Munch : Van Gogh – Ausstellung im Van Gogh Museum Amsterdam

Zwei ästhetische Anarchisten

Noch bis Mitte Januar 2016 zeigt das Amsterdamer Van Gogh Museum eine ganz ausgezeichnet bestückte, vergleichende Zusammenschau von Werken zweier Leitfiguren der Moderne: Vincent van Gogh (1853-1890) und Edvard Munch (1863-1944).

Edvard Munch, Selbstportrait mit Palette, 1926 / Vincent van Gogh, Selbstportrait als Maler, 1887-88. AusschnitteEdvard Munch, Selbstportrait mit Palette, 1926 / Vincent van Gogh, Selbstportrait als Maler, 1887-88. Ausschnitte.

Die Ausstellung ist das Ergebnis eines vor sechs Jahren gestarteten Gemeinschafts­projekts des Amsterdamer van Gogh Museum und des Munch Museums in Oslo und stellt erstmals die Bezüge zwischen den beiden Wegbereitern der Moderne in den Mittelpunkt einer Schau.

Es gibt eine Reihe von biographischen Parallelen zwischen dem Leben des nieder­ländischen Pastorensohns van Gogh und dem Leben Edvard Munchs, Sohn eines norwegischen Militärarztes. Beide wachsen in streng gläubigen, protestantischen Familien der Mittelschicht auf. Beide entschließen im gleichen Jahr, 1880, sich der Kunst zu widmen, erste Hauptwerke entstehen Mitte der 1880er Jahre (Munchs Morgen und van Goghs Kartoffelesser).

Edvard Munch, Morgen, 1884 / Vincent van Gogh, Die Kartoffelesser, 1885Edvard Munch, Morgen, 1884 / Vincent van Gogh, Die Kartoffelesser, 1885.

Beide leben längere Zeit in Paris und nehmen die Tendenzen der zeitgenössischen französischen Kunst auf (und beide fressen einen Narren an Gauguin). Beide leiden an psychischen Krankheiten mit autoaggressiven Episoden. Dann ist aber Schluss mit den Parallelen: Der eine erschießt sich, 1890, mit gerade mal 37 Jahren, der andere erreicht ein gesegnetes Alter von 80 Jahren.

Die beiden haben sich zwar niemals getroffen und van Gogh kannte die Malerei Munchs nicht, Munch aber lernt in den 1890er Jahren eine Reihe von Werken van Goghs kennen und sie werden für ihn zu einem wichtigen Bezugspunkt.

Edvard Munch, Frühling im Ulmenwald, um 1926 / Vincent van Gogh, Unterholz, 1889Edvard Munch, Frühling im Ulmenwald, um 1926 / Vincent van Gogh, Unterholz, 1889.

In der Motivwahl eher konventionell unternehmen beide auf ihre jeweils sehr individuelle Art radikale Versuche, das künstlerische Vokabular zu erweitern. Die Farbe ist nicht mehr vorrangig Mittel zur Wiedergabe der Natur, sondern wird Mittel des Ausdrucks, der Farbauftrag wird Gegenstand von Experimenten mit expressiver Strichführung, der Bildraum Gegenstand von Experimenten mit Widersprüchen aus übertriebener Perspektive und Flächigkeit.

Brutale Barbaren im Haus der faulen Malerei

Auf die innere Verwandtschaft haben einige Kunstkritiker früh hingewiesen, insbesondere der deutsche Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe schreibt schon um die Jahrhundertwende von den anarchistischen Qualitäten van Goghs und Munchs, mit deutlicher Präferenz für den Niederländer allerdings. Van Goghs Werk sei

der stärkste Gegensatz der faulen, staaterhaltenden Kunst, die das Haus des Banalen zu schmücken vermag. Er zerstört es. Hier mag er als der brutale Barbar erscheinen, der jede Rücksicht auf das Gesetz der Wohnung ablehnt. Man findet eine ähnliche Feindseligkeit bei Munch, dem ebenso ehrlichen Anarchisten. Aber was dem Bourgeois in van Gogh als Barbarei erscheint, ist es oft bei Munch in der Tat. Dieser steht auf einer niederen Kulturstufe als Künstler, seine Werke sind oft nur starke Gedanken; er geht weiter als van Gogh in einem Sinne – viele seiner Bilder sind nichts wie Verneinung – und er ist im anderen Sinne dem van Goghschen Niveau überhaupt fremd, denn viele seiner Bilder entziehen sich lediglich ästhetischer Betrachtung. Uns scheint van Gogh, gerade weil er sich nicht des subjektiv Psychologischen bedient, sondern Maler bleibt, der Überzeugendere.

