Massenets Navarraise / Aperghis‘ Boulingrins in Koblenz

Rührt Euch!

Zwei französische Kurzopern stellt das Theater Koblenz an diesem kontrastreichen und spannenden Abend nebeneinander: Matthias Schönfeldt inszeniert Jules Massenets Kriegs- und Liebesschmonzette La Navarraise und nach der Pause bringt Beate Baron die von Georges Aperghis vertonte komische Oper Les Boulingrin zur deutschen Erstaufführung.

„Rühren“ steht da an die rückwärtige Wand projiziert, vor der Soldaten in Reih und Glied Aufstellung nehmen. Den sowohl militärisch wie theatralisch zu verstehenden Imperativ nehme ich mal als Schlüssel für diesen Abend. Das militärische Rühren ist ja, nicht anders als die emotionale Rührung, eine regelkonforme, zeitlich begrenzte, gleichsam eingefriedete Abweichung von der strikten Ordnung, oder rheinisch formuliert: ein Karneval des Exerzitiums bzw. des Gefühls. Was aber, wenn die Abweichung eskaliert und die Ordnung dauerhaft aufzulösen droht?

Das Mädchen aus Navarra

Massenets Zweiakter über das Mädchen aus Navarra, 1894 im Londoner Covent Garden uraufgeführt, war seinerzeit sehr erfolgreich, gehört aber heute zu den eher selten gespielten Arbeiten des französischen Spätromantikers (verglichen mit dem Werther oder der Manon zumindest). Das Libretto von Jules Claretie und Henri Cain – so jedenfalls die Koblenzer Interpretation – thematisiert einen zweifachen fundamentalen Regelverstoß: den gegen einen militärischen Ehrenkodex und den gegen die Ordnung der Geschlechter.

Spanien in Zeiten des karlistischen Bürgerkriegs. Anita (Aurea Marston), das titelgebende, mittellose Flüchtlingsmädchen aus Navarra, schleppt ihre Habe in einer Einkaufstüte und ihren Geliebten in ihrem Herzen mit sich herum. Dieser, der wackere Sergent Araquil (Martin Shalita), ist Sohn eines vermögenden Grundbesitzers, der seinerseits von der wenig standesgemäßen Partnerwahl seines Spross‘ nicht recht angetan ist: er verlangt von Anita eine Mitgift in Höhe von zweitausend Duro.

Anita verdingt sich für diese Summe als Auftragskillerin und bringt den Kommandanten der karlistischen Aufständischen zur Strecke. Diese Tat sichert ihr das Geld für die Hochzeit und die Verachtung durch ihren Geliebten. Der weist sie sterbend zurück: „Der Blutzoll, welch Grausen!“. Im Libretto endet die Auflösung der Ordnung für Anita im Wahnsinn, in Koblenz ist man da realistischer: der Regelverstoß wird gerichtet, Anita einem Erschießungskommando übergeben.

Pas de deux der Soldateska

Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter der Leitung von Enrico Delamboye bringt eine sehr wohltuende kammerorchesterhafte Zurückhaltung in den für mich doch sehr verschwurbelten Soundtrack Massenets und schafft damit Raum für das Bühnengeschehen. Der ist von Katrin Hieronimus flexibel eingerichtet: Mal verengt die eingangs erwähnte Rückwand die Spielfläche auf Kammeroperformat (und dient als Fläche für etwas alberne Videoprojektionen), mal wird der Blick frei auf lange Reihen stramm stehender Soldaten oder das weite Feld der Gefallenen. Regisseur Matthias Schönfeldt nutzt diesen Raum für starke Bilder, etwa – während der von Massenet zwischen die beiden Akte gestellten Nocturne – für einen albtraumhaften, tranceartigen Paartanz blutverschmierter Militärs.

Das Koblenzer Premierenpublikum applaudiert vor der Pause freundlich.

Zu Hause bei den Boulingrins

In der zweiten Hälfte des Abends sind wir zu Gast im Wohnzimmer der Boulingrins, im, nach dem Krieg, zweiten Kreis der Hölle, die sich die Menschen auf Erden einrichten. Die Ordnung der Zweisamkeit, die unter dem Namen der bürgerlichen Ehe notorisch geworden ist, hat sich Ende des 19. Jahrhunderts der französische Erzähler und Dramatiker Georges Courteline zum Gegenstand seines satirischen Einakters Les Boulingrin genommen. Seine Komödie wurde vier Jahre nach Massenets Oper, also 1898, in Paris uraufgeführt.

