Manifesta 12 – Die Europäische Kunstbiennale in Palermo

Kunstgärtnern an der Zukunft

Bis 4. November 2018 zeigt die 12. Europäische Kunstbiennale „Manifesta“ in der sizilianischen Hauptstadt unter dem Titel „Der planetarische Garten: Koexistenz kultivieren“ Arbeiten von rund 50 Künstlerinnen und Künstlern.

Manifesta 12, Palermo, Besucherzentrum im Teatro Garibaldi. Foto: jvf
Manifesta 12, Palermo, Besucherzentrum im Teatro Garibaldi. Foto: jvf.

Seit 1996 organisiert die in Amsterdam ansässige „International Foundation Manifesta“ alle zwei Jahre an einem anderen Ort die Europäische Biennale für Gegenwartskunst. Nach zuletzt Genk (Belgien, 2012), St. Petersburg (2014) und Zürich (2016) ist jetzt die sizilianische Mittelmeer­metropole dran, die in diesem Jahr auch italienische Kultur­hauptstadt ist.

Unter dem Titel „Der planetarische Garten: Koexistenz kultivieren“ versammelt die 12. Ausgabe der Manifesta Arbeiten von knapp 50 Künstlerinnen, Künstlern und Kollektiven. Darunter sind eher wenige Etablierte des internationalen Kunst­betriebs:

Der französische Installations- und Multimedia­künstler Kader Attia (*1970) etwa, oder die kubanische Künstlerin Tania Bruguera (*1968), der amerikanische Fotograf Trevor Paglen (*1973), Cristina Lucas aus Spanien (*1973) und schließlich Jordi Colomer (*1962), der den spanischen Pavillon der Venedig-Biennale 2017 bespielt hat.

Einen nicht geringen Charme dieser Kunst­biennale machen die 20 Spielorte aus, die sich ausgehend vom Besucher­zentrum im Teatro Garibaldi auf das Altstadt-Viertel Kalsa konzentrieren, aber auch in die Außenbezirke Palermos ausgreifen: Alte Palazzi, aufgelassene Kirchen, öffentliche Einrichtungen, der Botanische Garten und die für Palermo so charakteristischen Bauruinen.

Eine der 20 Spielstätten der Manifesta 12 in Palermo: Palazzo Forcella De Seta, Palermo. Foto: Cave Studio, Copyright: Manifesta
Eine der 20 Spielstätten der Manifesta 12 in Palermo: Palazzo Forcella De Seta, Palermo. Foto: Cave Studio, Copyright: Manifesta.

OMA und der Palermo Atlas

Anders als die letzten Ausgaben ist die Manifesta heuer nicht der kuratorischen Obhut eines Starkurators (Genk: Cuauhtémoc Medina, St. Petersburg: Kasper König, Zürich: Christian Jankowski) überlassen, sondern wird von einem vierköpfigen, interdiszipli­nären Team „kuratorischer Mediatoren“ verantwortet.

Zu diesen vier Mediatoren zählt der Architekt Ippolito Pestellini Laparelli, seit 2014 Partner des Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA), gegründet von Rem Koolhaas.

OMA war im Vorfeld der Manifesta beauftragt mit einer urbanistischen Studie über Palermo als Basis des kuratorischen Konzepts der Manifesta 12: Ein Versuch, sich ernsthaft auf den Standort einzulassen und damit Fehler zu vermeiden, die der letztjährigen Documenta für ihr Gastspiel in Athen erhebliche Kritik eingebracht hat.

Das Ergebnis ist als „Palermo Atlas“ für sparsame 25 Euro erhältlich, ist aber eher eine Sammlung von Impressionen als eine gründliche stadt­soziologische Studie.

Jedenfalls tritt Palermo in dem Atlas und im kuratorischen Konzept der Manifesta als Laboratorium der Diversität auf. Die Lage an der Schnittstelle zwischen drei Kontinenten mache Palermo zu einer „global city“ und zu einem Gebiet im Epizentrum gegenwärtiger Trans­formations­prozesse.

Palermo, Auf der Piazza Magione vor dem Teatro Garibaldi. Foto: jvf
Palermo, Auf der Piazza Magione vor dem Teatro Garibaldi. Foto: jvf.

Die Carta di Palermo

Im Frühjahr 2015 hat sich die Giunta Comunale, die Stadt­regierung Palermos, auf die „Carta di Palermo“ verpflichtet. Die Charta verwirft gegenwärtige Normen des Aufenthalts­rechts zugunsten einer Vorstellung von grenz­überschreitender Mobilität als unveräußer­lichem Menschen­recht.

