Lovis Corinth Retrospektive in Regensburg

Kreuzabnahme bei Butterbrot

Im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie ist noch bis Mitte Februar 2009 die Ausstellung „Lovis Corinth und die Geburt der Moderne“ zu sehen. Die Retrospektive umfasst rund 100 Gemälde, die zwischen 1883 und Corinths Todesjahr 1925 entstanden sind.

Corinths Geburt jährt sich heuer zum 150. Mal. Das ist Grund genug, Rückschau zu halten auf das Werk eines der erfolgreichsten und sicher eines der vielseitigsten Maler des späten Kaiserreichs. Die Ausstellung war zuvor, in unterschiedlicher Bestückung, zu sehen im Pariser Musée d’Orsay und im Leipziger Museum der bildenden Künste, wo sich – wie man liest – zusammen 300.000 Besucher eingefunden haben. In Regensburg geht es weitaus beschaulicher zu, was den unschätzbaren Vorteil macht, in Ruhe schauen zu können. Anders als in den vorherigen Stationen ist in der Ostdeutschen Galerie das graphische Werk Corinths vorerst ausgeklammert und wird Gegenstand einer eigenen Ausstellung im Anschluss an diese Retrospektive sein.

Corinth, Salome, 1899/1900. Rechte: gemeinfrei.Geboren 1858 im ostpreußischen Tapiau, studiert der Sohn eines Gerbermeisters an Kunstakademien in Königsberg, München und Paris und lässt sich sodann zunächst in München nieder. Der Durchbruch gelingt ihm aber erst im Jahr 1900, als die Münchener Secession die Ausstellung seiner Salome ablehnt und Corinth frustriert nach Berlin geht. Dort wird die Salome zum Aufreger der Saison und er steigt auf zu einer der Schlüsselfiguren der Berliner Kunstschickeria.

So recht sympathisch aber wird der mir nicht, dieser Herr Corinth: ein eher grobschlächtiger Kerl, der den krachledernen, lärmenden Auftritt pflegt, vielleicht um den Dämon der Depression zu vertreiben, der ihn über lange Jahre verfolgt. Und ein bisschen vulgär ist er. Es gibt Bilder von ihm, die als Lehrbeispiel in Sachen Dummheit in der Malerei bereit hängen. Im Schutze der Waffen von 1915 ist so ein Ding: Der Recke in Ritterrüstung, der mit seiner Lanze der nackten Verfolgten in den Stürmen des Krieges Schutz verspricht. Das Bild ist so dämlich, der Recke blickt so albern grimmig entschlossen drohend, dass das eigentlich nur ironisch gemeint sein kann, aber wohl nicht ist. Corinth gehört zu denen, die an der Heimatfront nationalbesoffen durch den Ersten Weltkrieg torkeln und eine wahre deutsche Kunst in Stellung bringen wollen gegen den welschen Ungeist.

Vom Kopf auf die Füße stellen

Das mit der Ironie ist sonst eigentlich eine seiner Stärken, und mitunter kann er sogar Selbstironie: Das Selbstportrait als großformatfüllender Stier, der von seiner mehr als zwanzig Jahre jüngeren Frau Charlotte mit rosa Bändchen am Nasenring geführt wird (Mädchen mit Stier, 1902) ist eine hübsche Karikatur der kraftmeiernden Selbstinszenierung Corinths, freilich ohne die Prätention uneingeschränkter Potenz aufzugeben. Und immer wieder hat er traditionelle Motive der Malerei aufgegriffen und ironisch, entidealisierend unterwandert. Die Kreuzabnahme von 1906 ist so ein Beispiel für seine Methode, mythologische Sujets vom Kopf auf die Füße zu stellen. Im Vordergrund bemühen sich in handwerklicher Sachlichkeit zwei sehr heutig wirkende Gestalten um die Entfernung des unteren Kreuznagels mit brutaler Zange, beiseite steht breitbeinig der Hauptmann, beobachtet das Schauspiel und mampft dabei ein Butterbrot – es ist ja schon später am Abend. Der Schmerzensmann selber wirkt recht lebendig in Haltung und Muskeltonus. Nikodemus auf der Leiter blickt Zustimmung suchend unverwandt auf den Betrachter: Ist das jetzt die richtige Stellung, scheint er zu fragen. Das Schauspielhafte, die ostentative Inszeniertheit des Motivs markiert die größtmögliche Distanz zur religiösen Einbindung der Bildtradition.

Es ist ein Jammer, dass einige Schlüsselwerke zu mythologischen Sujets aus den späten, expressionistischen Jahren Corinths nicht für die Regensburger Ausstellung geliehen werden konnten (etwa Der rote Christus von 1922 und Ecce Homo, 1925). Zum Glück ist aber die wunderbare Geburt der Venus von 1923 im eigenen Bestand und hängt für die Zeit dieser Retrospektive neben dem letzten Selbstbildnis von 1925. Die Venus gehörte zu seinen Lieblingsbildern und löst die Gegenständlichkeit des Motivs in eine ungeheuer dynamische, fast gestische Expressivität auf.

Der Fleischmaler

Neben den Selbstportraits und den mythologischen Bildern zeigt die in fünf Themenkreise sortierte Schau noch eine Auswahl seiner Portraits von Granden der Berliner Kunst- und Kulturszene, desweiteren Landschaftsbilder und eine Fülle von Akten und Halbakten: „Fleischmaler“ war eines der Label, die ihm Zeitgenossen angeheftet haben. Das Fleisch folgt dem antiidealistischen Impuls und ist weit üppiger und älter als es das akademische Schönheitsideal gestattet. In den besten Bildern erinnert das ein wenig an Courbet, hat in dieser Häufung aber etwas von einer traurigen, verzweifelten Gier.

Corinth, Walchensee mit Lärche, 1921. Foto: jvf.Die Landschaften sind etwas versteckt im zweiten Stock, inmitten der ständigen Ausstellung der Ostdeutschen Galerie zu finden, darunter einige seiner Ansichten des Walchensees, an den sich Corinth nach dem Krieg immer häufiger zurück zieht, persönlich beleidigt vom Untergang des Kaiserreichs, von Revolution und Republik. Aber was für Landschaften.

Der mächtige Katalog zur Ausstellung ist im Kerber Verlag erschienen, bringt gute Reproduktionen, füllt die Leerstellen der Ausstellung auf und kostet in der Museumsausgabe ausgesprochen moderate 29€.

Lovis Corinth und die Geburt der Moderne. K: Ulrike Lorenz, Hans-Werner Schmidt, Serge Lemoine. Regensburg, Kunstforum Ostdeutsche Galerie. 9. November 2008 – 15. Februar 2009.