Samuel Taylor Coleridge, Expectorations, 1834

But tell me, nymphs!

Ein Klassiker der Kölnbeschimpfung, der in keinem taug­lichen Reiseführer fehlen darf. Im Sommer 1828 macht der englische Dichter der Romantik S. T. Coleridge (1772-1834) für einige Wochen Urlaub auf dem Rhein, zusammen mit seinem Dichterkollegen William Wordsworth und dessen Tochter Dora. Während Wordsworth einige Jahre zuvor seine Hymne auf den Kölner Dom schreibt und die Engel um Hilfe zur Vollendung dieses Tempels anfleht, lässt sich Coleridge in Bezug auf Köln nur zu zwei launigen Stegreifdichtungen herbei, den Auswürfen, die den Topos der stinkenden Stadt am Rhein aufgreifen (Topoi müssen ja nicht unbedingt fern der Realität sein).

Diese Auswürfe (man muss sich den Auswurf hier sehr manifest-körperlich vorstellen) werden das erste Mal publiziert in der Anthologie Friendship’s Offering auf das Jahr 1834, dort auch versehen mit den Anmerkungen, wie sie hier wiedergegeben werden. In den Ausgaben der Poetical Works Coleridges wird dann alsbald die Reihenfolge der beiden Extempores umgekehrt, der Haupttitel beiseite gelassen und der (dann zuerst stehende) zweite Auswurf mit dem schlichten Titel Cologne versehen. Ich zitiere nach dem Erstdruck, nicht zuletzt wegen des hübschen Titels und der Anmerkungen. Der einzige Nachteil, den ich in dieser Fassung sehe, ist, dass hier in der ersten Zeile des zweiten Auswurfs noch das etwas brave Coln steht, das in späteren Abdrücken durch das, für englische Leser sicher weitaus amüsantere Köhln ersetzt wird.

An Expectoration, or Splenetic Extempore,

On My Joyful Departure from the City of Cologne.

As I am a Rhymer,
And now at least a merry one,
Mr. Mum’s Rudesheimer*
And the church of St. Geryon
Are the two things alone
That deserve to be known
In the body-an-soul-stinking town of Cologne.

Expectoration the Second.

In Coln, a town of monks and bones,
And pavements fang’d with murderous stones;
And rags, and hags, and hideous wenches;
I counted two-and-seventy stenches,
All well-defined and several stinks!
Ye nymphs that reign o’er sewers and sinks,
The river Rhine, it is well known,
Doth wash your city of Cologne;
But tell me, nymphs! what power divine
Shall henceforth wash the river Rhine?§

* The apotheosis of Rhenish wine.

The German name Cologne.

Of the eleven thousand virgin martyrs.

§ As Necessity is the mother of Invention, and extremes beget each other, the fact above recorded may explain how this ancient town (which, alas! as sometime happens with venison, has been kept too long,) came to be the birth-place of the most fragrant of spirituous fluids, the Eau de Cologne.

Aus: Friendship’s Offering and Winter’s Wreath: A Christmas and New Year’s Present, for 1834. London: Smith, Elder and Co., 1834. S. 360. Ein Digitalisat ist über archive.org zugänglich.


Ein Auswurf, oder übellauniges Extempore,

anlässlich meiner erfreulichen Abreise aus Köln am Rhein.

Da ich nun ein Reimer
Und noch dazu ein lust’ger bin,
Kommt mir nur Mums Rüdesheimer *
Und Sankt Gereon in den Sinn,
Als die zwei Ding allein,
Die’s verdient, bekannt zu sein
Aus dem an Leib und Seel‘ stinkenden Köln am Rhein.

Der zweite Auswurf

In Köln, der Stadt der Mönche und Gebeine,
Und Pflaster bezahnt mit möderischem Steine;
Und Lumpen, und Vetteln, und scheußlichen Weiber;
Da zählt‘ ich zweiundsiebzig üble Gerüche,
All‘ wohl zu scheiden – und manches Gestänke!
Ihr Nymphen, Ihr Herrscher der Kloake und Senke:
Der Rhein, das ist uns wohlbekannt,
Er wäscht die Stadt Köln mit eig’ner Hand;
Doch sagt mir, welch göttlich Macht soll’s sein,
Die fürderhin wird waschen den Rhein? §

* Die Apotheose des Rheinweins.

Der deutsche Name für Cologne.

Der elftausend jungfräulichen Märtyrer.

§ Da die Not die Mutter der Erfindung ist und Gegensätze sich befruchten, könnte die oben beschriebene Tatsache erklären, wie diese alte Stadt (welche, ach!, wie es mitunter mit Wildbret geschieht, schon zu lange aufbewahrt wird), dazu kam, der Geburtsort des wohlduftendsten der geistigen Flüssigkeiten zu werden, des Eau de Cologne.

Eigene Übersetzung. Für Verbesserungsvorschläge bin ich sehr dankbar, zumal für einen tauglichen Reim auf die dritte und vierte Zeile des zweiten Auswurfs. Und: „geistige Flüssigkeiten“ klingt etwas daneben, aber wie übersetzt man „spirituous fluids“?

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