Jetzt hat sich des alten Stücks der griechisch-französische Neutöner Georges Aperghis angenommen, gerade als erster Träger des hoch dotierten Mauricio-Kagel-Preises durch die Kunststiftung NRW geehrt. Seine opéra bouffe, die sich sehr eng an den Text Courtelines hält, hatte im Mai 2010 in Paris seine Weltpremiere und ist in Koblenz nun in deutscher Erstaufführung auf der Bühne.

Das Wohnzimmer der Boulingrins also, die Einrichtung ist auch hier von Katrin Hieronimus entworfen, jetzt ganz Kammerspiel, eine etwas heruntergekommene Wohnstube aus den achtziger Jahren mit Nussbaumfurnierschrankwand und weißem Sofa, ein Esstisch ganz rechts. Der trottelig-schmierige Gesellschaftsschmarotzer Des Rillettes (Christoph Plessers) ist bei dem Ehepaar eingeladen und hofft, den Winter über sich zweidrei Abende die Woche dort durchfüttern lassen zu können. Empfangen wird er von dem schrillen Hausmädchen Felicie (Hana Lee), das mit Achtmonatsbauch, an dem der Herr des Hauses nicht unbeteiligt sein mag, ihrerseits ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen sucht.

Madame (Monica Mascus) und Monsieur Boulingrin (Mathieu Dubroca) sind allerdings alles andere als das gutmütig harmonische Paar, das Des Rillettes sich als Opfer vorstellt: Sie ziehen ihren Gast recht umstandslos in die grotesk eskalierenden Schlachten ihrer Ehehölle hinein, die das einschlägige Arsenal von Beschimpfungen, Geschirr, Rattengift und Knarre zum Einsatz bringen. Und es ist dem Ensemble und der Regie Beate Barons anzumerken, dass alle Beteiligten nicht weniger Spaß an der burlesken und bisweilen brutalen Komik dieses Stücks haben als das Publikum.

Zirkuscombo mit Schlagwerk

Ich weiß nicht, wie ich die Musik von Georges Aperghis beschreiben soll. Er unterlegt das Stück mit einem Teppich schräg und eng gefügter Melismen, die sich unablässig säulenartig dynamisch verdichten, dann auf den Gesang übergreifen, der sonst eher rezitativ angelegt ist, und hier zu eruptiven, teils lautmalerischen Ausbrüchen führt. So in etwa. Einen Eindruck gewährt das Video von einer Orchesterprobe, das das Theater Koblenz bei YouTube eingestellt hat. Der als Zirkuscombo mit bonbonfarbenen Plüschhemden ausgestattete, zehnköpfige Klangkörper unter Leitung von Karsten Huschke hat ausgefallenes Schlagwerk dabei, leere Weinflaschen, Kaffeemühle und Tonkrüge sind darunter.

Letzteres hilft als Blickfang über die Längen dieser kurzen Oper hinweg. Die stellen sich etwa auf halber Wegstrecke ein, wenn die Eskalationslogik von Courtelines Typenkomödie etwas leer läuft und das längst ausgebreitete musikalische Material von Aperghis sich auch nicht weiter entwickeln will. Solange bis, auf dem Höhepunkt des Stücks, das Spiel zur Zeitlupe verlangsamt wird, ein absurdes, sehr komisches Ballett, das Des Rillettes zur Strecke bringt und die Ordnung des Hausstandes in Mord, Brandstiftung und Plünderung auflöst.

Das Publikum jedenfalls hat sich überwiegend prächtig amüsiert über die Hölle der anderen und applaudiert freundlich, in Teilen enthusiastisch.

Jules Massenet: La Navarraise. Épisode lyrique en deux actes. R: Matthias Schönfeldt, ML: Enrico Delamboye, D: Aurea Marston, Martin Shalita u.a.. Theater Koblenz, P: 29. Oktober 2011, 50 min. / Georges Aperghis: Les Boulingrin. Opéra bouffe. R: Beate Baron, ML: Karsten Huschke, D: Christoph Plessers, Monica Mascus, Mathieu Dubroca, Hana Lee. Theater Koblenz, DE: 29. Oktober 2011, 80 min.