Musée de l’Homme: Anthropologisches Museum in Paris neu eröffnet

Qui sommes-nous?

Nach sechs Jahren Umbau ist das „Musée de l'Homme“ in Paris seit Oktober 2015 wieder geöffnet. Das anthropologische Museum am Trocadéro-Platz widmet sich in seiner spektakulär inszenierten Dauerausstellung der interdisziplinären Menschenerkundung.

Ausstellungsansicht. Musée de l'Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelleAusstellungsansicht. Musée de l’Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelle.

Seit März 2009 war das Museum des Menschen geschlossen: Asbestsanierung, baustatische Konsolidierung, sicherheitstechnische Maßnahmen und schließlich die grundlegende Modernisierung der Ausstellungsräume und des Ausstellungs­konzepts standen an – immerhin war der ethnologische Teil der Sammlung 2006 in das neue Musée du quai Branly auf das linke Ufer der Seine abgewandert.

Aus den für die Sanierung ursprünglich angesetzten 50 Millionen Euro sind rund 97 Millionen geworden und der Termin für die Neueröffnung verschob sich von 2012 auf Herbst 2015. Das Warten und die Investition hat sich aber gelohnt. Nach außen blieb der denkmalgeschützte Bau weitgehend unangetastet. Im Innern macht die Ent­fernung einer Zwischendecke jetzt in einem 16 Meter hohen Atrium den Blick frei auf das Stahlglasdach des für die Weltausstellung 1878 errichteten Palais de Chaillot am Trocadéro-Platz. Der Palais wurde zur Weltausstellung 1937 grundlegend umgestaltet.

Schädel von Descartes (links). Musée de l'Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelleSchädel von Descartes (links). Musée de l’Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungs­design: Muséum national d’Histoire naturelle.

Das „Musée de l’Homme“ wurde 1938 im Südwestflügel des Palais de Chaillot eingerichtet als Nachfolger des „Musée d’Ethnographie du Trocadéro“. Das Museum ist Teil des auf mehrere Standorte verteilten „Muséum national d’Histoire naturelle“ (Nationalmuseum für Naturgeschichte).

Qui sommes-nous? D’où venons-nous? Où allons-nous?

Die neue ständige Ausstellung erstreckt sich auf 2.500 m² über zwei offene Stock­werke und eine kleinere Zwischenebene, alles sehr licht gehalten, halb­transparente Sonnenschutz­vorhänge geben den Panoramablick frei hinüber zum Eiffelturm und den Champ de Mars. Über 1.800 Exponate sollen umfassend über verschiedenste Aspekte des Menschseins Auskunft geben, aus anthropologischer und ethno­logischer Sicht.

Ausstellungsansicht. Musée de l'Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelleAusstellungsansicht. Musée de l’Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelle.

In Anlehnung an die Fragen, mit denen Paul Gauguin sein wohl berühmtestes Bild beschriftet hat, verhandelt die Ausstellung dabei in drei Sektionen Fragen der Identität, des Ursprungs und der Zukunft des Menschen (Gauguins Bild selber bleibt selbstverständlich im Bostoner Museum of Fine Arts): Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Die Leitbotschaften der Ausstellungsmacher: Die Einheit der Menschheit in ihrer wertvollen Diversität, der Ursprung der Spezies auf dem afrikanischen Kontinent, die Abhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt und sein problematisches (un-)ökologisches Handeln.

Zu den wichtigsten Objekten der Schau gehören der Schädel von Descartes, diverse fossile Schädel von Hominiden, die sogenannte „Venus von Lespugue“ – die 1922 in der Rideaux-Höhle bei Lespugue entdeckte, etwa 25.000 Jahre alte Figurine einer Frau, geschnitzt aus dem Stoßzahn eines Mammuts – und Wiedergaben von bis zu 8.000 Jahre alten Felsmalereien aus dem algerischen Gebirge Tassili n’Ajjer, darunter das wundersam modern anmutende Fresco, das eine weiße Frau darstellen soll, die sogenannte „Antinéa“.

Fossile Schädel von Hominiden. Musée de l'Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelleFossile Schädel von Hominiden. Musée de l’Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungs­design: Muséum national d’Histoire naturelle.