Der Bürgermeister Leoluca Orlando, der seit den 1990er Jahren durch seine Anti-Mafia-Politik auch international einige Berühmtheit eingesammelt hat – und generell durch bemerkenswert vernünftige Aussagen auffällt – sagt:

Was einst die Hauptstadt des Würgegriffs der Mafia war, ist heute – dank einer moralischen Revolte, die von Zivil­courage getragen wurde – die Kultur­hauptstadt. Wir arbeiten daran, Palermo nicht nur zur Kultur­hauptstadt, sondern zur Hauptstadt von Kulturen aus aller Welt zu machen, dank all derer, die sich entschlossen haben, hier zu leben. Im täglichen und häuslichen Leben unserer Stadt werden Unter­schiede als Reichtum und als Möglichkeit begriffen. Hier – und das ist eine unumkehrbare Entscheidung – gibt es keine Migranten: Wer in Palermo ankommt, wird ein Palermitaner.

Soweit das Programm des Bürgermeisters und mittelbar auch das Konzept der Manifesta: In der gegen­wärtigen Realität ist Palermo hingegen verblüffend weit davon entfernt, eine multi­kulturelle Metropole zu sein, trotz der Vielfalt der historischen Sedimente aus arabischen, normannischen, byzantischen, staufischen und spanischen Einflüssen.

Die Einwohner­statistik bestätigt den Eindruck, den man in den Straßen der Stadt gewinnt und weist nur knapp 4% Wohn­bevölkerung ohne italienischen Pass aus (darunter übrigens 93 Deutsche). Zum Vergleich: Palermos Partnerstadt Düsseldorf kommt auf gut 22%. Palermo ist zwar zweifellos für Touristen, aber keineswegs für Einwanderer attraktiv.

Gleichviel, Einwanderung und Flucht sind bestimmende Themen dieser Manifesta – und ich bin ja froh über jede Position, die nicht auf den Zug der Xenophobie, des Isolationismus und des Leitbilds einer Festung Europa aufspringt, selbst wenn die ein oder andere Arbeit auf dieser Manifesta dabei in den Gesinnungskitsch abrutscht.

Dies gilt umso mehr, nachdem nicht nur in Italien die neue Koalition aus rechts­radikaler Lega und diffus populistischem Movimento 5 Stelle rassistisch verhaltensauffällig wird, sondern sogar in Deutschland die Angst vor dem rechten Pöbel nunmehr das Regierungs­handeln zu bestimmen scheint.

Der dokumentarische Blick

Auffällig ist die Dominanz von Dokumentations- und Rechercheprojekten auf der Manifesta 12. Zu den stärksten gehört dabei die Multimedia­installation der Forensic Oceanography, einem Spin-off aus der Forensic Architecture (gegr. 2011 in London – auf der Documenta 14 vertreten mit einer Rekonstruktion des NSU-Mordes an Halit Yozgat): Liquid Violence dokumentiert minutiös das Elend von schiffbrüchigen Flüchtenden auf dem Mittelmeer (Palazzo Forcella De Seta).

Forensic Oceanography, Liquid Violence, 2018. Videoinstallation und mixed media. Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist
Forensic Oceanography, Liquid Violence, 2018. Videoinstallation und mixed media. Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist.

Bewegend sind Erkan Özgens (*1971 in Derik, Türkei) Interviews mit Frauen, die aus dem Nordirak vor dem Terror des Daesh fliehen mussten: Purple Muslin (Video, 16:24 min.), ebenfalls im Palazzo Forcella De Seta.

Die stärkste Arbeit in diesem Segment ist aber Wishing Trees (Sechskanalvideo- und mixed media Installation) von Uriel Orlow (*1973 in Zürich), weil sie jenseits des dokumentarischen Ansatzes zu einer symbolischen und narrativen Verdichtung findet.

Orlow nimmt sich drei Bäume, die für Sizilien historische Bedeutung haben: Die Zypresse am Rand Palermos, die einer Legende nach, aus dem Stab San Benedetto Manasseris gewachsen sein soll, des ersten schwarzen Heiligen der katholischen Kirche; die große Feige vor dem Haus im Viertel Libertà, in dem der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone gelebt hat, der 1992 zusammen mit seiner Frau und drei Leibwächtern von der Mafia ermordet wurde; der Stumpf eines Olivenbaums in Cassabile, in dessen Schatten im September 1943 der Waffen­stillstand zwischen den Alliierten und Italien unterzeichnet wurde.

