„Königsallee“ nach Hans Pleschinski im Düsseldorfer Schauspielhaus

Schulfernsehdramatik am Heimatabend

Zur Eröffnung der Spielzeit 2015/2016 widmet sich das Düsseldorfer Schauspielhaus dem Familie-Mann-Komplex, zunächst mit einer Dramatisierung von Hans Pleschinskis Bestseller „Königsallee“. Die von Wolfgang Engel eingerichtete Uraufführung misslingt allerdings gründlich.

Das Düsseldorfer Schauspiel hat eine weitere schwierige Saison vor sich. Die Sanierungsbemühungen um das Schauspielhaus gehen in die nächste Runde: Ab Anfang 2016 bleibt die Spielstätte am Gustav-Gründgens-Platz für – so der Plan – ein knappes Jahr geschlossen. Dach und Fassade müssen ausgebessert, Belüftungs- und Heizungsanlagen erneuert werden. Als Ausweichspielplatz soll derweil das Central am Hauptbahnhof dienen.

Den ungleich schwierigeren Versuch, das krisengeschüttelte Theater in künstlerischer Hinsicht und in Sachen Publikumszuspruch zu sanieren, unternimmt Interimsintendant Günther Beelitz jetzt in seiner zweiten und letzten Session. In der Spielzeit 2016/2017 wird dann der Hoffnungsträger aus Dresden, Wilfried Schulz, die Leitung übernehmen. Beide sind nicht um ihre Aufgabe zu beneiden.

Noch im alten Haus also beginnt die jetzige Saison außergewöhnlich früh im Jahr mit zwei Roman-Dramatisierungen aus dem Düsseldorfer Mann-Komplex: Hans Pleschinskis Königsallee (2013) erzählt vom kurzen Düsseldorf-Aufenthalt Thomas Manns im Jahre 1954 und Klaus Manns Mephisto (1936) erzählt – in Anlehnung an den Fall Gustav Gründgens, dem Fassadenheiligen des Düsseldorfer Schauspiels – von einer Theaterkarriere im Dritten Reich.

Düsseldorf, 1954

Düsseldorf im August 1954. Thomas Mann, Katia und Erika Mann besuchen die Stadt, eine Lesung im Schumann-Saal, ein feierlicher Empfang und Souper im Malkasten stehen an. Man steigt ab im Luxushotel an der Königsallee, im Breidenbacher Hof, „elegantes Zimmer im 1. Stock mit luxuriösem Bad“. Der Besuch bringt das Hotelpersonal ins Rotieren, Honoratioren ins Schwafeln, Bekannte und Klienten ins Antichambrieren. Zudem kommt es zu einer späten Begegnung des 79-jährigen Thomas Mann mit Klaus Heuser, dem „Geliebten von einst“, jetzt ein Kaufmann in seinen Mittvierzigern. Einst, 1927 in der Sommerfrische auf Sylt, hatte sich Mann in den Jüngling Klaus verliebt.

Soweit der, historisch Verbürgtes und Fiktives kombinierende Stoff, aus dem Pleschinskis 2013 veröffentlichter Bestseller gestrickt ist. Ob die Romanvorlage wirklich für eine Dramatisierung taugt, weiß ich nicht. Ilja Richter hat versucht, das zu machen, die Düsseldorfer Einrichtung entfernt sich aber weit von dessen Textfassung („Uraufführung der Düsseldorfer Fassung nach der Roman-Dramatisierung von Ilja Richter“ ist der Abend im Programmheft überschrieben). Sicher kann eine solche Dramatisierung indes nur gelingen, wenn man die ausgeprägt komödiantisch-satirische Seite des Romans ausspielt. Die Düsseldorfer Inszenierung jedenfalls nimmt davon weitgehend Abstand, versetzt lieber schulfernsehartige Spielszenen mit Heimatreferenzen und viel Killepitsch.

„Die Juden sind schuld“

Ein Conférencier (sehr präsent und stimmgewaltig: Martin Reik) springt als Erzähler ein, macht den Hotelchef und eine Reihe etwas seltsamer Musikeinlagen im modernisierten Alleinunterhaltersound, vom Wirtschaftswunder über die Capri-Sonne und La Paloma bis zu den Toten Hosen. Der Sinn dieser Einlagen bleibt mir verschlossen, aber schlimmer noch: Es gibt einen ungeheuer peinlichen Moment an diesem Premierenabend. Der Schlager von Capri und der untergehenden Sonne endet im Sprechgesang des Conférenciers, „Die Juden sind schuld / Die Juden sind schuld / Die Juden sind schuld“. Wie nach jeder Musikeinlage applaudiert das Premierenpublikum. Wem oder was applaudiert da die Düsseldorfer haute société? Dem Sänger, dem Slogan sebst oder dieser schonungslos präzisen Analyse des Nachkriegsantisemitismus, die das Schauspiel da anbietet?

Olaf Altmann hat die Bühne sehr abstrakt und sehr clever eingerichtet: Meterhohe, schwarze Wände und Stelen in acht Reihen parallel gestellt markieren enge Hotelflure und vielleicht auch das historische Gepäck im Deutschland der 1950er. Die Drehbühne rotiert beinahe durchgängig, darauf macht das Ensemble sein Möglichstes. Claudia Hübbecker ist teilweise eine angemessen kackige „Eri“, Jakob Schneider ist sehr eindringlich als verzweifelt um Anerkennung durch den „Zauberer“ ringender Golo Mann. Harald Schwaiger als Klaus Heuser glaubt man den früher hübschen Bengel und Reinhart Firchow gewinnt den Thomas-Mann-Lookalike mit deutlichem Abstand vor Müller-Stahl. Dem verkorksten Regiekonzept hilft das aber auch nicht ab.

Das Premierenpublikum im voll besetzten Großen Haus indes applaudiert lang, aber etwas ermattet, keine Buhs.

Hans Pleschinski: Königsallee. Düsseldorfer Fassung nach der Roman-Dramatisierung von Ilja Richter. R: Wolfgang Engel. D: Martin Reik, Harald Schwaiger, Yung Ngo, Reinhart Firchow, Claudia Hübbecker, Jakob Schneider u.a. Düsseldorfer Schauspielhaus, Großes Haus. UA: 29. August 2015, 2h o.P.