Karin Henkel inszeniert Euripides‘ Iphigenie in Köln

Handeln leiden lernen

Am Schauspielhaus Köln inszeniert Karin Henkel die Iphigenie des Euripides als ebenso gegenwärtiges wie stimmiges Lehrstück über die Logik der Gewalt, gegen die Rhetorik des Opfers und der Vergeltung.

Vor dem großen Krieg. Die griechische Armada liegt untätig in der Bucht vor der Hafenstadt Aulis und wartet auf ein Ende der Flaute, um endlich nach Troja zu segeln, um endlich das Gemetzel zu beginnen: den trojanischen Krieg eben. Der Seher Kalchas hat derweil dem Heerführer der Griechen, Agamemnon, aufgetragen, dessen eigene Tochter (also Iphigenie) der Göttin Artemis zum Opfer hinzuschlachten, das werde für günstige Winde sorgen. Soweit die Ausgangslage, deren ungeheuerliche Folgen dem giechischen Dramatiker Euripides vor bald zweieinhalbtausend Jahren als Stoff zweier düsterer Stücke diente.

In Köln werfen zunächst einmal aus dem Bühnenhintergrund fünfzig Scheinwerfer grelles Licht in den Zuschauerraum. Einundfünfzig wären es, aber einer ist kaputt – keine Ahnung, ob das zum Regiekonzept gehört. Dann klappt eine rückwärtige Wand herunter und macht die Bühne von Kathrin Frosch zu einer ausweglos finsteren Box aus grauen Stahlbetonwänden, die die Schlächter und ihre Opfer gefangen setzen. Die Logik des Krieges und die Logik der Tragödie lässt keine Ausflucht zu, kein Drittes.

Patriotisch verstrahltes Einvernehmen

Das Licht des Tages ist es, das Iphigenie so gerne noch länger sehen würde, allemal besser jedenfalls wäre das, als das Opfervieh auf dem Altar zu geben. Angelika Richter macht eine rührend naive Iphigenie, die mit großen rollenden Augen dem großen Glück entgegen sieht, das ihr versprochen ist: die Heirat mit dem größten der griechischen Helden, Achilleus. Dieses Versprechen ist der Trick, mit dem Agamemnon seine Tochter und ihre Mutter ins Heerlager lockt, selbst wankelmütig, zerrissen zwischen Vaterliebe und politischer Notwendigkeit, letztlich aber sicher, dass ihm keine andere Möglichkeit bleibt: das Heer würde ihn und Iphigenie ansonsten abschlachten – dann schon besser die Tochter selber schlachten (und sich dadurch in Sicherheit bringen).

Diese großen naiven Augen sind es auch, die es so unerträglich machen, dass Iphigenie irgendwann in ihr Schicksal einwilligt, ihre Rede der Einsicht in die Notwendigkeit, ihre patriotisch verstrahlte Einwilligung in die eigene Hinrichtung zum angeblich Besten des Vaterlandes („Für diesen Tag bin ich geboren“). Der Mythos und Euripides wollen es so, dass Iphigenie in letzter Sekunde gerettet wird, von Artemis, die sie in eine Wolke gehüllt ins barbarische Tauris verschickt und an ihrer Statt eine Hirschkuh meucheln lässt. Das ist natürlich eine wohlfeile Propagandalüge, daran lässt Karin Henkels Inszenierung erstmal keinen Zweifel: Iphigenie liegt mit durchschnittener Kehle auf dem Bühnengrund.

Sie sind das Volk

Gegen die Reden (weniger gegen das Handeln) der Mächtigen tritt der Chor als Vertreter der Menschen an. Sie sind das Volk, das jenseits der Haupt- und Staatsaktionen manchmal reichlich verpeilt den Krieg feiert, aufgegeilt von der Anwesenheit der noch strahlenden Helden. Manchmal aber formuliert dieser Chor bodenständige Weisheiten, die aller Propaganda überlegen sind, dass das Handeln der Mächtigen wie ein reißender Fluss ist, dass es besser ist, sich abseits zu halten, im kleinen Leben zu leben, vielleicht dabei sich im Kreise zu drehen, ein wenig Langeweile zu tragen, aber jedenfalls nicht das Rad der Geschichte über das Genick der Menschen zu walzen.

