Die Manifesta 9 in Genk

Moderne untertage

Vom 2. Juni bis 30. September 2012 ist in der Zeche Waterschei im flandrischen Genk die neunte Auflage der europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst zu sehen. Die Manifesta 9 zeigt unter dem Label „The Deep of the Modern“ Werke von 39 Künstlern der Gegenwart, die sich mit Arbeit und Ausbeutung unter den Bedingungen der Globalisierung auseinander setzen.

Seit 1996 findet die Manifesta alle zwei Jahre statt, jeweils an einem anderen Ort in Europa, gerne auch abseits der großen Zentren, zuletzt im spanischen Murcia und zuvor im italienischen Trentino, heuer also im belgischen Pott, in der ehemaligen Kohlehauptstadt Genk.

Waterschei Mijn in Genk, Belgien, Außenansichten, Fotos: jvf

Der wechselnde Standort macht, dass die europäische Biennale für zeitgenössische Kunst jeweils aufs Neue eine ganz eigene Form finden muss. Der für die neunte Auflage als Leiter des Kuratorenteams berufene Mexikaner Cuauhtémoc Medina hat dabei eine weise Entscheidung getroffen, nämlich die diesjährige Manifesta als sehr kompakte und thematisch fokussierte Ausstellung anzulegen, um nicht in der Konkurrenz zur gleichzeitig in Kassel spielenden Weltkunstschau Documenta abzusaufen.

Der thematische Fokus dieser Manifesta liegt auf dem Verhältnis von Kunst der Moderne zur Industrialisierung (mit Kohle als deren Treibstoff) in der Vergangenheit sowie auf der postindustriellen Ökonomie (bzw. der in Billiglohnländer exportierten Industrie) als Gegenstand ästhetischer Praxis in der Gegenwart. Für die Kompaktheit sorgt die Beschränkung auf einen Ausstellungsort. Das ehemalige Haupt- und Verwaltungsgebäude der Waterschei Mijn ist von außen ein hübsches Jugendstilschlösschen, 1924 nach Entwürfen von Gaston Vautquenne gebaut. Innen sind nach der Schließung der Zeche 1987 alle Wände entfernt und machen 24.000 m² Platz für eine geräumige Präsentation.

Waterschei Mijn in Genk, Belgien, Innenansichten, Fotos: jvf

17 Tonnen

Der Einstieg in die, in drei Abschnitte gegliederte Ausstellung ist für eine Schau der Gegenwartskunst etwas überraschend. 17 tons ist dieser erste Teil überschrieben, in Anspielung auf den Klassiker von Merle Travis, 16 tons („You load 16 tons and what do you get / You get another day older and deeper in debt“). Umrissen werden da – etwas kursorisch und beliebig vielleicht – Phänomene der Alltags- und Popularkultur aus dem Bergmannsumfeld sowie Aspekte der Geschichte der Arbeit und der Arbeiterbewegung.

So wird etwa anhand von Zeugenaussagen, historischen Polizei- und Presseberichten die „Tragödie von Zwartberg“ dokumentiert: Anfang 1966, als die ersten Maßnahmen des „Strukturwandels“ auf die flandrische Kohleindustrie durchschlagen und die Zeche Zwartberg als erste in Genk geschlossen werden soll, sterben bei gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Streikenden und Gendarmerie vor der Zeche Waterschei zwei Streikposten, mehrere werden schwer verletzt.

Gleich daneben sind Devotionalien gesammelt, zu Ehren Rocco Granatas. Der Sohn eines italienischen Kumpel auf Waterschei hat als Schlagersänger mit Marina 1959 einen Hit gelandet. Nebenan ist Malerei von Minenarbeitern der Ashington Group aus Northumberland ausgestellt, Gebetsteppiche von türkischen Arbeitsmigranten sind ebenso zu sehen wie mit Sinnsprüchen bestickte Küchentücher aus Bergmannshaushalten („Beginne früh, spare keine Müh’“).

Das Zeitalter der Kohle

Im zweiten Teil der Ausstellung, The Age of Coal, zeugen – in einem aus konservatorischen Gründen in die Halle gestellten, klimatisierten Container – Fotoarbeiten, Grafiken und Malerei aus dem frühen neunzehnten bis späten zwanzigsten Jahrhundert von den Bemühungen der ästhetischen Moderne, der industriellen Herausforderung gerecht zu werden. Industrieanlagen in der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, Untertagebau realistisch als Hölle der Arbeit gefasst oder als Motiv pittoresque verklärender Genremalerei, die „Ästhetik der Umweltverschmutzung“, die „Landschaft des Karbons“ sind einige der Aspekte, die hier aufgegriffen werden. Max Ernst ist mit einer Auswahl von Frottagen aus der Serie Histoire naturelle (1926) zu Gast, Bernd und Hilla Bechers Photographien von der Winterslag Mijn in Genk (1988) sind aus Köln herbei geeilt.