Als 1912 in Köln die epochale „Internationale Kunstausstellung“ des Sonderbundes einen ersten umfassenden Überblick über die zeitgenössische Avantgarde lieferte, war entsprechend Munch nicht in die Dreifaltigkeit der Väter der Moderne eingereiht: van Gogh, Cézanne, Gauguin. Ihm wurde aber die Ehre eines eigenen Saals zu Teil, und Munch konnte mehr Bilder ausstellen als jeder andere – außer natürlich van Gogh.

Viele Meisterwerke

Edvard Munch, Der Schrei, 1893Edvard Munch, Der Schrei, 1893.Auch wenn man wenig Interesse an stilgeschichtlichen Fragen oder dem Vergleich der künstlerischen Mittel der beiden Barbaren hat – ein Besuch der Amsterdamer Schau lohnt allemal, selbst wenn man sie nur als seltene Zusammenstellung von einzelnen Meisterwerken nimmt: sie ist mit ihren über 100 Werken außerordentlich gut bestückt. Mit dabei sind u.a. Munchs Morgen (1884) und Sommernacht, Inger am Strand (1889) aus Bergen, Das kranke Kind (1896) aus Göteborg, eine Fassung der Madonna (1895-97) aus Privatbesitz, Amor und Psyche (1907), der Tanz des Lebens (1925) und die Mädchen auf der Brücke (1927) sowie die erste Fassung (Pastell) von Der Schrei (1893) aus Oslo.

Die Highlights aus dem Portefeuille van Goghs stammen im Wesentlichen aus den Beständen des Van Gogh Museums selbst, aber z.B. der Weber (1884) ist aus Rotterdam angereist, Die Italienerin (1887), Marie Ginoux (1888) und die Sternennacht über der Rhône (1888) aus Paris, Der Liebhaber (1888) aus Otterlo, und Die Brücke von Trinquetaille (1888) ist aus Privatbesitz geliehen.

Vincent van Gogh, Sternennacht über der Rhône, 1888Vincent van Gogh, Sternennacht über der Rhône, 1888.

Die Werke der beiden Meister werden durch eine Reihe von Vergleichswerken begleitet, die spektakulärste Leihgabe darunter ist Jean-François Millets Kartoffelpflanzer (um 1861) aus dem Museum of Fine Arts in Boston.

Erwartbares Gedränge und Katalog

Die Ausstellung war den Sommer über bereits in Oslo zu sehen und hat dort mehr als 150.000 Besucher angezogen. Sicher werden es in Amsterdam nochmal mehr sein – und das ist zwar erfreulich für die Veranstalter, aber auch ein Problem: Ich weiß nicht, zu welchen Zeiten man sich in Ruhe und ohne Gedränge die Werke anschauen kann, wochentags Vormittag hat jedenfalls nicht funktioniert. Auch die erst Anfang September 2015 in Betrieb genommene, neue Eingangshalle des Van Gogh Museums kann hier naturgemäß nicht weiterhelfen (und liefert ohnehin im Wesentlichen nur Platz für einen größeren Museumshop).

Der Katalog zur Ausstellung umfasst 239 Seiten, kostet 29,95€, liegt auch in englischer Übersetzung vor – und ist eigentlich kein Ausstellungskatalog, sondern eine illustrierte Sammlung von ganz ausgezeichneten Essays zum Frühwerk der beiden und zum Einfluss der zeitgenössischen französischen Kunst auf ihre Entwicklung, zu ihren stilistischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden, zum jeweiligen zeichnerischen Werk und ihren Texten, schließlich zur Rezeptionsgeschichte. Die Abbildungen sind ok, wenngleich oft zu klein und den Textbeiträgen untergeordnet, Einzelerläuterungen zu den ausgestellten Werken fehlen.

Munch : Van Gogh. K: Maite van Dijk, Magne Bruteig, Leo Jansen. Amsterdam, Van Gogh Museum, 24. September 2015 – 17. Januar 2016.