Andererseits wissen wir, dass das auch eins in die Tasche gelogen ist, dieses Gegenüber von den kleinen Leuten hier unten und denen da oben. Jeder kann heute die da oben hinweg fegen und macht es nicht – und wenn, dann um den Preis, dass er ihresgleichen (oder seinesgleichen) wird. Folgerichtig wechseln die Protagonisten (mit Ausnahme Agamemnons) ständig über in den Chor der kleinen Leute, ein schwarzer Überwurf signalisiert den Rollenwechsel.

Lina Beckmann allerdings hat als Chorführerin (und als greiser Diener des Agamemnon) große komödiantische Auftritte. Ihr polternd bäuerliches, vom holzfällerkarierten Hemd beglaubigtes Auftreten wird den Mächtigen zum Gespött und dem Publikum zur Gaudi, weil sie in schüchterner Blödigkeit sprachfehlernd die öffentliche Rede versemmelt.

Der Tragödie zwei Teile

Euripides also hat zwei Tragödien aus dem Stoff gezogen, Iphigenie in Aulis und Iphigenie bei den Taurern, vor und nach dem Opfertod. Beide sind Ende des fünften vorchristlichen Jahrhunderts entstanden, als die Schlächtereien des Peloponnesischen Krieges die altgriechischen Welt erschütterte und dem Dramatiker patriotische Gewissheiten ausgetrieben hatten.

Karin Henkels Inszenierung nutzt eine modernisierende Übertragung von Soeren Voima (2002 in Mannheim uraufgeführt), für die Bühne neu eingerichtet von ihr selbst und von der Dramaturgin Rita Thiele. Das bleibt zunächst nahe an Euripides‘ Aulis-Tragödie. Der Tragödie zweiter Teil aber, der im taurischen Exil, mehr als zehn Jahre nach Iphigenies Opferung spielt, konzentrieren Henkel/Thiele zu einem kurzen Epilog der Vergeblichkeit. Inzwischen ist der trojanische Krieg vorüber, Agamemnon wurde von seiner Frau ermordet, beider Sohn Orest hat diese Mordtat an seiner Mutter gerächt und wird jetzt von den Rachegöttinnen als Muttermorder verfolgt; die Bilanz:

Umsonst, dass der Vater seine Tochter schlachtete,
Umsonst, dass Griechenland in den Krieg zog,
Umsonst, dass die Gattin ihren Gatten erschlug,
Umsonst, dass der Sohn die eigene Mutter ermordete.

Felix Goeser, der im ersten Teil einen bedrohlich präsenten Agamemnon macht, ist für diesen Epilog der in den Wahsinn getriebene Muttermörder Orest und schreibt rasend an die Spuntwände des Bühnengefängis „Durch Leiden lernen“, der Chor skandiert „Tun, Leiden, Lernen“ – letzteres steht erkennbar bis heute aus.

Folgerichtig und gegen Euripides ist Iphigenie in diesem bösen Nachspiel nur Gegenstand staatserhaltender Propagandabemühungen, soll als Marionette wiederbelebt werden. Als sie sich verweigert, wird kurzerhand die Chorführerin dem Volk als gerettete Iphigenie präsentiert, man defiliert unter den Klängen der griechischen Nationalhymne: es gibt keine Entrinnen.

Euripides: Iphigenie. Spielfassung von Karin Henkel und Rita Thiele nach einer Bearbeitung von Soeren Voima. R: Karin Henkel. D: Angelika Richter, Felix Goeser, Lina Beckmann, Julia Wieninger. Köln, Schauspielhaus. P: 17.05.2009. 2 1/2 h o.P.