Uriel Orlow, Wishing Trees, 2018. Videoinstallation, Dokumente und Gegenstände in Vitrinen, Fotografie, variable Dimensionen. Foto: Wolfgang Träger, Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist
Uriel Orlow, Wishing Trees, 2018. Videoinstallation, Dokumente und Gegenstände in Vitrinen, Fotografie, variable Dimensionen. Foto: Wolfgang Träger, Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist.

Orlow verbindet Aufnahmen dieser Bäume mit eindringlichen Interviews mit der Politikerin und Anti-Mafia-Aktivisten Simona Mafai und drei afrikanischen Einwanderern, die in Palermo Arbeit als Koch gefunden haben (Palazzo Butera).

Der militärisch-technische Komplex

Gleich mehrere Projekte der Manifesta arbeiten sich – in allerdings sehr unter­schiedlicher Qualität – an „MUOS“ ab, genauer: der europäischen Bodenstation des satelliten­gestützten Kommunikations­systems der US-Navy.

Die Station wurde gegen den Widerstand von Bevölkerung, Umwelt- und Friedens­aktivisten und nach langen gerichtlichen Auseinander­setzungen 2016 bei Nascemi im Südosten Siziliens betriebsfertig gestellt.

Tania Bruguera, Article 11, 2018 (Mural von Guglielmo Manenti). Mixed media Installation, variable Dimensionen. Foto: Wolfgang Träger Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist
Tania Bruguera, Article 11, 2018 (Mural von Guglielmo Manenti). Mixed media Installation, variable Dimensionen. Foto: Wolfgang Träger Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist.

Tania Bruguera hat in ihrem Dokumentations­projekt article 11 ein Mural des sizilianischen Grafikers und Karikaturisten Guglielmo Manenti (*1976 in Scicli, Sizilien) und Material aus den Archiven des „Movimento No MUOS“ zusammengestellt. Darunter ist auch die Urkunde des Aachener Friedens­preises, der der „No MUOS“-Bewegung 2017 verliehen wurde (Palazzo Ajutamicristo).

Etwas nördlich vom Hauptgeschehen, in der Casa del Mutilato, dem Haus der Kriegs­versehrten, 1936-39 unter Mussolini unweit des Teatro Massimo gebaut, hat die spanische Künstlerin Cristina Lucas (*1973 in Jaén) ihre Video­installation Unending Lightning (2015ff.) eingerichtet. Lucas dokumentiert Luftangriffe mit zivilen Opfer, die seit 1911 zum Inventar der Kriegsführung gehören.

Auf einer zoomenden Weltkarte werden Tag für Tag Bomben­einschläge verortet, 2½ Sekunden Zeit hat es für jeden Tag in den letzten 117 Jahren, für den Luftangriffe registriert sind: 6 Stunden dauert der Loop.

Die resultierende Weltkarte des Luftterrors ist lehrreich: Europa ist für die ersten 3½ Jahrzehnte natürlich der Schwerpunkt, später Südostasien, aber für die letzten anderthalb Jahrzehnte ist die Karte kaum je anders als auf den nahen und mittleren Osten ausgerichtet.

Christina Lucas, Unending Lightning, 2015 – fortlaufend. Videoinstallation, variable Dauer. Foto: Wolfgang Träger, Photo Courtesy: the artist
Christina Lucas, Unending Lightning, 2015 – fortlaufend. Videoinstallation, variable Dauer. Foto: Wolfgang Träger, Photo Courtesy: the artist.

Auf dem linken Screen sind dazu die nackten Zahlen der Opfer und Täter­zuweisungen zu lesen, rechts Bilder der Zerstörung, der Opfer und der Kriegs­maschinerie. Man muss davon ausgehen, dass Lucas᾿ Material noch sehr lückenhaft ist.

Orto Botanico

Zu den Leitgedanken dieser Manifesta gehört die Idee eines „Plane­tarischen Gartens“. Gärten werden in ihrer Eigenschaft, Unterschiede fruchtbar machen zu können und Leben aus Bewegung und Wanderung zu schaffen dabei zu einer Metapher gesellschaftlicher Utopien:

In Gärten arbeiten Natur und Kultur zusammen; Ökosysteme handeln Koexistenz aus mit dem Fremden und dem Toxischen.

Ich bin nicht sicher, ob die biologistische Dimension der Metapher eine so clevere Idee ist, aber sie beschert der Manifesta einen der schönsten Spielorte: den Orto Botanico, den Botanischen Garten Palermos.

Etwas irritierend, aber die stärkste Arbeit im Orto Botanico ist der in einen Bambushain platzierte „öko-queere“ Gefäßspornen­porno Pteridophilia (Einkanalvideos, insges. 37 min., 2016ff.) von Zheng Bo (*1974 in Peking).