Weniger eindrucksvoll ist vieles, was außerhalb des Containers an Installationen bereit gestellt ist. Etwa die lässig im Raum aufgeschütteten Kohlehäufchen von Bernar Venet, Tas de charbon (1963) und Marcel Broodthaers, Trois tas de charbon (1967) – mit papierener belgischer Kindernationalflagge aufgesteckt – sind dann doch sehr zeitgebunden. Ganz anders eine Hommage an Marcel Duchamps Einrichtung für die Surrealismusausstellung 1938 in Paris, 1200 Coal Sacks aus Jute machen eine tiefergelegte, dräuende, sehr unbehagliche Decke – allerdings, ich hab’s nicht nachgezählt, in Genk sind es dann doch etwas weniger als 1200.

Die Poetik des Strukturwandels

Und die Gegenwartskunst? Was macht man heute in der ästhetischen Praxis unter dem Signum der Poetics of Restructuring?

Sehr gefallen haben mir die interaktiven Skulpturen des slowenischen Künstlers Tomaž Furlan (*1978). Für seine Wear Series (2006-2012) baut er Gestelle und Apparaturen aus Eisen und Schaumstoff, die den Menschen in seiner Zurichtung für die Erwerbsarbeit zeigen und auch auf deren Verlängerung ins Workout anspielen. Da ist etwa die Halbkörperprothese mit der man Getränkedosen zertrümmern kann (Wear I) oder das Sisyphos-Gestell, in dem man unaufhörlich ein Gewicht stemmt, was jeweils dazu führt, dass der Apparat einem einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt (Wear VI). Besonders eingenommen hat mich aber der dysfunktionale Arbeitsplatz Wear VII: eine Art Werkbank, der Kopf des Probanten wird in einem Eisengestell fixiert, Kurbeln bewegen zwei alte, weißrauschende Monitore aus dem und in das Blickfeld des Probanten. Wenn man sich nicht traut, die Apparaturen selbst auszuprobieren, zeigen Videos ihren Einsatz im Selbstversuch des Künstlers, online zu sehen auch hier.

Menschen in der Massenproduktion und -gesellschaft Chinas lichtet der kanadische Fotokünstler Edward Burtynsky (*1955) ab. Acht Bilder aus der Serie China: Manufactoring (2005) sind in Genk zu sehen und online auch hier.

Maryam Jafri, 1972 in Pakisten geboren, lebt in New York und Kopenhagen und verschafft mit ihrem zwölfminütigen Video Avalon (2011), das dokumentarisches Material mit Spielszenen verbindet, Einblicke in die pakistanische Produktion von Fetischkleidung. Den Mitarbeitern des Multimillionen-Betriebs mit einer, für ein islamisches Land gewiss prekären Produktpalette wird erzählt, sie würden Zwangsjacken für die Psychiatrie und body bags für die U.S. Army fertigen. Das Video finde ich online nicht – Stills und weitere Informationen gibt’s auf der Homepage von Jafri.

Please ask an attendant for instructions before using the sewing machines, the organization is not responsible for injuries. Warnschild, Foto: jvfNi Haifeng, geboren 1964 in China, lebt in Amsterdam, häuft für ihre raumgreifende Installation Para-Production, (2008-2012) in chinesischen Sweatshops zusammengesuchte Textilreste auf (was ganz hübsch an Venet und Broodthaers erinnert) und hängt einen daraus gefertigten monströsen Flickenteppich über zwei Stockwerke hinweg. Nebenbei ist eine Reihe von Singer-Nähmaschinen gestellt, mit denen man am Flickwerk weiter nähen kann, das traut sich aber niemand, Warnhinweise mahnen an die Gefährlichkeit dieser Singerteufelsdingens (Fotos, andere Ausstellungsansicht, gibt es auf Ni Haifengs Homepage).

Die Anreise nach Genk aus der Rheinprovinz ist mit der Bahn ein wenig mühsam, dauert von Köln aus etwa drei Stunden. Drei bis vier Stunden sollte man für die Ausstellung einplanen. Der Katalog wird etwas später fertig, soll dafür ab 1. Juli aber auch online zugänglich sein unter: http://catalog.manifesta9.org/.

Manifesta 9. The European Bienial of Contemporary Art. The Deep of the Modern. The Aesthetics of Coal and the Poetics of Restructuring. K: Cuauhtémoc Medina. Genk, 2. Juni – 30. September 2012.