf abschlagen, ihr Säugling liegt eng gewickelt beiseite. Ein Propagandabild, das die Gräuel der Truppen der aufständischen nördlichen Provinzen zeigen soll. Ich vermute aber, dass es den Bauern gar nicht so sehr darauf ankommt, in wessen Auftrag sie gerade hingeschlachtet werden.

Diese Bilder umreißen den historischen Rahmen, den die Wuppertaler Ausstellungsmacher mit ihrer Schau ausfüllen wollen: Der Abfall der vereinigten Niederlande von der Herrschaft der spanischen Habsburger, der Bürgerkrieg, der achtzig Jahre dauerte, bis zum Westfälischen Frieden 1648, die propagandistische Gegenoffensive der habsburgtreuen Südprovinzen, der Aufstieg der protestantischen Nordprovinzen zur Welthandelsmacht, dank begrenzter Liberalität im Innern und aggressiver Handels- und Kolonialpolitik nach außen.

60.000 Stück Malerei pro Jahr

Die niederländische Kunstproduktion des 17. Jahrhunderts, zwischen politischen Krisen und wirtschaftlicher Prosperität, ist ein erstaunliches Phänomen. Man schätzt, dass Mitte des Jahrhunderts jährlich nicht weniger als 60.000 Stück Malerei auf den Markt geworfen wurden – und das nur in den sieben freien Provinzen der nördlichen Niederlande; dazu kommt noch die Produktion in den südlichen Staaten. Die Preise waren moderat, so dass auch das mittlere Bürgertum seine Häuser mit beachtlichen Sammlungen schmücken konnte.

Sortiert zu elf Themenkreisen schöpfen die Wuppertaler Museumsmacher aus diesem Reichtum, um die Malerei auf ihren historischen Kontext hin zu befragen und sie anders herum als historisches Dokument zu inszenieren, das Zeugnis ablegt von den Bedingungen seiner Entstehung. Das reicht von den Restbeständen höfischer Repräsentationskunst (Rubens, Breughel) zur bürgerlichen Selbstinszenierung im Portrait und Interieur (de Hooch, ter Borch); das geht von der Landschaftsmalerei in patriotischer Mission und mit Windmühlen (van Goyen) zu gegenreformatorischen religiösen Sujets (Rubens, Wtewael, de Gelder); das umfasst Stillleben, die die Präsentation von Reichtum mit Vanitas-Motiven verbinden, ebenso wie die Darstellung ferner Landschaften als Orte der Sehnsucht.

Dazwischen steht die heute populärste Gattung dieser niederländischen Malerei, eine Gattung, die seinerzeit allerdings eine eher randständige Rolle spielte: die Genremalerei, die ihre Freiheiten in der Motivwahl mit didaktischem Fingerzeig legitimierte (Molenaer, Steen).

Kuratorin Hartje-Grave ist es gelungen, eine beeindruckende Fülle an Meisterwerken aus Museen und Privatsammlungen für die Ausstellung zu gewinnen. Und deren Zusammenschau, ergänzt um sehr ausführliche Erklärtafeln -man sollte sich die Zeit nehmen sie zu lesen -, vermittelt einen sehr eindrucksvollen Überblick über die einzigartige Kunstproduktion jener Epoche.

Der mächtige Katalog zur Ausstellung umfasst 454 Seiten und ist zum Schnäppchenpreis von 25 Euro zu haben. Die Querformate sind (vor allem bei den figurenreichen Bildern) etwas klein geraten und die Farbigkeit mancher Reproduktionen ist etwas ins Übersaturierte verrutscht, aber die Essays sind ok und die ausführlichen Detailinformationen zu den ausgestellten Werken machen das Ding sehr lesenswert. Als Begleitlektüre, die auch die dunkle Seite der Kunst des Goldenen Jahrhunderts nicht vernachlässigt, sei zudem der Essayband Stilleben mit Kandare des großen polnischen Lyrikers und Essayisten Zbigniew Herbert an Herz gelegt. Der Band wird derzeit von Suhrkamp für 6 Euro verramscht.

Freiheit, Macht und Pracht. Niederländische Kunst im 17. Jahrhundert. K: Nicole Hartje-Grave. Wuppertal, Von der Heydt-Museum. 21.6. – 23.8.2009.