Der chinesische Multimedia­künstler hat für seine Videos mehrere, ausnehmend hübsche Jungen in einen taiwanesischen Wald geschickt und in intensiven Bildern beim Sex mit Farnen gefilmt. Die meisten Manifesta-Besucher reagieren etwas befremdet auf die sehr explizite Darstellung.

Zheng Bo, Pteridophilia 1, 2016 – fortlaufend. Video, 17:14 min. Foto: Wolfgang Träger, Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist
Zheng Bo, Pteridophilia 1, 2016 – fortlaufend. Video, 17:14 min. Foto: Wolfgang Träger, Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist.

Im Botanischen Garten findet auch eine Gattung ihren Platz, die auf gegenwärtigen Kunst­biennalen eher randständig geworden ist: Toyin Ojih Odutola (*1985 in Ile-Ife, Nigeria) zeigt unter dem Titel Scenes of Exchange eine Auswahl ihrer gegenständlichen Kohle- und Pastell-Zeichnungen, die in Alltags­szenen und Portraits Spuren der Migration, des kulturellen und des Waren­austausch ausmachen.

Eine Bühne für die Stadt

Zu den Projekten der Manifesta, die die Stadt Palermo nicht nur als Symbol oder Metapher nehmen, sondern als konkreten Gegenstand aufgreifen, gehören z.B. eine garten­bauliche Intervention im Problembezirk ZEN (Coloco + Gilles Clément, Becoming Garden, Dokumentation im Palazzo Constantino) und ein literarisches Projekt des parlermi­tanischen Schriftstellers Giorgio Vasta (*1970 in Palermo), der ortsansässige Autorinnen und Jugendliche für einen textlichen Parcours durch die Stadt gewonnen hat: City Scripts (Teatro Garibaldi und auch online unter m12.manifesta.org).

In Sachen Performances hat die parlermi­tanische Tradition der Prozession zum Fest der Heiligen Rosalia auf die Manifesta-Künstler prägende Wirkung gehabt. Jelili Atiku (*1968 in Ejigbo, Nigeria) hat mit Festino della Terra eine synkretistische, west­afrikanische Mythen und religiöse Praktiken einbindende Version der Prozession eingerichtet.

Jelili Atiku, Festino della Terra (Alaraagbo XIII), 2018. Performance und mixed media Intallation. Foto: Francesco Bellina, Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist
Jelili Atiku, Festino della Terra (Alaraagbo XIII), 2018. Performance und mixed media Intallation. Foto: Francesco Bellina, Photo Courtesy: Manifesta 12 Palermo and the artist.

Und Marinella Senatore (*1977 in Cava de᾿ Tirreni, Italien) hat mit professionellen Performern und Laien aus Palermo die Palermo Procession als tänzerische Intervention organisiert.

Die Performances selbst waren nur während der Eröffnungs­tage zu sehen, man muss sich also mit den – allerdings eindrucksvollen – Dokumentationen und Präsentationen in der Chiesa dei SS. Euno e Giuliano (Senatore) und im Palazzo Constantino (Atiku) begnügen.

Praktische Hinweise

Ein-Tages-Tickets für die Manifesta kosten 15€, Drei-Tages-Tickets 25€. Letztere machen erheblich mehr Sinn, aber wer es eilig hat und nur einen Tag investieren kann, erhält einen schnellen Eindruck von dieser Manifesta durch Beschränkung auf vier Haupt­standorte: den Palazzo Ajutamicristo, den Orto Botanico und die Palazzi Forcella de Seta und Butera.

Der Weg vom Teatro Garibaldi und zwischen diesen vier Standorten ist in insgesamt einer halben Stunde zu machen und lässt man die ein oder andere Videoarbeit nur angesehen, ist das in einem Ausstellungstag zu machen (Di-So 10-20h, für einige andere Standorte gelten andere Zeiten).

Die gedruckten Materialen zur Manifesta 12 (Atlas, Reader und Guidebook) schlagen mit insgesamt 57€ zu, unverzichtbar ist aber nur das Guidebook (15€), es sei denn man verlässt sich auf die im Wesentlichen inhaltsgleiche, kostenlose Manifesta-App, die zudem bei der Navigation zwischen den Standorten hilfreich ist.

Manifesta 12. The European Nomadic Biennial. The Planetary Garden: Cultivating Coexistencen. K: Bregtje van der Haak, Andrés Jaque, Ippolito Pestellini Laparelli, Mirjam Varadinis. Palermo, 16. Juni – 4. November 2018.