Marcel Proust Ausstellung im Kölner MAK

Cher ami

Im Kölner Museum für Angewandte Kunst ist noch bis Anfang September 2009 eine kleine, aber erlesene Ausstellung zu Leben und Werk von Marcel Proust zu sehen. Sie zeigt Briefe, Fotos, Korrekturbögen, Erstausgaben und eine Locke des bedeutendsten französischen Romanciers des 20. Jahrhunderts.

Proust hat gerne mit seiner Sauklaue kokettiert. In einem Brief an seine mütterliche Freundin Madame Catusse schrieb er:

Sie wissen sicher, was R. de Montesquiou über meine Schrift sagt: Es gibt Leute, die eine gewöhnliche, eine hässliche Schrift haben, die aber sehr gut lesbar ist, sehr klar. Die Schrift anderer Leute hingegen ist zwar schwer zu lesen, aber das Schriftbild ist sehr hübsch anzuschauen. Einzig Marcel hat einen Weg gefunden, Hässlichkeit und Unlesbarkeit in seiner Handschrift zu vereinen.

So desaströs kann ich seine Handschrift aber nun wirklich nicht finden, vielleicht ist sie nicht ganz einfach zu entziffern, aber allemal sympathischer als das mädchenhaft verschnörkelte Schöngeschreibe des zitierten Grafen von Montesquiou.

Jedenfalls kann der geneigte Betrachter Lesbarkeit und Schönheit jetzt im Kölner Museum für Angewandte Kunst anhand von Originalen überprüfen. Das MAK hat im Erdgeschoss Platz freigeräumt für einen Dunkelraum, in dem rund zwanzig Vitrinen unter anderem 81 Briefe und einige weitere Autographen des Meisters präsentieren, unter dem etwas altbackenen Titel „Cher ami. Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz“, sortiert zu neun Kapiteln entlang des Lebenswegs des Autors der Suche nach der verlorenen Zeit.

Die Exponate entstammen durchweg der Bibliotheca Proustiana, der privaten Sammlung des Kölner Arztes und Präsidenten der Marcel-Proust-Gesellschaft Reiner Speck.

Straßenschild Marcel-Proust-Promenade. Foto: jvf.Vermutlich ist es gleichfalls der Umtriebigkeit Specks gutzuschreiben, dass am Tag der Ausstellungseröffnung im Kölner Stadtwald die deutschlandweit erste nach Proust benannte Straße getauft wurde. Der alte Motorradring, auf dem in den dreißiger Jahren das Stadtwaldrennen stattfand und der heute Spaziergängern und Joggern zum Auslauf dient, hört jetzt auf den Namen Marcel-Proust-Promenade.

„ich habe viel zu viel geschrieben“

Proust selbst hätte diese Ausstellung wohl eher nicht gefallen. „Mir liegt unbedingt daran […], dass keiner meiner Briefe aufbewahrt und erst recht nicht publiziert wird“, schrieb er gegen Lebensende und musste bald die Aussichtslosigkeit dieses Bereinigungsversuchs einsehen:

Sie werden sehen [..]: kaum dass ich tot bin, werden alle meine Briefe veröffentlichen. Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe zu viel geschrieben, viel zu viel.

Naturgemäß ist der Versuch, die postume Veröffentlichung zu verhindern, gründlichst fehlgeschlagen: Bekannt sind heute rund 5.000 seiner Briefe. Das Gros ist publiziert in der monumentalen Ausgabe seiner Korrespondenz, die Philip Kolb von 1970 bis1993 herausgegeben hat und die immerhin einundzwanzig Bände umfasst.

Es war sicher weniger das Unbehagen angesichts möglicher postumer Enthüllungen, das Proust da umgetrieben hat, sondern eher die Sorge, das Interesse am Autor könne sich vor das Werk stellen und das Werk reduziert werden auf seine lebensgeschichtlichen Voraussetzungen. Absurderweise ist die Proustrezeption lange Zeit nicht nur exakt in diese Falle gelaufen, sondern hat umgekehrt nicht selten auch das Werk missdeutet als unmittelbare Selbstaussprache des Autors, als Textsteinbruch, aus dem biographische Leerstellen vermeintlich aufzufüllen seien.

Stummfilme und Reliquien

Gleichviel, ergänzt werden die Autographen – eine Auswahl wird im kostenlos erhältlichen Audioguide übersetzt – von Erstausgaben, Ansichtskarten, Fotos, darunter das anrührende Portrait, das Man Ray an Prousts Totenbett aufgenommen hat. Das gibt, etwas Konzentration und Geduld vorausgesetzt, ein atmosphärisch sehr dichtes Bild. Auf Monitoren laufen derweil Ausschnitte von Interviews mit Zeitzeugen, wobei mir da mal jemand erklären muss, was das für einen Sinn hat, wenn es keinen Ton dazu gibt. Und für die Freunde eines eher abseitigen Reliquienwesens ist auch die Haarlocke zu sehen, die Prousts Haushälterin ihm auf dem Totenbett abgeschnitten und in ein Goldmedaillon fassen ließ.

Der durchgängig in deutsch-französischer Zweisprachigkeit gehaltene Katalog ist zum Liebhaberpreis von 49 Euro zu haben und enthält eine Reihe von Essays sehr unterschiedlicher Qualität und Lesbarkeit, eine Fülle von Bildmaterial (leider oft in zu kleiner Abbildung) sowie Übersetzungen der in der Bibliotheca Proustiana gesammelten Briefe. Ich wünschte nur, irgend jemand hätte die Herausgeber von der Schnapsidee abgebracht, alle deutschsprachigen Texte, inklusive der Essays, kursiv setzen zu lassen.

Cher ami. Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz. K: Jürgen Ritte, Reiner Speck. Köln, Museum für Angewandte Kunst. 28. Juni – 6. September 2009.