Man kann die Kuratoren dafür kritisieren, dass nicht immer deutlich ausgezeichnet ist bei welchen Exponaten es sich um Reproduktionen handelt. Die Skelettteile des Australopithecus afarensis, berühmt als „Lucy“, ist gewiss eine Kopie, bei der Venus von Lespugue bin ich nicht sicher. Kaum Kritik wird indes die spannende Auf­bereitung und die spektakulären Inszenierungen des Museums finden.

Neben Großvitrinen und kleinen Kabinetten für die lichtempfindlichsten Exponate, finden sich eine Fülle von Multimediastationen und -installationen, Reproduktionen zum Anfassen, Hörstationen, die Sprachvielfalt und Vielfalt musikalischer Traditionen erfahrbar machen. Eine mächtige, elegant geschwungene, 11m hohe Stahl­konstruktion stellt 90 anthropologische Büsten aus, die für die Diversität menschlicher Züge stehen.

Man kann in einem restaurierten senegalesischen Bus aus den 1960er Jahren Platz nehmen und eine (Video-)Tour durch Dakar unternehmen, sich in eine mongolische Jurte gammeln oder über die in einer Vitrine versammelten „Smartphone-Anoraks“ aus aller Welt staunen – anekdotische Annäherungen an die Widersprüche der Globalisierung, die Spaß machen.

Senegalesischer Bus. Musée de l'Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelleSenegalesischer Bus. Musée de l’Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelle.

Sonderausstellungen und Kunst

Neben der Fläche für die ständige Schau hat das Museum 600m² Platz für Sonderausstellungen in allerdings etwas ungünstig schlauchartigen und damit schwer bespielbaren Räumen. Die Ausstellungen sollen im Jahresrhythmus wechseln. Bis Mitte Juni 2016 zeigt man „Chroniques d’une Renaissance“, Chronik einer Wiedergeburt, die sich um die Geschichte des Hauses, der Sammlung, des Museums und seiner Neueinrichtung kümmert. Für die Folgejahre sind Ausstellungen über Rassismus (2016/17), die Neanderthaler (2017/18) und zum Thema Ernährung (2018/19) geplant.

Für die Eröffnung ist zudem Kunst von Pascale Marthine Tayou (*1967 in Kamerun) in das Museum integriert: Installationen, Assemblagen zu Themen der Globalisierung und kultureller Diversität – und ein sehr lustiges Glücksrad mit Beleidigungen aus verschiedenen Sprachen, La Roue des Insultes, 2012. Ob die Integration von Gegenwartskunst auch zukünftig zum Konzept des Museums gehören wird, weiß ich nicht.

Anthropologische Büsten. Musée de l'Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelleAnthropologische Büsten. Musée de l’Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Muséum national d’Histoire naturelle.

Der Balkon der Wissenschaften

Das „Musée de l’Homme“ versteht sich aber nicht nur als Ort musealer Präsentation von anthropologischen und ethnologischen Exponaten sowie als Magazin einer Sammlung von über 700.000 Objekten und Objektgruppen, sondern auch als Einrichtung für die interdisziplinäre anthropologische Forschung. Rund 150 Natur- und Humanwissenschaftler arbeiten im Institut, das jetzt neben Räumen für Forschung und Lehre, einer wissenschaftlichen Bibliothek und einem großen Auditorium auch Labors umfasst für DNA-Analysen, Datierungsmethoden archäo­logischen Materials oder 2D und 3D Modellierung von Objekten.

Die Galerie des Atriums ist als „Balcon des Sciences“ eingerichtet, der Besuchern ermöglicht, sich über die Forschung im Haus zu informieren. Zu ausgewählten Zeiten sollen hier die Wissenschaftler des Hauses ihre Arbeit auch persönlich vorstellen.

Balcon des Sciences. Musée de l'Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsarchitektur: Muséum national d’Histoire naturelleBalcon des Sciences. Musée de l’Homme, Paris. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsarchitektur: Muséum national d’Histoire naturelle.

Musée de l’Homme. Muséum national d’Histoire naturelle. Paris, place du Trocadéro.